29.08.2015

UkraineBeschuss von beiden Seiten

Bei Kämpfen rund um die Stadt Mariupol sterben täglich Soldaten und Zivilisten. Weil sie ihre Ziele nicht erreichen, brechen Regierungstruppen und Separatisten den Waffenstillstand.
Am Abend des 16. August, kurz nach zehn, schlugen vor dem Backsteinhaus der Verkäuferin Iryna Donskaja im Dorf Sartana, am nordöstlichen Stadtrand von Mariupol, Granaten ein.
Sie hörte, wie die zehnjährige Nachbarstochter Natascha um Hilfe schrie, erzählt sie, dann drückte sie ihre eigenen Töchter auf den Boden des Wohnzimmers und eilte Natascha zu Hilfe.
"Sie lag auf der Erde im Hof und fragte, Tantchen Iryna, wo ist denn mein Fuß?" Ein Granatsplitter hatte ihn zerfetzt, nur ein Stück Knochen hing noch am Unterbein. Nataschas Mutter, die bei ihr gewesen war, erlitt schwere Unterleibsverletzungen und starb zwei Tage später im Krankenhaus. Iryna Donskaja sagt, die Tochter wisse bis heute nicht, dass ihre Mutter nicht mehr lebt.
Prorussische Separatisten und ukrainische Regierung machen sich wie immer gegenseitig für die Attacke verantwortlich. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst meldete umgehend die Verhaftung eines angeblichen Kollaborateurs, der Separatisten das Dorf als Ziel genannt haben soll. Doch Iryna Donskaja und die meisten Einwohner von Sartana sind überzeugt, dass die Einschläge von ukrainischen Stellungen kamen. Sie leben jeden Tag in Angst vor dem nächsten Artilleriebeschuss.
Seit in der Ostukraine offiziell ein Waffenstillstand herrscht, sind mehr als 1000 Soldaten und Zivilisten getötet worden. An einem wirklichen Frieden, so scheint es, haben gegenwärtig weder Moskau noch Kiew ein großes Interesse. Es kommt beiden entgegen, dass die Grenzen zwischen Information und Desinformation, Angriff und Verteidigung in diesem Konflikt im Herzen Europas fließend sind.
Und so sterben rund um die Hafenstadt Mariupol mit ihren 455 000 Einwohnern beinahe täglich Soldaten und Zivilisten.
Auf der einen Seite lässt Wladimir Putin die Separatisten weiter schießen und regelmäßig mit neuen Offensiven drohen – in der Hoffnung, Kiew und den Westen doch noch zum Einlenken zu bringen. Doch er ist dabei von seinem eigentlichen Ziel, die Ukraine im Einflussbereich Moskaus zu halten, weiter entfernt als je zuvor.
Auf der anderen Seite lässt auch Poroschenko die Waffen nicht ruhen, er will nicht als schwach dastehen. Der Krieg im Osten des Landes dient der Kiewer Regierung darüber hinaus als willkommene Ausrede angesichts verschleppter Reformen und einer Wirtschaft, die sich im freien Fall befindet. Der Staatsbankrott konnte nur mithilfe westlicher Kredite und dem am Donnerstag verkündeten Erlass von einem Fünftel der Schulden abgewendet werden, die Bevölkerung verarmt.
An diesem Montag sind in Kiew wie überall im Land die Feiern zum Unabhängigkeitstag der Ukraine zu Ende gegangen. In Berlin trafen sich derweil Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und sein ukrainischer Kollege Petro Poroschenko. Vergebens versuchten sie, dem von ihnen im Februar mit Putin verhandelten Minsk-2-Abkommen neues Leben einzuhauchen. Putin war nur zeitweise per Telefon zugeschaltet, ohne oder gegen ihn ist eine friedliche Lösung des Konflikts aber unmöglich.
Doch wer hat nun in Sartana geschossen? Die Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind mit der Überwachung des Waffenstillstands vor Ort betraut und durch die strengen Regeln der OSZE eigentlich zum Schweigen verpflichtet.
Einer von ihnen gibt im Gespräch mit dem SPIEGEL allerdings jenen Bewohnern recht, die die Ukrainer beschuldigen. Er hat Aufnahmen ausgewertet, die Drohnen kurz nach dem Angriff lieferten. "Die Kanonenrohre einer ukrainischen Stellung waren noch heiß, das konnten wir mit Infrarotkameras eindeutig erkennen", sagt er. Vier Drohnen hat die OSZE rund um Mariupol im Einsatz. 27 Experten werten die Ergebnisse aus, darunter 16 Angestellte von zwei amerikanischen Firmen.
Ein anderes Beispiel dafür, wie beide Seiten zündeln, ist der Kampf um das Küstendorf Schyrokyne, zehn Kilometer vor Mariupol. Die OSZE stellt in ihren offiziellen Verlautbarungen meist hilflos "Beschuss von beiden Seiten fest" – ohne sagen zu können, wer angefangen hat.
Einer der Beobachter räumt allerdings ein, dass "in diesem konkreten Fall die Ukrainer etwas aktiver waren". Die Kämpfer des ukrainischen Freiwilligenbataillons "Donbass", so der Beobachter, hätten auf einer Anhöhe gesessen, 35 Meter über dem Meeresspiegel. Von dort hätten sie das Dörfchen "bequem beschießen" können.
Die Kaserne des Donbass-Bataillons liegt 15 Kilometer westlich von Mariupol, am Ufer des Asowschen Meers, beim Dorf Melekyne. Einer der Scharfschützen des Bataillons gibt zu: "Wenn uns nach zwei, drei Tagen Ruhe an der Front langweilig war oder sich der Gegner eine Blöße gab, haben wir natürlich geschossen, auch zuerst."
Geschützdonner mischt sich auch in das Rauschen des Meeres, als an diesem Dienstagmorgen rund fünf Dutzend Kämpfer des Donbass-Bataillons zum Morgenappell vor dem Speisesaal antreten.
Die meisten ihrer Kampfgenossen sind an der nahen Front oder an einem der vielen Kontrollposten rund um Mariupol. "Drei unserer Männer sind heute Nacht durch Granatfeuer der Separatisten verletzt worden. Sie werden aber überleben", sagt der Kommandeur, ehe er die Tagesbefehle verteilt.
Bis Mai dieses Jahres war die Kaserne ein Ferienheim namens "Swetlana", dann zogen die Kämpfer hier ein. Am Straßenrand davor hängt noch ein Werbeplakat für das Ferienheim. Es zeigt eine blonde Frau in Unterwäsche und weißen Strapsen, die einem lachenden Matrosen einen Cocktail serviert. Daneben der Schriftzug: "hoher Komfort, billige Preise". Nun ist er übersprayt, mit dicken Buchstaben in roter Farbe. "Bordell geschlossen" haben die Kämpfer geschrieben.
Swetlana war kein Bordell, Familien machten hier Urlaub, ehe der Krieg an die Küste kam. Doch das Ferienheim stand in den Augen der Kämpfer für all das, was die alte Ukraine in den Abgrund getrieben hatte: für Korruption und Vetternwirtschaft. Es gehörte über ein Firmengeflecht einem Sohn des Präsidenten Wiktor Janukowytsch, der nach der Maidan-Revolution im Februar 2014 nach Russland flüchten musste.
"Alles war käuflich", sagt Sergej Filippow, einer der Kommandeure des Donbass-Bataillons. "Wir aber wollen eine saubere Ukraine."
Olexij, ein 35-jähriger ehemaliger Elitesoldat aus Odessa, hat sich dem Donbass-Bataillon im Frühjahr angeschlossen. Hinter Sandsäcken und bewaffnet mit einem Maschinengewehr bewacht er einen der Eingänge zum Ferienheim. "Nach dem Abzug der Separatisten aus Schyrokyne hätten wir durchmarschieren und endlich die besetzten Gebiete befreien sollen", sagt er. "Aber die Schlappschwänze in Kiew sind uns mal wieder in den Arm gefallen."
Olexij hat gutmütige Augen, einen modischen Bart und hat sich selbst den Kampfnamen Günther gegeben. So hieß sein Urgroßvater, der sich als deutscher Kriegsgefangener in eine Ukrainerin verliebt hatte und nach dem Zweiten Weltkrieg im Land geblieben war. Auch sonst hat Olexij eine Vorliebe für Deutsches. Er trägt einen Gürtel der Bundeswehr aus den Fünfzigerjahren mit der Aufschrift Einigkeit, Recht, Freiheit und auf dem Unterarm eine Tätowierung mit der Nazilosung "Gott mit uns".
Von Hitler halte er nichts, sagt Olexij, einen Hang zu autoritären Führern hat er aber dennoch. Sein Held ist der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko, der in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion populär ist, weil er hart gegen die Opposition vorgeht und für Ruhe und Ordnung sorgt. Auch bei den Separatisten auf der anderen Seite der Front genießt Lukaschenko hohes Ansehen.
Hier wie dort hat der Krieg eine ähnliche Geisteshaltung hervorgebracht: Die Kämpfer der Ukrainer wie die der Separatisten hassen Reiche und Oligarchen, finden die Todesstrafe gut und mögen einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Für die junge ukrainische Demokratie ist das eine schwere Hypothek.
Der Gründer des Donbass-Bataillons, Semen Sementschenko, heute ein Abgeordneter des Parlaments, hat schon im vergangenen Jahr unverhohlen damit gedroht, seine Truppe in die Hauptstadt ziehen zu lassen. Dass seine Leute "ohne Waffen und nur als Bürger kommen", klang nicht beruhigend. Die Kämpfer sind längst eine politische Macht im Land.
Für die demokratisch gewählten Politiker haben sie nur Verachtung übrig. Präsident Poroschenko finden sie zu nachgiebig. Verhandlungen halten sie grundsätzlich für sinnlos, und sie schimpfen auf die Europäer, die keine Waffen an die Ukraine liefern wollen. Das Minsk-2-Abkommen betrachten die Soldaten und Offiziere in der Kaserne als Verrat des Westens an der Ukraine und vergleichen es mit der Annexion des Sudetenlandes 1938.
"Das Minsk-Abkommen ist wertlos", sagt der Kämpfer Olexij, "wenn die Druckwelle eines Artillerieeinschlags selbst schwere Autos 30 Zentimeter in die Luft hebt und du danach deine Kameraden zu Grabe trägst."
Das Minsk-2-Abkommen war im Februar der bestmögliche Kompromiss, um eine Eskalation des Krieges zu verhindern. Die Europäer bekamen einen Waffenstillstand, auch wenn er größtenteils nur auf dem Papier stand. Kiew bekam eine Atempause nach katastrophalen Niederlagen seiner schwachen Armee, Moskau die Hoffnung auf ein Ende der Sanktionen.
Am wichtigsten aber war Putin die im Abkommen festgelegte Föderalisierung der Ukraine und die dafür nötige Verfassungsreform. Damit wollte er das Nachbarland in einen amorphen Bundesstaat mit unterschiedlichen Machtzentren verwandeln. Moskaus Marionetten im Donbass sollten weitreichende Autonomie erhalten und damit ein Vetorecht über die außenpolitische Orientierung der Ukraine. Auf diese Weise will der Kreml einen Nato-Beitritt der Ukraine auf Dauer verhindern und am liebsten auch eine Annäherung an die EU.
Die Kiewer Regierung beharrt aber mit Unterstützung des Westens darauf, dass die Separatisten vor Autonomieverhandlungen erst wirklich freie Wahlen auf ihrem Gebiet durchführen und die Kontrolle der russisch-ukrainischen Grenze im Donbass an Kiew abgeben, wie im Minsker Abkommen vorgesehen. In dieser Pattsituation können weder Putin noch Poroschenko ihre strategischen Ziele erreichen: Poroschenko kann die abtrünnigen Donbass-Regionen nicht zurückholen, Putin die Ukraine nicht in den russischen Einflussbereich.
Vor einem großen militärischen Konflikt, einem offenen Krieg zwischen Russland und der Ukraine schrecken sowohl die Russen als auch die Ukrainer zurück. Poroschenko, weil die Ukraine wenig Aussicht hätte, ihn zu gewinnen. Putin, weil die Wirtschaftssanktionen gegen Russland dann radikal verschärft würden.
Sollte die Ukraine noch einmal zu einer größeren Offensive ansetzen, wollen zumindest die Falken in Moskau die Gelegenheit nutzen und sich nicht durch irgendwelche Waffenstillstandsvereinbarungen aufhalten lassen. Sie träumen von einer Landbrücke zur annektierten Halbinsel Krim, die sich an der Küste entlang von Mariupol bis nach Odessa zieht.
Auf der anderen Seite der Mariupol-Front dient ein von Separatisten kontrolliertes Dorf als Zentrale für Elitesoldaten des russischen Geheimdienstes. Besymenne, so der Name des Dorfs, bedeutet "Namenlos". Er passt gut zu der klandestinen Operation, die hier vorgeht. Unter den Hangaren eines Landwirtschaftsbetriebes verstecken die Russen Panzer, Panzerwagen und schwere Artillerie, erzählen Anwohner.
Die Soldaten dort tragen keine Hoheitsabzeichen, haben aber die neuesten Kalaschnikowmodelle und andere hochmoderne Ausrüstung, wie sie typisch ist für geheime Eliteeinheiten, die schon bei der Annexion der Krim zum Einsatz kamen.
"Wir sind hier alle Teil eines großen Spiels", sagt der ukrainische Scharfschütze Olexij in der Kaserne des Donbass-Bataillons. Er erzählt von den vielen Familien, die der Krieg auseinandergerissen und zu Feinden gemacht hat. Ein Donbass-Offizier, sagt er, habe sich von seiner Frau getrennt, die wegen ihrer Sympathie für Russland in der Separatistenhauptstadt Donezk blieb. Ein anderer habe neun Geschwister auf der Seite der Rebellen, zwei von ihnen hätten angekündigt, ihn töten zu wollen.
Auch Olexijs Stiefvater, mit dem er lange keinen Kontakt hatte, kämpfe aufseiten der Separatisten, sagt er. "Ich weiß nicht, ob ich abdrücken würde, wenn er mir im Kampf gegenüberstünde."
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 36/2015
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