29.08.2015

OrtsterminGebeutelt

Das Bonifatiuswerk stellt in Berlin eine „Willkommenstasche“ für Flüchtlinge vor, komplett mit Bibel und Zollstock.
Am Tag nachdem in Deutschland wieder eine Flüchtlingsunterkunft gebrannt hat, diesmal in Nauen, steht Monsignore Georg Austen im gemütlichen Pfarrsaal der Herz Jesu Gemeinde in Berlin-Mitte und sagt: "Eine Frucht unseres Glaubens ist für uns die Willkommenskultur."
Es ist Dienstagnachmittag, im Pfarrsaal sitzen etwa 50 Gäste, Gemeindemitglieder, Interessierte, Journalisten und, als musikalischer Gast, Kathy Kelly von der Kelly Family. Auf den Tischen stehen Pflaumenkuchen und Filterkaffee, ein Plakat wirbt für den noch fernen "Diaspora-Sonntag" im November.
Georg Austen wippt in den Knien. An der griechisch-mazedonischen Grenze spielen sich schlimme Szenen ab, auf der Urlaubsinsel Kos, in Heidenau, im ganzen Land, Tausende Menschen kommen, der "Stern" titelt reißerisch: "Der Ansturm". Monsignore Austen sagt: "Wie können wir jetzt eine Willkommenskultur leben?"
Das ist sie, die neue deutsche Frage: Willkommenskultur, wie das?
Georg Austen ist Generalsekretär des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken, und dort haben sie sich nun etwas ausgedacht. Ein erster Willkommensschritt hin zu einer Willkommenskultur: die "Willkommenstasche" für Flüchtlinge. Beim Bonifatiuswerk hat man bereits eine ganze Kollektion von Willkommenstaschen im Angebot: für Neugeborene, für Schulanfänger, für Firmlinge, für Rentner. Und jetzt eben: für Flüchtlinge.
Austen hält einen hellen Beutel hoch, 100 Prozent Jute, made in Pakistan, geprüft auf Schadstoffe, bedruckt mit dem Wort "Willkommen" in acht Sprachen.
Eine Tasche, schlicht in Form und Farbe, aber es kommt ja vor allem auf den Inhalt an. Auf den Willkommensgehalt gewissermaßen. Er erzählt viel darüber, was die Willkommenskulturmanager vom Bonifatiuswerk über die Menschen denken, die da gerade ins Land kommen. Was sie glauben, welche Bedürfnisse und Nöte die Ankömmlinge haben.
Monsignore Austen gibt eine kurze Bedienungsanleitung für den Beutel: "Man sollte ihn nicht mit der Post verschicken! Die Tasche ruft dazu auf, hinzugehen. Aktiv die Menschen zu begrüßen." Ein Vollkontaktbeutel also. Aber was ist nun drin?
"Ein erster Grundstock", sagt Austen.
Der Grundstock besteht aus: dem Neuen Testament in der "ökumenisch verantworteten Einheitsübersetzung". Der katholischen Messordnung. Einem Rosenkranz. Der Broschüre "So feiern wir gemeinsam die Heilige Messe". Einem kleinen hölzernen Ichthys-Fisch – Symbol für das Christentum. Nachhaltig hergestellt von "ehemaligen Drogenabhängigen". Und dazu einem kleinen Zollstock.
Es ist, so scheint es, gar keine Tasche für Flüchtlinge. Eher eine für katholische Missionare, die auf Reisen gehen zu den wilden Heiden aus Takatukaland.
Was mag ein Syrer oder Iraker denken, der die Tasche überreicht bekommt? Ein Rosenkranz! Ein Neues Testament! Ein Fischchen aus Holz! Das einzige praktische Geschenk ist der kleine Zollstock. Aber wozu braucht man als Flüchtling einen Zollstock? Um das Bett auszumessen in der Flüchtlingsunterkunft? Oder Fluchtwege, falls es mal brennt?
Patrick Kleibold, der freundliche Pressesprecher des Bonifatiuswerks, interpretiert den Tascheninhalt so: "Mehr als 75 Prozent der Zuwanderer und Flüchtlinge stammen aus christlich geprägten Ländern Europas." Er verweist auf den offiziellen deutschen Migrationsbericht von 2013: "Die größte Zuwanderergruppe sind ja die Polen."
Aber 2013, das ist lange her. Eine andere Zeit, eine andere Welt, mit anderen Konflikten, anderen Flüchtlingen. Die Willkommenstasche war für polnische Katholiken gedacht. Aber jetzt kommen muslimische Syrer und Iraker. Darauf war man nicht vorbereitet, ähnlich unvorbereitet wie die deutsche Politik.
Eintausend Willkommenstaschen, sagt Georg Austen, würden nun in die Gemeinden gebracht. Da werden viele Flüchtlinge leer ausgehen. Aber die Gemeinden könnten die Taschen "völlig frei" bestücken und verteilen. "Manche Dinge raus, andere rein."
Könnte man denn auch den Koran reinpacken?, fragt jemand.
"Das würde ich nicht tun", sagt Austen. "Aber man kann die Bibel rausnehmen."
Es ist ein sehr deutscher Nachmittag in der Herz Jesu Gemeinde, der verdeutlicht, wie komplex das Willkommen hierzulande ist. Was muss rein in den Jutebeutel, was muss raus, im Sinne der Willkommenskultur?
Dabei ist es am Ende doch ganz einfach und auch in Deutschland wohlbekannt: Da kommt ein Haufen armer Schlucker, und diesen armen Schluckern muss irgendwie geholfen werden. Weil man das so macht als Mensch. Weil es anständig ist, das sagt auch der Bürgermeister von Heidenau.
Und wer es vergessen hat, der kann sich fürs Erste ein paar einfache Regeln merken. "Willkommenskultur" heißt: Ich ziehe nicht mit den anderen zum Flüchtlingsheim. Ich zündele auch nicht in der Nähe verängstigter Kinder. Ich denke darüber nach, dass der Satz "Ich habe nichts gegen Ausländer" nicht mit "aber" weitergehen kann.
Willkommenskultur für Fortgeschrittene wäre dann: Ich gebe Flüchtlingen, was sie am dringendsten brauchen: Sicherheit. Ein Bett. Zu essen. Und wenn sie dann ein paar Jahre da sind und sich eingelebt haben und sich willkommen fühlen, dann kann man noch mal gemeinsam in die hübsche Willkommenstasche schauen. Um sich zu amüsieren. Oder ein bisschen in der Bibel zu lesen. Oder mit dem Zollstock die erste eigene Wohnung auszumessen.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 36/2015
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