12.09.2015

KonsumNachhaltigkeits-Blabla

Das neue Ökosiegelportal der Bundesregierung führt den Verbraucher in die Irre. Von Kathrin Hartmann
Es ist bemerkenswert, wie schnell sich der Wert von Worten verflüchtigen kann. Vokabeln wie "ökologisch", "nachhaltig" oder schlicht "verantwortlich" erscheinen dem aufmerksamen Konsumenten schon so abgenutzt wie die "Qualität" auf Tütensuppen: Je mehr sie betont wird, desto weniger gibt es sie.
Doch die Evolution des Nachhaltigkeits-Blabla schreitet weiter voran. Erst gab es die Ökowörter. Als die nichts mehr bedeuteten, kamen die Ökosiegel. Als auch die Siegel allein nicht mehr viel aussagten, entstanden die dazugehörigen Siegelportale. Und jetzt, da es immer mehr Portale gibt, kommt – mit sozusagen staatlicher Autorität – das Siegelüberprüfungsportal der Bundesregierung: www.siegelklarheit.de.
Praktischerweise hat sich die Bundesregierung quasi gleich selbst zertifiziert und ihr neues Portal zum "Leuchtturmprojekt zur nachhaltigen Entwicklung 2015" erkoren. Fast scheint es, als hätte die Politik den Ökolügen der Industrie endlich den Kampf angesagt. "Je undurchsichtiger die ,Landschaft' der verschiedenen Siegel ist, umso größer ist auch das Risiko von ,Greenwashing'", klagt die Bundesregierung. Und natürlich hat sie recht. Dass sich Konzerne grüner geben, als sie sind, hat sich tatsächlich zur Plage entwickelt.
Der eigentliche Witz an Unbedenklichkeitssiegeln ist: Man braucht sie vor allem für Produkte, deren Herstellung grundsätzlich ökologisch und sozial verheerend ist. Der Apfel vom Hofladen kommt auch ohne Ökoplakette aus.
Von den Großkonzernen haben sich so gut wie alle mit Siegeln eingedeckt. Die Unternehmen erwecken so den Anschein, vor allem mit Weltrettung beschäftigt zu sein, und der Konsument erkauft sich ein gutes Gewissen. Solange alle Beteiligten nicht zu streng zueinander sind, funktioniert das System fabelhaft.
Auch das Portal der Bundesregierung wird dieses Spiel nicht stören. Es bewertet die Siegel nach drei Kriterien: Glaubwürdigkeit, Umweltfreundlichkeit und Sozialverträglichkeit. Sind zwei dieser Kriterien erfüllt, erhält das Siegel das Prädikat "Gute Wahl!".
So wird etwa die umstrittene Industrieinitiative Better Cotton für konventionelle Baumwolle als "Gute Wahl!" geadelt, obwohl sie gentechnisch verändertes Saatgut erlaubt. Solche Mängel werden nicht einmal kenntlich gemacht. Man wolle, so formuliert es die staatliche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die das Projekt für die Bundesregierung betreibt, kein Siegel "abstrafen", sondern durch "transparente Darstellung Entscheidungshilfen" geben.
Nebenbei gibt die Regierung zu, dass sie "keine Vor-Ort-Prüfungen" durchführt. Man könne "keine Aussagen darüber treffen, welche Wirkungen vor Ort tatsächlich erzielt werden". Ist es überzogen, wenn man da von staatlich sanktioniertem Greenwashing redet?
Gestartet hat das Projekt Entwicklungsminister Gerd Müller. Er hatte ja auch den ehrgeizigen Plan, ein Textilsiegel mit hohen Umwelt- und Sozialstandards zu entwickeln. Leider machten ausgerechnet die großen Textilfirmen nicht mit.
Erst als es ihnen gelungen war, die Anforderungen zu senken, traten mehr als 150 Unternehmen Müllers "Textilbündnis" bei. In dieser Sache wird zwischen Unternehmen und Politik immer noch verhandelt. Der Minister aber schiebt in der Zwischenzeit das Problem schon einmal den "Verbraucherinnen und Verbrauchern" zu, die es ja "selbst in der Hand" hätten, "sich für ein Produkt zu entscheiden, das unter menschenwürdigen Produktionsbedingungen, ökologisch und sozial vertretbar hergestellt wurde".
Es ist eine Bankrotterklärung der Politik. Sie wälzt ihre Verantwortung auf den Bürger ab. Doch wie soll er verantwortlich handeln? Indem er sich an den Ökoversprechen jener Unternehmen orientiert, die mit ihren Lobbyisten jede Regulierung verhindern?
Demnächst wird Siegelklarheit.de ein umstrittenes Siegel bewerten, das Label des "Runden Tischs für nachhaltiges Palmöl" (RSPO). Palmöl steckt in nahezu jedem zweiten Supermarktprodukt und in Biodiesel. Um die Nachfrage zu bedienen, sind innerhalb weniger Jahre weltweit Palmöl-Monokulturen entstanden.
RSPO wurde im Jahr 2004 von der Umweltorganisation WWF und Unternehmen wie Unilever gestartet. Seit Jahren weisen Nichtregierungsorganisationen nach, dass sich die von RSPO zertifizierten Firmen nicht einmal an die schwachen eigenen Standards halten. Illegale Rodung, miserable Arbeitsbedingungen und Gewalt gegen Kleinbauern sind an der Tagesordnung. Eine negative Bewertung des Siegels seitens der Regierung ist trotzdem nicht zu erwarten. Sie hat ihm quasi schon ihren Segen gegeben.
Denn 2013 hat die GIZ – die das Siegelportal betreibt – gemeinsam mit WWF, Henkel, Rewe und Unilever das "Forum für Nachhaltiges Palmöl" gegründet, das überwiegend deutsche Unternehmen unterstützen will, nur "nachhaltiges Palmöl" zu beziehen. Nachgewiesen mit dem Siegel von RSPO.
Es ist fatal. Die Politik entzieht sich nicht bloß der Verantwortung, sondern sie schafft dem kontrollierten Raubbau einen Pseudo-Ordnungsrahmen, der systematische Naturzerstörung und Menschenrechtsverletzung legitimiert.
Die Politik nennt das "Green Economy". Die Idee klingt perfekt: Wachstum und Zerstörung sollen voneinander entkoppelt werden. Doch es ist bloß eine Illusion, an welche die Angehörigen der Mittel- und Oberschicht gern glauben. Denn dann könnte alles bleiben, wie es ist – ihr verschwenderischer Konsum wäre am Ende sogar Öko-Engagement. Geprüft und besiegelt von der Bundesregierung.

Hartmann, Jahrgang 1972, kritisiert in ihren Büchern "Ende der Märchenstunde" oder "Wir müssen leider draußen bleiben" sowohl die Haltung der Lifestyle-Ökos als auch das politische Konzept der Green Economy. Gerade hat sie veröffentlicht: "Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren". Blessing Verlag, München; 448 Seiten; 18,99 Euro.
Von Kathrin Hartmann

DER SPIEGEL 38/2015
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