19.09.2015

PresserechtRächer ohne Ruhe

Ex-Wettermoderator Jörg Kachelmann will von „Bild“ 2,25 Millionen Euro Schmerzensgeld erstreiten.
Zwischendurch gibt es auch Tage, da legt sich Jörg Kachelmann mit niemandem an, sondern twittert einfach nur übers Wetter. Schwere Sturmböe auf dem Brocken, windige Zeiten, #pustefix, #Dauerschiff, #pfuideibel. Der vertraute Kachelmann-Sound.
Länger als einen Tag dauert es selten, dann teilt er wieder gegen seine Gegner aus. Darunter die Exgeliebte, die ihn im Jahr 2010 der Vergewaltigung bezichtigt hatte, die Burda-Blätter "Focus" und "Bunte", die sich trotz Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Klägerin auf deren Seite schlugen, Feministin Alice Schwarzer, die für "Bild" vom Prozess berichtete und in ihrer Zeitschrift "Emma", selbst nach Kachelmanns Freispruch, den Eindruck erweckte, er sei ein Täter. Und natürlich "Bild" selbst.
Die Redakteure des Boulevardblatts beschimpft der 57-Jährige auf Twitter als "Schmierlappoiden" und ihre Arbeit als #vollpfostenjournalismus. Um "Bild"-Chef Kai Diekmann, selbst ein eifriger Twitterer, tänzelt er herum wie die Zeichentrickmaus Jerry, wenn sie den Kater Tom reizen will.
Im Cartoon trägt immer der Kater die Beulen davon, beim Fight Kachel- vs. Diekmann hingegen ist der Sieger noch nicht ausgemacht. Zumal die Schlacht nicht im Netz entschieden wird, sondern am Landgericht Köln, wo Kachelmann gegen "Bild" und den Verlag Axel Springer klagt.
Es geht um 47 Artikel aus der Zeit nach seiner Verhaftung – und die Gnadenlosigkeit des Boulevards. "Bild" veröffentlichte Details aus seinem Sexleben ebenso wie seinen SMS-Verkehr und zeigte ihn während der U-Haft beim Hofgang. Kachelmann sieht sich verleumdet, sein Anwalt spricht von einer "Hetzkampagne" und verlangt 2,25 Millionen Euro Schmerzensgeld. Das Urteil wird für den 30. September erwartet.
Einzigartig ist der Feldzug schon jetzt. Nicht nur, weil es sich bei der geforderten Summe um einen Rekordbetrag handelt. Sondern auch, weil noch niemand so heftig gegen Deutschlands mächtigstes Boulevardorgan aufbegehrt hat wie nun der Schweizer Jörg Kachelmann.
Wie man vor Gericht scheitern kann, wenn man sich wehrt, erfuhr zuletzt der Kabarettist Ottfried Fischer, der das Blatt wegen Nötigung drankriegen wollte. Dass sich der FC St. Pauli in dieser Woche weigerte, für eine Flüchtlingsaktion in Trikots mit einem "Wir helfen"-Emblem von "Bild" aufzumarschieren, gilt schon als Akt der Rebellion (siehe Seite 48). So mancher Prominente paktiert mit "Bild", aus Angst, bei passender Gelegenheit durch den Wolf gedreht zu werden. Kachelmann hat das bereits hinter sich. Er sagt: "Ich genieße die Freiheit dessen, der beruflich alles verloren hat."
Üblicherweise werden Menschen gefeiert, die sich gegen "Bild" auflehnen. Kachelmann nicht. Das wird seiner Vergangenheit geschuldet sein, aber auch seiner Selbstdarstellung.
Sattel, eine Gemeinde am Fuß des Mostelbergs im Kanton Schwyz. Das Haus am Dorfplatz 2 liegt gegenüber der Kirche. Dunkle Holzschindeln an der Fassade, grüne Fensterläden, Blick ins Tal. Im 19. Jahrhundert diente es als Pfarrhaus und Schule und zuletzt als Rathaus.
Im Januar ist hier die Kachelmann GmbH eingezogen, seine im vorigen Jahr gegründete Firma, die das Portal Kachelmannwetter.com betreibt. An der Wand hängen historische Barometer, auf der Website gibt es Unwetterwarnungen, das Wetter fürs Oktoberfest und Videos zu Fragen wie: "Altweibersommer: Was ist das genau?" Das Team besteht aus Kachelmann und vier weiteren Meteorologen.
Im Nebenraum sitzt Miriam Kachelmann, 29, seine Frau seit 2011, ein paar Monate vor dem Freispruch. Auf Twitter nennt sie sich @opferabo. Aus Protest dagegen, dass, wie sie sagt, "Frauen immer als Opfer gelten, auch wenn sie Täterinnen werden". Auf dem Boden spielt der gemeinsame Sohn, fast zwei Jahre alt. Kachelmann spricht Schweizerdeutsch mit ihm. Der Name des Kindes soll nicht öffentlich werden.
Kachelmann sagt: "Ich weiß, was für ein Bild viele von mir haben. Die denken: Der Kerl sitzt mit hochrotem Gesicht vor seinem Computer und hat sein Beißholz zwischen den Zähnen. Aber da ist kein Hass, auch keine Wut. Ich weigere mich einfach nur, zur Tagesordnung überzugehen."
Auf einem Esstisch, den er für Besprechungen nutzt, steht sein Laptop. Während des Gesprächs überprüft er mehrmals sein Mail-Postfach und die Lage auf Twitter. Per Skype ist aus Köln sein Medienanwalt Ralf Höcker zugeschaltet. Er antwortet, wenn es um juristische Feinheiten geht.
Nach der Verhaftung hatte Höcker versucht, seinem Mandanten einen PR-Experten zur Seite zu stellen. Von dessen Ideen für eine gelungene Krisenkommunikation wollte Kachelmann nichts wissen. Auch nicht von dem Dutzend weiterer Berater, die sich ihm seither andienten.
Manchmal pflaumt er missliebige Twitterer an: "Gehen Sie weg." Er ledert im Netz gegen den "Stern", der seinerzeit im Umfeld seiner Mutter recherchierte, und gegen Günther Jauch, als dessen Talkgast er sich schlecht behandelt sah. Als bekannt wurde, dass gegen seine Peinigerin Alice Schwarzer ("eine ekelhafte Person") wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird, war ihm das ein Fest. "Bild"-Leute sind für ihn "Hetzer", Verlegerin Friede Springer heißt bei ihm #fiesefriede. Kachelmann, der Ein-Mann-Shitstorm.
Einmal brachte er "Bild"-Chef Diekmann auf Twitter so aus der Fassung, dass der Kachelmann als krank beschimpft. Der sagt: "Wenn Diekmann sich zwischendurch nicht so aufregen würde, hätte ich vielleicht schon aufgehört, ihn zu ärgern."
Dass Kachelmann im Netz das Rumpelstilzchen gibt, dürfte seinem Ruf kaum zuträglich sein. Jeder Krisenberater, mit dem man über Kachelmanns Eigen-PR spricht, ist entsetzt. Aber die Wüterei lässt erahnen, wie sehr ihn die 132 Tage hinter Gittern und der Gang durchs mediale Fegefeuer gebeutelt haben müssen.
"In der U-Haft habe ich meinen Wärtern und Mithäftlingen geschworen, dass ich später allen auf den Sack gehen werde, die mir das Leben schwer gemacht haben. Und genau das tue ich jetzt. Wenn die Leute mich für einen verbohrten Heini halten, nehme ich das in Kauf", sagt er.
Rebelliert habe er schon als Schüler. Fast jeden Samstag seien er und seine Freunde zum Marktplatz ihrer Heimatstadt Schaffhausen gezogen, um gegen irgendwas Unterschriften zu sammeln. "Wir haben eine Umgehungsstraße verhindert. Und den Bau einer Glasfabrik." Twitter ist nicht nur sein neuer Marktplatz, sondern auch die letzte Bühne, die ihm geblieben ist. 26 000 Menschen folgen ihm auf der Plattform. Ein Fliegenschiss, verglichen mit den Millionen, die früher einschalteten, wenn er im Fernsehen kam. Kachelmann, das hat man fast vergessen, war einmal eine große Nummer. Talker, Showmaster, Lieblingsschweizer der Deutschen. In den Neunzigerjahren vertraute ihm die ARD sogar die kurzzeitige Neuauflage des Samstagabendklassikers "Einer wird gewinnen" an. "Wetterman" nannte er sich in seiner Zeit beim Radio. Das klang nach Superheld. Oder Götterbote. Prometheus hatte den Menschen das Feuer gebracht, Kachelmann brachte ihnen das Wetter.
Irgendwer müsste die Marke Kachelmann wieder polieren. Er selbst. Oder jemand, dem er vertraut. Nach allen Indiskretionen, die über ihn zu lesen waren, öffnet der Name Kachelmann keine Türen mehr, im Gegenteil. Dabei muss er jetzt Firmen davon überzeugen, dass sie auf Kachelmannwetter.com Werbung buchen.
Kachelmann braucht Geld. Der Strafprozess war teuer, der Verdienstausfall schmerzlich, die Entschädigung für seine Zeit in U-Haft fiel so spärlich aus, wie das Gesetz es vorsieht. 132 Tage à 25 Euro. Macht 3300 Euro. Er sagt, er habe sich von Grundstücken, Häusern und Wohnungen trennen müssen, auch die Anteile an seiner Firma Meteomedia hat er verkauft.
"Ich war hoch verschuldet. In den dunkelsten Momenten konnten wir uns nicht einmal Essen kaufen. Ich habe darüber nie öffentlich gesprochen, um der Falschbeschuldigerin nicht noch mehr Genugtuung darüber zu geben, was sie an Vernichtungswerk erreicht hat."
Köln, am Friesenplatz. Die Kanzlei von Medienanwalt Höcker. Er hat Felix Magath vertreten und Heidi Klum. "Kachelmann-Anwalt" aber ist so etwas wie sein Etikett geworden, spätestens seitdem er für seinen Mandanten mehrfach erfolgreich gegen Alice Schwarzer vorging.
In fast jedem Raum der Kanzlei stehen Kachelmann-Akten im Regal, mehrere Hundert. Ordner dazu, dass Kachelmann seine Exgeliebte nicht "Kriminelle", aber "Falschbeschuldigerin" nennen darf. Ordner zum Clinch mit einem "Bild"-Paparazzo, der den Häftling Kachelmann beim Hofgang fotografiert hatte, sich aber erfolgreich dagegen wehrte, dass Kachelmann später den Spieß umdrehte und Fotos vom Paparazzo veröffentlichte.
Zwei Schränke füllt allein die Causa Kachelmann vs. Axel Springer. Höcker sagt, er habe sich bemüht, in den vergangenen Jahren möglichst viele rechtskräftige Unterlassungserklärungen zu erwirken. "Jetzt machen wir nur noch ein Bändchen drum und bitten zur Kasse."
Bereits im Jahr 2010 legte er die Summen fest, die er den beiden Verlage abringen wollte, von denen Kachelmann sich am schlimmsten verleumdet fühlte.
Jene 2,25 Millionen, die er von Axel Springers "Bild" fordert. Und eine Million vom Burda-Verlag für die Berichte in "Focus" und "Bunte", es ging um intime Details und bezahlte Interviews mit teilweise wohl falschen Antworten, was "Bunte" stets zurückwies. Mit Burda hat Höcker sich im Frühjahr außergerichtlich auf eine unbekannte Summe geeignet. Bei Springer gelang das nicht.
Die astronomische Summe von 2,25 Millionen Euro werde er nicht erreichen, gibt Höcker zu. "Es wird deutlich weniger sein, das hat der Richter schon durchblicken lassen. Aber ich bin zuversichtlich, dass es eine Rekordsumme werden wird. Nicht, weil ich damit ins Guinnessbuch kommen will. Sondern zur Abschreckung der Boulevardpresse. Und um Herrn Kachelmann maximale Genugtuung zu verschaffen." Den bisherigen Rekord hält Madeleine von Schweden mit 400 000 Euro, einer Summe, zu deren Zahlung der Klambt-Verlag ("Frau mit Herz") 2009 wegen 86 erfundener Klatschgeschichten verurteilt wurde.
Was ihn so siegessicher macht? Höcker sagt, man müsse sich die Artikel nur anschauen. "Bild" habe vorverurteilt, nachverurteilt, Intimitäten verbreitet, gelogen. "Die waren wie im Rausch."
"Bild", 7. April 2010: "50 heiße Flirt-SMS! So baggerte Jörg Kachelmann Pop-Star Indira an." Höcker sagt: "Das hatte absolut nichts mit dem Gegenstand des Strafverfahrens zu tun. Das war reiner Voyeurismus."
"Bild", 29. April 2010: "Hatte Jörg Kachelmann 6 Frauen gleichzeitig?" –"Nein, hatte er nicht", sagt Höcker.
"Bild am Sonntag", 9. Mai 2010: "Hat Kachelmann eine weitere Geliebte sexuell genötigt?" Höcker: "Das ist widerwärtig und rechtswidrig, denn es suggeriert ja, dass er mindestens eine genötigt habe. Und das hat er eben nicht." Weder "Bild" noch Springer wollten sich auf Anfrage zum Thema Kachelmann äußern.
Dass Kachelmann jemals wieder prominent auf den Bildschirm zurückkehren könnte, scheint noch unvorstellbar. Dabei gibt es Beispiele von gefallenen TV-Stars, denen ein Wiedereinstieg gelang, allerdings zwei Etagen tiefer als zuvor. Andreas Türck, 2004 der Vergewaltigung beschuldigt und freigesprochen, moderiert seit zwei Jahren wieder bei Kabel eins. Michel Friedman, seit 2003 vorbestraft wegen Kokainbesitzes, war bald danach wieder im Talkgeschäft, wenn auch nur bei N24.
Die ARD erklärte Kachelmann seinerzeit angeblich, er sei zwar freigesprochen, aber man müsse daran denken, was sich die Leute vorstellten, wenn sie ihn im Fernsehen sähen. Vermutlich ist bei vielen nur "irgendwas mit Vergewaltigung" hängen geblieben. Dass der Prozess in einen Freispruch mündete, gehört schon nicht mehr zum Allgemeinwissen. Dazu hat auch das Landgericht Mannheim beitragen, indem es sein Urteil mit der Anmerkung versah, Kachelmann gelte nur als unschuldig, weil man ihm keine Tat nachweisen könne. Ein Freispruch zweiter Klasse.
Das könnte sich am 19. November ändern. Für diesen Tag ist ein weiterer Gerichtstermin anberaumt. Der Kläger: Jörg Kachelmann. Die Angeklagte: seine Exgeliebte Claudia Dinkel, die ihn vor fünf Jahren angezeigt hatte. Vor dem Oberlandesgericht Frankfurt wird es erneut darum gehen, ob Dinkel sich die Schürfungen, Kratzer und Hämatome selbst beigebracht hat, die sie 2010 als Beleg für eine Vergewaltigung vorzeigte. Ein neues, vom Gericht bestelltes Gutachten soll das klären. Es liegt bereits vor, über den Inhalt ist noch nichts nach außen gedrungen. Fällt es zugunsten Kachelmanns aus, könnte dies der entscheidende Schritt zur Rehabilitation sein. Auch gegen die Staatsanwaltschaft Mannheim geht Kachelmann gerichtlich vor.
Für den Fall eines Sieges gelobt er Ruhe im Netz. "Sobald Springer, Dinkel und die Staatsanwaltschaft verurteilt sind, ist das Thema für mich twitterös erledigt." Und wenn nicht?
Auf jeden Fall, so Kachelmann, warte er noch auf eine Karriere als Prozessberichterstatter in einer Steuersache Schwarzer, wenn es dazu kommt.

Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 39/2015
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