29.08.2015

DiskriminierungGeschlossene Gesellschaft

Fitnessstudios weisen Schwarze und Frauen mit Kopftuch ab, weil sie befürchten, Kunden könnten abgeschreckt werden.
An dem Tag, als Christian Mammah das erste Mal abgewiesen wurde, dachte er noch, es sei ein Zufall. Der Student wollte sich im Fitnessstudio in seiner Nachbarschaft anmelden, um zu trainieren: Kraftmaschine, Hanteln, das ganze Programm.
Ein junger Mann in Sportkleidung saß am Empfang. Er sagte: "Tut mir leid, es gibt gerade einen Aufnahmestopp für Männer." Auf dem Weg nach Hause fragte sich Mammah, ob das wirklich sein kann. Er bat einen Mitbewohner aus seiner WG, sich im selben Fitnessstudio anzumelden. Der Mann wurde aufgenommen. Er konnte gleich am folgenden Tag sein Training beginnen.
Christian Mammah ist Deutscher, doch seine Hautfarbe ist schwarz. Sein Mitbewohner ist weiß. Das ist der Unterschied.
Eigentlich dürfte es Mammahs Geschichte in Deutschland nicht geben. Denn das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützt jeden vor "Benachteiligung im Zivilrechtsverkehr". Doch Mammah hat kein Geld für einen Prozess. Und selbst wenn er klagen würde, stünde am Ende nur eine relativ niedrige Entschädigungssumme von vielleicht 200 oder maximal 1000 Euro. Viele Fitnessstudios zahlen da lieber den kleinen Betrag – und machen weiter wie zuvor. Unter der Hand heißt es: besser ein paar Euro Verlust als Migranten im Studio.
Geschichten wie die von Mammah träten neuerdings "gehäuft auf", sagt die Aachener Rechtsanwältin Isabel Teller, sie berät die Gleichbehandlungsbüros in Nordrhein-Westfalen in juristischen Fragen. Dass Ausländer in Muckibuden gemobbt werden, berichten Antidiskriminierungsstellen zudem aus Köln, Leipzig, Hamburg und Berlin. Das Problem trete "auch in Kleinstädten auf", sagt Teller.
Reinhard Hennen hat schon dreimal gezahlt. Der Betreiber der Aachener Fitnesskette Selection hat die Verträge dreier Frauen aufgelöst, weil sie in den Gemeinschaftsräumen seines Studios Kopftuch trugen. Ein Aachener Gericht sprach zwei von ihnen 500 Euro zu, die dritte bekam 1000 Euro Entschädigung.
Hennen will auch weiterhin keine Kopftücher in seinen Fitnessstudios sehen. Sie seien ein "religiöses und auch politisches Symbol, das andere Studiomitglieder stören könnte", sagt er. Hennen weist Migranten nicht generell ab, aber er gehe seit einiger Zeit "gründlicher" in der Auswahl seiner Kunden vor; seitdem seien die Zahlungsausfälle deutlich gesunken. Mit Diskriminierung habe das aber nichts zu tun. "Niemand ist weiter entfernt von Rassismus als ich", sagt er. Das könne er anhand der "hohen Zahl von ausländischen Mitarbeitern" in seinem Betrieb belegen.
Viele Migranten dagegen sind überzeugt, dass die Absagen in manchen Stu-
dios Methode haben. Yasin Aziz(*) wollte sich viermal bei einem Kölner Fitnessstudio anmelden; stets wurde der gebürtige Iraner weggeschickt. Aziz wandte sich an das Antidiskriminierungsbüro in Köln und erfuhr, dass drei andere Männer ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Sogenannte Testings hatten ihre Vorwürfe bestätigt. Deutsche Männer, die sich anmelden wollten, wurden akzeptiert. Jetzt will Aziz gegen den Geschäftsführer vor Gericht ziehen. Der Vorgang ist für ihn längst zur Grundsatzfrage geworden. "Die Deutschen müssen es aushalten, dass ein Iraner wie ich neben ihnen auf dem Laufband steht", sagt er.
Inzwischen hat auch die Politik das Problem erkannt. Eva Högl etwa, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, hält es für sinnvoll, über "eine Verschärfung des Antidiskriminierungsgesetzes" nachzudenken. Geht es nach ihr, sollen künftig nicht nur Betroffene, sondern auch Vereine oder Organisationen gegen ausländerfeindliche Studios klagen können. Der Grünen-Politiker Volker Beck fordert zudem, die Entschädigungssummen anzuheben. "Strafen müssen einen ,abschreckenden' Charakter haben, das verlangt auch so wörtlich die EU-Richtlinie", sagt Beck, "sonst nützen sie nichts." Der CDU-Rechtspolitiker Hendrik Hoppenstedt dagegen will, dass die Beträge "schmerzhaft, aber verhältnismäßig" bleiben. Der Schaden, den ein Abgewiesener im Fitnessstudio erleide, sei nicht vergleichbar mit einer Diskriminierung im Arbeitsleben.
Manche Bundesländer sind da schon weiter, zum Beispiel Niedersachsen. Wenn Migranten vor der Discotür abgewiesen werden, soll in Hannover oder Braunschweig bald ein Bußgeld von bis zu 10 000 Euro fällig werden. Dafür müsste der Abgewiesene nicht klagen, es genügt eine Beschwerde beim Ordnungsamt oder bei der Polizei. So sieht es zumindest ein Kabinettsentwurf vor, der im Herbst im Landtag diskutiert werden soll. Eine solche Regel, fordern Experten, könnte auch auf Fitnessstudios ausgeweitet werden.
Christian Mammah versucht weiterhin, beim Studio in seiner Nachbarschaft aufgenommen zu werden. Er wolle in diesem Fitnessstudio trainieren, sagt er, und in keinem anderen. Einfach weil es sein Recht ist.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Timo Steppat

DER SPIEGEL 36/2015
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