29.08.2015

NamibiaDie guten Jäger

Der illegale Abschuss des Löwen Cecil durch einen amerikanischen Zahnarzt sorgte für weltweiten Aufruhr. Doch ausgerechnet Naturschützer fürchten ein Verbot der Trophäenjagd.
Die Abendsonne taucht den Busch in bernsteingelbes Licht. Stefan Stübig pirscht sich vorsichtig an zwei alte Springböcke heran, dicht hinter ihm gehen sein Jagdführer und der Fährtensucher. Ungefähr 120 Meter von den Tieren entfernt legt Stübig sein Gewehr an. Ein trockener Knall zerreißt die Stille über der Savanne. Der rechte Bock fällt tödlich getroffen um.
Stübig zieht seinen Hut und geht hinter dem toten Tier in die Hocke. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er schaut auf den Prunk des erlegten Springbocks, auf die weißen Rückenhaare, die sich aufgestellt haben. Da ist nichts Auftrumpfendes, Angeberisches in seinem Blick, nur stille Freude.
"Ich bin dankbar, dass ich das erleben darf", sagt er. Stefan Stübig, 29 Jahre alt, wortkarg und bescheiden, weder schießwütig noch reich, ist nicht einer dieser Trophäenjäger, die viel Geld ausgeben, um einen Löwen oder einen Leoparden zu töten – und anschließend ein Foto mit der toten Beute auf Facebook posten.
Stübig kommt aus Lenne, einem Dorf in Niedersachsen, er arbeitet als Tischler, in seiner Freizeit geht er auf die Jagd, das Revier teilt er sich mit sieben anderen Jägern. Für die Reise nach Namibia hat er lange gespart. Er sagt: "Ich habe immer von einer Safari in Afrika geträumt, jetzt ist dieser Traum wahr geworden."
Er ist dafür auf die Jagdfarm Okosongoro gefahren, drei Autostunden nordwestlich der namibischen Hauptstadt Windhuk. Auch Stübig stellt sich jetzt neben die erlegte Beute, für das Erinnerungsfoto. Wie er da steht, verkörpert er für viele Tierfreunde in aller Welt ein Feindbild. Doch Stübig steht vor allem dafür, dass die Trophäenjagd auch gute Seiten hat.
Als der Zahnarzt Walter Palmer aus Bloomington, Minnesota, Anfang Juli am Rande des Hwange-Nationalparks in Simbabwe den 13-jährigen Löwen Cecil erlegte, löste er damit einen weltweiten Aufruhr aus: Palmer war der Prototyp des bösen Großwildjägers. Er erhielt Todesdrohungen; vor seiner Zahnklinik demonstrierten aufgebrachte Tierschützer. 50 000 Dollar soll er für den Abschuss des Löwen bezahlt haben. Was er nicht wusste: Die prächtige Raubkatze wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts der britischen Universität Oxford rund um die Uhr beobachtet und trug einen Sender im Fell. Als der plötzlich keine Bewegungen mehr nachzeichnete, gingen die Wissenschaftler der Sache nach. Wildhüter fanden Cecils Kadaver, und der Abschuss wurde publik.
Der illegale Abschuss des Löwen sei eine Sauerei, sagt auch Volker Grellmann. Dieser Frevel habe eine "Propagandaschlacht" der Tierrechtler ausgelöst, von der sich die professionelle Jagd nur sehr schwer erholen werde. Der 73-Jährige zählt zu den legendären Berufsjägern Namibias und ist als einer der Gründerväter des nationalen Jagdverbands Napha ein Pionier der Branche. Nun sieht er sein Lebenswerk gefährdet.
"Wir haben jetzt ein riesiges Imageproblem, obwohl gerade die kommerzielle Jagd den Wildbestand in diesem Land gerettet hat", sagt Grellmann. Viele unabhängige Fachleute teilen diese Einschätzung. Ein Verbot der Trophäenjagd würde dem Naturschutz Ressourcen entziehen und den Verlust von Wild beschleunigen, warnt Rosie Cooney von der Weltnaturschutzunion. Auch der World Wide Fund for Nature akzeptiert mittlerweile unter bestimmten Bedingungen die Trophäenjagd als Instrument des Artenschutzes.
Pohamba Shifeta, Minister für Umwelt und Tourismus in Namibia, geht noch weiter: Ohne Trophäenjagd sei der Naturschutz in seinem Land am Ende. Das Jagdgeschäft ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, es bringt rund 36 Millionen Euro pro Jahr; davon, so die offiziellen Angaben, sollen rund 1,3 Millionen in die "Conservancies", die Wildhegegebiete, fließen, die rund ein Fünftel des Staatsgebiets bedecken.
Gerade die Jagdfarmen tragen durch ihre Gewinne zum Naturschutz bei. "Früher waren die Tiere ein Störfaktor, Ländereien, die nicht wildfrei waren, ließen sich nur schwer verkaufen", erzählt Grellmann. Erst durch ein 1968 verabschiedetes Gesetz, das den Farmern die Besitzrechte am Wild auf ihrem Grund und Boden garantierte, änderte sich das. Die Tiere wurden zu einem wertvollen Gut, und viele Landwirte gründeten daraufhin Jagdfarmen. "Im Laufe der Jahre nahmen die Bestände wieder zu, heute haben wir in Namibia so viele Wildtiere wie nie zuvor."
Zu Grellmanns ersten Jagdkunden gehörte Max Schmeling. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto im Familienalbum sieht man den ehemaligen Boxweltmeister mit einem erlegten Warzenschwein. Volker Grellmann führt durch seine Trophäensammlung und sagt: "Das war die beste Werbung, die wir uns wünschen konnten." An den Wänden hängen prächtige Exponate, Leopardenschädel, Gehörne von Säbelantilopen, das Kopfschulter-Präparat eines Nashorns, der gewaltige Stoßzahn eines Elefantenbullen, den Grellmann in Angola geschossen hat.
Der Jagdverband pflege einen Ehrenkodex, man dürfe ausschließlich alte Tiere als Trophäenwild erlegen, sagt Grellmann. Vor Jahren hat er sich aus der aktiven Jagd zurückgezogen, heute arbeitet er als Ombudsmann für den namibischen Jagdverband und betreibt eine Privatschule, in der er junge schwarze Männer zu Jagdführern ausbildet und ihnen die ethischen Grundsätze des Gewerbes nahebringt.
Grundsätze, die von einigen systematisch missachtet werden. So züchten im Nachbarland Südafrika Wildfarmer Tausende Löwen, die reichen Jagdkunden in geschlossenen Arealen zum Abschuss vorgesetzt werden, zur sogenannten Gatterjagd. Die Tiere können auf Wunsch vorbestellt werden, inklusive spezieller Fellfarbe oder besonders buschiger Mähne.
6000 bis 8000 Löwen werden so jedes Jahr "produziert". Grellmann nennt das "Schießbuden-Business". Der Widerstand gegen derartige Praktiken wächst, seit in den südafrikanischen Kinos der Dokumentarfilm "Blood Lions" (Blutlöwen) läuft, der die Millionen-Dollar-Zuchtindustrie zum Thema hat.
Noch Anfang der Siebzigerjahre war Namibia ein Land mit niedrigem Wildbestand, heute leben hier wieder 30 Arten. "Der afrikanischen Tierwelt konnte nichts Besseres passieren als der Jagdtourismus", sagt Jagdführer Peter Clausen, der deutschstämmige Eigentümer der Okosongoro-Ranch – ein Mann, der stets Messer und Revolver am Gürtel trägt.
Der 59-Jährige besitzt ein kleines Paradies: 14 000 Hektar Buschsavanne, auf der sich Kudus, Zebras, Oryxantilopen, Gnus, Giraffen, Flusspferde, Nashörner, Leoparden, Hyänen, Strauße und viele andere Tiere tummeln. Ursprünglich war Clausen Viehzüchter, mittlerweile kommen 80 Prozent seiner Einnahmen aus der Trophäenjagd und dem Handel mit Lebendwild. Allein der Verkauf einer weiblichen Säbelantilope an andere Jagdfarmer bringt ihm umgerechnet bis zu 26 000 Euro. Einen großen Teil dieser Gewinne reinvestiere er in die Hege des Wildes und in den Erhalt der Artenvielfalt, sagt Clausen, der 1992 als "Wildfarmer des Jahres" ausgezeichnet wurde.
Theophilius Haimbodi, sein Fährtensucher, nimmt gerade den Springbock aus, den Stefan Stübig erlegt hat. Stübig will ein Kopfschulter-Präparat des Tiers mit nach Hause nehmen – als Andenken. Für den Abschuss musste er 400 Euro zahlen. Viel teurer wird es bei selten gewordenen Großtieren.
Im vergangenen Jahr zahlte der Höchstbieter bei einer Versteigerung in Dallas, Texas, 350 000 Dollar für die Lizenz zum Abschuss eines Spitzmaulnashorns in Namibia, das auf der Liste der bedrohten Arten ganz oben steht. Doch bei aller Empörung über Gatterjagd und Trophäenabschüsse, die größten Bedrohungen für Afrikas Tierwelt sind andere.
Da ist zum einen die zunehmende Wilderei durch Verbrechersyndikate, die Elefantenstoßzähne, Rhino-Hörner oder Löwenknochen nach Fernost liefern, vor allem nach China und Vietnam. Der Kampf gegen dieses Raubwesen fällt auch deshalb schwer, weil korrupte Wildhüter, Tierärzte, Naturschutzbeamte und Jagdfarmer in das Geschäft mit der Wilderei verwickelt sind.
Die zweite, vermutlich noch größere Bedrohung geht von den sogenannten Mensch-Tier-Konflikten aus. Nirgendwo auf der Welt wächst die Bevölkerung so schnell wie in Afrika; der Siedlungsdruck reduziert die natürlichen Lebensräume von Wildtieren. Häufig werden sie von den Einheimischen als Feinde angesehen, die Menschen töten, Rinder reißen und Ernten zerstören. Viele Tiere werden deshalb erlegt, das verbessert zugleich die Fleischversorgung armer Gemeinden.
Löwen sind mehr als andere bedroht, sie gelten als blutrünstige Bestien. Nach dem illegalen Abschuss von Cecil wunderten sich deshalb viele Simbabwer über den internationalen Aufschrei. Sie haben andere Sorgen: Armut, Arbeitslosigkeit, Mangelernährung, Seuchen.
Der Zorn der überwiegend weißen Artenschützer ist besonders groß, wenn wieder ein Löwe getötet wird. Ein Prachtexemplar wie Cecil in Simbabwe. Oder wie das Terrace-Männchen in Namibia, einer jener Wüstenlöwen, die die dürre Küstenregion im Nordwesten des Landes durchstreifen und von denen es nur noch geschätzt 150 gibt.
"Die Regionen Kaokoveld und Damaraland sind so gut wie leer, da ist nicht mehr viel abzuschießen", sagt ein Wildpfleger in der Küstenstadt Swakopmund, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will, andernfalls würde er seinen Job und seine Forschungslizenz verlieren. Er sitzt in einem Café, ein bärtiger Mann von 35 Jahren in Khakikluft. Er habe nichts gegen die kommerzielle Jagd, vorausgesetzt, sie werde kontrolliert, sagt er. Er war selbst einmal Berufsjäger.
"Aber irgendwann habe ich hingeschmissen, weil ich diese lauten, arroganten Machos aus den USA und Europa nicht mehr ertragen konnte. Diese Leute treten immer noch auf wie weiße Kolonialherren, für die Afrika nur ein Kontinent zum Plündern ist." Sie sammelten Abschüsse wie Briefmarken, besonders scharf seien sie auf Beutetiere, die auf der Roten Liste stehen. Devise: "Hier ist der letzte Dodo – go for it! Knall ihn ab!"
Aber zu dieser Sorte gehöre, so sagt er, nur ein Prozent der Großwildjäger. In den USA vertrete eine mächtige Jagdlobby ihre Interessen, Organisationen wie der Dallas Safari Club oder die National Rifle Association, die die Politik globaler Umweltverbände massiv beeinflussten.
In mehr als 20 afrikanischen Ländern ist die Trophäenjagd noch erlaubt, Staaten wie Botswana oder Kenia haben sie verboten. Lebende Tiere sind in ihren Augen mehr wert als tote. Denn Millionen Fototouristen wollen sie in freier Wildbahn erleben.
Auf der Safariranch Okosongoro ist die Sonne gerade wie ein riesiger roter Lampion im Busch versunken, als Peter Clausen einen Anruf erhält. Auf seinem Farmgelände seien soeben Wilddiebe in flagranti gefasst worden. Clausen rast durch die Dunkelheit zum Tatort. Dort hat die "Heimwehr", ein Selbstverteidigungstrupp weißer Farmer, vier Wilderer festgenommen. Junge schwarze Männer, abgerissene Gestalten. Einer von ihnen hat seine Füße mit Lumpen umwickelt, um die Spuren zu verwischen.
Die Diebe haben vier Rinder und eine Oryxantilope in Drahtfallen getrieben und die Sehnen ihrer Hinterläufe durchschnitten – damit sie nicht weglaufen können und das Fleisch frisch bleibt. In der Nacht wollten sie die Beute zerlegen. Die schwer bewaffneten Farmer haben die Wilderer gefesselt, beim Verhör lassen sie ihre ganze aufgestaute Wut an ihnen aus. Seit Jahren nehmen die von Kartellen organisierten Vieh- und Wilddiebstähle zu.
Schließlich übergeben sie die Täter im nahen Omaruru der Polizei. "Endlich haben wir mal einige dieser Kerle erwischt", sagt Peter Clausen. Ein Problem weniger, vorläufig zumindest. Das andere Problem, das schlechte Image des Jagdtourismus, sei nicht so leicht zu lösen, sagt der Farmer und klettert in seinen Geländewagen. "Weil Jäger heutzutage ein Schimpfwort ist. Und weil sich keiner dieser hysterischen Tierschützer davon überzeugen lässt, dass wir den wirksamsten Wildschutz betreiben."
Von Bartholomäus Grill

DER SPIEGEL 36/2015
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