29.08.2015

AusstellungenAuf ihre sehr eigene Weise

Im Vergleich zu dieser Frau war selbst Beuys Mainstream: Die provozierend strenge Konzeptkunst von Hanne Darboven wird neu entdeckt.
Zu den bekanntesten Aussagen der deutschen Künstlerin Hanne Darboven gehört der irreführende Satz, ihr Geheimnis bestehe darin, keines zu haben. Sie war aber, und das wusste sie selbst, für alle da draußen die Zurückgezogene, die Rätselhafte, die große Unerklärbare der Gegenwartskunst.
Dass sie eine Leitfigur war, wird vielleicht erst jetzt richtig deutlich, sechs Jahre nach ihrem Tod. Für eine jüngere Generation von Künstlern ist sie ohnehin wieder ein Vorbild. Auch zwei umfassende, gewichtige Ausstellungen wollen ihre Verdienste nun ins Bewusstsein rücken(*).
Hanne Darboven, geboren 1941, gestorben 2009, gelang ungeheuer viel, schon als junger Frau. Ohne sie wäre die Kunst in diesem Land konventioneller, braver geblieben, sie produzierte fast als Einzige hier echte Avantgarde.
Zuerst war sie in den Zeitschriften noch die "kühle Schöne aus dem Norden", ein Phänomen: erzielte schnell hohe Preise am Kunstmarkt, stellte schon mit Anfang dreißig erstmals auf der Documenta aus, trank Whisky. Von Journalisten wurde sie nur gefragt, ob sie nicht Familie und Kinder haben wolle.
Sie wollte als Persönlichkeit wahrgenommen werden. Zwar zeigte sie sich nur sporadisch in der Öffentlichkeit, legte sich aber ein wiedererkennbares, markenzeichenartiges Äußeres zu: das kurze Haar, die Kleidung, die immer männlicher wurde, den Zigarettenqualm um sie herum. Ihre Bekanntheit verdankt sie der Sperrigkeit ihres Werkes und der ihres Lebens – und dem Umstand, dass sich beides nicht trennen lässt.
Darboven schuf Bilder, die im traditionellen Sinn keine waren. Sie zeichnete das Papier voll mit Wellenlinien, Blatt um Blatt, notierte Zahlenfolgen, stellte seltsame Berechnungen an, leitete ebenso seltsame Ordnungssysteme ab. Andere präsentierten Gemälde, sie dagegen gerahmte Tabellen, Aktenordner und Kassenbücher. Auch schrieb sie (mit der Hand, nicht mit der Schreibmaschine) Homer oder Adorno ab oder zitierte den SPIEGEL, der überhaupt eine große Rolle für sie und ihr Werk spielte. So verwendete sie Titelblätter, auch Beiträge oder übernahm den roten SPIEGEL-Rahmen, tausendfach. Sie saß am Schreibtisch, täglich viele Stunden, und das Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, verfasste aber nichts, sondern leistete, so nannte sie es, bloße "Schreibarbeit". Im Grunde lebte sie in einer endlosen Performance. Ihr Leben wurde zur Kunst. Woher kam diese Besessenheit?
Ihre Familie gehörte zur Kaffeedynastie Darboven, ihr Vater Cäsar besaß eine eigene Rösterei, trat der NSDAP bei. Sie war ein Kriegskind, das später im Übermaß Sehnsucht nach Stabilität haben würde, und ein Kind angepasster Eltern, das sein eigenes Leben mehr als unangepasst führen würde. Dann die Nachkriegszeit, Hanne Darboven trug hübsche Kleider, wurde auf Internate geschickt, fuhr mit Vater und Schwester zu den Festspielen nach Bayreuth. Sie war aber auch kränklich, litt unter Schwindelanfällen, Absenzen, ließ sich schließlich von einem Facharzt für Epilepsie behandeln.
Später studierte sie einige Semester an der Hamburger Hochschule für bildende Künste, auch bei Almir Mavignier, einem brasilianischen Maler, der ästhetisch strikte Rasterbilder schuf. Die Stimmung unter den Studenten war aufgeladen. "Wenn du Montag morgens nach einer Stunde nicht den SPIEGEL begriffen hattest, konntest du nicht mitreden", so erinnerte sie sich später. Sie fügte das Strikte und das Aufgeladene auf ihre sehr eigene Weise zusammen.
1966 zog sie erst einmal nach New York. Sie wohnte im Hotel, dann in einem Apartment in Manhattan, das sie spartanisch einrichtete. Dort skizzierte sie abstrakte Strukturen auf Millimeterpapier, nannte sie Konstruktionszeichnungen. Schon auf der Überfahrt hatte sie damit begonnen, in kleinen Taschenkalendern aus Leder oder Kunstleder festzuhalten, was ihren Alltag ausmachte, in New York setzte sie das fort. "Brecht gelesen." – "Mutti angerufen." – "Guggenheim."
Sie besuchte viele Ausstellungen, traf auf den deutschen Künstler Heinz Mack, der die von ihr bewunderte Gruppe Zero mitbegründet hatte und der ihr jetzt sagte, ihre Sachen seien ihm sympathisch, für eine Frau seien sie ungewöhnlich. Ungewöhnlich? Sie wurde noch ungewöhnlicher: In New York entdeckte sie die Ziffern als Motiv (schnitt sogar die Börsentabellen der "New York Times" aus) und entwickelte wohl auch ihren Ehrgeiz.
Es entstand ein enger Kontakt zu US-Künstlern, die ähnlich minimalistisch arbeiteten wie sie und von denen sich viele zu Berühmtheiten entwickelten. Das waren Leute wie Carl Andre, Joseph Kosuth und vor allem Sol LeWitt, der ihre Zeichnungen bewunderte und der die Absolutheit ihrer Kunst überall anpries. Auch dem legendären, einflussreichen Galeristen Leo Castelli fiel die junge Deutsche auf, er stellte ihre Werke aus und nahm sie schließlich unter Vertrag. Das war eine Sensation und natürlich gut für ihre Karriere.
In einem neuen Buch, einer biografischen Annäherung, äußern sich Konzeptkünstler wie Carl Andre, Lawrence Wiener und Joseph Kosuth über die deutsche Kollegin(*). Da ist es wieder, das Rätselhafte, Ambivalente an ihr, denn diese Künstler beschreiben Darboven als eine Frau, die verschlossen war und doch Kontakt suchte, vor allem zur Kunstszene.
In ihren Briefen an ihre Familie schilderte sie ihr Leben so: "... dann wieder zu Max's. Carl gab dort Hummer aus. Unglaubliche Mengen. Wieder der gleiche Betrieb wie am Abend zuvor. Warhol + Trupp kam dann auch wieder zur gewohnten Zeit, ein witziger Club, ungemein opportun diese Gesellschaft. Von dort in den Country Club, schräg gegenüber der Cansas Bar. Weiteres Künstlervolk, oder besser, Masse."
New York war das Zentrum der progressiven Kunst, und Darboven war plötzlich Teil davon. 1968 schrieb sie, sie "werde akzeptiert und mehr". Das Museum of Modern Art sei sogar an ihren Arbeiten interessiert, berichtete sie nach Hause. Hätte sie in der Metropole bleiben sollen? Hätte sie dort noch mehr erreicht? Oder wäre sie dort untergegangen? Bei ihrer Mutter bestellte sie Librium nach, ein Beruhigungsmittel.
Im April 1968 starb ihr Vater, sie kehrte schließlich nach Deutschland und zu ihrer Mutter zurück, in das reetgedeckte Fachwerkhaus am Rande von Hamburg, das die Familie seit Kriegsende bewohnte. Dort lebte Hanne Darboven für den Rest ihres Lebens. Das Haus steht neben der Villa mit dem säulengeschmückten Portal, die ihre Eltern davor besessen hatten.
Im Laufe der Jahrzehnte beschriftete die Künstlerin immer neue Blätter, insgesamt Hunderttausende, vielleicht folgte sie einem echten Bedürfnis nach Monotonie ("jedes Mal, wenn ich mich ans Schreiben mache, wird alles so ruhig und so normal") – aber ihr war klar, dass sie die Kunst vorantrieb und ihr eine zusätzliche Dimension gab. Für Darboven war selbst die Kunst eines Joseph Beuys nur besserer Mainstream. Sie liebte die komplexe Literatur von James Joyce – und wurde zur deutschen Konzeptkünstlerin schlechthin. Nüchtern und irrational.
Zugleich war sie in der Lage zu echten Pointen. So verwendete sie für ihr Werk "Wende" unter anderem ein Doppelinterview aus dem SPIEGEL, das im Wahljahr 1980 mit Kanzler Helmut Schmidt und seinem Herausforderer Franz Josef Strauß geführt worden war. Beide hatten dieselben 38 Fragen beantwortet. Sie reproduzierte den Beitrag mithilfe des Offsetdrucks – schwärzte vorher aber alle Antworten von Strauß.
Dem Kunstbetrieb fällt es außerhalb von Documenta und Biennale noch immer schwer, die Triumphe der Frauen angemessen anzuerkennen. In diesem Jahr immerhin sind viele Ausstellungen Künstlerinnen gewidmet – allerdings vorwiegend solchen, die bereits tot sind. Die Amerikanerinnen Joan Mitchell (1925 bis 1992) und Agnes Martin (1912 bis 2004), beide abstrakte Malerinnen, werden zurzeit in großen Schauen in Europa verehrt, auch die Britin Barbara Hepworth (1903 bis 1975) wird in der Tate Britain in London gewürdigt und von den Kuratoren nun eine der "führenden Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts" genannt.
Hanne Darboven wurde in den letzten Jahren ihres Lebens und dann über ihren Tod hinaus zu oft als reine Exzentrikerin missverstanden, für ihre Freunde aus der Kunstszene ist sie Jahrhundertfigur und Snob zugleich. Sie war extrem und dachte groß – und so sind heute noch die größten Museumssäle im Grunde zu klein, um ihre Blattfolgen vollständig ausbreiten zu können. Kasper König, der legendäre Ausstellungsmacher, der Darboven seit ihren New Yorker Zeiten kannte und der ihre Arbeiten auch in einer seiner nächsten Schauen zeigt, sagt, ihr sei immer klar gewesen, dass ihre Kunst nicht mehrheitsfähig gewesen sei. Doch sie habe da ein ungeheures Selbstbewusstsein gehabt, ihr Werk drücke das auch aus, und es sei dabei von großer Schönheit und Klarheit.
Und plötzlich stürzt sich die Kunstwelt wieder darauf, auf ihre Strenge, ihre Reduktion, ihre hintersinnige Politisierung, ihre Radikalität, die nie vernichtend ist, sondern souverän. Es gibt ein neues Bedürfnis nach Mut, Hanne Darboven, die wohl immer wieder auch von tiefen Ängsten geplagt wurde, hatte ihn.
* Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn ab 11. September und Haus der Kunst in München ab 18. September.
* Verena Berger: "Hanne Darboven. Unbändig". Hatje Cantz Verlag, Ostfildern; 250 Seiten; 38 Euro.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 36/2015
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