29.08.2015

Regierung„Obwohl ich blond bin“

Frauenministerin Manuela Schwesig sieht sich als Kämpferin gegen die Vormacht der alten Männer in der Politik. Dabei haben die grauen Herren ihren Aufstieg gefördert.
Es ist ein angenehmer Termin für Manuela Schwesig. An einem Montagabend Mitte August steht sie auf einer Bühne im nordrhein-westfälischen Minden. Der Moderator lobt die Familienministerin, bewundert ihre Ideen. Er ist ein unscheinbarer Herr von Anfang fünfzig, die Haare schon grau, und er ist Schwesig ausgesprochen wohlgesinnt.
Aber er ist ein Mann.
"Männer wie Sie", raunzt Schwesig ihn plötzlich an. Damit fange es schon an. "Dass Männer wie Sie mich ansprechen, wenn's ums Thema Rechnen geht." Der Moderator guckt verwundert. Er hatte über Kosten für Kommunen gesprochen, nicht der Ministerin mangelnde Rechenkünste vorgeworfen. Aber das ist Schwesig egal, sie steuert auf ihre Pointe zu: "Sie glauben's nicht: Obwohl ich blond bin, hatte ich Mathe-Leistungskurs, Abi eins." Das Publikum johlt. Schwesig hat ihren Punkt gemacht.
Sie macht ihn gern, diesen Punkt: Schwesig, die Vorreiterin im Kampf der Geschlechter, Schwesig, die Kämpferin gegen Frauenfeindlichkeit, gegen die altbackenen Vorstellungen einer Riege grauer Herren. Sie erzählt die Geschichte von der hartnäckigen jungen Frau, die sich nach oben gekämpft hat, gegen alle Klischees vom blonden Dummchen. Sie spielt auf der Klaviatur der weiblichen Solidarität. Sie spricht von Widerständen, die sie überwindet, und zwar nicht nur als Sozialdemokratin gegen konservative Ideologien, sondern vor allem als Frau gegen die Übermacht der Männer. Es ist eine schöne Geschichte. Wahr ist sie nicht.
Manuela Schwesig ist von Männern vor allem gefördert worden.
Für die Sozialdemokraten ist es trotzdem eine nützliche Geschichte. Denn in der Spitze der Altmännerpartei SPD, die mit dem Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück die Wahl verloren hat, ist Manuela Schwesig etwas Besonderes. Jung, weiblich und attraktiv soll sie die Partei wieder interessant machen für Frauen und junge Familien, das hat sich die Parteispitze überlegt. Schwesig, 41 und Mutter eines achtjährigen Sohnes, wird, so hoffen die Sozialdemokraten, in der Gesellschaftspolitik das Terrain zurückerobern, das sie seit Ursula von der Leyens Zeit als Familienministerin an die Union abgegeben haben.
In ihrem Kampf schreckt Schwesig auch vor gängigen Geschlechterklischees nicht zurück. Sie lässt kaum eine Gelegenheit aus, um Seitenhiebe gegen Männer auszuteilen. Und das, obwohl sie gleichzeitig dafür wirbt, Gleichberechtigung gemeinsam mit den Männern erreichen zu wollen, ohne Schubladendenken. Wenn man ihr glauben will, ist sie allein in diesem Jahr erfolgreich gegen Finanzminister Wolfgang Schäuble, Unionsfraktionschef Volker Kauder, CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und die Vertreter der Wirtschaftsverbände angetreten.
Es stimmt, Schwesig ist zum blonden Dummchen gemacht worden, zur "Küsten-Barbie", und das nicht nur vom politischen Gegner. Das Attribut hat zwar ein CDU-Mann erfunden, zu hören war es aber auch aus dem Mund von Parteifreunden. Und nicht nur Unionsmänner verspotteten sie als "nicht ganz so helle".
Doch die Männer haben ihr keine Steine in den Weg gelegt. Im Gegenteil: Die grauen Herren der SPD haben sie entdeckt und gefördert. Frank-Walter Steinmeier holte die Ostdeutsche in das Kompetenzteam für seine Kanzlerkandidatur 2009. Dass sie damals erst ein knappes Jahr Erfahrung als Ministerin auf Landesebene hatte, spielte keine Rolle. Erwin Sellering hatte die junge Frau, die erst wenige Jahre Parteimitglied war, überraschend zur Sozialministerin gemacht, dann förderten sie die Männer der Bundes-SPD. "Ich dachte, Mensch, die Frau ist ein Glücksfall: Jung, intelligent, hübsch, zielstrebig – sie entsprach gar nicht dem Bild der vermeintlichen Machopartei SPD", erinnerte sich Steinmeier später im "Stern".
Schwesigs Aufstieg begann mit dem Fall Lea-Sophie, jenem fünfjährigen Mädchen aus Schwerin, das 2007 vor den Augen seiner Eltern verhungerte. Während Schwerins Bürgermeister, ein Unionsmann, hilflos wirkte, traf Schwesig als Frau und Mutter eines kleinen Kindes den richtigen Ton. Sie nannte den Sozialdezernenten einen "totalen Versager" und warf dem Bürgermeister vor, nicht das Richtige zu sagen und nicht das Richtige zu tun. Er wurde abgewählt, sie bundesweit bekannt. Es war die Keimzelle von Schwesigs Mythos: die junge Frau gegen die verkrusteten alten Männer der Union.
Das funktioniert bis heute bestens. Manchmal muss Schwesig selbst gar nichts dafür tun – wie etwa Ende vergangenen Jahres auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung um die Frauenquote. Unionsfraktionschef Kauder ließ sich damals im Frühstücksfernsehen zu der Bemerkung hinreißen, "die Frau Familienministerin" solle "nicht so weinerlich sein".
Eine Welle der Solidarität schlug Schwesig entgegen. Kauder, ohnehin im Verruf eines Ewiggestrigen, hatte sich als Macho disqualifiziert. Schwesig gab sich ungerührt, solche Äußerungen, sagte sie, perlten an ihr ab, sie habe wichtigere Dinge zu tun. Zugleich ließ sie streuen, die Kanzlerin persönlich habe sich bei ihr für Kauder entschuldigt, eine Demonstration der Solidarität unter Frauen, eine Demütigung für den Mann. Für Schwesig zahlte sich der Fauxpas des Fraktionsvorsitzenden aus: In den nächsten Umfragen sahnte sie extrem hohe Zuwächse ab, allein bei Infratest dimap stieg ihr Zufriedenheitswert bei den befragten Bürgern um zwölf Prozentpunkte.
Doch Schwesigs männerfeindlicher Feminismus ist vor allem eine Inszenierung. Man nimmt der Frauenministerin ihren Kampfgeist nicht wirklich ab. Aus dem Mund der pragmatischen Ostdeutschen, die nichts mit der westdeutschen Tradition des Latzhosen-Feminismus verbindet, klingt er hölzern und aufgesetzt. Oft flüchtet Schwesig ins Burschikose. "Ein paar Jungs wollen, dass man die Klappe hält", sagt sie und meint ihre Kabinettskollegen aus der Union. Dass sie das nicht tun wird, versteht sich von selbst. Und "diese Männer aus Süddeutschland" sollten besser mal still sein.
Je nach Publikum dosiert die Ministerin ihre feministischen Töne. Je mehr Frauen im Raum sind, desto kämpferischer wird Schwesig, desto aggressiver zieht sie über Männer her.
März 2015, Schwesig empfängt im Berliner E-Werk zum Internationalen Frauentag. 450 Gäste sind gekommen, fast ausschließlich Frauen, viele von ihnen haben jahrelang für die Quote gekämpft. Am folgenden Tag wird der Bundestag sie beschließen. Es ist Schwesigs großer Auftritt.
"Wenn ich ein Mann wäre", sagt Schwesig und verlagert ihr Gewicht auf die Zehenspitzen, sie wirkt jetzt größer, "wenn ich ein Mann wäre, hätte ich gesagt, ich hab das natürlich alles alleine geschafft." Gelächter im Publikum, sie wippt kurz, dann senken sich die Fersen wieder auf den Boden. "Aber natürlich habe ich das nicht alleine geschafft, im Gegenteil." Sie lächelt den Frauen zu, hebt die Arme in ihre Richtung: "Ich danke." Lange hallt der Applaus am Ende ihrer Rede durch die rot ausgeleuchtete Halle.
Es ist ein Muster, das sich durch Schwesigs Gespräche und öffentliche Auftritte zieht: Je weniger Männer anwesend sind, desto mehr beschwört sie das Bild, dass die Welt besser wäre, wenn die Frauen das Sagen hätten. "Wir sind schlauer und behalten meistens recht", sagt sie dann. Oder dass Frauen sich auch mal still verstehen, während "Männer immer schwadronieren, wie toll sie sind". Dass mehr Frauen im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn vielleicht dazu führen würden, dass die Bahn pünktlicher werde. Und die Griechenlandkrise viel schneller gelöst wäre, wenn nicht Männer wie Schäuble und Varoufakis das Sagen hätten.
Wenn mehr Männer im Publikum sitzen oder sie es für weniger genderbewusst hält, ändert sie die Tonlage. Dann werden die Männer immer moderner, und die Frauenquote ist eine Geschlechterquote.
Dezember 2014, Schwesig sitzt auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele, die Zeitschrift "Brigitte" hat eingeladen. Rund hundert Gäste sind gekommen, Blusen, Perlenohrringe, das bürgerliche Hamburger Publikum. Hier wird der männerfeindliche Tonfall nicht ziehen.
Schwesig ist entspannt, lässig schaukelt sie im Drehstuhl hin und her. Das Format ist einfach und unkritisch: Sie darf sich zwischen zwei Begriffen entscheiden. Dann muss sie begründen, warum.
Sonntag oder Montag?
Sonntag. Sie schlafe gern lang, frühstücke dann mit ihrem Sohn im Schlafanzug, das Handy lasse sie aus.
Frauen oder Männer?
"Das ist eine schwere Frage." Sie überlegt, dann: "Männer." Gleichberechtigung, sagt sie, werde nur mit den Männern gelingen, nicht gegen sie. "Ich mag Männer ja", sagt Schwesig und grinst.
Von Ann-Katrin Müller

DER SPIEGEL 36/2015
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