29.08.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteGangsta

Ein Polizeireporter aus Kolumbien wechselt auf die dunkle Seite der Macht.
Unermesslich bereue er seine Tat, sagt der einstige Polizeireporter Yesid Toro, er schäme sich, er bitte um Vergebung, "tausendmal". Ja, sagt sein Anwalt, "idiotisch" sei Toros Idee gewesen, sich schützen zu wollen, indem er anderen Todesangst einjagte, ausgerechnet in Kolumbien, sein Mandant habe die größte Dummheit seines Lebens begangen.
Sie begann, als Toro noch als Polizeireporter für Regionalzeitungen in Cali arbeitete, der weltweit berüchtigten kolumbianischen Großstadt, deren Name sich mit Drogenkartellen und hammerharten Actionfilmen verbindet. Toro war gut, er kannte sich aus im Schattenreich der Pandillas, der bewaffneten Banden, die in Cali selbst und in der nahen Hafenstadt Buenaventura mit Rauschgift handeln, Schutzgelder erpressen, Menschen entführen, drangsalieren. Exekutieren.
So nah dran war der Reporter, dass er genug Stoff für ein spannendes Buch zusammensammelte, er schrieb einen Roman, der hieß "Komplott, um den Teufel zu töten", und der Held der Geschichte war ein Auftragskiller namens Ricky. Eine erfundene Figur, aber der Plot des Buches beruhte, wie man so sagt, "auf einer wahren Begebenheit".
Die Familie eines ermordeten Verbrechers hatte sich ihm anvertraut. Der Reporter konnte die Mutter des toten Gangsters interviewen, den Stiefvater, die Geschwister, er kannte den Mann, den er Ricky nannte, am Ende sehr gut. Aber es gab da ein Missverständnis, vielleicht trickste Toro auch, jedenfalls dachten die Befragten, er schreibe an einer Biografie, einem nicht fiktionalen Buch. Und weil sie die Quellen für diesen Bericht waren, wollten sie ihren Anteil am Geld, das der Reporter für sein Werk einstreichen würde.
Toro sah das anders. Es war sein Roman. Er zahlte nicht. Die Verwandten des toten Gangsters taten, was Gangster in Cali in solchen Fällen tun: Sie drohten Toro damit, ihn umzubringen. Das Entsetzen des Reporters war abgrundtief.
Toro lief zur Polizei. Dort kannten sie solche Fälle, es dauerte nicht lang, sie von seiner Not und der Gefahr zu überzeugen. Der Reporter wurde in ein staatliches Programm für bedrohte Journalisten aufgenommen, er musste in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá umziehen, wurde unter Personenschutz gestellt und erhielt einen monatlichen Zuschuss von umgerechnet 320 Euro für die Anmietung eines Autos.
Die Hilfe war allerdings auf ein Jahr begrenzt, und im vergangenen Oktober sollte sie auslaufen. Verlängert würde das Schutzprogramm nur, wenn die Lebensgefahr für den staatlich Beschützten weiter bestünde. Toro hatte aber keine neuen Morddrohungen erhalten. Die Verwandten des toten Gangsters hielten still. Toro wollte verzweifeln.
Er hat zwei kleine Kinder und eine Frau, der Brotverdiener der Familie ist er. Sein Buch über Ricky verkaufte sich schlecht. Den Job als Reporter in Cali war er längst los, in Bogotá schlug er sich als Freelancer für Zeitungen durch. Dafür brauchte er das Auto, die 320 Euro – aber dafür bedurfte es neuer Beweise, dass er an Leib und Leben bedroht war.
In Cali und Buenaventura agiert die paramilitärische Gang "Los Urabeños", sie ist im ganzen Land berüchtigt, sie gilt als besonders brutal und gefährlich. Ihr Symbol ist ein Totenschädel, unter dem zwei Gewehre gekreuzt sind. Toro kopierte das Logo auf ein Stück Papier, dann schrieb er einen Drohbrief an sich selbst, er beherrschte den Tonfall gut: "Wegen der ständigen Angriffe der Medien auf unsere Organisation informieren wir die Bevölkerung, dass wir uns erlauben, mehrere Journalisten ... zum Ziel zu erklären ... Wer diesen Schweigebefehl missachtet ... wird erschossen werden."
Im Anschluss listete er – um die Drohung glaubhafter zu machen – nicht nur sich selbst auf, sondern sieben weitere Journalisten. Den Bedrohten setzte er eine Frist von 24 Stunden, um "aus der Region zu verschwinden". Den Brief unterzeichnete er "Hochachtungsvoll – die Urabeños".
Toro weiß, wie es sich anfühlt, wenn man täglich, stündlich um sein Leben fürchten muss. Er hat die Paranoia selbst gespürt, den Wahnsinn, bei jedem Schritt auf der Straße Verfolger zu wittern, hinter jedem Motorradfahrer einen Killer zu vermuten; er kennt das Gefühl, wenn die Panik in einem hochsteigt, wenn die Angst durch den ganzen Körper pulst. Dieses Wissen hielt ihn nicht davon ab, den Drohbrief einzuscannen und per Mail an seine Kollegen und an sich selbst zu schicken.
Die sieben anderen Journalisten, die sich nun plötzlich auf einer Todesliste wiederfanden, gerieten in Panik. Ein Radioreporter aus Buenaventura flüchtete sofort in die Hauptstadt, ein anderer verließ Hals über Kopf das Land. Die anderen quittierten ihre Jobs, brachten sich und ihre Familien in Sicherheit, Toro schickte sie in die Hölle.
Er erkannte es zu spät. "Er hat versucht, seine Kollegen zu beschwichtigen", versichert Anwalt Elmer Montana, aber die Lüge war in der Welt. Und sie sah wie eine Wahrheit aus.
Ein halbes Jahr nach dem Drohbrief schrieb Toro, reumütig, erneut eine Mail: Er outete sich als Verfasser der Morddrohung. Er werde sich, schrieb er, der Justiz stellen und "die gerechte Bestrafung auf mich nehmen, die ich verdiene". Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Vortäuschung einer Straftat und Betrug. Aus dem Schutzprogramm wurde er hinausgeworfen, womöglich muss er Schadensersatz leisten, das Verfahren läuft.
Ein Psychologe betreut jetzt Yesid Toro, den ehemaligen Polizeireporter, der aus lauter Angst den Gangster spielte. Inzwischen hat er ein neues Buch herausgebracht. Sein Titel lautet: "Trübe Gewässer".
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 36/2015
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