19.07.1993

Balkan„Wir sollten aufhören mit dem Schuldgefühl“

SPIEGEL: General Morillon, von den Moslems in Bosnien sind Sie zum Ehrenbürger ernannt worden, Frankreich feiert Sie als Helden. Gleichwohl mußten Sie mit Ihrem Abgang auf dem Balkan Chaos und Bürgerkrieg zurücklassen. Sind Sie mit Ihrer Mission gescheitert?
Morillon: Ganz sicher nicht. Ich bin persönlich traurig, daß ich die Bevölkerung Sarajevos im Belagerungszustand zurücklassen mußte, obwohl wir dort eine Sicherheitszone schaffen wollten. Unsere vorrangige Mission, das Überleben der Bevölkerung Sarajevos zu sichern, haben wir erfüllt. Und ich bin überwältigt von den Zeichen der Dankbarkeit und Freundschaft der Bosnier für die Leistungen meiner Soldaten.
SPIEGEL: Konnten Sie den Bosniern irgendwelche Hoffnungen auf eine bessere Zukunft machen?
Morillon: Hoffnung auf Frieden, heute oder bald - nein. Vertrauen in eine bessere Zukunft - ja.
SPIEGEL: Hat sich die Uno nicht immer wieder hereinlegen lassen von der Doppelstrategie des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, Verhandlungen hinzuschleppen und gleichzeitig militärische Fakten zu schaffen? _(* Letzte Woche bei der Auszeichnung zum ) _(Großoffizier der Ehrenlegion. )
Morillon: Ich glaube nicht, daß die Vereinten Nationen sich hereinlegen ließen. Wir mußten mit einigen vollendeten Tatsachen leben. Die Serben hatten die meisten Waffen der alten jugoslawischen Armee. Damit haben sie militärisch die Initiativen ergriffen, Kontrollposten eingerichtet und neue Fronten geschaffen. Wer vom Scheitern redet, erwartete wohl, daß die Uno im früheren Jugoslawien den Frieden herstellen muß, das ist eine ziemlich kolonialistische Einstellung. Es wäre eine Katastrophe, wenn sich die Weltgemeinschaft in einen Krieg ziehen ließe. Aufgabe der Uno ist es, den Menschen zu helfen und ihre Leiden zu lindern.
SPIEGEL: Daß die humanitäre Mission in ein Kriegsabenteuer abgleiten kann, zeigen Somalia und Bosnien. Soll die Uno dort nicht besser aufgeben?
Morillon: Wir kultivieren bis zum Exzeß ein Schuldgefühl für das, was im ehemaligen Jugoslawien passiert. Damit sollten wir aufhören. Die Ursachen für den Konflikt gab es dort schon lange. Hauptproblem der Blauhelm-Truppe ist, mit uralten Ängsten und Mißtrauen im einstigen Jugoslawien fertig zu werden. Dabei darf die Uno nicht aufgeben; sie muß stärker als bisher präsent sein und abschreckender wirken können.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich durch die Art, wie die Serben mit Ihnen umgegangen sind, gedemütigt?
Morillon: Für mich gilt das, was ich meinen Soldaten gesagt habe: Stecken wir den Stolz - nicht unser Ehrgefühl - in die Tasche, und legen wir noch das Taschentuch drüber.
SPIEGEL: Haben die Hauptopfer des Konflikts, die Moslems, nicht auch durch eigenes Verschulden ihr Leiden vergrößert?
Morillon: Ganz sicher nicht. Es ist schwierig, einer ethnischen oder religiösen Gruppe global Schuld zuzuweisen. Schuld trifft die, welche die nationalistischen Dämonen vorsätzlich und gezielt freigesetzt haben. Anzuklagen sind diejenigen, die mit Sprache und Taten ethnische Ausgrenzung betrieben und die Erinnerung an Völkermord wachgerufen haben.
SPIEGEL: Welche Politiker-Namen würden Sie da vorrangig nennen?
Morillon: Ich nenne keine Namen.
SPIEGEL: So scharfe Vorwürfe, und dann weichen Sie aus . . .
Morillon: Ich weiche nie aus. Ich nenne deshalb niemanden beim Namen, weil ich durch nichts eine künftige Friedensmission belasten will. Auch wenn es schwerfällt - manchmal muß man sich im Zaum halten.
SPIEGEL: Sehen Sie die Gefahr, daß durch Zwangsumsiedlungen ethnische Ghettos entstehen und so etwas wie ein europäisches Palästinenser-Problem heranwächst?
Morillon: Ja, diese Gefahr entsteht durch die ethnischen Säuberungen ganz klar. Es geht hier nicht um den Streit zwischen drei feindlichen Brüdern, sondern um Millionen von Menschen, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können. Ich habe dem bosnischen Serbenführer Karadzic gesagt, wenn er weiter gewaltsam Moslems aussiedelt, haben wir bald einen Gaza-Streifen in Europa.
SPIEGEL: Teilen Sie die Ansicht von Zynikern, daß die Bürgerkriegsparteien auf dem Balkan erst ausbluten müssen, bevor sie zur Vernunft kommen?
Morillon: Auf keinen Fall. Das wäre die Kapitulation, das wäre der Offenbarungseid. Wir würden den Leidenden ihre letzte fragile Hoffnung rauben. Dann hätte Europa wirklich Grund, sich schuldig zu fühlen.
SPIEGEL: General Morillon, der Vorwurf, daß Bonn mit der übereilten Anerkennung von Slowenien und Kroatien die Katastrophe in Bosnien ausgelöst hat, wird immer wieder erhoben - soeben erst durch Ihren Ex-Verteidigungsminister Chevenement. Was meinen Sie dazu?
Morillon: Auf diese Frage gebe ich keine Antwort. Aber ich habe meine Gedanken dazu. Y
* Letzte Woche bei der Auszeichnung zum Großoffizier der Ehrenlegion.

DER SPIEGEL 29/1993
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