29.08.2015

AsylDie neue Angela Merkel

Warum eine Mutter aus Ghana ihr Baby nach der Bundeskanzlerin benannte
Angela Merkel lacht ein breites, zahnloses Lachen. Ihre Augen, braun und kugelrund, fixieren das Gegenüber, sie rudert mit den Armen, wackelt mit den Beinen, schüttelt den Kopf. Sie ist sieben Monate alt, überaus vergnügt und ahnungslos, welch ungewöhnlichen Namen sie von ihrer Mutter bekommen hat.
Ophelya Adé ist aus Ghana geflohen und in Hannover gelandet, im ehemaligen Oststadtklinikum, der ersten großen Notunterkunft in der Landeshauptstadt. Mehr als 700 Flüchtlinge aus 33 Nationen sind hier untergebracht.
Die 26-Jährige schiebt den Kinderwagen mit der kleinen Angela Merkel in den siebenstöckigen, von außen heruntergekommen wirkenden Bau, vorbei an einer Pinnwand mit Angeboten für Deutschkurse, Hebammensprechstunden und Flüchtlingschor. Sicherheitsleute grüßen die Bewohner freundschaftlich.
Hier wohnen Mutter und Kind seit einem guten halben Jahr. Schön sei es, sagt Ophelya Adé in etwas stockendem Englisch. Sie fühle sich wohl hier und habe Freundschaften geknüpft zu Menschen aus Ghana mit einem ähnlichen Schicksal. Und wie froh sie sei, dass die Tortur der Flucht hinter ihr liege.
Ophelya Adé erzählt, sie stamme aus Berekum Mpatase, einem kleinen Ort, etwa 400 Kilometer entfernt von Accra, der Hauptstadt Ghanas. Vor vier Jahren ist sie von dort geflohen, allein mit ihrer damals zweijährigen Tochter Josephine, weil sie sich ein besseres Leben wünschte. Ein Boot brachte sie übers Mittelmeer nach Italien. In dem Auffanglager dort sei es keine schöne Zeit gewesen, mehr mag Adé nicht erzählen. Im Januar kam sie hochschwanger nach Hannover.
Als sie erfuhr, dass sie eine Tochter erwartet, kam ihr eine Idee. "Ich war so dankbar, so erleichtert, dass Angela Merkel uns aufnimmt, so beeindruckt von dem, was diese Frau hier leistet", sagt Ophelya Adé und schaut verlegen nach unten.
Sie habe den Namen dann wieder und wieder aufgeschrieben und laut ausgesprochen, sie mochte ihn immer mehr. Als sie im Krankenhaus von ihren Plänen erzählte, hätten die Schwestern erst gestutzt, dann getuschelt und sie zum Schluss ermuntert. Der Beamte auf dem Bürgeramt in Hannover habe gelacht und gefragt, ob sie sich sicher sei. Ja, habe sie geantwortet. Der Name bedeutet für sie die Hoffnung, dass ihre Töchter es einmal besser haben werden als sie.
Ophelya Adés drei Schwestern und ihr Bruder leben in Berekum Mpatase, sie telefoniert oft mit ihnen. Sie kennen ihre Nichte Angela Merkel aus der Zeitung, so wie sie die Bundeskanzlerin aus der Zeitung kennen. Der Freund einer ihrer Schwestern entdeckte ein Bild von der kleinen Angela Merkel in einer afrikanischen Tageszeitung, den Ausschnitt haben sie aufgehängt.
Die Familie in Ghana ist stolz darauf, dass Angela Merkel Adé durch ihren Vater, über den die Mutter nicht sprechen möchte, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. "Es ist ein Anfang", sagt Ophelya Adé. Man müsse sehen, wie es weitergehe. Aber sie sei voller Zuversicht, dass es von nun an besser werde. In Hannover habe sie bisher niemand angefeindet, die Menschen seien freundlich. "Angela is happy here", sagt sie. Und ihre sechsjährige Schwester Josephine sei es auch. Die freue sich auf den Schulanfang nächste Woche.
Ophelya Adé hofft, dass ihre Töchter in Deutschland eine gute Ausbildung bekommen. Sie sagt: "Das ist das Wichtigste im Leben. Sie müssen ja nicht Bundeskanzlerin werden."
Von Julia Jüttner

DER SPIEGEL 36/2015
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