12.09.2015

GriechenlandHerzen berühren

Der Vorsprung von Alexis Tsipras schmilzt, die Neuwahl wird zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende könnte eine Große Koalition stehen.
Rallia Christidou gehört zu den angesagten Rockmusikern ihres Landes, schon gut fünfzig Konzerte gab sie trotz Krise in diesem Jahr. Jetzt steht die zierliche und eher schüchterne junge Frau zum ersten Mal auf einer anderen Bühne. Sie kandidiert in einem der zwei Athener Wahlbezirke für Syriza und kämpft für deren Spitzenkandidaten, den Expremier Alexis Tsipras.
Während sich viele Mitglieder von Tsipras abgewandt haben, geht die 35-Jährige den entgegengesetzten Weg. "Ich glaube an Tsipras, auf seinem Rücken lasten keine Sünden aus 40 Jahren", sagt sie. Christidou sitzt im lauschigen Gartencafé eines Athener Museums und nippt an ihrem Wodka mit frisch gepresstem Zitronensaft: "Ich glaube an die Kraft eines jungen Menschen, der nicht moralisch korrumpiert ist und der den Mut hat, einen ehrlichen Kampf für sein Land zu führen."
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Musikerin mit Diplom für klassische Gitarre gewählt wird, ist gering. Sie steht auf Platz 23 der Syriza-Liste mit 48 Kandidaten. Dennoch ist Christidous Kandidatur eine Überraschung, weil viele jüngere Griechen eher enttäuscht von Tsipras sind. Seitdem er in den Verhandlungen mit Brüssel die meisten seiner Versprechen einsammelte, möchten viele mit Politik am liebsten gar nichts mehr zu tun haben.
Dennoch werben einige Prominente nun für Syriza. Zu ihnen gehört auch der beliebte parteilose Bürgermeister von Thessaloniki, Giannis Boutaris, der als Reformer bekannt geworden ist. Er hofft, dass Tsipras die Wahl gewinnt, "notfalls mit einer Stimme Vorsprung". Er will, dass Tsipras in einer Großen Koalition "den Wiederaufbau des Landes fortsetzen kann".
Eine Woche vor der Wahl ist die politische Situation unübersichtlich. Die Unentschlossenen und Wahlverweigerer sind in manchen Umfragen mit bis zu 30 Prozent stärkste politische Kraft. Syriza und die rechtskonservative Nea Dimokratia (ND) liegen Kopf an Kopf – in den meisten Umfragen sind die Linken knapp vorn, immer öfter führt aber die frühere Regierungspartei ND. Eine Vorentscheidung wird vom TV-Duell am kommenden Montag erwartet, bei dem Tsipras, 41, direkt auf seinen Kontrahenten Evangelos Meimarakis, 61, trifft.
Der Politiker mit grauem Haarkranz und Schnauzer, der mehr wie ein gemütlicher Opa daherkommt, war bislang nur eingefleischten Parteigängern ein Begriff. Er war langjähriger Abgeordneter, kurz Verteidigungsminister, Parlamentspräsident; eigentlich ist er nur Übergangsvorsitzender, seitdem der frühere Premier Antonis Samaras im Juli die Parteiführung abgegeben hat.
Meimarakis entspricht kaum dem Klischee eines griechischen Politikers. Er spricht mit einfachen Worten unspektakuläre Sätze. Er wirkt ungekünstelt, neigt nicht zu übertriebener Selbstdarstellung. Doch gerade wegen seiner Art avancierte er in nur drei Wochen zum unerwartet starken Herausforderer. Seine Popularitätswerte liegen gleichauf mit denen von Tsipras, manchmal ist Meimarakis sogar leicht vorn.
Es ist wie ein Duell zwischen Vater und Sohn, in dem es der Senior als Teil des alten Systems überraschend geschafft hat, wie ein neues Gesicht zu wirken und Vertrauen auszustrahlen.
Der Konservative zeigt sich zudem offen für eine Koalition mit Tsipras. Dieser wiederum kämpft unverdrossen für ein "klares Mandat". Doch kaum ein Wahlforscher traut einer der beiden großen Parteien die absolute Mehrheit zu.
Tsipras lehnt eine Große Koalition kategorisch ab: Syriza und ND seien unterschiedlich "wie Tag und Nacht". Er zeigt sich aber neuerdings offen für eine Zusammenarbeit mit den moderaten Oppositionsparteien Potami und Pasok. Das muss er wohl auch, denn sein bisheriger Partner, die rechtspopulistische Anel, liegt im Moment unter der Dreiprozenthürde.
Auf einer zweieinhalbstündigen Pressekonferenz in Thessaloniki war bei Tsipras nichts mehr von der Müdigkeit der letzten Wochen zu spüren, die alte Leidenschaft schien zurückgekehrt. Die Frage eines TV-Reporters, was er im Falle einer Niederlage machen werde, lächelte er selbstsicher weg: "Sie werden mich nicht so einfach los."
Der Schriftsteller Vassilis Vassilikos, einer der bekanntesten des Landes, gehört ebenfalls zu den Prominenten, die sich für Tsipras einsetzen. "Tsipras hat die Herzen vieler Griechen berührt", sagt er. Der Verhandlungsmarathon mit den Europäern und die Bereitschaft, "über seinen eigenen ideologischen Schatten zu springen", habe bei vielen Menschen "sentimentale Gefühle" für Tsipras geweckt.
Vassilikos sitzt im traditionellen Literatencafé Filion im einstigen Boheme-Stadtteil Kolonaki. Der Autor des berühmten Politromans "Z" war Vorsitzender des Schriftstellerverbands und Unesco-Botschafter seines Landes. Tsipras habe "bewiesen, dass er das nationale Interesse über die eigene politische Existenz stellt", lobt der 80-Jährige.
Vassilikos wünscht sich nun eine stabile Tsipras-Regierung mit breiter Mehrheit, am liebsten eine Große Koalition, in der "die Linken unter dem Druck der Sparauflagen das soziale Gewissen sein können".
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 38/2015
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