29.08.2015

Selbstfindung„Warum nicht ein wenig Klavier spielen?“

Inmitten von Medienkrise und WikiLeaks-Affäre bewahrte der damalige „Guardian“-Chef Alan Rusbridger die Nerven – und lernte eine komplizierte Chopin-Ballade. Jetzt hat er ein Buch über diese Erfahrung geschrieben.
Es regnet, natürlich. Sommer in England. Rusbridger, 61, bittet in sein Wochenendhaus nahe Moreton-in-Marsh, anderthalb Zugstunden von London in den Cotswolds. Dort, in einem Holzanbau, steht der Steinway-Flügel, auf dem er die Ballade g-Moll op. 23 von Frédéric Chopin einstudierte. Ein ziemlich schwieriges Stück Musik – und dabei ist Rusbridger nicht einmal ein geübter Pianist.
20 Jahre lang leitete er als Chefredakteur den linksliberalen "Guardian", eine Ewigkeit im bissigen Londoner Journalismus. Er hatte sich zum Ziel gesetzt, die Ballade innerhalb eines Jahres zu meistern. Einen ungünstigeren Moment hätte er kaum wählen können. Die WikiLeaks-Enthüllungen standen bevor, der Arabische Frühling zog herauf, dazu führte das Blatt einen Krieg gegen Rupert Murdoch. Gleichzeitig begann im "Guardian" der gewaltige Umbau von einer gedruckten Zeitung hin zum digitalen Medienunternehmen.
Über den unmöglichen Versuch, mitten in der Hektik des unerbittlichen Nachrichtengeschäfts Chopin zu lernen, hat Rusbridger ein Buch geschrieben, das nun auf Deutsch erscheint(*). Voriges Jahr erhielt seine Redaktion den Pulitzerpreis für die Snowden-Berichterstattung, im Mai gab er seinen Job als Chefredakteur ab.
SPIEGEL: Mr Rusbridger, was ist so schwer an Chopins Ballade Nr. 1?
Rusbridger: Das Stück dauert keine zehn Minuten, enthält aber alle Probleme, die man sich auf dem Klavier vorstellen kann. Die Hände müssen artistische Kunststücke vollbringen, stellenweise sehen die Notenblätter aus, als hätte jemand Fliegen auf Papier zerquetscht. In der Mitte gibt es einen kleinen Walzer, unglaublich schnell und hart. Die Ballade gipfelt schließlich an einer monumentalen Stelle, der Coda. Das Ganze wird so teuflisch, dass es dich fast um den Verstand bringt. Ein Albtraum.
SPIEGEL: Sie übten die Ballade parallel zu Ihrem Job beim "Guardian". Mussten Sie sich zum Spielen zwingen?
Rusbridger: Es war die bis dahin hektischste Phase meines Lebens. Entweder hatte ich mir das schlechteste Jahr für das Chopin-Projekt ausgesucht oder das beste, weil mich das Spielen auf den Boden zurückholte. Es begann als Qual und endete als Refugium. Je mehr Stress ich hatte, desto mehr zog es mich ans Klavier.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Stück ausgesucht?
Rusbridger: Ich habe mit acht begonnen, Klavier zu lernen, es aber später vernachlässigt. Vor einigen Jahren fing ich wieder mit dem Unterricht an, unter anderem während eines Sommerkurses in Südfrankreich. In unserer kleinen Gruppe gab es einen Mann namens Gary, Taxifahrer aus Manchester, ungefähr mein Alter. Gary ist der Grund, warum ich dieses Projekt begann. Anfangs war er nicht besser als ich, aber irgendwann setzte er sich an den Flügel und spielte Chopins Ballade Nr. 1. Ich war verblüfft und dachte, wenn er das gelernt hat, kann ich das auch. Bis zum folgenden Sommer wollte ich es schaffen.
SPIEGEL: Sie vergleichen die Ballade mit der Besteigung des Matterhorns. Wollten Sie sich etwas beweisen?
Rusbridger: Vermutlich. Viele Freunde um die vierzig oder fünfzig ziehen sich hautenge Radsporthosen an und fahren quer durch Europa, laufen Marathon oder besuchen Malkurse. Viele Leser meines Buchs fühlen sich an eine Phase im Leben erinnert, in der sie den größten kreativen Drang spüren. Mit 18 schieben die meisten von uns diesen Drang beiseite. Man studiert, arbeitet, gründet eine Familie. Erst viel später stellen wir fest, dass sich nicht alles im Leben um Arbeit drehen kann.
SPIEGEL: Ging es darum, die Kontrolle wiederzugewinnen, die Sie im Redaktionsalltag nicht hatten?
Rusbridger: Es ging vor allem um die Frage, wie ich diese Ballade lernen kann. Die Antwort war: Disziplin. Ich musste das Stück auseinandernehmen wie ein Motorrad. Nur dann konnte ich den Aufbau begreifen, die Art, wie die Einzelteile miteinander in Verbindung stehen, die Schwierigkeiten. Dann konnte man es zusammenbauen. Vielleicht spielte auch der Wunsch nach Kontrolle eine Rolle, wer weiß. Mich kostete das jedenfalls mehr Willenskraft als bei jedem anderen Musikstück.
SPIEGEL: Sie schreiben über die Tradition der Hausmusik. Was finden Sie daran so besonders?
Rusbridger: Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts war die Grenze zwischen Profis und Amateuren durchlässiger. Es war nicht unüblich, dass der Arzt neben der Orchesterviolinistin spielte. Dann aber kamen Tonaufnahmen auf, die Anforderungen an Präzision wuchsen, und die Kluft zwischen Berufsmusikern und Amateuren wurde tiefer. Inzwischen erlebt der Amateur eine Wiedergeburt – eine interessante Parallele zu meiner Berufswelt.
SPIEGEL: Inwiefern?
Rusbridger: Journalismus wurde nie stärker infrage gestellt als heute. Viele meiner Kollegen sprechen nicht gern darüber, weil es quasi ein Naturgesetz war, dass wir Journalisten Fähigkeiten hatten, Zugänge und Autorität, die andere nicht hatten. Nun müssen wir uns fragen: Was können wir, was Amateure nicht können? Die digitale Revolution hat meinen Beruf verändert, genau wie die Welt der Musik. Die Chopin-Ballade finden Sie überall im Internet, wobei Darbietungen von Hobbymusikern manchmal mehr Zuschauer finden als die von Profis. Inzwischen bekommt ein zehnjähriges Kind aus Korea für seinen Chopin womöglich wesentlich mehr Klicks als ein berühmter Pianist wie Murray Perahia.
SPIEGEL: Finden Sie das schlimm?
Rusbridger: Nein, denn die Renaissance des Amateurs führt dazu, dass die Menschen nicht nur Musik hören, sondern auch untereinander teilen und gemeinsam genießen. Das lässt sich nicht mit der deutschen Tradition der Hausmusik vergleichen, aber für mich ist das eine positive Entwicklung.
SPIEGEL: Sie sprechen von sich selbst als Amateur, aber natürlich sind Sie ein privilegierter Amateur, der mit Condoleezza Rice über Klavierunterricht spricht, Daniel Barenboim trifft und Tipps von Alfred Brendel und Murray Perahia bekommt. Hatten Sie von Anfang an den Plan, ein Buch über Ihre Zeit mit Chopin zu schreiben?
Rusbridger: Ich habe zunächst nur Notizen gemacht, die Idee zum Buch kam später. Es entstand aus dem Gedanken, dass man das, was ich beim "Guardian" erlebt habe, mit Chopin verschränken könnte. Die Fingerübungen am Klavier wären für sich genommen begrenzt interessant gewesen.
SPIEGEL: Was haben Sie von Murray Perehia gelernt?
Rusbridger: Er hat mir die harmonische Struktur des Stücks erklärt und beschrieben, was in den Passagen passiert. Er prägte Ausdrücke wie "die Leichen erheben sich aus ihren Gräbern", eine starke Metapher für die völlige Auflösung am Ende.
SPIEGEL: Der "Guardian" hatte damals schon mehr als ein Drittel seiner Käufer verloren, die Umsätze fielen, Sie kündigten Entlassungen an. Ist es nicht schräg, dabei Chopin zu spielen?
Rusbridger: Mit dem Rückgang der Print-Auflage verdoppelte sich unser Publikum durch das Internet. Es war also nicht so, dass ich eine untergehende Institution leitete und fröhlich musizierte, während Rom in Flammen stand. Harry Evans, der legendäre Chefredakteur der "Sunday Times", schrieb Bücher über das Skifahren. David English, der Chef der "Daily Mail", ging vor der Arbeit schwimmen, andere sind leidenschaftliche Läufer. Niemand käme auf die Idee zu sagen, diese Männer sollten nicht Ski fahren, schwimmen oder laufen gehen. Wenn man so denkt, ist es nicht weit bis zur Obsession und zum Burnout. Man wird nicht zu einem besseren Chefredakteur oder Manager, wenn man mehr als 100 Prozent gibt.
SPIEGEL: Sie verhandelten damals bis spätnachts mit Julian Assange. Saßen Sie manchmal wütend im Musikzimmer?
Rusbridger: Ich neige nicht dazu, zornig zu werden.
SPIEGEL: Am Klavier?
Rusbridger: Auch sonst nicht. Die meisten Menschen nehmen mir nicht ab, dass ich in Krisen gelassen bleibe. Eines der Dinge, die mir beim Spielen auffielen, war, dass die Musik eine körperliche Wirkung auf mich hatte. Ich habe einen Neurowissenschaftler gefragt, ob das Spiel in meinem Gehirn chemische Reaktionen auslöst oder Endorphine freisetzt. Er sagte, er halte das für unwahrscheinlich.
SPIEGEL: Einmal flogen Sie nach Tripolis, um die Freilassung eines inhaftierten Mitarbeiters zu verhandeln. Zufällig stand im Hotel ein Petrof-Flügel. Es scheint, als wären Sie klaviersüchtig geworden.
Rusbridger: Das Hotel war wie ausgestorben, das Land stand kurz vor dem Krieg. Eine absurde Umgebung. Ich musste zwei Stunden totschlagen, ohne Internet, ohne funktionierendes Handy. Ich hätte ein Buch lesen können, aber warum nicht ein wenig Klavier spielen? In dieser Situation genoss ich das wirklich.
SPIEGEL: Hatten Sie Angst, dass Sie die Ballade niemals beherrschen würden?
Rusbridger: Ich war oft verzweifelt. Regelmäßig dachte ich, heute bin ich schlechter als gestern oder vor drei Monaten. Letztendlich brauchte ich 18 Monate.
SPIEGEL: Gab es ähnliche Augenblicke beim "Guardian", in denen Sie fürchteten, mit dem Umbau zu scheitern?
Rusbridger: Manchmal. Wenn ich mich umschaue, sehe ich eine ganze Menge von Chefredakteuren, die geschluckt und ausgespuckt wurden, entweder von den Besitzern der Blätter oder ihren Mitarbeitern. Ich habe Redaktionen gesehen, die in einen Bürgerkrieg abgeglitten sind, weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Mich macht es ein wenig stolz, dass wir uns beim "Guardian" radikal weiterentwickelt haben, aber doch halbwegs zusammengeblieben sind. Anfangs waren viele Leute skeptisch. Ziemlich lange sah es sehr unsicher aus.
SPIEGEL: Was war Ihre größte Sorge?
Rusbridger: Dass nicht genug Geld für Investitionen da sein würde. Journalistisch waren wir ja auf dem richtigen Weg. Wir waren uns einig darüber, dass wir offen sein wollten. Zum Glück sind unsere Finanzleute mittlerweile optimistisch, dass unsere Strategie funktioniert. Dieses Jahr rechnen wir mit 100 Millionen Pfund Einnahmen durch digitale Werbung.
SPIEGEL: Während der Snowden-Enthüllungen schickten Sie den Schriftsteller John Lanchester nach New York, der sich das Material ansehen sollte. Sind die großen Themen zu komplex für Journalisten?
Rusbridger: Wir hatten 60 000 Dokumente, sehr dichtes Material. Meine Leute suchten darin nach Geschichten und fanden sie auch. Aber es gab einen Punkt, an dem man der Öffentlichkeit begreiflich machen musste, weshalb diese Story so dermaßen wichtig ist. Man brauchte einen Intellektuellen, einen brillanten Schreiber, jemanden, der gern komplizierte Dinge anpackt. John Lanchester hatte gerade ein Buch über die Finanzkrise veröffentlicht. Er schrieb über den Überwachungsskandal in der Art, wie ich es mir erhofft hatte.
SPIEGEL: Ihre Enthüllungen führten dazu, dass Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes in die "Guardian"-Redaktion kamen und Sie zwangen, Festplatten zu zerstören. Waren Sie dabei?
Rusbridger: Wie es der Zufall wollte, fing ausgerechnet in dieser Woche mein Klavierkurs in Frankreich wieder an. Die Verhandlungen mit der britischen Regierung waren abgeschlossen, wir hatten zugestimmt, die Computer unter geheimdienstlicher Aufsicht unbrauchbar zu machen. Schließlich hatten wir Kopien in New York. Die Spione kamen an einem Samstag, zwei meiner Kollegen waren mit Bohrmaschinen und Winkelschleifern angerückt. Es gab wenig, was ich tun konnte.
SPIEGEL: Wurde Chopin wichtiger als der Job des Chefredakteurs?
Rusbridger: Es war ein dramatischer Moment, keine Frage, und im Nachhinein wäre ich gern dabei gewesen. Aber ich hatte als Chefredakteur über viele Jahre hinweg immer wieder Ferien abgesagt oder unterbrochen. Man kann natürlich jeden Urlaub durcharbeiten, Tag und Nacht. Es gibt diese Testosteronschule im Journalismus, die genau das behauptet. Aber was bringt das? Am Ende bekommt man eine Herzattacke oder wird verrückt.
SPIEGEL: Spielen Sie die Ballade noch regelmäßig?
Rusbridger: Es mag seltsam klingen, aber ich kann sie nicht mehr auswendig. Sie ist wirklich schwierig.
Interview: Christoph Scheuermann
* "Play It Again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten". Secession Verlag, Zürich; 480 Seiten; 25 Euro.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 36/2015
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