11.05.1992

KatholikenHeilige Mafia

Der Papst spricht den Gründer des rechten Laienordens Opus Dei selig. Das Verfahren war irregulär, der Mann ein fragwürdiger Heiliger.
Dankbar berichtet eine Gläubige über die wundersame Rettung: "An einem Sonntag verlor mein Vater die Kontrolle über seinen Lkw, das Fahrzeug drohte umzukippen. Da gedachte er plötzlich des Bildes vom Monsenor JosemarIa Escriva de Balaguer, das er in seiner Tasche trug. Ein Gefühl inneren Friedens überkam ihn, und eine Kraft trieb den Wagen wieder auf die Straße."
Erbauliche Erlebnisse dieser Art füllen das Informationsblatt des katholischen Laienordens Opus Dei: Ein Bild des Ordensgründers Escriva genügte angeblich, um einer fast erblindeten Frau die Sehkraft zurückzugeben. Abtrünnige Katholiken führt die Kraft Escrivas wieder zum wahren Glauben, treulose Ehemänner gelangen zurück auf den rechten Weg.
Die guten Taten sollen nun am nächsten Sonntag ihren Lohn finden. Vor Zehntausenden aus aller Welt angereisten Ordensmitgliedern spricht Papst Johannes Paul II. den vor 17 Jahren verstorbenen Spanier Escriva selig. Und weder Anhänger noch Gegner zweifeln daran, daß der Vatikan bald genug Wunder in den Akten finden wird, um den frommen Kämpfer zum vollwertigen Heiligen zu erheben.
Denn Escrivas seltsame Schöpfung ist inzwischen zur mächtigsten Organisation der katholischen Kirche aufgestiegen. Von den 76 816 Mitgliedern des Ordens sind nur zwei Prozent Priester - doch die sind gut plaziert im Kirchenstaat; im Wettlauf um die Neigung des Heiligen Vaters haben sie die einst so mächtigen Jesuiten längst überrundet.
Vor allem die ideologische Übereinstimmung mit dem konservativen Polen-Papst machte Opus Dei groß: Schlagkräftig kämpft der von Kritikern als "heilige Mafia" geschmähte Orden in Spanien, Italien, Lateinamerika und neuerdings auch im vom Kommunismus befreiten Osteuropa gegen alles, was nach progressiver Theologie aussieht.
Die heutige Macht der 1928 gegründeten Organisation ist wohl das einzige Wunder, das Escriva tatsächlich nachgewiesen werden kann. Er kam als mittelloser Priester aus der Provinz nach Madrid, getrieben von maßlosem Ehrgeiz. Aufsehen erregte er durch eine ausgeprägte Neigung, in Ekstase zu geraten, die der vatikanische Richter Monsignore Luigi De Magistris noch heute "exzessiv" findet: Sogar in der Straßenbahn soll Escriva in Trance gesunken sein.
Ganz besondere Erleuchtung wurde Escriva zuteil, als er 1933 in Madrid ein Armenviertel besuchte. "Da wurde ihm die juristische und wirtschaftliche Struktur seines apostolischen Werkes klar", versichert Monsenor Alvaro del Portillo, Ordenschef seit dem Tod des Gründers 1975.
Geheimniskrämerei, Selbstkasteiung und eingetrichterte Formeln der Unterwerfung rückten Opus Dei von Anfang an in die Nähe einer Sekte. "Wie bei allen Sekten weiß man nicht genau, was sie wollen", glaubt Alberto Moncada, Soziologe und ehemaliges Mitglied von Opus Dei. "Sie haben keine Theologie, kein spirituelles Leben."
Escrivas Lehrbuch "Camino" (Der Weg) besteht aus formelhaften Sprüchen wie: "Erniedrige dich. Weißt du nicht, daß du der Abfalleimer bist?" Klar wird aber auch, daß Opus-Mitglieder zu Höherem geboren sind: "Dich einfügen? Du - in der Masse? Du bist doch zum Führer geboren. Unter uns ist kein Platz für Laue."
Als 1936 der spanische Bürgerkrieg ausbrach, floh Escriva zunächst über die Pyrenäen nach Frankreich und kehrte dann wieder zurück nach Burgos - ins Hauptquartier des späteren Diktators Francisco Franco.
Hier fand der kleine Provinzpriester mit den autoritären Ideen das geeignete Umfeld für seine Mission. "Ohne die Diktatur Francos ist die politische Bedeutung von Opus Dei nicht zu verstehen", versichert der Schriftsteller Luis Carandell. In Burgos knüpfte Escriva Kontakte zur Elite des neuen Regimes. Franco benutzte den Orden als Reservoir für Technokraten und Beamte. In den sechziger Jahren stellte Opus Dei zuweilen die wichtigsten Ministerposten in Madrid.
Statt christliche Bescheidenheit zu üben, bettelte der Ordenschef bei Franco um Erhebung in den Adelsstand - der Diktator machte ihn zum Marquis. Ehemalige Mitarbeiter Escrivas berichten, wie der Monsenor liebevoll sein Familienwappen entwarf. In seinem Geburtsort Barbastro ließ Escriva sein allzu armseliges Elternhaus und die zwei angrenzenden Häuser abreißen - an ihrer Stelle wurde ein mit Wappen geschmückter kleiner Palast errichtet.
Daß der fragwürdige Ordensgründer nun seliggesprochen wird, ist mit theologischen Argumenten nur schwer zu verstehen. Das spanische Nachrichtenmagazin Tiempo beschuldigte ihn "faschistischer Verbindungen" und hält seine angeblichen Wundertaten für nachträgliche Fälschungen.
Tatsächlich beruht das Wunder, das Escrivas Erhebung rechtfertigen soll, auf zweifelhaften Zeugenaussagen: Angeblich soll der ein Jahr zuvor verstorbene Ordensvater im Juni 1976 die Karmelitin Concepcion Boullon von einem faustdicken Tumor geheilt haben.
Knoten im Rücken der Kranken hatte der damals behandelnde Arzt wohl entdeckt - doch bis heute liegt kein Biopsie-Bericht vor. Die Oberin der Karmelitinnen, Catalina Serna, erfuhr erst Jahre später aus der Presse, daß in ihrem Kloster ein Wunder geschehen sei. Kardinal Vicente Enrique y Tarancon, zu Beginn der Untersuchungen Erzbischof von Madrid, mochte an die Wunderheilung nicht glauben.
Das im Eiltempo durchgezogene Verfahren geriet in den letzten Wochen vor der Seligsprechung zunehmend unter Beschuß: "Das Kirchenrecht ist übergangen worden", klagt der Anwalt Carlos Albas, ein Neffe Escrivas, "es ist ein Skandal." Als nahem Verwandten stand Albas das Recht zu, vor dem vatikanischen Gerichtshof angehört zu werden. Doch wie unzählige andere wurde er nicht zugelassen.
Eine einzige kritische Aussage - von Alberto Moncada - befand sich unter den 20 000 Seiten an Akten; sie wurde später vom Gericht für ungültig erklärt, weil der Soziologe voreingenommen sei. Zahlreiche abgewiesene Zeugen wandten sich an die Presse. Ehemalige Ordensmitglieder, die aus Angst ihren Namen nicht preisgeben, nennen den Gründer schlicht "größenwahnsinnig".
Und auch Escrivas ehemalige Mitarbeiterin MarIa del Carmen Tapia rechnet in einem Buch mit dem frommen Gottesstreiter ab: "ein Mann, der mit guten Absichten anfing und dann verrückt wurde".

DER SPIEGEL 20/1992
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