05.09.2015

EssayWir Kanaken

Ist Deutschland ein ausländerfreundliches Land geworden? Von Juan Moreno
Ich mache das hier schon seit fast 20 Jahren. Immer und immer wieder. Ich, andalusischer Gastarbeitersohn mit journalistischer Aufstiegsbiografie, schreibe einen Text über Zuwanderung. Ich erkläre Deutschen, wie es ist, seit vielen Jahren in diesem schönen, seltsamen Land zu leben, wenn man keinen deutschen Pass hat. Vor allem: wie sich das anfühlt.
Wenn beispielsweise die CSU, wie Weihnachten 2013, direkt vom besinnlichen Choral im Herrgottswinkel auf Rustikalhetze gegen Ausländer schwenkt und im winterlichen Wildbad Kreuth den Kampfslogan für die nächste Bayernwahl präsentiert – "Wer betrügt, der fliegt" –, denkt immer jemand: Wie geht es eigentlich Ausländern damit? Man ruft mich an. Ich schreibe.
Man ruft mich an, weil ich gewissermaßen biografische Kompetenz besitze. Meine Eltern kamen als Gastarbeiter in den Siebzigern, und objektiv betrachtet sind sie ein monströses Beispiel gescheiterter Integration. Sie haben jahrzehntelang in einer Reifenfabrik am Band gestanden, und bis heute können weder mein Vater noch meine Mutter diese Zeilen hier lesen. Sie sprechen beide eher gebrochen Deutsch. Sie hatten nie deutsche Freunde oder Bekannte, und als irgendwann der Vermieter ihnen erlaubte, eine Satellitenschüssel aufs Dach zu montieren, schauten sie fast ausschließlich spanisches Fernsehen. Allerdings lassen beide bis heute kein böses Wort auf das Land kommen, das nie ihre Heimat wurde: Deutschland.
Ich kann mich erinnern, dass der empörte Vater meiner ersten Liebe, ein Metzger aus dem Ort, bei uns anrief. Ich war damals neun. Er schrie ins Telefon: "Dein Sohn nix sehen meine Tochter, sonst Polizei, sonst zurück nach España." Ich kann mich daran erinnern, dass mein Bruder und ich von einer Polizeistreife mit den Worten angehalten wurden: "Und, wo haben die beiden Kanaken denn solche Fahrräder her?" Ich kann mich daran erinnern, dass der Sparkassen-Typ meinen Vater grundsätzlich duzte, obwohl er alle anderen Kunden siezte. Ich kann mich daran erinnern, dass ein Lehrer mir mal nach einer Deutscharbeit sagte: "Seit dem Untergang der Armada ist mit euch Spaniern auch nichts mehr los."
Für meine Eltern waren das nie "die Deutschen", es waren Menschen. Und solche Menschen gab es überall. In Deutschland nicht mehr als in Spanien. Es waren Einzelfälle. Und als ich älter wurde und ihnen sagte, dass es doch verdammt viele "Einzelfälle" waren, erklärten sie mir, dass weder ich noch meine beiden Brüder jemals studiert hätten, wenn wir in unserem andalusischen Dorf geblieben wären. Dass "die Deutschen" ihnen zu einer Zeit Arbeit gegeben hätten, als Spanien seine Leute nicht ernähren konnte. Meine Eltern empfanden und empfinden bis heute für dieses Land, in das sie sich nie integriert haben, nur eines: Dankbarkeit. Und außerdem werde es besser, sagte mir mein Vater kürzlich. In den Siebzigern und Achtzigern sei es noch viel schlimmer gewesen. Die Deutschen seien netter geworden, weniger ausländerfeindlich.
Genau diese Frage würde ich gern mit diesem Text klären. Ist es heute besser? Haben meine Eltern recht? Sind die Deutschen heute weniger ausländerfeindlich als früher? Haben sich Dinge in den letzten 20 Jahren geändert?
Deutschland ist ein anderes Land geworden, das stimmt wohl. Schwuler Hauptstadtbürgermeister, geschiedene, kinderlose Kanzlerin, fremdgehender Ministerpräsident. Alles geht. 60-Jährige sind tätowiert, sie hören bessere Musik als ihr Nachwuchs, und die krasseren Baggy-Jeans tragen sie auch. Das Land ist nicht wiederzuerkennen. Die Sechziger, die Toskana-Fraktion, die WM 2006, alle rieben sich so lange an Deutschland, bis es locker, spritzig, lustig und was weiß ich noch alles wurde. Es gibt jetzt diesen fröhlichen Event-Patriotismus, der sich alle zwei Jahre zu EM und WM, nicht weit von meiner Wohnung, auf der Straße des 17. Juni trifft und besinnungslos besäuft. Von ihm geht keine Gefahr für niemanden aus. Er trägt schwarz-rot-goldene Perücken.
Aber wenn das so ist, wenn alles so leicht und aufgeklärt ist, warum gab es dann 200 Übergriffe auf Flüchtlingsheime schon in der ersten Jahreshälfte? Wie passen die Keifer in Freital in das neue Deutschland?
Ich fuhr nach Düsseldorf, um mich mit dem Mann zu treffen, der für mich die Veränderung, von der meine Eltern sprechen, personifiziert. Es war ein schwüler Sommertag mitten in der Urlaubszeit, und Armin Laschet, stellvertretender CDU-Vorsitzender, empfing mich rauchend auf einer Terrasse im Düsseldorfer Landtag. Er war gut gelaunt, hatte den obersten Hemdknopf geöffnet und erklärte mir zunächst, wie schön der Rhein sei. Er ist Oppositionsführer in NRW.
Ich besuchte Laschet, weil er für mich ein Symbol ist. Laschet war von 2005 bis 2010 der erste Integrationsminister Deutschlands. Bis dahin gab es nur Ausländerbeauftragte. Ausländerbeauftragte hatten kaum Personal, keinen Etat und absolut nichts zu melden. Im Gegenzug wurde geduldet, dass sie sich als Stimme der Migranten-Apo inszenierten. Die Liberale Liselotte Funcke wurde "die Mutter der Türken" genannt. Von 1981 bis 1991 war sie im Amt. Nachfolgerin Cornelia Schmalz-Jacobsen, ebenfalls FDP, hatte den Job sieben Jahre lang. Es gab nicht ein einziges offizielles Gespräch mit Kanzler Kohl.
Folglich nahm fast niemand diese sehr bemühten Menschen ernst. Die Ausländer nicht, weil sie wussten, dass sie nichts verändern würden. Die Deutschen nicht, weil kaum jemand wusste, warum es sie gab.
Dann kam Laschet. Kein Linker, kein Grüner, kein Utopist, kein Multikulti. Ein CDU-Mann und Minister. Dafür Sätze, die man von einem Unionspolitiker nicht kannte: "Es darf keinen Unterschied machen, ob jemand Öztürk oder Schmidt heißt." Oder: "In diesem Land fahren Feststoffphysiker Taxi." Oder, mit dem Verweis auf eine Untersuchung des Handwerks: "Der Meister der Zukunft ist Türke."
Laschet war unser Mann. Rot-Grün unter Schröder hatte schon einiges verändert, ein neues Staatsbürgerschaftsrecht, ein Bekenntnis zur Integration, die Dinge kamen in Bewegung.
Als Zuwanderer freute ich mich. Die Bauern verteidigte der Agrarminister, die Konzerne der Wirtschaftsminister, mich verteidigte Laschet. Ein konservativer Unions-Katholik aus Aachen, der sich für Südländer, Sinti und Muslime einsetzte.
Nur in NRW, aber immerhin. Er war der Beweis, dass Veränderung möglich war – sogar in der Helmut-Kohl-Partei.
Kohl hatte in seiner Regierungserklärung 1991 klargestellt, es ist kaum mehr zu glauben: "Deutschland ist kein Einwanderungsland." Nach dem Brandanschlag im Mai 1993 in Solingen, bei dem das Ehepaar Mevlüde und Durmuş Genç zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verlor, brachte er die Formulierung "Mein Beileid" nicht über die Lippen. Als wäre das ein Schuldeingeständnis. Er schuf das Wort "Beileidstourismus" und ging nicht zur Beerdigung.
Armin Laschet fuhr ans Grab in die Türkei und ließ eine kleine Gedenkmauer errichten. Eine Geste, aber was anderes kann man für Eltern tun, deren Kinder von Ausländerhassern angezündet wurden?
Wer konnte also besser über Veränderungen in diesem Land sprechen als Laschet, der in meinen Augen eine ganze Volkspartei auf den Kopf gestellt hatte? Von seiner Terrasse ging Laschet mit mir ins Besprechungszimmer und setzte sich an den runden Tisch. Migration ist sein Thema. Der "Türken-Armin" eben, wie sie in der Union noch immer sagen. Laschet kennt die Zahlen, er kann sie runterbeten. 16,5 Millionen haben Migrationshintergrund in Deutschland, 9,7 Millionen davon sind Deutsche. 4 Millionen Muslime, die Hälfte deutsche Staatsbürger. 96,6 Prozent der Migranten leben in den alten Bundesländern und in Berlin, 3,4 Prozent, also rund 570 000, in den neuen Ländern.
Ich fragte ihn nach den brennenden Flüchtlingsheimen, der aufgeheizten Stimmung in Freital, Heidenau war vor ein paar Wochen noch kein Markenname, nach der immer größeren Zahl von Flüchtlingen, die kommen. Laschet schien gelassen: "Mich erinnert das alles an die Situation vor 20 Jahren. Da war die Lage in Deutschland ganz ähnlich. Damals tobte der Krieg auf dem Balkan, und immer mehr Menschen kamen zu uns." Und auch diese Zeit habe man gemeistert.
Für mich war es eine schlimme Zeit. Nicht nur wegen der Wirtschaftskrise, die auch meine Familie traf. Mein Vater wurde auf "Kurzarbeit null" gesetzt. Kurzarbeit null war ein Begriff, der nach einem ordentlichen Kompromiss klang, bedeutete aber in Wirklichkeit, dass man gar nicht arbeitete, auch nicht kurz. In Berlin verloren mehr als ein Drittel der ausländischen Beschäftigten zwischen 1993 und 2003 ihre Stelle. Sie konkurrierten mit den vielen aus dem Osten, denen es tatsächlich noch schlechter ging als ihnen. Einige spanische Freunde meines Vaters wurden entlassen und gingen nach 20 Jahren zurück nach Spanien, wo sie nie wieder eine Stelle fanden. Wie gesagt, ein beschissene Zeit.
Hinzu kam, dass kaum einer von uns Migranten Hoyerswerda 1991, Mölln 1992, den Pogrom in Rostock-Lichtenhagen im selben Jahr vergessen hatte. Die Stimmung in den Medien war geladen – und gespalten. Die einen schrien: "Kein Mensch ist illegal!" Die anderen: "Das Boot ist voll!" Die Bootsleute gewannen. Das Asylrecht wurde massiv eingeschränkt. Bis heute entspricht es nicht der Genfer Flüchtlingskonvention. Statt Ruhe kam Solingen. Erst als die Flüchtlingszahlen zurückgingen, entspannte sich alles ein wenig. Mein Vater überlegte erstmals, Deutschland zu verlassen.
Ich glaube, dass die Deutschen nie verstanden haben, was diese Zeit mit vielen Türken, Italienern, Spaniern, Arabern hier gemacht hat. So gut wie jeder Einwanderer wusste damals und weiß auch heute, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen Ausländer nicht hasst und Gewalt gegen sie ablehnt. So wie viele Deutsche wissen, dass die allermeisten Muslime gewaltbereite Hassprediger für Verbrecher halten. Oder den IS in Syrien für eine Bande von Mördern.
Man weiß das. Dennoch bleiben am Ende ein ungutes Gefühl und die Überzeugung, dass der "Islam nicht zu Deutschland gehört", obwohl er seit 40 Jahren da ist. Und auf der anderen Seite wehen auf Kreuzberger Balkonen Halbmondflaggen, und Leute, die nie in der Türkei, sondern immer in Gelsenkirchen gelebt haben, pfeifen Mesut Özil aus, weil er für Deutschland spielt.
Was denkt Laschet also? Ist es jetzt besser?
Armin Laschet also saß auf seiner Terrasse, blinzelte in die Sonne und begann einen Vortrag, der klang wie eine schöne rheinische Melodie. Im Singsang seiner Sprache wird das Schwere ganz von selbst leicht, was ein unschätzbarer Vorteil für einen Politiker ist. Laschet sagte, zusammengefasst: Die Asylbewerber vom Balkan müssen nur eigene Heime bekommen und schneller abgeschoben werden. Um die anderen muss man sich kümmern. Syrien wird zur Ruhe kommen, die Menschen werden wieder gehen, und am Ende bleibt der Eindruck, dass Deutschland da war, als Syriens Volk Hilfe brauchte. So ungefähr.
Laschet schlägt deswegen auch vor, deutlich mehr Länder zu sicheren Drittstaaten zu erklären. Außerdem möchte er die CSU davon überzeugen, dass Deutschland ein neues Einwanderungsgesetz braucht. Bei der CDU, die anfangs nicht wollte, hat er es schon geschafft. Das Ziel seien ja nicht einfach mehr Einwanderer, sondern bessere.
"Da finden wir einen Kompromiss mit Bayern. Und den Menschen hier kann ich das auch viel besser erklären als früher. Da hat sich viel getan", sagt Laschet. Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Rentenloch. Der Dreiklang des Horrors. Entweder das oder Einwanderung. Das würden auch seine konservativsten Ortsverbände im Sauerland verstehen. Laschet ist sich sicher, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz bekommen wird. Dann müssen Flüchtlinge vom Balkan nicht Asyl beantragen, wenn sie eigentlich hier nach einer Stelle suchen. Das müsse sich ändern. Man müsse aber auch die Menschen in Deutschland verstehen. Menschen hätten Ängste.
Da hat Laschet natürlich recht. Ängste sind menschlich. Das Gefühl "Es sind zu viele" ist international und alt. Ende des 19. Jahrhunderts kamen massenweise Polen. Das Resultat: massive Überfremdungsangst. Die Sorge lautete damals, dass viel zu viele Katholiken kämen. Oder 1945: Über zwölf Millionen deutschstämmige Vertriebene aus den Ostgebieten mussten in Restdeutschland aufgenommen werden. Ende 1947 lag der Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung in der sowjetischen Besatzungszone – später DDR – bei 24,3 Prozent. Daran denke ich manchmal, wenn ich ältere "besorgte Bürger" aus den neuen Bundesländern im Fernsehen höre. Ich nehme ihnen sogar ab, dass sie Angst haben. Aufrichtige Angst. Aber so leid es mir tut: Ein Rassist, der aus wahrhaft empfundener Angst Rassist ist, bleibt ein Rassist.
Ich verlasse Düsseldorf mit Laschets Melodie im Ohr. "Es wird besser", sagte er. Es habe gedauert, aber er sehe das Land auf einem guten Weg.
Ist es das? Armin Laschet hat mich mit einer Agenda eingeschläfert, gegen die nichts zu sagen ist, aber eine Antwort auf meine Frage, ob dieses Land in den letzten 20 Jahren ausländerfreundlicher geworden ist, kann nicht mal mein Politheld geben. Ich bin einfach zu oft angerufen worden in den vergangenen Jahren, um den Auftrag zu erhalten, über dieses Thema zu schreiben. Jedes Mal wurde das Kernproblem, nämlich der unausgesprochene Satz "Wir wollen euch hier nicht", in andere Begriffe verpackt: Asylkompromiss, Leitkultur, Ehrenmord, Armutszuwanderung, Minarettverbot, durchrasste Gesellschaft, Deutschfeindlichkeit, Multikulti, Asylmissbrauch, Integrationsverweigerer, Flüchtlingsschwemme, Kinder statt Inder, Kopftuchstreit, Überfremdung, Unterschriftenaktion, Sarrazin, Rütli-Schule, Neukölln, Pegida. Begleitet wurden diese Begriffe meist von politischer Planierraupenrhetorik. Mal wurde uns mitgeteilt, dass es für eine Einbürgerung mehr brauche als "die Kenntnis des Wortes Sozialhilfe". Dann hieß es, wir sollten in der eigenen Wohnung Deutsch sprechen, was ich mit meiner Tochter beispielsweise nie tue. Dann sollten potenziell kriminelle Ausländer in Sicherungshaft kommen, auch wenn nichts gegen sie vorlag. Von einem Intelligenztest für Migranten war die Rede, von Zwangsumsiedlung bei Gettobildung, von Deutschzwang beim Predigen, von Abschiebung, wenn der Deutschtest nicht bestanden wurde, von der grundsätzlichen Kürzung der Sozialleistungen für Nichtdeutsche.
Wie gesagt, es ist verführerisch, was Laschet sagt. Am Ende würde es bedeuten, dass die AfD, Pegida, Freital, Frau Petri, dass all das nur noch Rückzugsgefechte sind. Dass es bald ausgestanden ist. Wenn es immer besser wird, ist es irgendwann gut. Letzte Zuckungen wären das also, die nur noch Staunen bei unseren Enkeln hervorrufen. So, wie ich heute darüber staune, dass früher Frauen nicht wählen sollten. Oder dass Homosexualität strafbar war. Oder dass man Kinder mit dem Gürtel erzog. Vielleicht glauben wir irgendwann wirklich, dass auch ein Mohammed al-Fatih einen guten deutschen Kanzler abgeben könnte.
Ich fahre also weiter, nach Leipzig, zur nächsten Ausländerinstanz. Oliver Decker ist Psychologe, Soziologe und Philosoph. Er hat promoviert und sich habilitiert und beschäftigt sich seit 13 Jahren mit dem Thema Rechtsextremismus und Ausländerfeindlichkeit. Voriges Jahr erschien eine Studie von ihm. Sie wurde in der Presse rauf- und runterzitiert. Inhalt: Die Deutschen sind weniger ausländerfeindlich. Vor 13 Jahren hatten noch 9,7 Prozent der Deutschen ein rechtsextremes Weltbild, derzeit sind es 5,4. Antisemitismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus, Befürwortung der Diktatur – all das, schrieb Decker, gehe zurück. Das schien die Antwort auf meine Frage. Exakt beantwortet bis auf eine Nachkommastelle.
Decker ist ein ruhiger Mann mit der Neigung, recht lange und komplizierte Sätze zu sagen. Ich treffe ihn in einem Café nicht weit von der Uni Leipzig, wo er arbeitet. Wir bestellen etwas zu essen, aber bevor das Essen kommt, macht Decker mir klar, dass Laschet danebenliegt. "Es liegt nur eine scheinbare Abnahme der Ausländerfeindlichkeit vor", sagt Decker, denn die Ablehnung bestimmter Gruppen habe stark zugenommen. Sinti und Roma und Muslime. Sie würden deutlich stärker abgelehnt als früher.
Laut Decker gibt es für viele Deutsche zwei Arten von Zuwanderern. Nützliche und nutzlose. "Die Italiener haben uns die Küche gebracht, die dürfen bleiben", sagt Decker mit ironischer Bitterkeit. Amerikaner, Briten, Franzosen, Spanier integrieren sich gut, finden Arbeit, zahlen Steuern. Glaubt man aber, dass uns Zuzügler nichts bringen, werden sie so stark abgelehnt wie noch nie. Nützlichkeitsrassismus hat das jemand mal genannt.
Decker sagt, dass sich Deutsche stark über die heimische Wirtschaft definieren. "Selbst mag man ein armer Schlucker sein, aber man ist stolz, dass uns die Welt für unsere Wirtschaftsleistung beneidet. Ist dies durch Einwanderer gefährdet, sinkt die Akzeptanz."
Ist sie also ein großes Missverständnis, die neue deutsche Lockerheit in Ausländerfragen?
Decker lächelt. "Deutschland erlebt gerade eine ökonomische Schönwetterperiode, die zu einer Abnahme der Ausländerfeindlichkeit geführt hat. Mich würden die Untersuchungen in ein paar Jahren interessieren."
Abschied von Decker. Und nun?
Ich kann nicht sagen, ob meine Eltern recht haben. Ob der Politiker Laschet richtigliegt oder der Soziologe Decker. Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich so lange über dieses Thema nach, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass es irgendwann nicht mehr da ist. Dass es wirklich keine Rolle spielt, woher jemand kommt. Dass ein deutscher Vermieter nicht sofort auflegt, wenn jemand mit türkischem Namen anruft.
Vielleicht erleben wir gerade einen großen Moment. Die Geburt eines wirklich neuen Deutschlands. Eines Landes, das nicht nur bunte Perücken aufsetzt, sondern sein Herz öffnet. Womöglich zeigt dieses Land gerade das Herz und die Größe, von denen meine Eltern so lange sprachen und die ich, ehrlich gesagt, so nie gesehen habe. Ich wünsche mir das. Ich möchte, dass die 200 Anschläge nicht mein Bild bestimmen. Ich möchte aber auch nicht, dass wir so tun, als wäre alles in bester Ordnung, nur weil jetzt Flüchtlinge in München mit Brezeln begrüßt werden.
Solange ich denken kann, hatte ich immer das Gefühl, die Mehrheit der Deutschen will eigentlich nicht, dass man als Ausländer hier ist. Gerade ändert sich das. Ob das für immer ist, weiß ich nicht. Ob das nur daran liegt, dass es Deutschland gerade so gut geht wie kaum einem anderen Land auf diesem Planeten – und die Menschen darum so entspannt sind? Ich weiß es nicht.
Was mir wirklich Hoffnung gibt, ist eine einzige Zahl: Über 30 Prozent der heute unter 15-Jährigen haben Migrationshintergrund. Wenn die in 20 Jahren heiraten, ist es theoretisch möglich, dass gut die Hälfte der hier lebenden Menschen keine sogenannten Bio-Deutschen sind. Das – und nur das – lässt mich glauben, dass meine Eltern am Ende doch recht behalten könnten. ■
"Kein Mensch ist illegal", schrien welche, "das Boot ist voll" andere. Die Bootsleute gewannen.
Es ist nicht alles in Ordnung, nur weil Flüchtlinge in München jetzt mit Brezeln begrüßt werden.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 37/2015
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