29.08.2015

Nils Minkmar Zur ZeitHonig und Keramik

Der moderne Mensch verbringt einen großen Teil seiner Ferien damit, Probleme zu lösen, die er ohne Ferien nicht hätte. Man wüsste ohne eine entsprechende Ferienunterkunft ja gar nichts von neuartigen Küchenvorrichtungen, die den Verbraucher davor schützen, plötzlich kochendes Wasser im Teekessel zu haben. Man ahnte nichts von all den versteckten, Laut gebenden Systemen, die das Schwimmbad vor dem Schwimmer, das Auto vor dem Fahrer, den Mobiltelefonierer vor seiner Mailbox schützen. Man kennte nicht die elektronischen Barrieren, die das Kind am digitalen Abruf einer Kindersendung in einem Land hindern, für das es nicht die entsprechenden internationalen Nutzungsrechte erworben hat – ob es nun schon AGB schreiben kann oder nicht.
Sorglose Ferien sind eine ernste Sache, ein Ende hat es mit der digitalen Leichtfertigkeit. Spontan angeforderte, unerhörte PIN-Codes, täglich wechselnde Volumenbegrenzungen und raffinierte Liquiditätsbeschränkungen an den Geldautomaten schützen den Reisenden vor sich selbst – oder jener Person, die behauptet, er selbst zu sein. Solch eine Behauptung erhöht die Komplexität der Lage beträchtlich, denn in den Ferien hat man prinzipiell ein anderer zu werden, egal ob einem derjenige, der man vor der Abfahrt war, ganz gut gefallen hat. In diesen wertvollen Tagen sucht man das Wesentliche, das heißt, man bestaunt Honig und Keramik. Diese beiden Produkte hat eigentlich auch sonst jeder zu Hause, es gibt sie auf der ganzen Welt und von Anbeginn der Zeiten – aber man nimmt sie nur im Sommer in den ferientypischen, also besonders achtsamen und leicht doofen Blick. Man betritt die Sparkassenfiliale und bewundert, was lokale Künstler in langen Winternächten aus Treibgut und Halogenlampen geschaffen haben. Man wartet klaglos vor der verschlossenen Tür des städtischen Museums, bis der mürrische Kassierer seine Mittagspause beendet hat, erwirbt Eintrittskarten für die ganze Familie und steht dann endlich, endlich vor dem selbst gestrickten Nachtstrumpf der Großmutter von André Gide.
Ferien sind immer woanders, das gilt auch und gerade für typische Urlaubsorte. An der französischen Atlantikküste heißen die Ferienanlagen nach den Balearen, die Typenbezeichnung des Pools lautet Aloha, und die urigen baskischen Biogastwirte, die noch das Béret tragen, zählen die Tage, bis sie sich in Thailand davon erholen können, Erholung zu verkaufen. Schlaue Leute minimieren die Reisezeit: Goethe brauchte, wenn er mal achtsam Honig und Keramik bewundern wollte, wenn er raus- oder runterkommen wollte, von seinem Wohnhaus am Frauenplan zu seinem Gartenhaus an der Ilm nur wenige Minuten.
Heute sind wir weiter, höher und länger unterwegs und lernen doch stets die gleiche Lektion, denn Tourismus ist praktizierter Existenzialismus. Man strebt brav nach dem perfekten Moment, endet aber mit Flipflops in einer Schlange vor der Apotheke, um sich Gel gegen Mückenstiche zu besorgen. Der Mensch und die ihn umgebenden Dinge und Leute – das bleibt, wir wissen es seit Sartre, eben so eine Sache, und die Ferien erinnern uns daran. So gesehen, stehen sie am Beginn aller Philosophie.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 36/2015
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