05.09.2015

Medien„Auch ein Klose hat Gefühle“

Mehmet Scholl, 44, erklärt mit Leidenschaft im Fernsehen das Fußballspiel. Trotzdem wäre er gern Trainer. Auch weil er meint, dass vieles falsch läuft im Profigeschäft.
SPIEGEL: Herr Scholl, Sie haben Ihren Vertrag bei der ARD gerade verlängert. Fühlen Sie sich wohl als Deutschlands oberster Fußballerklärer?
Scholl: In der Rolle sehe ich mich gar nicht. Ich äußere am Mikrofon meine Meinung über das, was ich sehe. Wenn die Menschen das nachvollziehen können, freut es mich. Wenn sie es anders sehen, kann ich es auch nicht ändern. Ich nehme mir nicht das Recht auf Unfehlbarkeit heraus. Ich möchte niemanden nerven.
SPIEGEL: Meiden Sie deshalb Talkshows und Fernsehstammtische? Bei Facebook gibt es Sie ebenso wenig wie bei Twitter.
Scholl: Zu viel Präsenz langweilt. Die Fernsehwelt ist ein Ausflug für mich. Ich schaue mir ein Spiel an, sage etwas dazu – dann bin ich auch schon wieder weg. Meine Chefs bei der ARD lassen mich machen, ich bekomme keine Redaktionskonferenzen mit, mir wird nicht gesagt, was ich besser machen sollte. Ohne diese Freiheit hätte ich keinen Spaß.
SPIEGEL: Sie gelten als der sympathische Scholli. Dabei können Sie fies sein. Vor drei Jahren urteilten Sie während der Europameisterschaft über Nationalstürmer Mario Gomez, er habe sich auf dem Platz so wenig bewegt, dass Sie fürchteten, er habe sich "wund gelegen".
Scholl: Ich hätte meine Kritik vorsichtiger formulieren müssen, das habe ich gelernt. Ich habe einem Spieler damit richtig geschadet. Das tut mir leid. Es ist Zeit, mich zu entschuldigen. Es wäre kein Problem gewesen zu sagen: Mario läuft zu wenig, und wenn er nicht langsam mal in Bewegung kommt, haben wir keine Chance, Europameister zu werden. Ich muss vielleicht erklären, wie es dazu kam. Ich war damals als U23-Trainer beim FC Bayern angestellt und dem Verein eng verbunden. Bayern hatte zwei Jahre lang keinen Titel geholt, und Gomez spielte dort. Nach dem Spiel sagte er im Interview: Für ihn persönlich laufe es seit zwei Jahren toll. Mein Fehler lag darin, das zurechtrücken zu wollen.
SPIEGEL: Seitdem ist Ihnen kein solch flapsiger Spruch mehr herausgerutscht. Trauen Sie sich weniger?
Scholl: Mir rutschen in fast jeder Sendung ein paar Dinger raus, wenn ich Gehirn-Schluckauf bekomme. Aber ich will niemanden verletzen. Und Marios Karriere ist zu groß, als dass man sie auf diesen einen Spruch reduzieren sollte. Das hat er nicht verdient.
SPIEGEL: Sie sind jetzt seit sieben Jahren TV-Experte der ARD. Sitzt man sich da, um in Ihrem Bild zu bleiben, irgendwann wund?
Scholl: Mein Vorteil ist, dass mich im Fernsehen kein Ehrgeiz treibt. Ich will da nichts werden, ich muss mich nicht anpassen. Die ARD will mich so, wie ich bin, fertig.
SPIEGEL: Sender wie die ARD geben sehr viel Geld für das Produkt Fußball aus, also wird es fast wie beim Teleshopping angepriesen. Sind Sie auch ein Verkäufer des Produkts Fußball?
Scholl: Dieses Geschäft ist aufgebläht, weil jeder an das viele Geld ranwill, ob er Ahnung davon hat oder nicht. Mir kommt dabei die Liebe zum Spiel an sich zu kurz. Mich unterscheidet von vielen, dass ich den Fußball und besonders die Profis liebe.
SPIEGEL: Wie schauen Sie auf ein Spiel?
Scholl: Ich will nicht irgendwelches angelerntes Zeug runterbeten. Ich gucke zuerst in die Gesichter der Spieler: Fühlen die sich wohl? Oder haben die Angst? Ich gucke mir die Struktur der Mannschaft an: Wer hat wem etwas zu sagen? Sind die Profis leistungsbereit, sind sie fit? Es wird ja oft von "Spielermaterial" geredet, was eine Sauerei ist. Auch ein gestandener Spieler wie Miro Klose hat Gefühle.
SPIEGEL: Und was ist mit der Taktik, von der angeblich so viel abhängt?
Scholl: Auf die gucke ich als Letztes. Heute wird mir zu viel darüber geredet, auch im Fernsehen. Aber ohne Menschen kann man Taktik vergessen. Ich beherrsche diese ganzen Begriffe ja auch: die diametral abkippende Doppelsechs, der falsche Neuner, dieser ganze Kram.
SPIEGEL: Aber Sie sagen es nicht?
Scholl: Nein, Fußball ist ein einfaches Spiel, und damit die Menschen es verstehen, muss es einfach bleiben.
SPIEGEL: Ihr Vertrag mit der ARD läuft bis 2018 und enthält Ausstiegsoptionen. Auch für den Fall, dass Sie aussteigen wollen, um wieder Trainer zu werden?
Scholl: Ja, der Vertrag könnte bei einem möglichen Interessenkonflikt mit einem Trainerjob beendet werden. Für mich ist klar, dass ich spätestens nach Ende der TV-Tätigkeit meiner Leidenschaft als Trainer nachgehen werde. Auf welchem Niveau auch immer.
SPIEGEL: Sie wollen als Experte im Fernsehen nicht alt werden?
Scholl: Um Himmels willen, nein.
SPIEGEL: Warum nicht? Sie haben ein angenehmes Leben. Sie gehen zu den Spielen und Turnieren der Nationalelf, plaudern ein bisschen und sind nicht in Gefahr, nach Niederlagen gefeuert zu werden. Sie wohnen in Ihrer Lieblingsstadt München und nicht dort, wo für Sie gerade ein Platz auf der Trainerbank frei ist.
Scholl: Dafür hat mir aber das Führen einer Mannschaft zu viel Spaß gemacht. Ich brenne wieder darauf.
SPIEGEL: Wenn ein Klub Sie engagieren würde, dann müssten Sie jedes Wochenende auf irgendeinem Platz stehen. Für Ihr Plattenlabel, Ihre Radiosendung, Ihre Familie bliebe kaum noch Zeit.
Scholl: Ich finde es ja schön, dass Sie mich über die Konsequenzen aufklären, aber das weiß ich alles. Ich hab Respekt davor, wie sehr das Trainerdasein ins Leben eingreift. Man hat dann nicht mehr, wie ich, drei Kinder, sondern 26, und geht mit den Sorgen ins Bett. Trotzdem war ich sehr gern Trainer. Ich habe die ganze Ausbildung beim DFB absolviert und sehr erfolgreiche Jahre mit der U23 des FC Bayern gehabt.
SPIEGEL: Halten Sie jetzt gerade eine Bewerbungsrede?
Scholl: Ich liste Fakten auf. Mir eilt's aber nicht. Ich sitze ja jetzt nicht zu Hause und warte gespannt auf irgendetwas. Ich bin leidenschaftlich gern Trainer, aber ich akzeptiere die Bedingungen des Geschäfts zurzeit auch nicht, das geht in die völlig falsche Richtung.
SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
Scholl: Es fängt damit an, dass ich keinen Agenten habe, der mich auf dem Trainermarkt anbietet. Das finde ich schäbig. Und im Moment kommt eine Schwemme von Trainern auf den Markt, immer der gleiche Typus, der alles anders macht, als ich es machen würde. Die haben nie selbst oben gespielt und auch keine Ahnung, wie ein Profi auf höchstem Niveau tickt. Sie denken an Spitzenfußball, haben ihn aber selber nie erlebt.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Scholl: Das geht schon in der Ausbildung zum Fußballlehrer beim DFB los. Ich habe es ja erlebt. Je mehr ich die Kandidaten beobachtet habe, die mit Bestnoten abschließen, die dieses typische Kursbestergesicht haben und die Kursinhalte aufgesogen haben, desto mehr sträubten sich mir die Nackenhaare. Bei denen ist Taktik oberstes Gebot, das sind Laptop-Trainer.
SPIEGEL: Im Spitzenfußball dreht es sich doch fast nur noch um Spielsysteme. Und um die Frage, ob einzelne Spieler da reinpassen – oder eben nicht.
Scholl: Das ist total verkehrt.
SPIEGEL: Aber erfolgreich. Ein Trainer gibt die Systeme vor und setzt die entsprechenden Spieler ein.
Scholl: Die Profis werden viel zu sehr in diesen Systemen herumgeschoben. Warum sollte ein Spieler drei verschiedene Positionen beherrschen? Normalerweise besteht eine Mannschaft aus elf Spezialisten. Es gibt keinen Grund, jemanden während eines Spiels dreimal auf eine andere Position zu schieben oder das System viermal zu wechseln. Aber wenn das passiert, glauben alle, da steht ein Trainer, der oberschlau ist. Und da wir alle jetzt Taktik entdeckt haben und auch die Hausfrau zwischen einem 4-4-2- und einem 3-5-2-System zu unterscheiden gelernt hat, geht der Blick fürs Wesentliche verloren.
SPIEGEL: Dortmunds Thomas Tuchel, sein Vorgänger Jürgen Klopp, der Wolfsburger Dieter Hecking und Roger Schmidt aus Leverkusen, sie alle haben als Spieler keine großartige Karriere gemacht. Aber jetzt sind sie erfolgreiche Bundesligatrainer.
Scholl: Tuchel wird als Prototyp des Laptop-Trainers dargestellt – das stimmt aber nicht. Er weiß, dass sich Spieler wohlfühlen müssen und dass man sie auch einmal in den Arm nehmen muss. Auf dieser Basis trainiert er die Mannschaft und schult seine raffinierte Taktik. So herum funktioniert's.
SPIEGEL: Was müsste sich also ändern?
Scholl: Zwei Dinge: Man muss die Inhalte der Ausbildung zum Fußballlehrer anders gewichten. Und man muss Spieler, die erfolgreich waren, zum Trainer-Sein überreden. Jupp Heynckes, Pep Guardiola oder der Italiener Carlo Ancelotti – alles frühere Weltklassespieler, die als Trainer die Champions League gewonnen haben. Der Führungsstil von großen Trainern ist immer gleich: liebevoll konsequent. Jeder hat seine Rolle, niemand wird verdammt, weil er einmal schlecht war. Heynckes hatte es bei Bayern geschafft, 15 oder 16 Spieler bei der Stange zu halten. Auch Ottmar Hitzfeld hat Spieler wie Oliver Kahn oder Stefan Effenberg nach schwachen Leistungen nicht infrage gestellt. Nur so können Mannschaften wachsen. Darüber wird beim Trainerlehrgang kein Wort verloren, dabei ist es das Wichtigste überhaupt.
SPIEGEL: Wie würden Sie handeln?
Scholl: Wenn ich als Trainer merke, dass ein Spieler weniger läuft als üblich, dann frage ich ihn bei nächster Gelegenheit doch: Was ist los? Geht's dir schlecht? Ist was mit deiner Familie? Und sage ihm nicht bloß: Du läufst zu wenig, lauf mehr. Es ist Mode geworden, jemanden nur nach Daten zu beurteilen.
SPIEGEL: Was ist, wenn Sie kein Verein haben will? Hält Ihr Leben das aus?
Scholl: Das wäre schade. Aber ich wüsste auch genug anderes mit mir anzufangen.

Interview: Detlef Hacke, Isabell Hülsen
Von Detlef Hacke und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 37/2015
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