29.08.2015

KulinarikDer Lächler von der Burg

Wegen Steuerhinterziehung und Sozialbetrugs könnte der Fernsehkoch Johann Lafer eine empfindliche Strafe bekommen.
Brutzeln und Lächeln, das ist sein Leben, und für beides hat Johann Lafer Talent. Als TV-Koch kennt ihn ein Millionenpublikum, auf der rund 1000 Jahre alten Stromburg nahe Bad Kreuznach betreibt er ein Burghotel und ein Sternerestaurant.
"Eine Frage der Ehre", so schreibt er vollmundig auf seiner Homepage, sei es, "Verantwortung" zu tragen, wenn man "im Rampenlicht steht". Er versuche, "dieser Verantwortung gerecht zu werden". Täglich seinen rund 80 Mitarbeitern gegenüber, aber auch außerhalb seiner Unternehmungen.
Dabei scheint er in Versuchung geraten zu sein. Ein gutes Jahr nachdem ihn seine ehemalige Haushälterin Lydia D. angezeigt hat, weil sie sich ungerecht entlohnt fühlte, zeichnet sich das Bild eines Geschäftsmanns ab, der für Verantwortung und Ehre eher wenig übrig hat. Der gebürtige Österreicher soll allem Anschein nach über Jahre bei den Arbeitsverträgen von mehr als drei Dutzend Mitarbeitern getrickst, Steuern hinterzogen und Sozialabgaben nicht korrekt abgeführt haben.
Insider schätzen den Schaden für die öffentlichen Kassen auf rund 300 000 Euro. Bei einer solchen Schadenshöhe und der Schwere und Fülle der Delikte – Steuerhinterziehung und Sozialversicherungsbetrug – muss der Fernsehkoch im Falle eines Schuldspruchs mit einer Freiheitsstrafe von einem Jahr mit Bewährung oder einem Strafbefehl über 720 Tagessätze rechnen. In beiden Fällen wäre er vorbestraft. Auftritte in Kochshows und Werbeverträge wären gefährdet.
Lafers frühere private Haushälterin Lydia D. hatte den Fall ins Rollen gebracht. Sie habe auch keinen bezahlten Urlaub gehabt, klagte sie. "Solches Gebaren von Arbeitgebern wäre absolut gesetzwidrig", sagt Guido Zeitler, Referatsleiter der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten. Jeder Arbeitnehmer, auch Aushilfskräfte und Minijobber, habe einen Anspruch auf bezahlten Urlaub von 24 Tagen im Jahr sowie eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Lydia D. verklagte nach Ende des Jobs ihren Exchef und erstattete Anzeige gegen ihn. Vor dem Arbeitsgericht hatte sie wenig Erfolg, allerdings nahm sich die Staatsanwaltschaft Koblenz des Falls an und leitete Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ein. Denn Lafer hatte gemogelt: Die Haushälterin war bei seiner Kochschule "Table d'Or" angestellt worden, obwohl sie fast ausschließlich als private Haushälterin der Familie arbeitete. Der Verdacht liegt nahe, dass dies geschah, um eigentlich private Kosten über den Betrieb abzurechnen. Auch von versteckten Barzahlungen für geleistete Arbeit war die Rede.
Es meldete sich auch ein Vietnamese zu Wort, der rund zehn Jahre lang in Lafers Restaurant "Le Val d'Or" als Spüler gearbeitet hatte. Er machte die Ermittler, die im September 2014 den Gourmettempel, die Kochschule und das Privathaus durchsuchten, mit dem System Lafer vertraut: Er soll 120 Stunden im Monat bei ihm gearbeitet und 1296 Euro brutto für eine Festanstellung bekommen haben – plus 400 Euro netto für einen Aushilfsjob.
Das ist zwar eine verbreitete Praxis in der Gastronomie, aber rechtswidrig. Lafer soll die zusammenhängende Arbeit im Maschinenraum des Sternerestaurants aufgesplittet und auf diese Weise Lohnsteuer wie Sozialabgaben gespart haben. Für die so beschäftigten Mitarbeiter hieße das: höheres Nettoeinkommen, aber kleinere Rente.
Mit Lafers Sternerestaurant lässt sich, wie fast überall in der Top-Gastronomie, wenig Geld verdienen. Die übrigen Unternehmen des Firmengeflechts aber florieren: TV-Sendungen wie "Lafer!Lichter!Lecker!" und Werbeverträge sowie Produktlinien wie Gewürze und Fonds sorgen für einen Jahresumsatz, der auf zehn Millionen Euro geschätzt wird.
Lafer fördert auch eine kuriose Form von Naturverbundenheit: Gäste fliegt der Koch mit Pilotenschein auch mal persönlich per Hubschrauber über Burgruinen am Rhein, schwebt dann über Bacharach in einen Weinberg ein und serviert mitten im Grünen ein köstliches Menü.
Der Mann mit dem Schnauzer ahnt wohl, dass sein Lebenswerk in Gefahr sein könnte. Zweimal versuchte er die Flucht nach vorn, zweimal verschlimmerte er seine Lage. Zuerst legte er eine Selbstanzeige vor, die aber nach Einschätzung von Insidern ähnlich wie im Fall Uli Hoeneß wirkungslos bleiben dürfte, weil sie unvollständig sei. Dann schien der Spitzenkoch im Februar im "Stern" eine Art Generalbeichte ablegen zu wollen: Ja, er habe das Arbeitsverhältnis mit der Haushälterin falsch deklariert, er habe "einen Fehler begangen". Das aber sei "nur ein Fehler und kein System" gewesen. "Ich bin kein Steuerhinterzieher", beteuerte Lafer.
Das entspricht, so zeigt sich nun, offenbar nicht der Wahrheit. Bei den Durchsuchungen im September 2014 stellten die rund 45 Fahnder Beweismaterial in 300 Kartons sicher und vernahmen Zeugen. Demnach scheint das Sittengemälde einer skrupellosen Geschäftsführung zutage zu treten: Offenbar wurden in den Firmen Lafers die Arbeitsverträge von mehr als drei Dutzend Mitarbeitern rechtswidrig aufgesplittet und damit systematisch Sozialabgaben vorenthalten und Steuern hinterzogen. Wegen Beihilfe laufen auch gegen die Bediensteten Ermittlungsverfahren.
Lafer will sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Auf Nachfrage des SPIEGEL ließ er seinen Medienanwalt darauf hinweisen, dass "die Unschuldsvermutung und das Steuergeheimnis" gälten. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt verbiete sich eine Berichterstattung, der Sachverhalt betreffe die Privatsphäre von Lafer.
Bei der Abgrenzung von Privatem zu Geschäftlichem war schon sein Mandant ins Schlingern geraten.
Von Carsten Holm

DER SPIEGEL 36/2015
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