29.08.2015

FußballNelsons Odyssee

Der Kinderhandel mit afrikanischen Talenten blüht, der Traum von einer glänzenden Karriere lockt jährlich Tausende Minderjährige zu Klubs in Europa. Viele von ihnen kommen illegal – und landen in der Abhängigkeit windiger Berater.
Ein paar Tage Mitte vorigen Jahres waren bislang die Höhepunkte im noch kurzen, dafür umso turbulenteren Leben von Nelson Mandela Mbouhom. Der junge Stürmer gewann mit dem U-15-Team von Eintracht Frankfurt das Finale um die Süddeutsche Meisterschaft, Gegner war der FC Bayern München. Nelson Mandela erzielte drei Tore, Endstand 4:3. Großer Jubel, Mandela, die neue Sturmhoffnung.
Wenige Wochen später sollte sich der Junge aus Kamerun für einen kurzen Moment sogar noch großartiger fühlen dürfen.
Mandela führte die Hessen-Auswahl der unter 15-Jährigen beim wichtigsten Jugendturnier Deutschlands auf den Platz. Als Kapitän. Der Duisburger Landescup ist ein Sichtungsturnier des Deutschen Fußball-Bunds (DFB), eine Prestigeveranstaltung. Scouts aus vielen Ländern stehen auf der Tribüne und kritzeln Namen in ihre Blöcke. Talente, die hier auffallen, haben große Chancen auf eine Profikarriere.
Mandela erzielte zwei Tore, legte etliche vor und avancierte zum prägenden Spieler des Turniers. Seine Mannschaft gewann den Pokal, Juniorentrainer, Vereinsmanager und Spielerberater kontaktierten ihn, lockten mit den tollsten Versprechungen. Der Junge antwortete, sie sollten sich in ein paar Tagen wieder melden. Er habe da vorher noch was zu klären.
Doch es war wie so oft in Mandelas Leben: Das Gute blieb nicht lange.
Ein Anruf aus dem Frankfurter Jugendinternat, seinem damaligen Zuhause, veränderte alles. "Sie sagten mir, die Polizei habe sich gemeldet", erinnert sich Mandela. Seine Papiere seien in Deutschland ungültig, er habe keine Aufenthaltserlaubnis, womöglich drohe ihm sogar die Abschiebung. "Ich war geschockt", erzählt Mandela.
Das Finale bei dem DFB-Turnier sollte für viele Monate Mandelas letztes Spiel in Deutschland sein. Plötzlich war er ein Jugendlicher ohne gültige Dokumente. Ein Illegaler. Ein Junge, der im Alter von neun Jahren seine afrikanische Heimat verlassen hatte, um in Europa ein Star zu werden, und der nun befürchten musste, dass alles umsonst war.
Die Odyssee Nelson Mandelas, heute 16, beleuchtet die düstere Seite des globalen Fußball-Business. Die Hilfsorganisation Foot Solidaire schätzt, dass jährlich bis zu 15 000 Jugendspieler aus Afrika in die Sportinternate der europäischen Topklubs vermittelt werden.
Der Handel mit Fußballkindern aus Afrika ist ein schmutziges, ein skrupelloses, ein zynisches Geschäft. Windige Berater frisieren Geburtsurkunden, schwatzen den Eltern das Vormundschaftsrecht ab und sichern sich den Zugriff auf spätere Transfer- und Vermarktungserlöse der jungen Kicker. Doch die meisten Teenager, die sich Hoffnung auf eine grandiose Karriere machen, scheitern – das System spuckt sie wieder aus.
Mandela kennt das alles.
Er ist das jüngste von sieben Kindern, geboren in Douala, der Wirtschaftsmetropole Kameruns. Als Achtjähriger kickte er mit Freunden auf der Straße, als ein Mann ihn ansprach. Der Fremde sagte, er sei von der Eto'o-Stiftung, einer Fußballorganisation des ehemaligen Stürmerstars des FC Barcelona, Samuel Eto'o. Er wolle Mandela und drei seiner Freunde zu einem Probetraining einladen.
Nelson, damals noch ein schmächtiger Junge, ging mit. Bereits nach der zweiten Einheit auf einem Staubplatz sagte ihm der Trainer, er werde ihn nach Europa bringen. Der kleine Nelson war schneller als die anderen, er schoss gleich stark mit beiden Füßen, bei seinen Dribblings konnten ihm die anderen Kinder nur selten den Ball abnehmen.
Der Scout von der Straße begleitete den Jungen nach dem Training zum Haus der Eltern. Er sagte der Mutter, er werde Nelson ein Probetraining in La Masia, dem Elite-Internat des FC Barcelona, besorgen. Dort, wo auch Lionel Messi als 13-Jähriger aufgenommen worden sei.
Messi. FC Barcelona. Größer geht es nicht. Und ganz sicher: Der Junge werde ein Weltstar.
Wenige Tage später kam der Mann wieder. Er hatte ein Formular dabei. Die Mutter sollte die Vormundschaft für ihren Sohn an einen Mitarbeiter der Eto'o-Stiftung übertragen. Erst dann könne der Sohn nach Spanien. Nelsons Mutter unterschrieb.
Nelson Mandela war neun Jahre alt, als er sich von seinen Eltern verabschiedete. Am Flughafen bekam er ein Schild mit seinem Namen, seinem Zielort und seinen Kontaktdaten, er musste es sich um den Hals hängen. Vom Flug nach Barcelona weiß Mandela heute nur noch, dass die Stewardess nett war und gut roch.
Der Weltverband Fifa versucht seit Jahren, den Handel mit minderjährigen Fußballern einzudämmen. Verträge dürfen offiziell nur mit Spielern abgeschlossen werden, die mindestens 18 Jahre alt sind. Aber es gibt Ausnahmen, die diese Regel aufweichen: beispielsweise wenn die Erziehungsberechtigten der Talente gemeinsam mit ihrem Kind in die Nähe des neuen Klubs ziehen. Selten schafft es die Fifa, den Vereinen Verfehlungen nachzuweisen.
Manchmal gelingt es trotzdem.
Wie 2014, als die Fifa-Disziplinarkommission die Profiabteilung des FC Barcelona mit einem zweijährigen Transferverbot belegte. Der Weltverband hatte hinter die Kulissen der hochgelobten Kaderschmiede La Masia geblickt. Es stellte sich heraus, dass der spanische Spitzenklub etliche Talente illegal in seinem Internat trainieren ließ. Viele kamen aus Afrika.
Nelson Mandela blieb zwei Jahre dort. Irgendwann kam einer der Jugendtrainer zu ihm und sagte, dass es jetzt nicht mehr reiche. Dass Nelson sich einen neuen Verein suchen müsse. Der Junge war elf Jahre alt und mehr als 5500 Kilometer von zu Hause entfernt.
Ein Spielerberater meldete sich bei ihm und versprach, ihn bei Real Valladolid unterzubringen. "Das war nur schlimm", sagt Mandela. In der ersten Trainingswoche sei einem Mitspieler Geld in der Kabine geklaut worden. "Die haben sofort mich beschuldigt, diese Rassisten", erzählt er. Es sei ihm alles zu viel geworden, das Training, die Schule, die neuen Mitschüler. "Ich hatte ständig Angst, falsche Dinge zu tun."
Kurz vor Weihnachten 2012 schrieb Nelson einem seiner Brüder, der mittlerweile in Paris lebte, dass er es nicht mehr aushalte. Dass er weg wolle. Der Bruder meldete sich bei Real Valladolid, Mandela wurde ein Flugticket nach Paris gekauft. One-Way.
Mandelas Erinnerungen sind nicht komplett überprüfbar. Es gibt Fotos aus seiner Zeit in La Masia, bei Real Valladolid erinnert sich hingegen niemand mehr an ihn. Den Kontakt zur Eto'o-Stiftung hat er abgebrochen, auch die Telefonnummer zu seinem früheren Vormund hat er gelöscht. Die Stiftung will sich auf Anfrage nicht zu einzelnen Spielern äußern.
Mandelas Bruder ließ ihn in Paris bei sich wohnen und beauftragte einen Spielerberater, einen Klub zu suchen. Wochen vergingen. Der Agent besorgte dem Jungen schließlich ein Probetraining bei Paris Saint-Germain, Frankreichs Spitzenklub. Doch Nelson fiel durch. "Ich war zu aufgeregt", sagt er und kratzt sich den Flaum über seiner Oberlippe. Der Spielervermittler meldete sich nie wieder.
Wie geht ein Jugendlicher damit um, in fremder Umgebung ständig abhängig von fremden Menschen zu sein? Darauf zu hoffen, dass sich Versprechen einlösen, um dann zu erleben, immer wieder neu enttäuscht zu werden? "Ich habe Vertrauen verloren", sagt Mandela, "zu viele Menschen haben versucht, mich auszunutzen."
Trotzdem freute er sich, als eine Whats-App-Nachricht aus Deutschland bei ihm ankam. Aus Rüsselsheim. Dort wohnt Konstantinos Spanoudakis, dessen Sohn Georgios gemeinsam mit Mandela beim FC Barcelona spielte, sie wohnten zwei Jahre im selben Internatszimmer und wurden Freunde. Mittlerweile ist Georgios deutscher Juniorennationalspieler und steht vor dem Sprung ins Profiteam des VfB Stuttgart.
Vater Spanoudakis bot Mandela an, ihm ein Probetraining bei der TSG Hoffenheim zu besorgen. Eine neue Chance. Der Zwölfjährige fuhr mit der Metro zum Gare de l'Est, von dort mit dem TGV nach Mannheim. Eine Stunde nach seiner Ankunft stand er im Kraichgau auf dem Trainingsplatz.
"Ich hatte vorher noch nie etwas von Hoffenheim gehört. Die Leute waren dort sehr nett, aber mit dem Dorf bin ich irgendwie nicht klargekommen", sagt Mandela und lacht. Nach einer Saison verließ er Hoffenheim.
Auf Vermittlung von Spanoudakis kam Mandela schließlich zu Eintracht Frankfurt. "Wir haben alle gesehen, dass Nelson richtig gut kicken kann", sagt Armin Kraaz, Leiter des Frankfurter Nachwuchsleistungszentrums. Es ist ein heißer Tag im Juli, Kraaz sitzt an einem runden Tisch in seinem Büro. Im Flur hängen Trikots von ehemaligen Jugendspielern des Internats, die nun Profis sind: dem Liverpooler Emre Can, dem Wolfsburger Sebastian Jung, dem Frankfurter Marc Stendera.
Kraaz sagt, dass Mandelas Trikot mit der Nummer zehn da auch irgendwann hängen könne. Wenn er gesund bleibe. Und wenn ihn die deutschen Behörden endlich wieder spielen ließen.
In seiner ersten Saison war für Mandela alles glatt gelaufen in Frankfurt. "Als Nelson aus Hoffenheim kam, hatte er bereits eine Spielgenehmigung beim DFB. Wir haben das nicht weiter hinterfragt", sagt Kraaz. Irgendwann im vergangenen Sommer kam Kraaz, ein früherer Profi, dann doch ins Grübeln. Der DFB verschickte einen Brief an die Bundesligaklubs, der auch die Geschäftsstelle des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt erreichte. Der Verband wies nachdrücklich auf den Fifa-Artikel 19 zum Schutz minderjähriger Spieler aus dem Ausland hin. Vor allem bei Jugendspielern aus dem Nicht-EU-Ausland sei höchste Achtsamkeit geboten, hieß es dort. Es gebe oft Probleme mit ihren Papieren.
Mit Mandelas Dokumenten sei alles in Ordnung, dachte Kraaz. Ein Trugschluss.
Nach den drei Toren des jungen Kameruners gegen den FC Bayern München, den Toren, die Eintracht Frankfurts U 15 im Mai 2014 die Süddeutsche Meisterschaft beschert hatten, wurde Kraaz von dem DFB-Brief eingeholt. Während Mandela zu einer regionalen Bekanntheit aufstieg, begann die Ausländerbehörde, seinen Status zu überprüfen. Es lag kein deutscher Pass vor, kein Visum, kein Bleiberecht. Lediglich eine französische Aufenthaltserlaubnis, die allerdings auf Frankreich beschränkt war. Mandela war illegal in Deutschland. Die Behörden meldeten sich bei der Eintracht.
Kurz darauf rief auch Mandelas Bruder an, neben ihm saß ein Spielerberater. Sie erklärten, sie würden von nun an Nelsons Interessen vertreten. Nach den drei Toren gegen den FC Bayern müsse doch nun endlich ein vernünftiges Gehalt für den Jungen drin sein. Im Gespräch soll die Summe von 17 000 Euro gefallen sein. Pro Monat. Auch Berater von Manchester City, Juventus Turin, dem VfL Wolfsburg und RB Leipzig interessierten sich für Mandela.
"Die Behörden forschten nach, und gleichzeitig kamen all die Geier wieder angeflogen", sagt Kraaz. Er kooperierte anschließend mit der Ausländerbehörde, unterstützte die Beamten und auch die Mandela-Seite.
Für den Jungen wurde es hart.
Pflichtspiele durfte er nicht mehr bestreiten, selbst das Training war ihm zwischenzeitlich untersagt. Auch aus dem Internat der Eintracht musste Mandela ausziehen. "Ich war sehr wütend", sagt er. Nelson Mandela spricht mittlerweile sehr gutes Deutsch, obwohl er einzelne Begriffe immer noch im Wörterbuch seines Mobiltelefons nachschaut. Beamtendeutsch wie "Bleiberecht" oder "Aufenthaltserlaubnis" kommt ihm flüssig aus dem Mund, in den vergangenen Monaten bekam er es andauernd zu hören.
Nach den ersten Gesprächen mit der Ausländerbehörde schien die Situation unlösbar. Mandela hatte keine Verwandten in Deutschland, es gab keinen Ansatz für die Ämter, ihm in absehbarer Zeit ein Bleiberecht zu ermöglichen. Mandela beriet sich mit Spanoudakis, bei dem er nun provisorisch wohnte. Sie grübelten. Tage später informierte Spanoudakis Kraaz darüber, dass er selbst der neue Vormund des Jungen werde. Kraaz war überrascht, ebenso wie die Behörden.
Mandela rief seine Mutter an und erklärte ihr die Situation. Die hatte die Vormundschaft für ihren Sohn auf die Eto'o-Stiftung übertragen und musste sie nun dort auflösen. Zudem hatte der Bruder in Paris eine Art Adoptionsrecht für Mandela erwirkt, um ihm zu einer Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich zu verhelfen. Die Sache war vertrackt.
Sozialarbeiter besuchten Mandela in seinem neuen Zuhause in Rüsselsheim. Sie hörten, wie Mandela Spanoudakis "Dad" nannte, sie sahen, dass er ihn in seinem Handy unter "Papi Kosta" eingespeichert hatte. Mandela hat ein eigenes Zimmer im Obergeschoss, mit Wimpeln seiner früheren Klubs und einer Langhantelbank für das Muskeltraining. Wenn er mit Spanoudakis spricht, wirkt es vertraut. Manchmal raufen sie auch miteinander.
Vor gut zwei Wochen, am 13. August, erhielt Nelson Mandela schließlich auf einem DIN-A4-Blatt die erlösende Nachricht: "Vorläufige Aufenthaltserlaubnis für 12 Monate". Ein Jahr lang hatte er auf die Entscheidung gewartet, ein weiteres Jahr lang darf er nun zumindest bleiben.
Kaum war das Dokument zugestellt, unterschrieb Mandela eine Vereinbarung mit der Eintracht, gültig bis zu seinem 18. Geburtstag. In seinem ersten Spiel für die U-17-Mannschaft durfte er gleich wieder ein Tor bejubeln, mittlerweile hat sich sogar der deutsche Juniorennationaltrainer nach ihm erkundigt.
Bei dem Klub zeigen sie sich erleichtert, dass Spanoudakis die Vormundschaft für den Jungen übernommen hat. Sie glauben, dass er Mandela, der unbedingt weiter in Frankfurt spielen wollte, ein Zuhause bieten kann. Fragt man Mandela, warum Spanoudakis für ihn so weit gegangen sei, sagt der Junge aus Kamerun, dass man das für die Familie eben so mache.
Möglich.
Spanoudakis arbeitete früher als Informatiker. Diesen Job hat er aufgegeben. Wovon er jetzt lebt, will er nicht verraten. Er tritt als Partner einer Firma namens Spoconet auf. Das Unternehmen vertritt mehrere Dutzend talentierter Nachwuchsfußballer.
Spanoudakis ist jetzt Spielerberater.
Von Rafael Buschmann

DER SPIEGEL 36/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fußball:
Nelsons Odyssee