29.08.2015

SPIEGEL-Gespräch„Ich dachte: Die spinnen!“

Kanzlerberater, Krisenspezialist, Bollywood-Star. In diesem Sommer endet Michael Steiners Karriere. Er war einer der schillerndsten deutschen Diplomaten. Ein Bilanzgespräch.
Ein Sommertag im August. Steiner, 65, hat seine Frau Eliese, 40, mitgebracht, sie will ein paar Züge im Starnberger See schwimmen, während ihr Mann ein Gespräch über sein Leben als Diplomat führen will. Steiner war Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Afghanistan und Pakistan, leitete die Uno-Übergangsverwaltung im Kosovo und war Botschafter in Prag, Rom und Neu-Delhi. Doch wirklich bekannt wurde er durch ein Ereignis, auf das er hätte verzichten können. In der Nacht des 2. November 2001 geriet der außenpolitische Berater von Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo mit einem Bundeswehr-Oberfeldwebel aneinander, weil sich der Start der Regierungsmaschine verzögerte. Steiner, so wurde später bekannt, bezeichnete den Oberfeldwebel als "Arschloch" und verlangte anschließend nach Kaviar. Die Affäre bewegte tagelang die Boulevardpresse, am Ende bat Steiner den Kanzler um seine Entlassung.
SPIEGEL: Herr Steiner, empfinden Sie es als ungerecht, dass die Deutschen bei Ihrem Namen noch immer an die sogenannte Kaviaraffäre denken?
Steiner: Ich denke nicht, dass das so ist. Aber sie ist Teil meiner Biografie, und da ist auch nichts zu verheimlichen.
SPIEGEL: Können Sie noch einmal aus Ihrer Sicht erzählen, was in jener Novembernacht auf dem Moskauer Flughafen geschah?
Steiner: Wir kamen von einer sehr langen Reise aus Fernost. Die Delegation war übernächtigt, viele hatten sich einen Magen-Darm-Virus eingefangen. Wir landeten, weil Schröder einen Termin mit Wladimir Putin hatte. Er wollte dann mit einer anderen Maschine nach Hause fliegen, für uns war Moskau nur ein Zwischenstopp zum Auftanken. Aber das geschah nicht. Der Militärattachéstab hatte es nicht organisiert. Wir wurden auf einen Nebenplatz geschoben. Als wir dann auf dem Flugfeld herumstanden, wurden wir schon etwas ungehalten ...
SPIEGEL: ... Sie sollen einen Oberfeldwebel als "Arschloch" bezeichnet haben.
Steiner: Es kann schon sein, dass ich ein paar unschöne Worte verloren habe, aber sicher nicht direkt zu dem Feldwebel. Wie gesagt, wir waren alle übernächtigt. In Indien war es heiß, China war sehr anstrengend, und wir dachten: Das kann doch nicht sein – es ist nur noch ein Katzensprung nach Hause, und jetzt sitzen wir hier fest. Dass ich dann nach Kaviar verlangte, war übrigens ein Scherz. Die Lage war so absurd, ich wollte sie mit einem Spruch auflockern.
SPIEGEL: Der Oberfeldwebel war nicht so amüsiert. Er legte eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Wollte er sich rächen?
Steiner: Es war eine Art Vorwärtsverteidigung des Stabs. Die ahnten wohl, dass sie ein schweres Versäumnis zu verantworten hatten. Und ich glaube auch, da mochte uns jemand nicht.
SPIEGEL: Dachten Sie nach Ihren Worten im Flugzeug sofort: O Mist, wenn das rauskommt, bin ich erledigt.
Steiner: Überhaupt nicht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass aus einem Kaviarscherz eine richtige Affäre wird.
SPIEGEL: Vor allem die "Bild"-Zeitung hat eine Kampagne daraus gemacht.
Steiner: Zuerst stand die Geschichte im Berliner "Tagesspiegel". Dann hat die "Bild" die Sache aufgegriffen und eine richtige Kampagne daraus gemacht. Als die Sache nicht aufhörte, sondern eine Titelzeile nach der anderen erschien, wusste ich, dass ich für Schröder zu einer Last werden würde.
SPIEGEL: Dann haben Sie um Ihre Entlassung gebeten.
Steiner: Ja. Schröder stand unmittelbar vor einem SPD-Parteitag. Er hatte selbst großen Ärger, damals war er noch der Brioni-Kanzler, der Mann mit den teuren Anzügen, und ich wusste, dass er in der Situation nicht auch noch einen Kaviarberater brauchen konnte.
SPIEGEL: War es nicht ziemlich hasenfüßig von Gerhard Schröder, sich einen Berater von der "Bild"-Zeitung abschießen zu lassen?
Steiner: Nein. Schröder hat bei mir angerufen und gefragt: "Bist du dir wirklich sicher? Willst du zurücktreten?" Aber ich war fest entschlossen, aus freien Stücken zu gehen, weil ich Schröder nicht belasten wollte. Ich wusste aus sicherer Quelle, dass die "Bild"-Zeitung keine Ruhe geben würde.
SPIEGEL: Müssen Sie nicht im Nachhinein sagen: Für einen Diplomaten waren Sie einfach einen Tick zu unbeherrscht?
Steiner: Wissen Sie, ich habe schon in meiner Zeit in Bosnien in den Neunzigerjahren eng und sehr erfolgreich mit Richard Holbrooke zusammengearbeitet, der damals der Balkanbeauftragte von Bill Clinton war. Der war auch ein Diplomat, aber er war der direkteste Mensch, den ich kenne. Er hat damals eine Gesprächsrunde mit dem serbischen Präsidenten Slobodan Milošević in einem Air-Force-Museum abgehalten, in dem eine Cruise Missile ausgestellt war, nur um Milošević klarzumachen, was ihm blühen könnte, wenn er nicht nachgäbe. Ich war nie ein Anhänger der talleyrandschen Diplomatie, die ihre wahren Motive verheimlicht und die Aura des Geheimnisvollen verbreitet. Ich glaube, das funktioniert nicht.
Steiners Karriere bei Gerhard Schröder begann durch einen Tipp des damaligen SPD-Außenpolitikers Günter Verheugen. Der empfahl Schröder nach der Bundestagswahl den unkonventionellen Kandidaten Steiner für die Rolle des außenpolitischen Beraters. Schröder willigte ein – obwohl der Diplomat zu Beginn des Jahres 1998 einen Schlaganfall erlitten hatte und Monate außer Gefecht war. Steiner, der zuvor 60 Zigaretten am Tag geraucht hatte, stellte daraufhin sein Leben um. Im Herbst '98 bezog er sein Büro im Bundeskanzleramt.
SPIEGEL: Hatten Sie ein Vorstellungsgespräch beim späteren Bundeskanzler?
Steiner: Ja. Schröder bestellte mich in die Staatskanzlei nach Hannover ein. Ich war deutscher Botschafter in Prag und flog mit dem damaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel nach Hannover. Ich sagte Schröder, dass ich den Job nur vernünftig machen könne, wenn ich direkten Zugang zu ihm hätte und mir meine Mitarbeiter aussuchen könne. Schröder schlug mir mit der Hand auf den Schenkel und sagte: "So machen wir's." Damit hatte ich den Job.
SPIEGEL: In Ihre Amtszeit als Kanzlerberater fielen die Anschläge vom 11. September 2001. Können Sie sich noch an den Tag erinnern?
Steiner: Natürlich, wie wahrscheinlich jeder. Eigentlich sollte Schröder an dem Morgen eine Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin halten. Meine Leute hatten ihm einen schönen Text vorbereitet, aber als er losfahren sollte, konnte er sich – wie wir alle – nicht losreißen von den Fernsehbildern der brennenden Twin Towers. Schröder sagte: "Michael, jetzt fahr du mal hin und erklär den Leuten, dass ich heute nicht kommen kann."
SPIEGEL: Wie haben Sie die Tage nach den Anschlägen erlebt?
Steiner: Condoleezza Rice war damals die Sicherheitsberaterin von George W. Bush. Ich hatte eigentlich einen ganz guten Draht zu ihr. Aber nach dem 11. September hat sich die ganze Administration regelrecht eingebunkert. Wir kamen nicht an Rice heran, geschweige denn an den Präsidenten. Das ging nicht nur uns so, sondern auch den Franzosen und den Briten. Das hat uns natürlich enorm besorgt.
SPIEGEL: Warum?
Steiner: Weil wir dachten, die Amerikaner würden im ersten Schock überreagieren. Für die USA war es eine schockierende Erfahrung, auf eigenem Boden angegriffen zu werden.
SPIEGEL: Was heißt überreagieren? Fürchteten Sie, Bush würde mit Atomwaffen gegen Afghanistan losschlagen?
Steiner: Die Amerikaner haben damals gesagt, alle Optionen lägen auf dem Tisch. Als ich dann ein paar Tage später Condoleezza Rice im Weißen Haus besuchte, habe ich bemerkt, dass das mehr als eine Redewendung war.
SPIEGEL: Die Amerikaner hatten konkrete Pläne für den Einsatz von Atomwaffen gegen Afghanistan entwickelt?
Steiner: Sie hatten wirklich alle Möglichkeiten durchgespielt. Die Papiere waren geschrieben.
SPIEGEL: Einen Tag nach den Attacken sicherte Schröder den USA die "uneingeschränkte Solidarität" zu. Haben Sie sich diese Formulierung ausgedacht?
Steiner: Nein, im Gegenteil. Ich hielt sie für falsch. Volle Solidarität: unbedingt. Aber ein Staat darf keine Blankoschecks ausstellen.
SPIEGEL: Haben Sie versucht, Schröder umzustimmen?
Steiner: Ja, ich bin deshalb extra zu ihm nach Hannover gefahren. Aber er ließ sich nicht umstimmen. Schröder hat mich hochkant rausgeworfen.
SPIEGEL: Haben Sie sich geärgert?
Steiner: Ja. Aber man muss auch sagen: Bei vielen Dingen hat Schröder im Nachhinein recht behalten. Ich kann mich erinnern, wie er eines Abends mit dem britischen Premier Tony Blair in London zusammensaß. Es war bereits zwei oder drei Uhr. Die beiden befanden sich, sagen wir mal, in einem sozial fortgeschrittenen, privaten Zustand. Plötzlich sagt Blair: "Du kannst sie alle haben, Gerd, diese ganzen Automobile, die wir hier gebaut haben, Rolls- Royce, Bentley, Rover. Das ist 19. Jahrhundert, das ist Stahl, das ist nicht Zukunft." Schröder antwortete: "Tony, du hast keine Ahnung von Wirtschaft, du kapierst es nicht. Die Autos, die wir bauen, sind Technologieträger. Es ist schon heute modernste Elektronik, und das wird noch viel mehr. Das ist die Plattform für die wirkliche Zukunft." Ich habe mich damals in den Boden geschämt für Schröder. Ich dachte, die Zukunft sind die Finanzmärkte, die Virtual Reality. Und was redet Schröder für altbackenes Zeug. Und wer hatte recht? Gerd Schröder.
Im Sommer 1989 beginnt der junge Diplomat Michael Steiner seinen Posten als Pressereferent an der Prager Botschaft. Schon nach wenigen Wochen eskaliert dort die Lage. Tausende Flüchtlinge aus der DDR klettern über die Zäune, dringen in das Botschaftsgelände ein, wollen nach Westdeutschland einreisen. Sie wohnen in Zelten im Garten der Botschaft. Die Stimmung ist gereizt. Am 30. September besucht Außenminister Hans-Dietrich Genscher die Botschaft. Auf dem Balkon des Palais Lobkowicz verkündet Genscher, dass die wartenden DDR-Bürger ausreisen dürfen. Pressereferent Steiner steht schräg hinter dem Außenminister, als Tausende die Arme hochreißen und jubeln.
SPIEGEL: Wussten Sie in dem Moment auf dem Balkon, dass gerade Geschichte geschrieben wird?
Steiner: Ja. Das wissen Sie in so einem Moment sofort.
SPIEGEL: Was haben Sie sehen können?
Steiner: Auf dem Balkon war es eng, ich habe nur in die Lichter geschaut. Die Menschen im Garten konnte ich nicht sehen. Dann sagte Genscher diese Worte: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Dann hörten wir nur noch Freudenschreie. Mir ist ein Schauer den Rücken heruntergelaufen. Ich wusste, das war es mit der DDR.
SPIEGEL: Es ist einer der großen Momente der deutschen Geschichte, aber es gibt keine guten Filmaufnahmen davon. Warum nicht?
Steiner: Genscher wollte alles vermeiden, was die Niederlage des Ostblocks besonders spektakulär und anschaulich machen würde. Deshalb war nichts vorbereitet. Der Botschafter hatte mich ein paar Wochen zuvor auf einem Grillfest gefragt: "Will Genscher, dass wir die Menschen in die Botschaft holen oder abweisen?" Ich erwiderte intuitiv: Weder noch. Und ich denke, wir taten das Richtige. Sie müssen sich vorstellen, da waren schon 5000 Flüchtlinge aus der DDR im Garten der Botschaft. Draußen vor dem Zaun wollten immer mehr hinein. Wir hatten uns entschieden, möglichst passiv zu agieren: Wenn sie kommen, müssen wir sie aufnehmen und versorgen. Aber wir werden keinen aktiv dazu auffordern. Die Geschichte musste sich selbst ihren Weg bahnen. So ist es dann auch gekommen.
SPIEGEL: Es gibt Bilder, auf denen Sie einem Mann helfen, über den Zaun zu klettern. Passiv wirkt das nicht.
Steiner: Das war schon recht spät im September. Von meinem Büro als Pressereferent habe ich gesehen, dass ein Flüchtling am Zaun hing und es halb geschafft hatte. Doch tschechische Polizisten schlugen ihn und versuchten, ihn an den Füßen zurückzuziehen. Dann bin ich rausgerannt. Ich habe die Polizisten angeschrien, sie sollten ihn loslassen. Ich hatte richtige Angst. Mein Glück war, dass die Polizisten noch mehr Angst hatten und ihn tatsächlich losließen.
SPIEGEL: Dachten Sie damals, wenn hier einer die Nerven verliert, kommt es möglicherweise zum dritten Weltkrieg?
Steiner: Die Situation war jedenfalls enorm angespannt, man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen. Einmal standen sich junge DDR-Bürger und die Polizei gegenüber. Die Tschechen drohten, Schlagstock und Tränengas einzusetzen. Plötzlich kamen junge Mütter mit ihren Babys und sind mit ihren Kindern vor sich demonstrativ auf die Polizei zumarschiert. Ich dachte: Die spinnen! Aber sie hatten in all ihrer Verzweiflung das richtige Gespür. Beim Anblick der Babys hat sich die Polizei nicht getraut, das Gas einzusetzen.
SPIEGEL: Nachdem die DDR-Regierung eingeknickt war, sind Sie in einem Sonderzug zusammen mit den Flüchtlingen nach Westdeutschland gefahren. Warum mussten Sie mit?
Steiner: Wir sind als Pfand mitgefahren, damit die Züge sicher ankommen. Es war unglaublich nervenaufreibend. Die Strecke führte durch die DDR, das wollte die damalige Führung in Ostberlin. Ein großer taktischer Fehler, denn so wurden die Daheimgebliebenen an der Strecke Zeugen der Niederlage ihres Regimes.
SPIEGEL: Wie war die Stimmung im Zug?
Steiner: Die Leute waren euphorisch, aber sie hatten auch große Angst. Sie trauten natürlich dem Regime nicht. Teilweise haben die Flüchtlinge ihre Pässe und Schlüssel aus dem Zug geworfen, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Es war die Stunde null.
SPIEGEL: Sie blieben nach der Wende noch eine Weile in Prag. War das Leben nicht plötzlich furchtbar unaufregend?
Steiner: Nein, das ganze Land befand sich ja im Umbruch, und auch an der Botschaft machten wir ein paar interessante Entdeckungen. Damals baten wir den neuen Präsidenten Václav Havel darum, die Botschaft von Wanzen zu befreien. Der Bundesnachrichtendienst hatte nichts gefunden, aber das konnten wir nicht glauben. Irgendwann hat Havel selbst einen Trupp geschickt, und dann wurde uns die Methode klar. Die haben durch die dicken Mauern der Botschaft kleine Glasröhrchen nach innen gelegt und die Wanzen außen befestigt. Die haben jedes Wort gehört.
SPIEGEL: War Ihnen nicht klar, dass man als Diplomat abgehört wird?
Steiner: Schon. Aber diese Methode war schon besonders clever.
SPIEGEL: War mit der Wende auch die Zeit der Abhöraktionen vorbei?
Steiner: Leider nicht. Im Kanzleramt habe ich eines Tages meinen Telefonhörer aufgeschraubt, ich weiß gar nicht mehr warum. Im Hörer war ein komisches, kleines Teil befestigt. Es war eine Wanze, die da offenbar schon seit langer Zeit lagerte. Ich war stinksauer.
SPIEGEL: Hatten Sie einen Verdacht, wer Sie da belauscht hat?
Steiner: Es gab Hinweise, dass die Wanze von grundsätzlich freundlich gesinnten Mächten in meinen Hörer gewandert ist. Belassen wir es dabei.
SPIEGEL: Wie darf man sich so einen Tag im Kanzleramt vorstellen, wenn Schröders außenpolitischer Berater eine US-Wanze im Hörer entdeckt und stinksauer wird?
Steiner: Ich habe es allen mitgeteilt, die es wissen mussten.
Seit 2012 war Michael Steiner auf seinem letzten Posten Botschafter in Neu-Delhi. In den drei Jahren in Indien organisierte Steiner ein Friedenskonzert in der Region Kaschmir – und sorgte mit einer besonderen Showeinlage für Aufmerksamkeit. Steiner schlüpfte in einem eigens hergestellten Bollywood-Video in die Rolle des Heldens einer indischen Soap Opera und tanzte mit seiner Frau Eliese in indischen Gewändern durch Neu-Delhi. Über eine Million Mal wurde das Video auf YouTube geklickt, Steiner war Stammgast im indischen Fernsehen.
SPIEGEL: Dachten Ihre Kollegen zu Hause, als sie das Remake gesehen haben: Jetzt ist der Steiner endgültig durchgedreht?
Steiner: Na ja, ich will nicht leugnen, dass manche eher traditionell denkende Kollegen es unmöglich fanden. So etwas mache ein Botschafter nicht, sagten die. Die jüngeren aber waren begeistert. Und die Sache war einfach ein unglaublicher Erfolg.
SPIEGEL: Ist nicht der Narziss in Ihnen davongaloppiert?
Steiner: Nein. Das ist Public Diplomacy, moderne Öffentlichkeitsarbeit. Jede Fernsehanstalt in Indien hat diesen Film gezeigt. Es war eine spottbillige Werbekampagne für Deutschland.
SPIEGEL: Nervt Sie eigentlich, dass Diplomaten inzwischen das Image haben, cocktailschwingend auf Empfängen herumzustehen?
Steiner: Empfänge gehören dazu. Aber das ist der kleinere Teil. Wenn Sie heute Botschafter in einem Land sind, dann machen Sie Wirtschaftspolitik, Kulturpolitik, Sie bringen die Zivilgesellschaften zusammen. Sie sind eine Art Aushängeschild Ihres Heimatlandes.
SPIEGEL: Aber die Realität sieht doch so aus: Immer wenn es wichtig wird, entscheidet inzwischen das Kanzleramt und nicht das Außenministerium. Ist das nicht ernüchternd für einen Diplomaten?
Steiner: Ich will gar nicht leugnen, dass das Auswärtige Amt in den vergangenen Jahrzehnten einen gewissen Bedeutungsverlust erlitten hat. Aber Sie können in vielen Ländern beobachten, dass die Außenpolitik zur Chefsache gemacht wird, das ist nicht nur in Deutschland so. Umso wichtiger wäre es aber, das Außenamt wieder aufzuwerten, etwa indem man es mit dem Entwicklungshilfeministerium fusioniert. Wir Deutschen stellen demnächst weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung. Andererseits hängt unser Wohlstand
zu über 70 Prozent vom Austausch mit dem Ausland ab. Da brauchen gerade wir eine überzeugende Außenpolitik mit echten Angeboten. Symbolpolitik reicht da nicht mehr.
SPIEGEL: Sie haben sich nie gescheut, in die Medien zu gehen und auch mal undiplomatisch zu formulieren. Wäre es nicht besser gewesen, Sie wären Politiker geworden?
Steiner: Wer weiß. Andererseits: Ich habe wunderbare Erfahrungen gemacht, und ich habe auch nie eine Weisung von Schröder oder einem Außenminister bekommen, die ich nicht vertreten konnte.
SPIEGEL: Muss ein guter Diplomat auch eine gute Show abliefern können?
Steiner: Absolut. Moderne Diplomatie muss auch die Herzen gewinnen. Das Deutschlandbild im Ausland ist doch noch immer furchtbar klischeebehaftet: Die Deutschen sind zuverlässig, du kannst dich auf sie verlassen, und sie bauen ordentliche Autos. Aber sie sind auch ein bisschen fad. Wenn es lustiger werden soll, dann gehst du besser nicht mit den Deutschen aus. Deshalb muss man die Leute überraschen. Das ist mit dem singenden Botschafter gelungen.
SPIEGEL: Herr Steiner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Im März 2001 vor einem Treffen mit US-Präsident Georg W. Bush in Washington.
Von René Pfister und Gordon Repinski

DER SPIEGEL 36/2015
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