12.09.2015

FamilienKaputt getrunken

Viele Frauen konsumieren auch in der Schwangerschaft Alkohol. Sind zahlreiche Kinder, die angeblich ADHS haben, in Wahrheit Opfer eines riskanten Trinkverhaltens?
Wo ist Liam? Eben noch war er im Kletterhaus, balancierte über Hängebrücken und rutschte von einer Etage auf die nächste. Jetzt ist er auf einmal nicht mehr zu sehen in diesem Durcheinander aus Netzen und knallroten Plastikrohren und den kreischenden Kindern, die darin herumtoben. Die Mutter dachte, sie hätte ihn immer gut im Blick gehabt, aber der Junge hat sich irgendwie hinausgeschlichen.
Vielleicht ist er zum Kiosk gelaufen, vielleicht wollte er etwas trinken, also geht sie quer durch den Indoor-Spielplatz, reckt den Kopf und ruft immer wieder seinen Namen. Was, wenn er nach draußen gerannt ist? Wenn er in ein fremdes Auto gestiegen ist?
Liam, fünf Jahre alt, ist nicht altersgemäß entwickelt, und manchmal verhält er sich so sonderbar, dass seine Mutter nicht mehr weiterweiß. Der Junge hat eine schwere Fetale Alkoholspektrum-Störung (FASD), wie sie vor einigen Monaten erfuhr: Weil sie während der Schwangerschaft zu viel Alkohol trank, nahm das Gehirn ihres Sohnes irreparablen Schaden.
Liam bleibt quälende fünf Minuten lang verschwunden, dann hört seine Mutter einen Schrei, und der Junge kommt unter einem Holzhaus hervorgekrochen, bitterlich weinend, warum auch immer. Sie nimmt ihn auf den Arm, küsst seine Stirn. "Mein Schatz", sagt die 30-Jährige, "was hast du denn?" Etwas später sitzt der Junge nass geschwitzt und mit rot geweinten Augen auf ihrem Schoß und isst Buchstabenplätzchen, die sie in einer Plastikdose mitgebracht hat.
"Es vergeht kein Tag, an dem ich mir keine Vorwürfe mache", sagt die Altenpflegerin, die in einer kleinen westfälischen Stadt lebt und anonym bleiben will, um sich und ihren Sohn vor Gerede zu schützen.
Jedes Jahr werden in Deutschland nach Schätzungen von Experten etwa 6000 bis 10 000 Kinder geboren, die wie Liam an einer Form der FASD leiden. Von der Schädigung sind mehr Menschen betroffen als vom Downsyndrom, doch in der öffentlichen Diskussion spielt sie kaum eine Rolle. Ein Grund dafür ist, dass viele Eltern in sozial schwierigen Verhältnissen leben, ihr Nachwuchs in Pflegefamilien aufwächst und FASD für ein Unterschichtenphänomen gehalten wird.
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), präsentierte jetzt Zahlen, die anderes nahelegen. Laut einer Umfrage im Auftrag des Verbands der Privaten Krankenversicherungen halten noch immer 18 Prozent der Bundesbürger gelegentlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft für vertretbar; 10 Prozent geben zu, dass sie nicht wissen, ob ein Gläschen Sekt oder Bier schädlich ist für ein ungeborenes Kind. Nach einer Langzeitstudie des Robert Koch-Instituts trinkt jede siebte Schwangere Alkohol – und bei Frauen mit höherem Sozialstatus ist der Anteil wohl noch größer.
FASD-Experten wie der Münsteraner Psychologe Reinhold Feldmann glauben daher, dass nicht wenige Mittel- und Oberschichtenkinder, die angeblich unter ADHS leiden, in Wirklichkeit Opfer fahrlässiger Trinkgewohnheiten sind. Genau wie ADHS-Patienten fallen viele FASD-Kinder als unkonzentriert, rastlos und latent aggressiv auf.
Zwar gibt es keine Statistiken darüber, wie groß das Problem der zweifelhaften Diagnosen ist, doch klar sei, dass viele Ärzte FASD nicht erkennen würden – oder falsche Rücksicht auf die Eltern nähmen, sagt Gisela Michalowski, Vorsitzende des Vereins FASD Deutschland. Die Diagnose ADHS sei besser zu ertragen und gesellschaftlich anerkannt; Alkoholspektrum-Störungen gelten dagegen als Inbegriff mütterlichen Fehlverhaltens. Doch in manchen Fällen ist das wohl fahrlässig, wahrscheinlich auch in dem von Liams Mutter.
Die Geschichte, die auch ihr Arzt für "sehr glaubwürdig" hält, begann damit, dass sich die junge Frau von ihrem Mann trennte, mit dem sie bereits eine zweijährige Tochter hatte. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, brauchte sie Ablenkung. Wenn es möglich war, traf sie sich abends mit Freunden und tat das, was viele junge Frauen tun, wenn sie um die Häuser ziehen: Sie trank Alkohol, meistens ein Mixgetränk aus Cola und rotem Likör.
Liams Mutter ist eine attraktive, gut gekleidete Frau mit langen braunen Haaren. Auf einer der Partys lernte sie einen jungen Mann kennen und machte einen Fehler: Betrunken, wie sie war, hatte sie ungeschützten Sex mit ihm. Dass sie dabei schwanger wurde, merkte sie drei Monate lang nicht. Sie hatte sogenannte Einnistungsblutungen und glaubte deswegen, ihre Regel bekommen zu haben – ein Fall, wie ihn viele Gynäkologen kennen. So wähnte sich die junge Frau in Sicherheit und trank weiter, manchmal auch so viel, dass sie am nächsten Morgen einen Kater hatte.
Alkohol passiert problemlos die Plazenta, greift Organe an, schadet besonders dem Gehirn. Ab welcher Menge es kritisch wird, lässt sich nicht sagen. Laut dem Münsteraner Psychologen Feldmann kann schon "ein einziger Absturz auf dem Schützenfest" genügen. Mädchen und Jungen, die es besonders schwer trifft, zeigen auch äußerliche Auffälligkeiten – etwa kleineren Kopf, schmale Augenlider, vorstehende Nasenflügel.
Als Liams Mutter erfuhr, dass sie schwanger war, hatte sie längst keinen Kontakt mehr zum Kindsvater, und sie baute ihn auch nie wieder auf. Sie habe "sofort Panik bekommen" und natürlich das Trinken eingestellt. Anders als einige ihrer Freundinnen wusste sie, dass schon kleine Mengen Alkohol dem Kind schaden können. Sie recherchierte im Internet und lag dann nächtelang wach, geplagt von der Angst, dass sie ihr Kind "kaputt getrunken" habe. Sie googelte Bilder von FASD-Kindern, wunderte sich über deren ungewöhnliche Gesichter und war sich an manchen Tagen sicher, dass auch ihr Sohn so aussehen würde.
Doch so kam es nicht. Liam ist zierlich, sein Kopf ist etwas klein, doch wenn er auffällt, dann deswegen, weil er sehr niedlich ist mit seinen Knopfaugen und dem blonden Haar. Anfangs habe sie daher auch erst gedacht, dass mit dem Jungen alles okay sei. Doch der Eindruck täuschte. Der Kleine war ein Schreikind, lernte erst mit zwei Jahren laufen und hatte Dinge, die er heute konnte, morgen schon wieder vergessen.
Die alleinerziehende Mutter sprach mit niemandem über ihren Verdacht, doch es fiel auch einem engen Freund auf, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmte. Manchmal schlug Liam grundlos auf seine ältere Schwester ein – was den Effekt hatte, dass das Mädchen seinen Bruder nicht sonderlich mag und ihn für "dumm" hält. Auch in der Kita wurde Liam von anderen Kindern geschnitten, weil er sich partout nicht auf Regeln einlassen wollte. Der Freund überredete Liams Mutter, einen Psychologen aufzusuchen, und tat das, was viele Menschen tun, die mit einem alkoholgeschädigten Kind zu tun haben: Er tippte auf ADHS oder Autismus.
Doch einige Monate und etliche Untersuchungen später hatte Liams Mutter die Gewissheit: Ihr Sohn leide nicht unter den zunächst angenommenen Krankheiten, sondern unter einer FASD-Variante. Möglicherweise habe er sogar das Fetale Alkoholsyndrom (FAS), die schwerste Form der Störungen.
An einem Tag im August fahren die Mutter und Liam zur FAS-Ambulanz der Tagesklinik in Walstedde im Münsterland, deren Leiter Psychologe Feldmann ist. Vor einigen Tagen hat Liam dort einen IQ-Test gemacht, heute soll seine Mutter das Ergebnis erfahren.
Während die Mutter im Wartezimmer eine Zeitschrift liest, spielt der Junge mit Autos. Nach einigen Minuten geht er hinüber zu einem wartenden Mann, den er gar nicht kennt, und will auf dessen Schoß klettern. "Liam!", sagt seine Mutter streng, "lass das sein." Der Junge widmet sich den Rennautos, sagt "brummbrummbrumm", doch fünf Minuten später zieht es ihn wieder zu dem Fremden hin, dem das alles peinlich ist: Liam legt seinen Kopf auf den Oberschenkel des Mannes, klammert sich daran und hört erst auf, als seine Mutter ihn wegzieht und festhält.
Distanzlosigkeit ist eine Eigenschaft, die viele Kinder mit FASD haben – und Liams Mutter "wahnsinnige Angst" bereitet. "Was, wenn das mal einer ausnutzt?", fragt sie sich. Tatsächlich werden viele alkoholgeschädigte Menschen irgendwann in ihrem Leben sexuell missbraucht, hat Gisela Michalowski bei ihrer Arbeit gelernt. Sie werden auch deswegen schneller Opfer, weil sie sich leichter manipulieren lassen und dazu neigen, Fehler zu wiederholen: Es gibt Kinder mit FASD, die sich mehrmals an der heißen Herdplatte verbrennen oder wiederholt auf eine viel befahrene Straße laufen.
"Die Knirpse sind im Alltag oft nur schwer zu ertragen", sagt Feldmann, der sich seit fast 20 Jahren mit dem Phänomen FASD beschäftigt. Er hält es für einen Skandal, dass die Politik nicht mehr für die Aufklärung tut – so, wie es beim Rauchen ja auch funktioniert habe. Seit Jahren kämpft der Psychologe auch dafür, dass Deutschlands Mediziner besser ausgebildet werden, um zum Beispiel Verwechslungen mit ADHS zu verhindern. So gerieten viele FASD-Kinder nämlich zu allem Überfluss auch noch in eine Therapiemühle, die ihnen nicht helfe, sondern sie nur zusätzlich stresse.
ADHS-Kinder könnten lernen, sich zu konzentrieren oder soziale Situationen zu verstehen – viele FASD-Betroffene könnten das aber nicht, sagt Feldmann. Sie brauchten andere Hilfestellungen, bekämen diese aber oft nicht, weil sie "auf einem falschen Ticket unterwegs" seien. So sei es kein Wunder, dass viele FASD-Patienten irgendwann einmal im Gefängnis säßen oder selbst eine Suchtproblematik entwickelten.
Als Liams Mutter das Behandlungszimmer betritt, ist sie nervös wegen des Intelligenztests. Feldmann geht an seinen Schreibtisch, blättert in einer Unterlage und teilt ihr mit, dass ihr Sohn einen IQ von 77 habe; für ein Kind mit FAS ist das leicht über dem Durchschnitt. Eine Regelschule werde ihn – auch wegen seines sozialen Verhaltens – wahrscheinlich überfordern, sagt der Psychologe.
Liams Mutter will die Hoffnung nicht aufgeben. Sie hat nun einen Platz in einem heilpädagogischen Kindergarten für ihren Sohn ergattert, in dem er sich bisher sehr wohlfühlt. "Er macht Fortschritte", berichtet sie dem Arzt. Sie wisse, dass sie es nie wiedergutmachen könne, dass sie während der Schwangerschaft getrunken habe. Aber sie werde alles tun, damit Liam ein glücklicher Mensch werde.

Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 38/2015
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