05.09.2015

MauerfallKrenz überschätzt

Die Kreml-Führung um Michail Gorbatschow hat den Mauerfall vom 9. November 1989 seinerzeit öffentlich begrüßt – wie die Sowjets intern die Lage sahen, ist weitgehend unbekannt. Nun liegt ein Tagebucheintrag des engsten Mitarbeiters von Moskaus damaligem Außenminister Eduard Schewardnadse vor. Demzufolge glaubten die Sowjets, SED-Chef Egon Krenz habe die Mauer geöffnet. Schewardnadses Mitarbeiter notierte am 12. November: "Die Fernsehbilder: Menschen, die rittlings auf der Mauer sitzen und Champagner trinken. Unglaublich glückliche Gesichter ... Egon Krenz hat den Beschluss gefasst, die Übergangsstellen zu öffnen und die Verbote, in den Westen zu fahren, aufzuheben – frei, unerwartet und unabhängig von uns ..." Die Version, Krenz habe die Mauer geöffnet, hatte er selbst schon am 10. November verbreitet. Auch westliche Beobachter glaubten daran. In Wirklichkeit hatten Offiziere Grenzübergänge eigenständig geöffnet, weil der Ansturm von Demonstranten zu groß wurde. Krenz war darüber verärgert. Kurz vor dem Mauerfall hatte er laut einem Vermerk Gorbatschow angekündigt, sollte es Versuche geben, "nach Westberlin durchzubrechen", würde er "den Ausnahmezustand verhängen", also Gewalt einsetzen. Der Tagebucheintrag findet sich in einer Aktenedition, die ein Wissenschaftlerteam um Stefan Karner veröffentlicht ("Der Kreml und die deutsche Wiedervereinigung 1990". Metropol Verlag).
Von Klw,

DER SPIEGEL 37/2015
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