29.08.2015

EssayVegetarisch mit Speck

Der Mann brauche ein neues Rollenverständnis, heißt es. Dabei steht ihm nur noch die Frau im Weg. Von Ralf Neukirch
Ich wünsche mir einen Mann, der liebenswürdig und verständnisvoll ist. Ist das zu viel verlangt von einem Millionär?
Zsa Zsa Gabor
Der deutsche Mann ist wie Griechenland. Jeder weiß, dass sich etwas ändern muss. Aber alles bleibt, wie es ist.
Die Griechen haben Angela Merkel. Vielleicht schafft sie es, das Land zu Reformen zu zwingen. Den deutschen Mann kann selbst Merkel nicht zwingen. Man kann ihm nur gut zureden.
Das haben von Manuela Schwesig bis zum Deutschen Industrie- und Handelskammertag viele vergebens getan. Vor einiger Zeit mahnte der SPIEGEL via Leitartikel, die Männer müssten ein anderes Selbstbild entwickeln. Passiert ist wieder mal nichts.
Die Liste der Verfehlungen des Mannes ist lang. Er arbeitet, statt sich um die Kinder zu kümmern. Er will Hauptverdiener sein. Und dann drückt er sich ums Geschirrspülen. Die Männer brauchen, da sind sich alle einig, ein neues Rollenverständnis.
Interessanterweise sehen das viele Männer genauso. 82 Prozent aller Männer mit Kindern würden gern Teilzeit arbeiten, jeder dritte Vater hält laut einer Studie der Unternehmensberatung "Väter" eine Wochenarbeitszeit von 32 Stunden für ideal. Viele Männer wären angeblich bereit, auf Einkommen zu verzichten, wenn ihre Frau entsprechend verdient. Warum tun es dann so wenige?
Eine Erklärung geht so: Die Männer sind Gefangene der Tradition. Sie können sich nicht von der überholten Vorstellung lösen, sie müssten ihre Familie ernähren. Ihr Familienbild ist in den Fünfzigerjahren stecken geblieben. Sie sagen, dass sich etwas ändern müsse, aber sie wollen es nicht. "Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre" hat der Soziologe Ulrich Beck dieses Verhalten vor mehr als einem Vierteljahrhundert genannt.
Möglicherweise ist diese Erklärung zutreffend, allerdings nicht im Sinne Becks. Mit der Verhaltensstarre hat er recht. Aber sind wirklich nur die Männer so unbeweglich? Könnte es nicht auch etwas mit den Erwartungen der Frauen zu tun haben? Was die Rolle des Mannes angeht, sind die Wünsche vieler Frauen, vorsichtig ausgedrückt, ambivalent.
Die Präsidentin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, hat über Jahre junge Frauen und Männer nach ihrer Einstellung zu Beruf und Familie befragt. Manche Befunde sind erwartbar. Die meisten Frauen sagen, ihr Partner solle sie beruflich unterstützen. Sie wünschen sich eine faire Aufteilung der Hausarbeit. Und um die Kinder wollen sie sich auch nicht allein kümmern.
Andere Ergebnisse sind überraschend. Mehr als 93 Prozent aller Frauen wollen laut der 2013 veröffentlichten Studie einen Mann, der selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen kann.
Es reicht den Frauen allerdings nicht, wenn der Mann so eben über die Runden kommt. Nahezu drei Viertel der Befragten erwarten laut Allmendingers Untersuchungen, dass der Mann Geld verdient, und zwar nicht ein bisschen, sondern viel. Es scheint zu stimmen, was der britische "Telegraph" bündig, aber wenig geschlechtersensibel formuliert hat: "Was Frauen wirklich wollen: einen reichen Mann heiraten."
Das bringt den Mann in eine schwierige Situation. Eigentlich soll er sich von der Idee verabschieden, seine Stellung in der Familie werde über das Einkommen definiert. Schließlich befinden wir uns mitten in einer "Krise der männlichen Identität und der politischen Strukturen, die auf dem Mann als Haupternährer beruhen", wie der Kölner Politologe Thomas Gesterkamp sagt.
Andererseits erwartet die Frau, dass das Portemonnaie voll ist, wenn er nach Hause kommt. Wie kann ein Mann beziehungspolitisch auf der Höhe sein und gleichzeitig viel Geld verdienen? Mit einer halben Stelle in der Kita, die viel Zeit für die Hausarbeit lassen würde, eher nicht.
Die Wahrheit ist: Es gibt wenige Jobs, mit denen sich viel Geld verdienen lässt und die genug Zeit lassen, um den Sohn nachmittags zum Geigenunterricht und die Tochter zum Fußball zu bringen. Vermutlich hängen deshalb viele Männer noch immer auf ihrer Vollzeitstelle herum, statt Teilzeitjobs im Dienstleistungssektor anzunehmen, die ihnen auf Boys' Days schmackhaft gemacht werden sollen.
Dabei wären viele Männer gern anders. "Wir wollen keine Alleinernährer sein", erklärten die Unterzeichner des Grünen Männer-Manifestes schon vor fünf Jahren, "wir wollen weniger Leistungsdruck, bessere gesundheitliche Prävention und mehr wertvolle Zeit. Wir wollen keine Helden der Arbeit sein." Wer die Herren denn daran hindere, weniger zu arbeiten, lautet eine naheliegende Frage. Eine mögliche Antwort: ihre Frauen.
Einerseits kann ihnen der Mann nicht emanzipiert genug sein. Andererseits erfreut sich das Konzept des Mannes als Haupternährer unter Frauen ungebrochener Beliebtheit. Darauf deuten nicht nur Allmendingers Studien hin.
Die britische Soziologin Catherine Hakim kam in einem Bericht für das Londoner Centre for Policy Studies zu dem Schluss, dass Frauen in den meisten europäischen Ländern danach streben, nach oben zu heiraten. Das heißt, sie wollen einen Mann, der besser ausgebildet ist und mehr verdient als sie. Das gelte, so Hakim, auch für die genderpolitisch so fortschrittlichen nordischen Länder.
Der Wunsch, sich mit Geld und Status zu liieren, ist ziemlich stabil. Eine vom Bundesfamilienministerium vor einigen Jahren veröffentlichte Studie über die Lebensentwürfe 20-jähriger Frauen und Männer kam zu dem Ergebnis, dass die Fixierung der traditionellen Rollenteilung die jungen Frauen nicht störe – "im Gegenteil: Sie ist notwendig zur Sicherung des eigenen Lebensmodells".
Immer mehr Frauen haben gesellschaftlich angesehene, gut bezahlte Jobs. Es wäre ja denkbar, dass sie deshalb Status nicht mehr bei ihrem Partner suchen müssten. Stattdessen scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Die Ansprüche steigen. Das ist ein interessantes Phänomen.
In einem Beitrag für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" stellte eine Kollegin vor einiger Zeit folgende Rechnung auf: "Wenn die Hälfte der schlauen Männer eine junge Doofe heiratet, bleiben für mehr als die Hälfte der schlauen Frauen nur doofe Männer übrig." Die Doofen, das waren Männer oder Frauen ohne Uni-Abschluss. Die Schlauen, das waren die Akademiker und die ihnen zahlenmäßig leicht überlegenen Akademikerinnen. Wenn alle unterhalb des Bachelors die Doofen sind, dann ist eines klar: Weniger Leistungsdruck, wie ihn die Grünen Männer erflehten, dürfen sie von den Frauen nicht erwarten.
Kein Wunder, dass so mancher Mann verunsichert ist. Welche der verschiedenen Rollen, die Frauen von ihm erwarten, soll er spielen? Männer, die über ihr Rollenverständnis nachdenken, gelten als reflektiert und selbstkritisch. Sie verhalten sich so, wie es die Frauen wünschen. Dachte man.
Dann schrieb Nina Pauer in der "Zeit" vor dreieinhalb Jahren einen Essay, in dem sie über "die Schmerzensmänner" klagte, die mit der "überfordernden Doppelbotschaft" der Frauen nicht klarkämen. Die Mentalitätsreform des alten Männerbildes habe groteske Züge angenommen, schrieb Pauer. Der Mann wisse nicht mehr, wann es "Zeit ist zu kommen", den "entscheidenden move" zu machen. Die Frau will erobert werden, das war Pauers Botschaft. Aber der Mann könne das gar nicht mehr.
Wer im Restaurant ein vegetarisches Bauernomelett bestellt, kann sich hinterher schlecht beschweren, dass kein Speck drin ist, könnte man einwenden. Aber Frauen können Widersprüche aushalten. Sie wollen das Omelett vegetarisch und mit Speck.
Wenn es die Grübler schon schwer haben, was ist dann erst mit den Männern, die sich für eine neue Rolle entscheiden? Die also das Treppenhaus putzen, Knöpfe annähen und das Esszimmer saugen, nicht nur hin und wieder, sondern genauso häufig wie ihre Partnerin? Die Frauen freuen sich – sagen sie zumindest in Umfragen. Sexuell attraktiv finden sie solche Männer nicht.
Die amerikanische Familientherapeutin Lori Gottlieb veröffentlichte im vergangenen Jahr in der "New York Times" einen langen Essay, in dem sie über ihre Erfahrungen mit Paaren berichtete, die sich die Hausarbeit gleichberechtigt aufteilten. Sie beobachtete, dass Ehen, in denen Beruf und Hausarbeit gleich verteilt waren, auf einer freundschaftlichen Ebene gut funktionierten. Nur wollten die Frauen seltener mit ihrem Mann ins Bett.
Gottliebs Wahrnehmung bestätigt eine Studie, die das Fachblatt "American Sociological Review" vor einiger Zeit unter dem schönen Titel "Egalitarismus, Hausarbeit und die Häufigkeit von Sex in der Ehe" veröffentlichte. Sie kam ebenfalls zu dem Befund, dass Ehepaare weniger Sex haben, wenn der Mann sich an der Hausarbeit beteiligt. Das gilt für klassische Hausarbeit wie Putzen oder Staubsaugen. Repariert er dagegen das Auto, gibt es häufiger Sex. Frauen finden einen Mann attraktiv, wenn er einen Wagenheber in der Hand hält und keine WC-Ente.
Was heißt das alles? Wer als Mann Ruhe sucht und Sex für überschätzt hält, der wird mit einem neuen Rollenverständnis zu den Gewinnern zählen. Alle anderen sollten damit noch warten.
Die Frauen können sich in der Zwischenzeit überlegen, was sie vom Mann wirklich wollen. ■
Von Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 36/2015
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