29.08.2015

SerienkritikTapetenwechsel

Ehebruch aus zwei Perspektiven: „The Affair“ zeigt den Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrnehmung.
Er erinnert sich noch genau, wie sie aussah, als sie sich zum ersten Mal begegneten. Er saß mit seiner Frau und den Kindern am Tisch, sie stand am Tresen. Wie ein Filmstar, als wäre sie nur als Kellnerin verkleidet: wallende, glänzende Hollywoodlocken, kurzer gelber Minirock, tiefer Ausschnitt. Sie lächelte, als er sein Hummerbrötchen bestellte, und für einen Moment legte sie ihre Hand auf seine Schulter. Es war nicht so, dass er es darauf angelegt hätte.
Sie erinnert sich auch, nicht weniger genau. Müde und abgekämpft kam sie sich vor, die strähnigen Haare zum Zopf zusammengebunden. Wie eine Kellnerin eben, in blassgelber Uniform, den Rock weit über den Knien. Sein Blick blieb an ihr hängen, mit seinen Rehaugen starrte er sie für einen Moment an. Natürlich hat sie nicht geflirtet. Seine Frau saß ihm ja gegenüber, die Kinder neben ihm.
Die US-amerikanische Serie "The Affair" erzählt die Geschichte eines Ehebruchs, wie er fast überall passieren könnte. Noah Solloway, 45, Lehrer und erfolgloser Schriftsteller aus Brooklyn, trifft im Sommerurlaub in den Hamptons auf Alison Bailey, Anfang dreißig, Bedienung in einem Schnellrestaurant. Sie verlieben sich, ihre Welten geraten ins Wanken.
Richtig aufregend wird das erst dadurch, dass jede Folge zwei Teile hat: seine Version der Geschichte – und ihre. Sie unterscheiden sich manchmal nur im Detail, wie bei der Marke der ersten gemeinsamen Zigarette; manchmal deutlich, wie bei der Frage, wer seine Tochter vor dem Ersticken gerettet hat (er: er; sie: sie). Keiner von beiden will den ersten Schritt zum Betrug gemacht haben, und keiner von beiden lügt. Was sie sagen, ist wahr, weil sie sich so daran erinnern. Nur dass Wahrnehmung eben nicht das Gleiche ist wie Wahrheit. Natürlich hat sie in seiner Fassung größere Brüste.
Die Idee, eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, ohne eine objektive Lösung zu präsentieren, ist nicht neu. Seit Akira Kurosawa in "Rashomon" 1950 den Tod eines Samurais aus vier unvereinbaren Blickwinkeln ausgeleuchtet hat, wird das "Rashomon-Effekt" genannt – auch weil es seitdem kaum jemand so elegant hinbekommen hat wie Kurosawa.
TV-Serien benutzen die Technik manchmal als Spielerei: von "Emergency Room" über "Akte X" bis zu "Grey's Anatomy"
hatten sie fast alle ihre "Rashomon"-Folge. Doch noch nie hat
eine Serie das Konzept so kompromisslos verfolgt wie "The Affair", über alle zehn Folgen der ersten Staffel hinweg, beide Sichtweisen gleichberechtigt, ohne sich für eine Wahrheit zu entscheiden.
Nach der Hälfte der Folge ein Stück zurückzuspulen, um wieder neu anzufangen, bedeutet ein geradezu revolutionär gedrosseltes Tempo, aber genau darin liegt der Reiz von "The Affair": Es macht Spaß, sich in den Details zu verlieren; die kleinen und die großen Unterschiede aufzuspüren, zu vergleichen, abzuwägen – sich eine eigene Wahrheit zu bauen.
Es gibt auch einen rätselhaften Todesfall, in den beide offenbar verstrickt sind, aber das ist der uninteressantere Teil von "The Affair" – als ob man hinter der glitzernden Fassade eines Mystery-Thrillers verschleiern wollte, dass das Publikum in Wirklichkeit in einer komplexen Charakterstudie gelandet ist, die keine Angst vor philosophischen Fragen hat.
Niemand kann Autor seiner eigenen Lebensgeschichte sein, schrieb Hannah Arendt, erst die Wahrnehmung der anderen ergibt, was passiert ist. Noah und Alison versuchen es trotzdem und geben damit immer mehr von sich preis. Als sie in der vierten Folge endlich zusammen im Bett landen, ist es für ihn die reine Erlösung im gemütlichen, sanft belichteten Hotelzimmer. In ihrer Version hat die Tapete plötzlich ein bräunliches Chaosmuster, und das Zimmer ist finster – fast wie ein Verlies.
Dass "The Affair" so gut funktioniert, liegt auch an den beiden Hauptdarstellern Dominic West ("The Wire") und Ruth Wilson, die das Selbstbild ihrer Charaktere genauso glaubhaft verkörpern wie das Bild, das Alison und Noah voneinander haben – wobei sich alle Wahrnehmungen immer wieder verschieben. Beide sehen sich erst als zerbrechliche, sensible Seelen, leichte Beute für den jeweils anderen. Ist sie für ihn am Anfang noch die selbstbewusste Verführerin, ist er aus ihrer Sicht der weltgewandte Playboy. Doch je länger sie sich kennen, desto mehr bröckelt das Selbstbild als Opfer, desto mehr verklären sie sich jeweils zum Retter des anderen.
In den späteren Folgen nimmt der Mystery-Plot mehr Raum ein, und das Tempo zieht an, beides tut der Geschichte nicht gut. Trotzdem gehört "The Affair" zum Besten in der zunehmend unübersichtlichen Schwemme amerikanischer Edelserien.
Aber das ist nur eine Sicht der Dinge.
In Deutschland bei Amazon Prime.
Von Daniel Sander

DER SPIEGEL 36/2015
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