19.09.2015

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalQuotenhandel

Ich habe von einer Idee gelesen, wie man das Problem mit der Frauenquote in Aufsichtsräten lösen könnte. Im Moment reden ja alle nur noch von der Quotenregelung für Flüchtlinge, dabei haben wir auch bei der Gleichberechtigung großen Nachholbedarf.
Wissenschaftler der Uni Darmstadt haben ein System ausgearbeitet, das wie der Emissionshandel mit CO2 funktioniert. Wer zu viele Männer im Aufsichtsrat hat, kann sich das Recht kaufen, diese dort sitzen zu lassen, so wie klimaschädliche Firmen heute Zertifikate erwerben, um weiter Kohlendioxid in die Luft zu blasen. "Es geht sozusagen um Verschmutzungsrechte für Männer", hieß es dazu in dem Artikel, den ich gefunden habe.
Ich gebe zu, ich bin im ersten Moment bei dem Wort Verschmutzungsrechte erschrocken. So sollte man im Zusammenhang mit Menschen nicht reden, auch nicht, wenn es um Männer geht. Aber die Idee ist interessant. Wenn man darüber nachdenkt, fallen einem viele Anwendungsbereiche ein. Auch das Flüchtlingsproblem könnte man so aus der Welt schaffen. Die Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, könnten sich das Recht dazu an einer Emissionsbörse erkaufen – Verschmutzungsrechte für Einheimische sozusagen. Für Deutschland mit seiner Willkommenskultur wäre die Sache sogar ziemlich lukrativ: Wer seine Quote übererfüllt, kann die Rechte, die er nicht braucht, meistbietend versteigern. Wer weiß, am Ende zahlt es sich noch aus, dass wir so viele Flüchtlinge ins Land lassen.
Es war schon immer die Frage, wie man Menschen dazu bringt, Dinge zu tun, die sie eigentlich nicht tun wollen. Früher hat man die Leute einfach zu ihrem Glück gezwungen. Heute versucht man, sie zu ködern, indem man ihnen Angebote macht, die sie nicht ausschlagen können.
Es ist faszinierend, auf was Politiker kommen, um die Bürger in die gewünschte Richtung zu bewegen. Die Grünen in Berlin haben den Vorschlag gemacht, eine Art Rundfunkbeitrag für den öffentlichen Nahverkehr einzuführen. Jeder Berliner erhält dafür ein "Bürgerticket", egal ob er nun Bahn fährt oder nicht. Das ist natürlich raffiniert. Was man schon bezahlt hat, lässt man ungern verfallen, also wird man es sich zweimal überlegen, ob man sein Auto benutzt. Im Bundestag haben einige Abgeordnete angeregt, eine "Kulturabgabe" einzuführen, um die Kirchen zu unterstützen. Aus der SPD kommt der Vorschlag, die Bürger wieder mehr zum Zeitungslesen zu bringen, indem man bei der Fernsehgebühr die Zeitungen dazunimmt.
Das Verblüffende ist, dass die meisten Vorschläge von Leuten kommen, die ansonsten gern die Ökonomisierung aller Lebensbereiche beklagen. Etwas Ähnliches ist mir schon in der Flüchtlingsdebatte aufgefallen. Statt einfach zu sagen, warum es unsere Pflicht ist, fremde Menschen aufzunehmen, heißt es, dass Deutschland die Zuwanderer dringend brauche, um seine demografischen Probleme zu lösen. Offenbar traut auch der Willkommenskulturbürger dem guten Herzen nur bedingt.
An dieser Stelle schreiben Jan Fleischhauer und Jakob Augstein im Wechsel.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 39/2015
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