12.09.2015

BergsteigenHarakiri vor Publikum

Der Japaner Nobukazu Kuriki will allein und ohne Flaschensauerstoff auf den Mount Everest. Sein Aufstieg ist eine Werbeaktion für Nepal, das nach dem schweren Erdbeben im April um Touristen und Abenteurer buhlen muss.
Die Hände von Nobukazu Kuriki sehen aus, als hätte er in eine Kreissäge gefasst. Sie enden mit neun kurzen, dicken Stummeln.
Es ist drei Jahre her, dass ihm die Ärzte im Krankenhaus fast alle Fingerkuppen amputieren mussten. Nur der rechte Daumen ist Kuriki geblieben. Er hat gelernt, mit seinem Handicap umzugehen, zum Beispiel wie man mit den Stummeln auf die Toilette geht und einen Reißverschluss öffnet. "Das geht schon irgendwie", sagt Kuriki. Es dauere nur alles etwas länger als früher.
Er hat auch gelernt, wie man mit halben Fingern eine Tüte Instantnudeln öffnet, wie man Schnürsenkel an Bergstiefeln zubindet und Steigeisen anlegt. Es sei immer sein Traum gewesen, so schnell wie möglich zurückzukehren, sagt er. Zurück an den Ort, an dem er seine Finger verloren hat, den Mount Everest.
Am vergangenen Montag ist Nobukazu Kuriki, 33, aus Hokkaido, Japan, im Basislager des Everest angekommen, auf einer Höhe von 5400 Metern. Er hat sein Zelt aufgebaut, davor liegen Schaufel, Eispickel und Skistöcke. Die meiste Zeit verbringt Kuriki auf seiner Isomatte, er liest, manchmal meditiert er. Er ist ein freundlicher Mann, der gern per E-Mail ein paar Fragen beantwortet. Er sei konzentriert, schreibt Kuriki. Wenn das Wetter es zulasse, möchte er an diesem Wochenende starten. Der Aufstieg zum Gipfel und der Rückweg würden rund 14 Tage dauern.
Zwei Jahre lang hat den Mount Everest niemand über die beliebte Südroute bestiegen. Nach zwei gewaltigen Lawinen, in denen 35 Menschen starben, blieb der Berg geschlossen. Jetzt hat Nepals Regierung das Dach der Welt wiedereröffnet, und Kuriki ist der Erste, der sein Glück versucht. Nach den Tragödien soll er helfen, das Geschäft anzukurbeln, er soll zeigen, dass der Everest bezwingbar geblieben ist.
Die Frage ist allerdings, ob Kuriki der Richtige für diesen Job ist. Und ob er jemals von seinem Trip zurückkehren wird.
Kuriki begann als Student mit dem Klettern, seine Freundin hatte mit ihm Schluss gemacht, in den Bergen wollte er sich ablenken. Er stieg auf den Denali, den höchsten Berg Nordamerikas, er stand auf dem Aconcagua und dem Kilimandscharo. Er hat drei Achttausender bestiegen, allein und ohne die Hilfe von Sauerstoff aus der Flasche. Vom 8163 Meter hohen Manaslu fuhr Kuriki auf Skiern ab.
2009 versuchte er sich erstmals am Everest. Damals wie heute will er den Berg im Herbst besteigen, außerhalb der Saison im Mai bietet auch das Wetter im September eine Chance für Alpinisten, auf den Gipfel zu gelangen. Kuriki will wieder allein gehen, ohne die Hilfe von Sherpas, die sonst am Everest die Routen präparieren und den Kletterern beim Aufstieg helfen. Und ohne Flaschensauerstoff.
"Ich möchte die Natur fühlen, und Einsamkeit und Isolation gehören zur Natur dazu", sagt Kuriki, "wenn ich allein klettere, wachse ich an meinen Aufgaben. Nicht nur als Bergsteiger, sondern vor allem als Mensch."
Auf dem Gipfel des Mount Everest, auf 8848 Metern, haben seit der Erstbesteigung vor 62 Jahren rund 7000 Menschen gestanden. Die meisten von ihnen in den vergangenen zehn Jahren. Der Berg zieht Profikletterer genauso an wie Hobbyalpinisten. Er ist zum ultimativen Ort für Sinnsucher geworden, die sich beim Versuch, ihren Lebenstraum zu erfüllen, immer wieder gegenseitig im Weg stehen. Im Frühjahr 2013 stapften innerhalb von 14 Tagen 663 Bergsteiger auf den Gipfel.
Kurikis Selbstfindungstrips am Everest gingen bislang jedes Mal schief. Viermal musste er seine Expeditionen abbrechen. Beim letzten Mal, im Jahr 2012, schrammte er an einer Katastrophe vorbei. Er wählte als Route den Westgrat. Ein erfolgreicher Aufstieg ist dort erst fünf Bergsteigern gelungen, neun kamen ums Leben.
Profialpinisten halten sich maximal 24 Stunden in der sogenannten Todeszone oberhalb von 7500 Metern auf, weil der Sauerstoffgehalt der Luft dort so gering ist, dass lebensgefährliche Krankheiten auftreten können. Kuriki vergrub sich während Orkanböen in einem Schneeloch auf 8200 Metern. Bei minus 20 Grad Celsius wartete er auf besseres Wetter, um zum Gipfel zu gelangen. Nach zwei Tagen gab er entkräftet auf, er stieg ab, gestützt von Sherpas. Ein Helikopter musste ihn aus 6400 Metern evakuieren. Seine erfrorenen Zehen und die Nase konnten die Ärzte retten. Seine Finger nicht.
Die Bergsteigerszene schimpfte. Kuriki sei "maximal leichtsinnig", schrieben Blogger. Seine Aktionen würden "an Harakiri grenzen". Kuriki ist das egal. Er klettert nicht, um in der Alpinistengemeinde anerkannt zu werden, seine Bezugsgruppe sind seine Fans, die zu Hause sitzen oder im Büro und ihn über Smartphones und Computer begleiten.
Kuriki inszeniert sich als moderner Abenteurer, er überträgt seine Expedition in Echtzeit im Internet. Er chattet aus dem Basislager, postet täglich Fotos über Facebook und Twitter. Für seinen YouTube-Kanal filmt er sich mit der "Kuriki-Kamera", in den Videos isst er Nudeln oder klebt seine Fingerstummel mit Tape ab. Er trägt ein GPS-Gerät bei sich, damit sich sein Web-Publikum jederzeit über seine aktuelle Position am Berg informieren kann. Und in seinem Blog informiert Kuriki über seine Pulsrate und die Sauerstoffsättigung in seinem Blut.
"Jeder hat in seinem Leben einen eigenen Berg vor sich", sagt er, "ich möchte mein Abenteuer mit den Leuten teilen, damit sie Mut bekommen, damit sie nicht aufhören zu klettern." Auf seiner Website führt er 24 Sponsoren und Förderer auf. Kuriki hält Vorträge bei Unternehmen und an Universitäten. Er könne gut vom Bergsteigen leben, sagt er.
Was ihm in seinem Portfolio noch fehlt, ist der Everest. Für seinen fünften Versuch hielt er Diät, er wiegt 60 Kilogramm und ist 1,62 Meter groß. Kuriki joggte mit einem schweren Rucksack auf dem Laufband, er machte Ausdauerläufe auf über 4000 Metern, um seinen Körper an die dünne Höhenluft zu gewöhnen.
Nepals Tourismusministerium organisierte im August eine Pressekonferenz in Kathmandu, auf der Kuriki die Genehmigung für seine Expedition überreicht wurde. Kuriki gebe "ein Vorbild dafür ab, das Land nach dem Erdbeben wieder zu besuchen", sagte der Tourismusminister Kripasur Sherpa.
Wer den Everest besteigen möchte, bucht den Trip wie einen Pauschalurlaub. Es gibt rund hundert Expeditionsagenturen in Nepal, die den Berg im Programm haben. Auch Firmen aus den USA und Neuseeland organisieren Besteigungen. Die Alpinisten bezahlen je nach Angebot zwischen 30 000 und 90 000 Dollar, 11 000 Dollar davon streicht die nepalesische Regierung für die Genehmigung ein.
Zuletzt kam das Geschäft mit dem Everest allerdings zum Erliegen. Im April 2014 ging auf der Südseite des Berges eine Lawine ab, 16 Sherpas kamen ums Leben. Die anderen Sherpas traten in einen Arbeitsstreik, die Expeditionsfirmen mussten die Klettersaison absagen.
Im April 2015 erschütterte ein heftiges Erdbeben Nepal, fast 9000 Menschen starben, eine halbe Million Häuser wurden zerstört. Das Beben löste am Everest eine gewaltige Lawine aus, die sogar das Basislager unter sich begrub. 19 Bergsteiger wurden getötet, die Saison fiel wieder aus. Auch viele Wanderer stornierten ihre Trips im Himalajagebirge.
Die Regierung rechnet beim Tourismus mit einem Umsatzrückgang um 50 Prozent. Einige Bergsteiger wollen den Everest künftig lieber über die Nordroute bezwingen, von der chinesischen Seite aus. Für Nepal geht es jetzt um eine seiner wichtigsten Einnahmequellen.
Dawa Steven Sherpa, 31, ist der Chef von Asian Trekking, einer der größten Wander- und Expeditionsagenturen in Kathmandu. "Nepal besteht größtenteils aus tiefen Schluchten und unwegsamem Gelände", sagt er, "dort Infrastruktur oder Industrie aufzubauen ist fast unmöglich. Deswegen ist der Tourismus unser wichtigster Wirtschaftszweig."
Dawa Steven organisiert jedes Frühjahr zwei Expeditionen am Everest. Nach den Lawinen hätten manche Sherpas Druck von ihren Familien und Ehefrauen bekommen, erzählt er. "Einige haben sich neue Jobs gesucht, die weniger riskant sind." Dagegen lassen sich seine Kunden, die westlichen Bergsteiger, von den Unglücken nicht abschrecken. "Bei ihnen ist der Everest so populär wie immer", sagt Dawa Steven. 30 Plätze bietet er für die Saison 2016 an, 17 Anmeldungen hat er schon.
Und der Versuch des Japaners Kuriki? "Sehr mutig", sagt Dawa Steven, "wir sind ihm dankbar dafür."
Der Everest im Herbst gilt als großes Wagnis. Der Jetstream, ein bandartiges Starkwindfeld, hängt dann über dem Himalajagebirge. Er bringt kräftige, kalte Winde. Profialpinisten halten sich für Besteigungen ohne Flaschensauerstoff an die 25/25-Regel: Es darf am Gipfel nicht mehr als 25 Stundenkilometer Wind haben und nicht weniger als minus 25 Grad Celsius kalt sein. Im Herbst können allerdings Windgeschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern auftreten.
"Das ist dermaßen laut, als ob du direkt neben einem Schnellzug stehen würdest", sagt der deutsche Extrembergsteiger Ralf Dujmovits, der seit über 20 Jahren am Everest Expeditionen organisiert und auch schon im Herbst auf dem Gipfel stand. Von der Aktion Kurikis hält er trotzdem nichts. "Er betreibt viel Schaumschlägerei, das macht ihm Druck", sagt Dujmovits, "ich befürchte, dass es ihm schwerfallen wird, im richtigen Moment umzudrehen."
In dieser Woche pflegte Kuriki sein Blog, es gab jede Menge News aus dem Basislager zu übermitteln. "Riesige Gletscher erscheinen vor meinen Augen, allmählich steigt die Spannung", schrieb er. Hat er Angst? "Ja, aber es ist wichtig, der Angst die Stirn zu bieten, sie als Teil des Lebens zu akzeptieren."
Es gibt nur wenige Leute im Everest-Business, bei denen ein Umdenken eingesetzt hat. Temba Tsheri Sherpa, 30, ist einer von ihnen. Mit 16 Jahren stand er zum ersten Mal auf dem Gipfel, er brach damals den Altersrekord für den jüngsten Kletterer auf dem Everest. Temba Tsheri wurde in Nepal zum Nationalhelden, heute arbeitet er als Expeditionsleiter.
Durch die Lawine im April verlor er drei seiner Kunden, einen Japaner, einen Chinesen und einen Australier. Auch zwei Sherpas, die für Temba Tsheri gearbeitet hatten, kamen ums Leben. "Vielleicht war das eine Warnung", sagt er, "wenn wir so weitermachen, könnte noch Schlimmeres passieren." Schließlich wackle in Nepal noch immer häufig der Boden. In Kathmandu gab es allein im August fünf leichte Erdbeben.
Temba Tsheri hat bis auf Weiteres alle seine Geschäfte am Everest eingestellt. Er sagt: "Ich möchte, dass der Berg jetzt eine Pause bekommt."

Twitter: @lukaseberle
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 38/2015
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