29.08.2015

Global VillageDie magischen Schatzis

Das seltsame Paarungsverhalten von Kosovaren und ihrer Diaspora, die es im Sommer aus aller Welt in die Heimat zieht
Agamenon sitzt auf dem Hügel, auf dem seine Eltern nach dem Krieg das Haus gebaut haben, zwischen Walnussbäumen, Himbeer- und Quittensträuchern. Die Zwetschgen sind reif, das bedeutet, die Saison ist vorbei, und er ist immer noch allein.
Er hat es ja versucht. Er ist nach Vërmicë gefahren zu den Eltern von Melanie, einer hübschen Kosovarin, die in der Schweiz lebt. So, wie die Mutter es ihm geraten hat. Er stellte sich vor: 30 Jahre alt, gesund, gut aussehend, aus gutem Haus und heiratswillig. Aber arm.
Agamenon Badali findet hier einfach keinen Job. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von etwa 70 Prozent ist das nicht leicht, selbst für qualifizierte Kräfte. Er hat Albanisch und Literatur studiert, er wollte Lehrer werden.
Heiratskandidatin Melanie ist Single, eine Friseurin, sie lebt in Basel. Eine exzellente Partie, findet Agamenons Mutter. Melanie ist 27 Jahre alt, und nach hiesiger Vorstellung ist das höchste Zeit, eine Familie zu gründen. Agamenon hat Melanie schließlich getroffen, in einer Bar in der Stadt Prizren. Er versuchte, nett zu sein, aber sie war zurückhaltend. Gefunkt hat es nicht.
Seither erzählt ihm die Mutter ständig von Elmira, der Schönen aus dem Nachbardorf. Denn sie hat es geschafft, anders als Agamenon: Elmiras künftiger Ehemann ist ein Kosovare mit deutschem Pass, aus Düsseldorf. Das junge Paar feierte gerade Verlobung, ein großes Fest mit über hundert Verwandten. Die Ringe kamen vom Juwelier aus Prizren, heißt es, echtes Gold.
Mütter im Kosovo planen Monate im Voraus, wenn Heiratskandidaten zu Besuch kommen. Sie sind bis heute die Kupplerinnen, die ihre Kinder verheiraten. Vorsichtig gerechnet leben zwischen Basel und Barcelona, Berlin und Baltimore 800 000 Kosovo-Albaner, favorisiert werden im Diaspora-Ranking die sogenannten Schatzis aus Deutschland und der Schweiz, gefolgt von Kosovaren aus Frankreich.
Die "Schatzis" sind ein stehender Begriff in der albanischen Sprache. So werden die Auslands-Kosovaren genannt, die im Sommer zu Hunderttausenden ins Kosovo zurückkehren, um ihre Familie zu sehen und das mühsam im Westen erarbeitete Geld hier großzügig auszugeben.
Ob Unternehmer, Studenten oder Straßenfeger, die Schatzis werden zu Hause verehrt wie Popsternchen, denn sie verkörpern die Sehnsüchte der meisten hier: Sie haben es irgendwie geschafft, den eisernen Vorhang in die Europäische Union zu durchbrechen und dort einen legalen Status zu erlangen.
Als einziges Volk auf dem Balkan brauchen die Kosovaren ein Visum für die Europäische Union. Die Schatzis aber dürfen frei reisen, sie nehmen am europäischen Wohlstand teil.
Wer kein Schatzi im Ausland hat, einen Verwandten oder wenigstens einen großzügigen Freund, ist arm dran. Die Schatzis sind das wirtschaftliche Rückgrat des Landes. Sie bringen rund 600 Millionen Euro pro Jahr ins Kosovo, ganz schön viel bei einer Bevölkerung von 1,8 Millionen Menschen.
Und Schatzis sind, wenn sie zur wichtigsten Paarungszeit, im Sommer, auf Brautschau kommen, schon äußerlich leicht zu erkennen: 25 bis 45 Jahre sind sie alt, sie tragen weiße Jeans und einen opulenten Rechtsscheitel, sie bestellen Red Bull mit Wodka und laden großzügig ein, das erzählt jedenfalls Haxhi Ukshini, 26 Jahre alt, Manager vom Strip Depot, Prištinas angesagtester Bar. Ukshini kennt mindestens 16 Paare, die sich in diesem Sommer im Strip Depot trafen und sich nun das Jawort geben wollen. Auch er hat seine Freundin hier am Tresen kennengelernt, eine Zahntechnikstudentin aus New York.
Was fand sie gut an einem armen Barkeeper? "Vielleicht meine ursprüngliche Männlichkeit, wir haben hier viel Lebensenergie", sagt Ukshini. "Aber sie hat mich aufgerissen, nicht ich sie", sagt er.
So sei das Gesetz der Schatzi-Hierarchie.
Schatzi-Frauen fielen sofort auf mit ihren raffinierten Haarschnitten, sagt er, sie wirkten überheblich, wenn sie Albanisch mit der Sprache des Landes mischten, in dem sie nun leben. Schatzis kennen ihren Marktwert.
"Dranbleiben", ermutigt Agamenons Mutter ihren Sohn. Sie sitzen draußen vor dem Haus bei Pite, Blätterteig mit Spinat, und Buttermilch, und beraten, wie es nun weitergehen soll. Auch der zweite Sohn, Debatik, 26, ist im heiratsfähigen Alter. Er versucht, über Facebook Kontakt zur weiblichen Diaspora aufzunehmen, ohne Erfolg bisher, das gibt er ja zu. "Auf den Fotos sind sie wunderschön, und wenn man sie dann in echt trifft, sehen sie aus wie Zombies."
Alle lachen. Dann werden Agamenon, seine Mutter und Bruder Debatik ernst. Eine Strategie für das nächste Jahr muss her. Er könnte an den schönen Stränden von Albanien nach Schatzis Ausschau halten, schlägt die Mutter vor. Er müsse Frauen mit seiner Großzügigkeit beeindrucken, sagt Debatik.
Irgendwann reicht es Agamenon. Er blickt über die malerischen Hügel seines Dorfes Zhur. "Ich warte, bis die Visafreiheit kommt", sagt er, "dann haben die Schatzis ihre Magie verloren."
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 36/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Die magischen Schatzis

  • Senioren in der JVA Waldheim: Gebrechliche Gangster
  • Real präsentiert Mendy aus Lyon: Franzose sorgt für Lacher bei der Vorstellung
  • Vom Winde verweht: Sturm deckt Haus ab
  • Trump über Drohnen-Abschuss: "Ein großer Fehler"