05.09.2015

BrandstifterFeuer im Kinderzimmer

Ein Mann hat den Anschlag auf eine Flüchtlingswohnung in Niedersachsen gestanden. Auch ein Feuerwehrmann war dabei.
Die Nacht des Brandanschlags von Salzhemmendorf, den eine Mutter und ihre drei Kinder nur mit Glück überleben sollten, begann in einer Garage. Eine laue Sommernacht im Weserbergland, zwei Männer und eine Frau saßen beisammen.
Auf YouTube hörten sie Lieder zum Mitgrölen, von "Sturmwehr", "Nordfront", "Kategorie C", alles rechte Szenebands. Die beiden Männer tranken ein Bier, noch eins und noch eins, dann fast zwei Flaschen Weinbrand. So viel Alkohol sei es gewesen, wird einer der beiden, Dennis L., später aussagen. Und dass sie irgendwann eine Flasche mit Sägespänen und Benzin gefüllt hätten. Schon war der Molotowcocktail fertig.
Er landete, am 28. August um kurz nach zwei Uhr, in einer Wohnung in Salzhemmendorf. Hier waren Flüchtlinge untergebracht: eine Frau aus Simbabwe und ihre drei Kinder, vier, acht und elf Jahre alt. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt.
Anschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte gab es zuletzt häufig, doch in Salzhemmendorf flog der Brandsatz nicht in ein leeres Haus. Hier lebten Menschen – wie Anfang der Neunzigerjahre in Mölln und Solingen, wo der Fremdenhass zu acht Toten geführt hatte. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sprach von den "schwerwiegendsten Vorgängen, die wir in Niedersachsen in den letzten Jahren erlebt haben". Nur knapp seien Menschen dem Tod oder schweren Verletzungen entgangen.
Die mutmaßlichen Täter sind verhaftet, die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt wegen versuchten Mordes und schwerer Brandstiftung gegen die drei: Dennis L., der nach eigenen Angaben den Brandsatz schleuderte; Sascha D., der bei der freiwilligen Feuerwehr war und den Brand löschen half; und Saskia B., Mutter zweier Kinder, die das Auto gefahren haben soll.
Die 23-Jährige hat angeblich in der Garage keinen Alkohol getrunken. Sie fuhr die Männer die vier Kilometer ins Dorf, hinunter zu der alten Schule, in der 31 Flüchtlinge und 9 Deutsche lebten.
Dennis L., ein bulliger 30-Jähriger mit Glatze, hat ausgesagt, was dann passiert sein soll. Demnach hielt Saskia B. unweit des Tatorts. Er selbst sei ausgestiegen und mit dem Molotowcocktail hinüber zur Schule gegangen.
Er will noch eine Warnung gehört haben, von wem, wisse er nicht: nicht in das linke Fenster zu werfen, da sei ein Schlafzimmer. Dann, so gestand er, schleuderte er den Brandsatz auf das Haus. Der flog durch das rechte Fenster in die Erdgeschosswohnung. Ein Kinderzimmer, in dieser Nacht war es zufälligerweise leer; Sohn und Töchter schliefen nebenan bei ihrer Mutter. Er habe noch gesehen, wie das Feuer hinter der zerbrochenen Scheibe aufloderte, so L. Dann sei er zum Auto gerannt – nichts wie weg.
Um 2.08 Uhr schlug die Feuerwehr Alarm. Als wäre nichts geschehen, ließ sich Sascha D., 24, nach der Tat an der Wache absetzen. Er ist Feuerwehrmann. D. zog seine Uniform an und fuhr mit dem Löschfahrzeug zurück zum Tatort. Er stand vor der Schule, während ein anderer Trupp in die Wohnung ging, die Familie durch ein Fenster rettete und das Feuer löschte, das ihr Kamerad mit gelegt hatte.
D. gilt im Ort nicht als der Schlaueste, die Hauptschule beendete er ohne Abschluss. In einer Einrichtung für arbeitslose Jugendliche holte er diesen später nach. Zuletzt versuchte der junge Vater als Hilfsarbeiter in einer Fabrik in Hameln unterzukommen, flog aber noch in der Probezeit raus.
In seiner Polizeiakte stehen Verfahren wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung sowie "politisch motivierte Einzeltaten". Vor rund fünf Jahren zog Sascha D. los, zündete Altpapiercontainer an – und durfte später trotzdem wieder bei der freiwilligen Feuerwehr mitmachen. Ein anderes Mal wurde er angezeigt, weil er den Arm zum Hitlergruß gehoben haben soll. D. ist offenbar eine Art Feierabend-Radikaler, mit einer strammen rechten Überzeugung, aber ohne feste Anbindung an die Neonaziszene.
Das gilt nach bisherigem Stand auch für Dennis L. In seiner Freizeit geht er gern Karpfen fischen oder düst mit dem Quad herum. Angelfreunde beschreiben ihn als umgänglichen Kerl, sein Chef in einer Firma für Gummilager nennt ihn "fleißig, zupackend, höflich". In Salzhemmendorf hat er allerdings den Ruf, aggressiv zu werden, wenn Alkohol im Spiel ist. Auch fremdenfeindliche und antisemitische Sprüche wollen einige von ihm schon gehört haben.
Im Internet offenbarten die beiden mutmaßlichen Brandstifter ihre Vorliebe für Rechtsrock – und denselben zweifelhaften Humor. Auf Facebook postete Dennis L. in Anspielung auf Auschwitz: "Für manche Menschen hätte eine Dusche aufbleiben sollen!!" Sascha D. fand das wohl witzig, seine Antwort: "Hehe".
Mit rechtsextrem motivierten Straftaten ist Dennis L. bislang nicht aufgefallen. Das gilt auch für die Dritte im Bunde, Saskia B. Sie provozierte gern im Internet. "Leg mir Steine in den Weg", postete sie in ihrem Profil, "und ich schwör dir, ich werf sie dir in die Fresse." Zu Hause, in einer kleinen Wohnung an der Einkaufsstraße in Springe, herrscht dagegen heile Welt: Engelsflügel aus Pappe baumeln an der dunkelbraunen Eingangstür. Niemand im Haus kennt die Mutter zweier Kinder näher. Sie sei erst vor Kurzem eingezogen, sagt eine Nachbarin, "netter, unauffälliger Typ".
Ist das der Typ Ausländerfeind, der nachts Molotowcocktails auf Flüchtlingsfamilien wirft? Ist die Stimmung in Deutschland derart aufgeheizt, dass Freizeitfaschos zu Tätern werden?
In Salzhemmendorf verhinderte der Zufall Schlimmeres: Die Glasflasche zersplitterte beim Aufprall nicht, sodass der Molotowcocktail nicht seine volle Wirkung entfalten konnte.
Die Familie aus Simbabwe wohnt nun im Gästezimmer eines Lokalpolitikers der Grünen, Psychologen betreuen sie. Vor allem die Mutter sei traumatisiert, heißt es in ihrem Umfeld, der Anschlag habe alte Wunden aufgerissen: Sie soll in ihrer früheren Heimat mitangesehen haben, wie ihr Mann erschossen wurde.
Zu seinen Motiven äußerte sich Dennis L. in seiner Vernehmung nicht. Dass das alles nicht ganz ohne sei, wisse er auch, der ganze Vorfall sei scheiße gewesen. Dann konfrontierte die Staatsanwältin ihn mit einem Satz, den er gesagt haben soll: Er werde richtig feiern, wenn der Neger brenne. Stimmt das? Er bestreitet das.
Zum Zeitpunkt der Tat sei ihm nicht bewusst gewesen, dass durch einen Molotowcocktail Menschen sterben könnten, weil er betrunken gewesen sei. Nur so viel: Ihm tue das Ganze aufrichtig leid.
Roman von Alvensleben, der L. als Pflichtverteidiger vertritt, wollte sich auf Anfrage nicht zum Geständnis seines Mandanten äußern. "Ich halte das für eine Spontantat unter erheblichem Alkoholeinfluss", sagt er. Dennis L., der ein geregeltes Leben geführt habe, bereue den Brandanschlag "zutiefst". Alvensleben legt Wert auf die Feststellung, dass er das Mandat nicht aus politischer Überzeugung übernommen habe, sondern "aus Staatsräson".
In Salzhemmendorf gingen am Tag nach der Tat 2000 Menschen auf die Straße. Viele Bürger spendeten für die Familie aus Simbabwe und helfen nun, eine neue Wohnung für sie einzurichten. In wenigen Tagen sollen die Mutter und ihre drei Kinder dort einziehen.
Von Hubert Gude und Wolf Wiedmann-Schmidt

DER SPIEGEL 37/2015
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