30.12.1991

„Rußland ist wiedergeboren“

Michail Gorbatschow, der Kreml-Herr, der die Welt veränderte, trat ab, in Bitternis, zur Seite geschoben von seinem alten Rivalen Boris Jelzin, dem nunmehr mächtigsten Mann auf dem Gebiet der untergegangenen UdSSR. Doch schon bedrohen alte Spannungen den an Gorbatschow vorbei geschaffenen neuen Staatenbund.
Wir machten schwere Zeiten durch, manchmal sehr schwere Zeiten, aber nicht für alles in der Welt würde ich auch nur einen Tag davon gegen ein ganzes Leben mit oberflächlichen Leuten und Spießern eintauschen wollen."
Dieses Bekenntnis Lenins, des Provinzanwalts, der nach kaum sechs Jahren als Regierungschef des von ihm begründeten Sowjetstaates starb, hat Michail Gorbatschow gut gefallen, er zitierte es 1987 in seinem Buch "Perestroika".
Selbst Jurist aus dem Kaukasus-Vorland, kam Gorbatschow erst mit 47 Jahren aus der öden Provinzstadt Stawropol nach Moskau, um fortan mit den Großen seiner Zeit Umgang zu pflegen und die Bewunderung der Welt zu erregen. Er hat es genossen, aber er wählte sich einen höheren Sinn seines Lebens: Frieden zu stiften.
So hat denn dieser Kommunist der Menschheit die Furcht vor einem Weltkrieg genommen, den Kalten Krieg beendet, den Abbau von Raketen und den Rückzug seiner Truppen aus fremden Ländern vereinbart, die Doktrin einer Pflicht zur Intervention in Nachbarstaaten getilgt, die Expansion in die Dritte Welt unterbunden. Er hat Deutschland vereinigt.
Und in seinen kaum sieben Amtsjahren hat Gorbatschow Lenins Staat, der Rußland samt seinen Nachbarn über Generationen terrorisierte, halb Europa eroberte und die ganze Welt bedrohte, zerschlagen. Seine Absicht war dies nicht gewesen, aber als Lebenswerk zählt letztlich nur das Ergebnis.
"Seine Tragödie lag darin, daß er die Schwachstellen des Systems richtig erkannt hatte, aber unfähig war, selbst das umzustürzen, wofür er sein ganzes Leben gearbeitet hatte", entschied Amerikas Henry A. Kissinger.
Noch ehe sich das Jahr 1991 wendete, machte die Geschichte einen Sprung - nach vorn? Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, die Hitler nicht bezwingen, der Westen nicht hatte zurückdrängen können, sie verschwand ganz einfach - ohne Knall und auch ohne jeden Seufzer, ohne Krieg oder Bürgerkrieg: Die Gewaltlosigkeit des Staatsbegräbnisses jedenfalls war Gorbatschows Verdienst.
Mit dem Untergang der Sowjetunion wurde eine alte Großmacht wiedergeboren: Rußland. Dies geschah gegen den Willen Gorbatschows. Er mußte gehen, Boris Jelzin kam, ein neuer Zar, noch unberechenbar und nicht immer zuverlässig. Von Marschall Jewgenij Schaposchnikow, dem Verteidigungsminister, ließ er sich das Zepter aushändigen: das schwarze Köfferchen mit den elektronischen Codes für die Atomwaffen. Rußland und seinen Nachbarn eröffnet sich eine ungewisse Zukunft.
In den Intentionen Jelzins erhebt sich Rußland vom Status eines Entwicklungslandes zum politischen Riesen, bewehrt mit Atomraketen, Führer aller Slawen, Antipode der USA oder deren nächster Alliierter - in traditioneller Selbstüberschätzung. Kissinger: "Russische Führer haben die Angewohnheit, in imperialen Begriffen zu denken, Jelzin eingeschlossen."
Das größte Volk Europas selbst aber ist der Weltmachtrolle müde. Als am ersten Weihnachtstag um 19.32 Uhr Moskauer Zeit die rote Fahne von der Kuppel des alten Senats im Kreml sank und Jelzins weißblaurote aufstieg, nahm kaum ein Moskauer davon Notiz. Es gab keine Zusammenrottungen, niemand protestierte, jubelte oder kondolierte. Das Ende der Sowjetunion stieß bei den aus ihrer Gewalt entlassenen Bürgern auf nahezu vollkommene Gleichgültigkeit.
Genüßlich versuchte der neue Russen-Herrscher Jelzin seinen alten Widersacher noch im Abgang zu demütigen, indem er vor Journalisten die Pensionsbedingungen enthüllte: 4000 Rubel im Monat (etwa fünfmal soviel wie ein Arbeiter), nur noch 20 statt 200 Bedienstete und Leibwächter, Auszug aus Datscha und Dienstwohnung.
Die Würde konnte Jelzin ihm nicht rauben. Gorbatschow wollte das Unreformierbare reformieren, durch Entlastung an der Außenfront das "totalitäre System" (so nannte er es in seiner Abschiedsrede) modernisieren und auf diese Weise die Union retten - damit, so hatte er es bei seinem Antritt 1985 versprochen, die UdSSR "in das 21. Jahrhundert als eine Weltmacht eintritt".
Nunmehr gab er sein Scheitern zu Protokoll: "Die Linie, die sich für die Zerstückelung des Landes und den Zerfall des Staates einsetzt, hat gesiegt."
Er begriff auch jetzt noch nicht das eigene Lebenswerk: die Befreiung aller Bürger zwischen der Elbe und dem Stillen Ozean. Er hatte immer noch nicht verstanden, daß die Rückgabe des Selbstbestimmungsrechts an 410 Millionen Menschen zwangsläufig auch die Wiederkehr unterdrückter Sehnsüchte nach nationaler Eigenständigkeit bedeutete - und damit das Ende des letzten Imperiums im 20. Jahrhundert.
Der Untergang der Sowjetunion hieß für die malträtierten Völkerschaften zunächst das Ende der russischen Hegemonie, die über hundert anderen Nationalitäten, Balten wie Moslems, von der Grundschule an die russische _(* Am 22. August 1991. ) Sprache samt kyrillischer Schrift auferlegte, dazu russische Statthalter und das Moskauer Entscheidungszentrum, zuständig für die alltäglichsten Probleme wie den Preis der Milch, den Tag des Erntebeginns, das Backrezept einer Keksfabrik an der Ostsee: ein anachronistisches Regime, erzwungen mit Büttel und Zensor.
Den Weltenwender Gorbatschow feierte und ehrte das Ausland, die Deutschen lieben ihn. Auf seiner Seite hatte er die an Bipolarität gewöhnten Regierungen des Westens, die den Verlust einer liebgewonnenen Stabilität fürchteten. Jetzt ist das Gleichgewicht des Schreckens zerbrochen, der Schrecken aber womöglich nicht für immer gebannt.
Gorbatschow, von dem sich der Westen nur mit Wehmut trennt, erntet den Undank des eigenen Volkes. Dabei hat er vorgeführt, daß ein Mann allein den Lauf der Welt verändern kann.
Wäre statt seiner 1985 sein Gegenkandidat Wiktor Grischin als Parteichef gewählt worden oder wäre später sein konservativer Widerpart Jegor Ligatschow an seine Stelle getreten - der Potemkinsche Mantel amtlicher Lügen hätte sich durchaus noch eine Zeitlang über die rundum bankrotte UdSSR decken lassen. Es läßt sich vorstellen, daß der Konkurs mit weiteren Opfern und noch höheren Kosten hinausgezögert worden wäre.
Gorbatschow riß unter dem Stichwort Glasnost das Gespinst beiseite und legte die morschen Fundamente frei. Er nahm die Sisyphusarbeit auf sich, die Ursache allen Übels auszuräumen: die herrschende Klasse der 18 Millionen Funktionäre und ihrer Organisation, der KPdSU.
Er hat ihnen die Macht genommen, nicht im Frontalangriff, dessen Ausgang ungewiß geblieben wäre, sondern mit den eigenen Mitteln des Apparats, die Gorbatschow in 30 Funktionärsjahren erlernt hatte: durch Nötigungen und Kompromisse, personalpolitische Winkelzüge und wechselnde Koalitionen, Versprechen und Listen.
Darin war er ein Meister. Scheibchen um Scheibchen sägte er von den Schreibtischsesseln und schuf so neue Machtverhältnisse; den Ruf des Taktikers, jederzeit zu Wendungen und auch Rückzügen bereit, nahm er in Kauf. "So zieht auch ein Pferd eine Fuhre aus dem Schlamm", huldigte ihm der Schriftsteller Ales Adamowitsch, "mal zerrt es nach rechts, mal zerrt es nach links."
Dem Parteimann Gorbatschow gelang das unfaßbare Unternehmen, die Nomenklatura beiseite zu schieben, die Militärs ruhigzustellen, den Parteiorganen die Kompetenzen zu entwinden, die stärkste Bürokratie Europas zu brechen - ohne Blutvergießen. Am Ende entzog er dem Plankomitee die oberste Verfügungsgewalt über die Volkswirtschaft, entmachtete er gar das Politbüro.
Es war eine persönliche Leistung von einer historischen Dimension, für die es in diesem Jahrhundert keinen Vergleich gibt.
Als guter Leninist mißtraute Gorbatschow aber dem Volk, dem er die ersten freien Wahlen seit 1917 bescherte.
Diese gewann als Deputierter in Moskau mit 89 Prozent der Stimmen sein Rivale Boris Jelzin, 60, Bauingenieur aus dem Ural, Parteisekretär in der Rüstungsschmiede Swerdlowsk (heute wieder: Jekaterinburg), dann in Moskau. Er wurde Kandidat des Politbüros - und wagte es, gegen die Privilegien seiner Genossen aufzubegehren.
Gorbatschow feuerte ihn 1987 unter demütigenden Umständen. Er ließ Jelzin aus dem Krankenhaus holen, mit Aufputschmitteln vollstopfen und vor einem Parteipublikum Selbstkritik üben. Dann bot er ihm den Posten eines Vize-Bauministers an, um ihn von der Politik fernzuhalten. Jelzin aber fing noch einmal von vorn an. Er holte sich, für einen Kommunisten unerhört, das Votum des Volkes, das er besser kannte. Er kehrte als Chef des größten Bundeslandes der Union in die Politik zurück: als Staatsoberhaupt Rußlands.
Ein Duell begann, das zeitweilig wie ein Spiel mit verteilten Rollen aussah - zwischen dem Westler Gorbatschow, der sein russisches Herz mit dem Gebaren eines Weltmannes verhüllte, und dem urwüchsigen Russen Jelzin, tapfer bis tollkühn, bei Bedarf brutal, den Trinksitten seines Volkes zugeneigt und vom Westen zunächst mit Argwohn beobachtet.
So einer ist Jelzin: In jungen Jahren fuhr er ohne Führerschein einen Kipplader, dessen Motor mitten auf einem Bahnübergang versagte, während sich ein Zug näherte. Mit dem Anlasser ruckelte Jelzin den Laster vom Gleis, bis der Zug vorüberbrauste, "mich nur ganz sacht streifend", wie sich Jelzin rühmte.
"Ich glaube, wenn Gorbatschow Jelzin nicht gehabt hätte, hätte er ihn erfinden müssen", urteilte Jelzin 1990 in seiner Autobiographie "Aufzeichnungen eines Unbequemen": "Trotz seiner in letzter Zeit ablehnenden Haltung mir gegenüber sah er wohl ein, daß dieser rauhe, stachelige Mann, der den verkrusteten Parteiapparat nicht in Ruhe ließ, notwendig war . . . Jelzin ist der Kampfhahn mit den linken Flausen, und der weise, alles verstehende Held ist Gorbatschow selbst."
Gorbatschow hatte nicht das Ohr am Volk. Seinem ZK gegenüber beklagte er sich über die Käuferschlangen, "und das in Moskau, wo es schließlich alles zu kaufen gibt!" Noch 1989, als die Versorgungskrise schon überall sichtbar wurde, bestritt der Generalsekretär der KPdSU und Staatschef der UdSSR den Mangel.
Gorbatschow ahnte erst recht nicht, daß die unterworfenen Nationen, wenn sie denn je an die Sache Lenins geglaubt hatten, längst das Band zu den Regierungskommunisten zerschnitten hatten.
Die Union beschützte sie vor dem fremden Tyrannen aus Deutschland, aber der Sieg bedeutete den Triumph des eigenen Gewaltherrschers Stalin, mithin eine Niederlage der einfachen Menschen, weil so das Terrorsystem zementiert wurde. Dies war der folgenschwerste Irrtum des Kommunisten Gorbatschow, daß er, wie es seine Erziehung ihm eingeschärft hatte, das Nationalitätenproblem im Kunstgebilde UdSSR für gelöst hielt - "ein wirklich einzigartiges Beispiel in der Geschichte der Menschheit", so befand er 1987 in seinem Buch "Perestroika".
Er kannte sein Land nicht, als er niederschrieb, daß die Völker der Sowjetunion "zu einer großen multinationalen Familie gehören und daß sie ein unabtrennbarer Teil der Großmacht sind, die im Fortschritt der Menschheit eine solch bedeutende Rolle spielt".
Menschenopfer, welche die Ära Gorbatschow forderte - wenige nur, gemessen an der Bilanz anderer großer Männer der Geschichte -, gab es bei Strafexpeditionen gegen ungehorsame Sowjetrepubliken, wovon auch Gorbatschow nicht lassen mochte: in Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, Tadschikistan, Litauen.
Gorbatschow hatte die Interventionen angeordnet oder - schlechten Gewissens immerhin - zugelassen, er hing an seinem Traum von einer sowjetischen Union. 1990 noch bestand er darauf: "Im Zentrum muß ein Zentrum bleiben", für diesen Vielvölkerstaat dürfe man "um den Tod nicht weichen, wie vor Moskau, wie vor Stalingrad" im Krieg.
Diese Union, das letzte Kolonialreich in Europa, war in seiner Sicht ein Staatsverband, in dem die Russen "eine besondere Rolle" spielten: Sie hätten in ihrer ganzen Geschichte ihren "Internationalismus, Respekt und guten Willen gegenüber allen anderen Völkern" bewiesen, und deshalb sollte Russisch auch die gemeinsame Sprache des Reiches sein wie Englisch in den USA - einem freilich von individuellen Einwanderern aus freiem Entschluß gebildeten Staatswesen, keinem Zwangsverband ganzer Nationen.
"Hinter uns liegen Tausende von Jahren, und das russische Volk hat einen gewaltigen Beitrag dazu geleistet, daß so viele Völker auf diesem riesigen Gebiet in der Familie dieser Föderation vereint werden konnten und die Arena der Welt als mächtiger Staat zu betreten imstande waren", warb Gorbatschow 1989 im russischen Parlament, als sich Jelzin - gegen einen Kandidaten Gorbatschows - um dessen Vorsitz bewarb.
Gorbatschow fügte hinzu: "Und dies ist uns Russen angeboren, das ist programmiert."
Jelzin empfahl sich noch deftiger (und gewann), er erinnerte daran, daß Rußland keine eigene KP-Parteiorganisation, Akademie der Wissenschaften und anders als die Ukraine und Belorußland auch keinen Sitz in der Uno hatte (weil es letztlich mit der UdSSR identisch war). Jelzin: "Das Hauptproblem ist die geistige, nationale und wirtschaftliche Wiedergeburt Rußlands, das jahrzehntelang nur Anhängsel der Zentralmacht war und in vielfacher Hinsicht seine Unabhängigkeit eingebüßt hat."
Als Stadtparteichef von Moskau hatte er eine Delegation der chauvinistischantijüdischen Bewegung Pamjat empfangen und hernach geurteilt: "Manche Ideen und Gedanken waren vernünftig." Zum Amtsantritt als Präsident Rußlands im Sommer 1991 ließ er sich vom Patriarchen Alexij II. einsegnen.
Doch anders als Gorbatschow wußte Jelzin um den Drang der kleineren Völker. Deren Freiheitskämpfer hatten traditionell die Mehrheit der Polit-Gefangenen in den Straflagern gestellt.
Dabei gründete sich Gorbatschows Zentralismus nicht einmal auf seinen kommunistischen Glauben, er hatte sich schon zum Sozialdemokraten gehäutet: "Mehr oder weniger ein Dissident" sei er seit 1953, also seit Stalins Tod, so äußerte er jüngst, "als ich die ersten Zweifel daran hatte, daß in unserem Land die Zustände in Ordnung sind".
Die Moskauer Zeitschrift Ogonjok enthüllte gar dieser Tage, den Widerspruch zwischen Weltbild und Wirklichkeit habe bereits der Elfjährige erkannt, als deutsche Soldaten 1942 drei Monate lang sein Heimatdorf Priwolnoje besetzt hielten: "Er sah nicht die Karikaturfiguren der Sowjetpropaganda, sondern lebendige Menschen."
Es war nicht der Kommunist, sondern der Russe Gorbatschow, der sein politisches Schicksal mit dem Bestand der Union verband, die doch kaum etwas anderes war als ein Großrußland. Wie der Nestor Alexander Solschenizyn jüngst noch die Ukrainer zu "Kleinrussen" erniedrigte - sie hatten vor tausend Jahren über ein großes Reich verfügt -, so meinte Gorbatschow, als er die ukrainische Hauptstadt Kiew besuchte, sich "in Rußland" zu befinden.
Vom lokalen Parteisekretär auf den provozierenden Lapsus verwiesen, machte er es noch schlimmer: "Rußland, ich meine die Sowjetunion - das ist, wie wir es jetzt nennen und was es wirklich ist."
Die Außenwelt, die den Niedergang des Imperiums ungläubig zur Kenntnis nahm, übersah noch im August, nach dem Moskauer Putschversuch, die Geburt eines neuen Staates von der Bevölkerungszahl, Ausdehnung, industriellen und landwirtschaftlichen Kapazität Frankreichs zwischen Bug und Dnjepr: der Ukraine. Der Selbständigkeitswille ihrer 52 Millionen Bewohner war in der Neuzeit nur kurz einmal, zwischen dem letzten Zaren und dem Rekonstrukteur des Reiches, Lenin, erfüllt worden - auf drei Jahre, zunächst mit wäre statt
Das Unglück von Tschernobyl im zweiten Jahr der Gorbatschow-Ägide hatte den ukrainischen Nationalismus neu entflammt, die arrogante Nachlässigkeit Moskaus im Umgang mit der Atomkraft, die Vertuschung durch Gorbatschow, der sich erst drei Wochen später dazu äußerte, ohne Ursachen und Folgen zu benennen.
Es waren die mißachteten Ukrainer, die jetzt die Union zerschmetterten und mit ihr Gorbatschow fällten. Im März noch hatte der Sowjetpräsident in einer unionsweiten Volksabstimmung eine Mehrheit für eine "erneuerte Föderation von gleichberechtigten, souveränen Republiken" gewonnen und darauf einen Unionsvertrag mit Zentralregierung und einem Präsidenten ausgehandelt.
Den Konservativen, mit denen er sich ein halbes Jahr zuvor verbunden hatte, ging das schon zu weit. Das war der Grund, weshalb die Chefs von Regierung, Armee, KGB und Rüstungsindustrie im August putschten; von Sozialismus oder Kommunismus war in ihrer Deklaration keine Rede.
Der Staatsstreich kam zu spät, Gorbatschow hatte die alten Gewalten lange genug geschwächt, der Apparat wehrte sich nicht mehr gegen beherzte Bürger und Soldaten, gegen Jelzin, der einer Panzerbesatzung vorhielt: "Seid ihr hier, um Boris Jelzin umzubringen?"
Der Sieger Jelzin übte sogleich Rache an Gorbatschow, den er nach der jammervollen Rückkehr von der Krim im russischen Parlament herrisch aufforderte, eine ihm noch unbekannte Liste der Verschwörer vorzulesen. Die Abgeordneten johlten.
"Das war der schwerste Tag meines Lebens", sagte Gorbatschow im nachhinein, "als mich meine Genossen im russischen Parlament des Verrats, der Komplizenschaft, der Feigheit und anderer übler Handlungen beschuldigten."
Jelzin verbot die Kommunistische Partei, während Gorbatschow noch immer den gelähmten Drachen fürchtete: "Man kann nicht 18 Millionen Parteimitglieder und ihre Familienangehörigen, zusammen 50 oder 70 Millionen Menschen, von der Erde fegen. An so etwas hat nicht einmal Stalin gedacht."
Jelzin ("Rußland ist wiedergeboren") nahm seinen ersten Anlauf einer Rückkehr zum großen Rußland der Zaren: Er unterstellte die Unionsministerien der russischen Regierung - bis die anderen Sowjetrepubliken Einspruch einlegten. Einer seiner Vertrauten warf gar die Frage nach den 25 Millionen Russen auf, die außerhalb Rußlands leben, und verlangte Grenzkorrekturen.
Betroffen waren Kasachstan, wo mehr Russen als Kasachen leben (weshalb Solschenizyn Nord-Kasachstan Rußland zurechnet), und die Ukraine, deren Osten weithin russisch besiedelt ist und deren Halbinsel Krim bis 1954 zu Rußland gehörte. Deutsche in Kasachstan hörten von Einheimischen, die unter sich sein wollen: "Euch geben wir die Hand, den Russen den Fuß."
Der erfahrene Politologe Jewgenij Ambarzumow sorgt sich, daß "die selbstherrlichen nationalistischen Spitzenpolitiker an Rußlands Grenzen auch weiterhin die russische Bevölkerung diskriminieren und das große Rußland wie einen Krüppel behandeln werden".
Die inneren Verwaltungsgrenzen der Sowjetunion waren ein Werk Stalins, der die Nationalitäten durchmischt, aufgeteilt und nach Kräften mit russischen Zuwanderern durchsetzt hatte. Was als Herrschaftsinstrument Moskaus taugte, mußte bei einer Selbständigkeit der Republiken zu heillosen Konflikten führen: Etwa 70 Millionen ehemalige Sowjetbürger leben außerhalb eines Territoriums ihrer Muttersprache.
Die Gefahren zeigt das neue Staatsbürgergesetz des unabhängigen Lettland auf, das nach 1945 so viele Fremde aufnehmen mußte, daß nur ein Drittel der Einwohner der Hauptstadt Riga noch Letten sind: Wahlrecht und Zugang zum Öffentlichen Dienst soll nur genießen, wer mindestens 16 Jahre im Lande lebt und Lettisch spricht - keine Chance für die meisten Einwohner russischer Herkunft.
Das ist die Ausgangslage, die auf dem Balkan den serbischen Militärs reichte, um der serbischen Minderheit in Kroatien bewaffneten Beistand gegen kroatische "Faschisten" zu leisten. Schon nennen auch Moskauer Scharfmacher die Balten "Faschisten".
Die Grenzfrage beantwortete Kiews Präsident Leonid Krawtschuk, vormals KP-Ideologe am Ort, nach dem Putsch mit der Ankündigung, eine eigene Armee aufzustellen, die stärker als die deutsche Bundeswehr sein sollte. Alle nach dem Ausscheiden der drei Baltenstaaten verbliebenen Unionsrepubliken - insgesamt noch zwölf - erklärten ihre Souveränität, mit Ausnahme Rußlands, das sich als Nachfolger der Sowjetunion verstand.
Noch am 14. November brachte Gorbatschow sieben Republiken zum Gelöbnis einer Neu-Union, da entschieden sich am 1. Dezember über 90 Prozent aller Bewohner der Ukraine, demnach auch die meisten Russen im Lande, für einen unabhängigen Staat - für die unwiderrufliche Auflösung der Sowjetunion, den Abschied von Gorbatschow.
Jelzin nutzte die Gelegenheit, da er den großen Reformer nicht vom Staat trennen konnte, den Staat nun von Gorbatschow zu trennen. Dem Risiko einer ukrainischen Sezession begegnete er mit der altchauvinistischen Idee eines Bundes der drei Slawen-Republiken Rußland, Belorußland und Ukraine, der eine Woche nach dem ukrainischen Volksentscheid vereinbart wurde.
Die drei slawischen Staatsoberhäupter Jelzin, Krawtschuk und Schuschkewitsch trafen sich dazu am westlichsten Punkt der ausgedienten UdSSR, am Grenzort zum übrigen Europa, wo 1918 jener Frieden mit Deutschland geschlossen wurde, der die Ukraine als eigenen Staat anerkannt hatte: in Brest.
Als Koordinationszentrum verabredeten die drei nicht mehr Moskau, das Rom der Slawen, sondern die westlichste Großstadt, Belorußlands Hauptstadt Minsk. Sie übernahmen die internationalen Verpflichtungen und Verträge der Sowjetunion, demnach auch ihre Schulden, und luden andere Staaten zum Beitritt ein - selbst solche, die zuvor nicht der UdSSR angehört hatten.
In Kiew setzten die ukrainischen Parlamentarier eine weitere Abschwächung der lockeren Slawen-Troika durch: In Minsk sollte künftig nicht koordiniert, sondern nur "konsultiert" werden.
Sie übertrugen Krawtschuk auch noch den Befehl über alle Sowjetsoldaten im Lande, eine Million Mann, Schwarzmeer-Flotte inklusive und auch die Atomwaffen, die vernichtet werden sollen. Auch Kasachstans Präsident Nasarbajew wehrte sich gegen Jelzins Anspruch, _(* Am 21. Dezember 1991 in Alma-Ata. ) das Teufelszeug in Rußland zu konzentrieren.
Der Kasache verweigerte die Herausgabe, was ihm die Unterstellung eintrug, sein Land, ehemals das "Steppen-Gouvernement" des russischen Kaiserreiches, wolle Atommacht werden. Und auch Aserbaidschans Präsident Mutalibow nationalisierte die Sowjettruppen in seinem Beritt, die vor zwei Jahren noch Baku okkupiert hatten (121 Tote).
Da war es mit der Slawen-Seligkeit auch schon zu Ende. In Alma-Ata, an der entgegengesetzten Ecke des verwesenden Reiches, nahe der chinesischen Grenze, traten die fünf asiatischen Republiken dem Staatenbund bei: Kasachstan, Usbekistan, Kyrgystan, Turkmenien und Tadschikistan.
Sie sind auf Moskauer Subventionen angewiesen. Solschenizyn sah in ihnen Rußlands "mittelasiatischen Hängebauch", Jelzin-Vize Ruzkoi nannte ihre fünf Präsidenten schlicht "Banditen", die Moskau nur "melken" wollten.
Auch Armenien und Aserbaidschan im Kaukasus sowie Moldova am Pruth schlossen sich an. Den einzigen Präsidenten, der einmal als Dissident gegen das Sowjetsystem in Haft gesessen hatte, Georgiens Gamsachurdia, ließen die elf Kollegen - außer dem Armenier Ter-Petrossjan allesamt ehemalige Kommunisten - nicht zu, wegen der "Menschenrechtsverletzungen" des autoritären, aber frei gewählten Georgiers. Der mußte sich gegen Widersacher, die ihn mit Waffengewalt stürzen wollten, in seinem Regierungsgebäude verschanzen.
Die elf gründeten die neue "Gemeinschaft unabhängiger Staaten" (GUS), russisch: Sodruschestwo nesawissimych gossudarstw (SNG). Gorbatschow hatte sie vergebens mit der Warnung aufzuhalten versucht, "daß alle, die nicht von Nationalismus und Separatismus vergiftet sind, und das sind Hunderte Millionen, unweigerlich das Gefühl erfaßt, die ,große Heimat'' zu verlieren".
Dem geographischen Umfang nach war die alte UdSSR beinahe wiederhergestellt. Aber die Präsidenten wollten keinen neuen Staat bilden, sondern einen Verein ohne gemeinsame Regierung, Staatsbürgerschaft, Hauptstadt.
Jelzin, immer mit Gespür für ein Machtvakuum, begann wieder, die Lücken zu füllen. Sein Land wird vom Ausland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion betrachtet, denn Rußland umfaßt mit 150 Millionen mehr als die Hälfte der Einwohner der neuen Gemeinschaft, verfügt über die meisten Rohstoffe und drei Viertel des Territoriums.
Immer einen Schritt voraus, bemächtigte er sich der Amtsräume Gorbatschows im Kreml wie des Lenin-Leichnams im Keller. Die Armeeführung hat sich auf seine Seite geschlagen. Er übernahm das zentrale Fernsehen und unterstellte sich nun endgültig die ausgedienten Unionsministerien in Moskau, die Staatssicherheit (vormals KGB), alle Botschaften. Wladlen Kusnezow, Generalkonsul in Hamburg, der als erster im August den Putschisten gehuldigt hatte, zog rasch die russische Fahne auf.
Die anderen Republiken billigten, daß Rußland den Uno-Sitz der Sowjetunion übernahm. Jetzt hat der Tollkühne den Finger am Knopf zur Weltvernichtung, nach telefonischer Absprache mit drei anderen Präsidenten und durch das Versprechen gebunden, mit einem Atomkrieg nicht anzufangen.
Ob er dabei ebensoviel Verantwortung empfindet wie Gorbatschow? Ob er sich mit Rußlands derzeitiger Ausdehnung zufriedengibt?
Fast alle Grenzlinien zwischen den GUS-Mitgliedern sind umstritten. Sie haben nach dem Vorbild der KSZE-Akte (unter der auch Jugoslawiens Unterschrift steht) gelobt, fällige Korrekturen friedlich auszuhandeln und allen GUS-Bürgern ohne Visum Ein- und Ausreise in ihren Staaten zu gestatten. Ob Zollposten aufgezogen werden, blieb ungeregelt; die Ukraine errichtete in Belgorod zehn Kontrollstellen nach Südrußland.
Wie die vereinbarte Wirtschaftsgemeinschaft nach dem Muster der EG mit einem Ministerpräsidentenkomitee an der Spitze funktionieren soll, blieb offen. Die hergebrachten ökonomischen Beziehungen sind zwar zerbrochen, der staatliche Verteilungsapparat funktioniert nicht mehr, doch die auf ein Zentrum orientierte Struktur der Volkswirtschaft, die jeden Alleingang ausschließen sollte, währt fort: Sibirien als Rohstofflieferant; die Ukraine als wichtigster Produzent von Mais, Zucker und Steinkohle; Mittelasien mit der Monokultur Baumwolle und Erdöl.
Anlagen zur Erdölförderung werden fast ausschließlich in Aserbaidschan hergestellt, nur eine Fabrik fertigt Zigarettenfilter - in Litauen; praktisch das gesamte Flugzeugmotorenöl kommt aus dem unruhigen Tschetschenengebiet.
Immerhin ist wenigstens ein gemeinsames Oberkommando für Atomwaffen, Flotte, Luftwaffe und ein zentrales Armeekontingent vorgesehen, laut Marschall Schaposchnikows Vorschlag bis 1995 - um die Weltgemeinschaft zu beruhigen, die um die Kontrolle der Massenmordinstrumente bangt.
Aber Kader für eigene Nationalarmeen werden schon gedrillt, die GUS-Staaten Armenien und Aserbaidschan führen faktisch miteinander Krieg um das Gebiet Karabach. Der neue Machthaber Jelzin ordnete den Rückzug aller ehemaligen Sowjettruppen aus Spannungsgebieten an, nach Rußland: Es gibt keinen Schlichter mehr, der über das Gewaltmonopol verfügt.
Rußlands Außenminister Andrej Kosyrew warnte vor "zunehmender brauner Rebellion und der alten bolschewistischen Bedrohung". Jelzin: "Warenblockaden, geschlossene Grenzen und Wirtschaftskriege könnten zur Realität werden." Zugleich erklärte er alle Schwarzmalerei von einem neuen Putsch, Bürgerkrieg und Hungeraufständen zur Panikmache durch die Gorbatschow-Lobby mit der bösen Absicht, die Bevölkerung zu verunsichern.
Vielleicht führt die Befriedigung nationaler Ambitionen zu neuer Kooperationsbereitschaft wie in Westeuropa. Doch in den elf neuen Staaten selbst melden sich Minderheiten mit dem Anspruch auf Eigenstaatlichkeit. In Moldova haben Russen eine eigene Dnjestr-Republik ausgerufen, in der Ukraine entsteht eine Krim-Republik, in Rußland verlangen Ureinwohner Selbstverwaltung, liebäugelt das rohstoffsatte Sibirien _(* Am 24. Dezember 1991. ) mit jener Lostrennung, welche die Tschetschenen schon vollziehen, und die Republik Tatarstan im Herzen Rußlands versteht Souveränität als Aneignung des Kama-Lkw-Werks.
Außerhalb Rußlands kommt die Verkehrssprache Russisch aus der Mode; in Schulbüchern, Zeitungen und vor Gericht bedienen sich die befreiten Republiken des eigenen Idioms. In Rußland gebe es keine einzige ukrainische Schule oder Zeitung, beschwerte sich Krawtschuk, "bei uns dagegen lernen die Hälfte der Schüler in russischen Schulen".
Die Ukraine und Belorußland sind zu einer eigenen Währung entschlossen, sie wollen sich nicht von Boris Jelzin, der sich die Notenbank unterstellte, die Rubel-Zufuhr diktieren lassen. Nun geben sie erst einmal Coupons aus, die nur für Landsleute gelten.
Die zentrifugalen Tendenzen könnten bald die Neigung zur Zusammenarbeit übertreffen. Die Ukraine drängt zur EG, Sibirien schaut auf Japan, Mittelasien sieht sich höchst unterschiedlichen Anziehungskräften ausgesetzt.
Das noch von konservativen Kommunisten regierte Tadschikistan, in dem ein persischer Dialekt gesprochen wird, könnte sich an den wirtschaftlich attraktiven Iran anlehnen. Teheran bietet schon für den Übergang von der kyrillischen zur arabischen Schrift in den Grundschulen seine Bildungshilfe an.
Alle anderen Asiaten in den befreiten Sowjetkolonien, deren 26 000 Moscheen aus der Zarenzeit bis 1989 von Moskau auf 160 gekappt worden waren (1991 gab es schon wieder 5000), sprechen türkische Dialekte. Ihnen offeriert die Türkei Schreibmaschinen mit lateinischen Buchstaben, auch den Tausch von Konsumwaren gegen Erdöl, während Pakistan eine panislamische Wirtschaftsgemeinschaft propagiert.
Um Aserbaidschaner und Turkmenen bemühen sich die Türken und Iraner gleichermaßen, die einen empfehlen ihren Laizismus, die anderen ihren Fundamentalismus. Sie haben auch die Moslemvölker der Tschetschenen und Inguschen in Südrußland fest im Blick. Aus der Ferne lockt Saudi-Arabien mit Petro-Dollars.
Kommt die Offensive des Islam in Schwung, wird das halb russische, halb moslemische Kasachstan zum Terrain weltpolitischer Rivalitäten. Stalin hatte die Hirtenvölker kollektiviert und proletarisiert (ein Viertel der Einwohner kam dabei um), ihr Land zum Verbannungsgebiet und Atomversuchsfeld bestimmt. Chruschtschow und Breschnew ließen die Steppe unter den Pflug nehmen: Der Bund mit Rußland ist in Kasachstan nicht eben populär.
Teherans Staatspräsident Rafsandschani sieht "eine historische Aufgabe" darin, die "verlorenen Söhne des Islam" in die Umma, die Weltgemeinschaft seiner Gläubigen, zurückzuführen - ehe der große Satan Amerika in diesem Teil des Orients Fuß faßt.
Schon haben die USA die Anerkennung der einzelnen GUS-Staaten, nicht gerade getreu dem Völkerrecht, von deren innerer Struktur abhängig gemacht: parlamentarische Demokratie, Respektierung der Menschenrechte, Marktwirtschaft - obwohl es in Rußland noch kein echtes Mehrparteiensystem, keine wirkliche Gerichtsbarkeit, kein nennenswertes Privateigentum gibt.
"Man kann kaum sagen, daß auch nur einer der Führer dieser Republiken ein Demokrat im wirklichen Wortsinn ist", urteilt der russische Historiker Arsenij Roginski über die GUS-Präsidentenriege, "und Jelzin ist keine Ausnahme. Er scheint mir von einer dunklen Slawen-Einheit befangen zu sein, einem russischen Nationalismus ähnlich dem Solschenizyns."
Parlament und Privatkapital haben keine Tradition im russischen Reich, das seit jeher Kollektivität und Gleichmacherei dem individuellen Fortkommen vorzog und dem Westen die moralischen Werte absprach. Unter den rund tausend Demonstranten wider das in Alma-Ata besiegelte Ende der Sowjetunion tauchten Plakate auf: "Gott schütze unsere Kinder vor den Juden." Jelzins reaktionärer Gegenkandidat als russischer Präsident, Wladimir Schirinowski, trommelt weiter für die Rückgewinnung Finnlands und der baltischen Staaten.
Die härteste Bewährungsprobe für den neuen Kreml-Herrn kommt bereits am Donnerstag, dem 2. Januar. Von da an sollen alle bisher vom Staat bestimmten Preise, Brot und Milch ausgenommen, nach dem Ermessen der Verkäufer festgesetzt werden. Ein Galopp der Inflation, mindestens eine Verdoppelung der Lebenshaltungskosten wird erwartet - obwohl heute schon ein Kilo Fleisch auf dem Bauernmarkt einen Wochenlohn kostet; in den Staatsläden gibt es kein Fleisch.
Die Preisfreigabe soll die Produzenten und die Händler, die in Erwartung dieses freien Marktes seit langem alles Brauchbare gehortet haben, dazu bringen, endlich ih re Warenlager zu öffnen - ein Tag X des künftigen russischen Wirtschaftswunders. Danach sollen die produktionssteigernden Regeln von knappem Angebot und horrender Nachfrage greifen.
"Nach einer Periode scharf steigender Preise hören die Knappheiten auf", prophezeit Jelzins amerikanischer Wirtschaftsberater Jeffrey Sachs, der sich mit seiner Harvard-Schocktherapie schon an Polens Volkswirtschaft versucht hat. "Die endlosen Schlangen werden ein Ende haben. Dazu besteht auch gute Aussicht auf eine rasche Entwicklung des privaten Gewerbes, mit der Gründung von Hunderttausenden, vielleicht Millionen Firmen."
Bei Jelzins Preissprung ist aber nicht bedacht, daß die Voraussetzung für freie Preise fehlt: die Konkurrenz. Es sind vorwiegend die alten Staatsbetriebe, die ihre planmäßig zurückgehaltenen Schätze nun zu Phantasiepreisen offerieren können. Die Privatisierung der Unternehmen soll erst später folgen - ein Konstruktionsfehler in Jelzins Wirtschaftsprogramm.
Es gibt noch kein funktionierendes Steuersystem, auch keinen Haushalt der Russischen Republik für 1992. Rußlands Preisreform zwingt zudem die Nachbarrepubliken zu strengen Zollkontrollen, weil die russischen Käufer in die Ukraine drängen, die ukrainischen Waren aber nach Rußland fließen.
Die Soziologin Tatjana Korjagina sagt "soziale Explosionen" voraus, die Volkswirtschaft falle in die Hände von Kriminellen. Der Moskauer Arbeitsamtsdirektor Igor Saslawski rechnet für 1992 mit einer Million Arbeitslosen in der Hauptstadt - wenn Jelzin die rund 80 alten Unionsministerien und all die anderen überflüssigen Zentralbehörden auflöst. Schränkt er die Rüstungsindustrie ein, gibt es Massenentlassungen im ganzen Land.
Sein Vize Alexander Ruzkoi, der General, der ihm im August die Putschtruppen vom Halse hielt, wandte sich gegen die Preisfreigabe, ortete jetzt schon einen "völligen Machtmangel, Anarchie und Chaos" und rügte seinen Chef wegen autoritärer Allüren. Ruzkoi, neuer Hoffnungsträger seiner Kameraden wie der von Freisetzung bedrohten Rüstungsdirektoren: "Die Behörden legen das Recht willkürlich aus, genau so, wie sie es vor der Reform getan haben."
Dennoch sind die erdrückenden Probleme der postsowjetischen Volkswirtschaft nicht unlösbar. Die drückendste Bürde, die Schulden gegenüber dem Ausland von 80 Milliarden Dollar, milderte ein von der Deutschen Bank mit 500 westlichen Gläubigerbanken arrangierter Tilgungsaufschub.
Der Zusammenbruch des staatlichen Versorgungssystems ließ über 500 Warenbörsen entstehen, auf denen private Makler mit Getreide und Holz, Autos und Rüstungsgütern, Konsumwaren und Immobilien handeln. Das Moskauer Fernsehen zeigt jeweils den Tageskurs für eine Tonne Stahl. In der alten Königsberger Börse agiert die Warenbörse "Allianz", an der sich auch deutsche Geschäftsleute beteiligen.
Die nötige Wirtschaftsgesinnung breitet sich aus, und nicht nur bei "Schwarzen" aus dem Kaukasus und Mittelasien. Hielt zu Jahresanfang nur eine schwache Mehrheit von befragten Russen Unterschiede im Lebensniveau für akzeptabel, waren es im Oktober drei Viertel gegen 13 Prozent Gleichheitsfanatiker.
Und trotz der Versorgungskatastrophe herrscht in Rußland noch keine Hungersnot. Die letzte Ernte reicht für die Ernährung, wenn sie zum Verbraucher gelangt. Kommen die Lebensmittellieferungen aus dem Westen, läßt sich der Winter überstehen. Die EG ist mit 400 Millionen Mark im Wort, die USA schicken aus dem Golfkrieg übriggebliebene Militärrationen in die Großstädte; US-Militärs - in Zivil - sollen sie auch verteilen, tief im früheren Feindesland. Bei seinem Bonn-Besuch im November habe er Hilfe vereinbart, so berichtete Jelzin dem US-Magazin Newsweek, die Deutschlands "Wehrmacht herbringt".
Was immer Rußland und den anderen zehn Republiken 1992 widerfährt, der Vorruheständler Gorbatschow ist der Verantwortung dafür enthoben. Triumphiert Jelzin, kann Gorbatschow sich trösten, daß er den Boden pflügte, aus dem die Früchte sprießen. Scheitert Jelzin, mag es sein, daß sich sein Volk des großen Wandlers Gorbatschow erinnert.
"Mußte man ihn auf diese Weise verabschieden?" fragte die Iswestija. "Das war eine Frage unserer Würde als Volk . . . Irgendwann wird uns das peinlich sein." o
* Am 22. August 1991. * Am 21. Dezember 1991 in Alma-Ata. * Am 24. Dezember 1991.

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Rußland ist wiedergeboren“

  • Drohkulisse in Shenzhen: Was bedeuten die Militärfahrzeuge an der Grenze zu Hongkong?
  • Trumps Interesse an Grönland: US-Präsident erntet Spott
  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug