01.08.1994

FestspieleGetümmel der Lüstlinge

Heuer ist Salzburg ein Liebesnest. Minne und Brünne, sonst Leitmotiv auf Bayreuths Grünem Wagner-Hügel, sind in diesem Sommer Tagesthema auch in der Mozart-Stadt. Es darf sogar am Bischofssitz öffentlich gehurt werden.
Schon der lustvoll tapezierte Guckkasten bietet Anschauungsmaterial wie sonst nur Pennäler-Klos. In der rechten Hälfte schmiegt sich, naturgetreu geschwungen, Vagina an Vagina, links wimmelt es bühnenhoch von gemalten Gemächten. Letzten Mittwoch, bei der Premiere von Strawinskis Lüstlingsoper "The Rake''s Progress", wurde das Kleine Festspielhaus zum großen Freudenhaus.
Auf jedem Kleid des lebensfrohen Nutten-Chores reckt sich männliche Fleischeslust zu einem optischen Ausrufezeichen: nun mal ran. Die Puffmutter Goose, Mezzosopran, spreizt die Schenkel im rechten Winkel und gewährt willig Einblick ins Gewölbe ihrer schaukelnden Oberweite.
Scharf faßt sie den Hosenstall ihres neuen, unschuldigen Kunden ins Auge, keß grapscht sie in dessen Schritt und sitzt schließlich profihaft auf.
Lassen sie jetzt auch noch in der Hofstallgasse die Sau raus? Tun sich nun sogar am Fuße des Mönchsbergs die Lenden und nicht nur neue Wege der Opernpflege auf?
Für die Ausstattung des Strawinski-Klassikers hat der Düsseldorfer Maler Jörg Immendorff jedenfalls saftig zum Pinsel gegriffen und kunstvoll geferkelt: Im Bilderrausch des einstigen Bürgerschrecks nimmt die Liebe, das - ungeschriebene - Motto des diesjährigen Festspielstarts, greifbare Formen an, und die Tonkunst gewinnt einen ungewöhnlichen Spielgefährten: die bildende Kunst.
Die auch musikalisch höchst inspirierte und grandios gesungene Aufführung (der perfekte Dirigent Sylvain Cambreling) steht und fällt allerdings nicht mit dem Phallus. Der ganze Abend hat Format und macht Laune.
Mannshohe Pappschachteln stellt Immendorff als Häuser hin, vom Bühnenhimmel läßt er immer neue Porträts, Fratzen und farbenfrohe Rätsel herab. Für die (Traum-)Reise des Titelhelden Tom Rakewell vom sauberen Land in die sündige Stadt und aus dem Puff in die Klapsmühle hat er eine skurrile Flugmaschine gebastelt, die von einer Horde Schimpansen abendfüllend über das Rollfeld rangiert wird - Oper endlich mal als Affentheater.
Der Tenor Jerry Hadley, der als Titelheld-Wüstling Strawinskis Dreiakter mit koboldquicker Bravour zu einem Musical der Spitzenklasse aufwirbelt, ist der flotteste, nicht aber der einzige Draufgänger im Salzburger Reich der Sinne. Man hat es, natürlich, auch erhabener, wie es sich eben gehört. _(* Oben: mit Jerry Hadley, Sylvia McNair; ) _(unten: mit Edith Clever (M.). )
Während die Karajan-Klientel noch ihre angejahrten Köpfe über Immendorffs Sittenverfall schüttelt, streunt, im Großen Festspielhaus nebenan, Don Giovanni als berühmtester Sittenstrolch des Musiktheaters über die Riesenbühne; und noch ein paar Schritte weiter, am Shakespeare-Spielplatz Felsenreitschule, mühen sich Antonius und Cleopatra, einander zugetan zu sein.
In diesem Strudel der Leidenschaften, der feinen Versmaße und des abendländischen Tonsatzes hat es offenbar sogar den notorischen Wortführern vor Ort die Sprache verschlagen: Salzburg ist plötzlich der Schmäh ausgegangen; den Festspielen fehlt die übliche operettenstaatliche Affäre.
Festspielintendant Gerard Mortier, sonst ein Virtuose des flotten Mundwerks, verkneift sich auf einmal alle toxischen Pointen gegen die Widersacher seines Reformkurses. Vom Geld, das nun auch an dieser Kultstätte von Luxus und Überfluß ausgeht, redet keiner. Die Wiener Philharmoniker stänkern nicht länger, ihr Himmel hängt voller Gagen, so sind sie''s zufrieden.
Selbst Peter Stein, der sonst immer besonders große Töne aus dem Salzburger Sommerloch spuckt, ist verstummt - vermutlich erschlagen von all dem Bildungsplunder, mit dem er Shakespeares legendäre Beziehungskiste "Antonius und Cleopatra" vollgestopft hat und unter dem er nun endgültig zum Altphilologen des deutschen Sprechtheaters verknöchert ist.
Während der Strawinski-Regisseur Peter Mussbach mit Immendorffs knalligen Blickfängen zugleich kunterbunte Kurzweil choreographiert und Szenen voll anrührender Poesie ausgemalt hat, betreibt Museumsdiener Stein leblose Völlerei mit edlem Muff.
Stundenlang läßt er seine behelmten Mannen antreten, Literatur aufsagen, wie im Schülertheater aufeinanderdreschen und dann fürbaß schreiten. In Steins Rom wogen nur noch die Togen, sonst nichts; in seinem Ägypten wird gefächert und unter Baldachinen steif posiert.
Hans Michael Rehberg, der alternde Antonius mit dem leeren Blick, versteckt jeden Anflug von Senioren-Sex im Faltenwurf der Geschichte, und die Cleopatra der Edith Clever ist auf diesem Rummelplatz der Peinlichkeiten die Dame ohne Unterleib. Sie bebt nicht, sie lebt nicht mal, sie kultiviert sich zum Denkmal erhabener Frigidität.
Ihre Ekstasen erschöpfen sich in etepetete gespitzten Lippen; ständig schlingert Majestät mit den Händen durch die Luft, als müsse ihr Nagellack trocknen. Wenn sie küßt, was Shakespeare ihr nun mal nicht erspart hat, dann mit aseptischer Huld. Aus Shakespeares männermordendem Vollweib hat Stein eine zickige Gouvernante gemacht, aus dem großen Melodram ein Abendseminar über hohlen Pomp. Er darf sich fortan Peter Striese nennen.
Nach dem Shakespeare-Debakel mußte nun, am Donnerstag letzter Woche, der französische Regisseur Patrice Chereau zum Duell der Lüstlinge antreten und szenisch blankziehen:
Würde sein ungeduldig herbeigesehnter "Don Giovanni" es mit Strawinskis "Rake''s Progress" aufnehmen, würde der welsche Gastarbeiter die Würde der Mozart-Stadt wiederherstellen können, die Mussbach und Immendorff ausgerechnet mit ihrem Strawinski-Spektakel so pfiffig unterlaufen hatten?
Der Erwartungsdruck auf den opernscheuen Salzburg-Debütanten Chereau war gewaltig: Nachdem der Regisseur vor 18 Jahren auf Bayreuths Grünem Hügel mit dem "Ring des Nibelungen" einen wunderbaren Schock ausgelöst hatte und danach als Wagner-Erneuerer regelrecht heiliggesprochen worden war, mußte er nun für Mortier die Kohlen aus dem Feuer holen und Mo-Salzburger
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Größter Hoffnungsträger *
für einen neuen Mozart-Stil bei den Salzburger Festspielen ist Patrice Chereau. 1976, zur Bayreuther 100-Jahr-Feier des Nibelungen"Ring", hatte der französische Regisseur unter den gußeisernen Wagnerianern einen Aufruhr entfacht, zugleich aber mit seiner sensiblen und packenden Deutung der Tetralogie neue Kundschaft auf den Grünen Hügel gelockt. Seitdem verweigerte sich Chereau, 49, allem Festival-Rummel. Vergangenen Donnerstag stellte er in Salzburg seinen "Don Giovanni" vor, der ursprünglich für die Pariser Bastille-Oper geplant war und nach den Turbulenzen um den dortigen Musikchef Daniel Barenboim ins Depot kam.
*GESCHICHTE-3 *
zart endlich wieder zur Leitfigur der Festspiele aufbauen. Es ist ihm mit Verve geglückt.
Vor haushohen spanischen Wänden - der Bühnenbildner Richard Peduzzi hat den spanischen Schauplatz durch strenge, bedrückende Fassaden zum klaustrophobischen Niemandsland verengt - läßt Chereau den weibernaschenden Strahlemann Don Giovanni zum erfolglosen Lebemann altern; für den zynischen Multiplikator der Eroberungen macht er abendfüllend Kassensturz, der Saldo: Höllensturz.
Keine pathetische Gestik, keine plumpen Arrangements, nicht eine Minute große Oper mit ihrer oft lächerlichen Theatralik. Chereau arbeitet still, diskret, mit beispielloser Sensibilität, und die Frauen sind bei ihm immer in besten Händen.
Ähnlich einfühlsam wie 1976 in Bayreuth, als er Wagners Brünnhilde so sanft aus ihrem langen Schlaf wach küßte wie eine Mutter ihr Kind, liest er jetzt jede Reaktion von Mozarts Damen in Mozarts Noten ab.
Wie er die betrogenen Edelfrauen ihren verletzten Stolz in sparsamsten Bewegungen der Hände oder des Kopfes ausspielen läßt, wie ein Schleier mal behutsam, wie in Zeitlupe, gelüftet und dann wieder furios vom Haar gerissen wird, wie die Paare sich mal anrühren oder auch aus dem Wege gehen - alles das sind köstliche Miniaturen eines Könners, der die Menschen genau abhorcht, indem er genau auf Mozart hört.
Er verschafft sich den Zugang zu allen Figuren mittels Violinschlüssel, wenn Mozart Dur in Moll moduliert, ist das zu sehen. Wo ein Andante in ein Allegro umschlägt, kommt Bewegung auch in die Szene, und sei es nur mit einem kleinen Finger. In der Kunst, den Herzschlag der Musik mit dem Pulsschlag auf der Bühne zu synchronisieren, bleibt Chereau der führende Kammermusiker und Psychologe unter den Regisseuren.
Szenische Delikatesse fügt sich in Salzburg mit imposanter musikalischer Leistung zum Glücksfall. Dirigent Daniel Barenboim kommt nahezu allen Mirakeln der Partitur auf die Spur. Sein Schmelz ist nie fettig, seine Dramatik hat Wucht, ohne zu dröhnen. Er läßt die Wiener Philharmoniker schmeicheln und zupacken, und am Ende, wenn Don Giovanni zum Teufel fährt, liefert er die spannende Begleitmusik. Es ist auch für ihn ein großer Abend.
So hat sich das lange Warten auf diesen "Don Giovanni" gelohnt, und auch Salzburg hat nun sein umjubeltes Chereau-Wunder. Für Intendant Gerard Mortier, der ab September um die Verlängerung seines Vertrags verhandeln wird, bedeutet der Erfolg Trumpfas. Für Peter Stein müßte er ein galliges Lehrstück sein. Y
* Oben: mit Jerry Hadley, Sylvia McNair; unten: mit Edith Clever (M.).
Von Klaus Umbach

DER SPIEGEL 31/1994
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