28.06.1999

REICHSTAGSchweinkram mit blauer Kreide

Was bedeuten die Graffiti, die von Rotarmisten 1945 auf die Wände des Reichstags gekritzelt wurden? Daß einige Sprüche jetzt im restaurierten Parlament zu sehen sind, erregt Unions- und Grünen-Abgeordnete gleichermaßen.
Wolfgang Thierse war erst kurz Bundestagspräsident, als er den Botschafter der Russischen Föderation zum gemeinsamen Rundgang durch den Reichstag bat. Mit Sergej Borissowitsch Krylow begutachtete er die Sprüche, die Soldaten und Offiziere der ruhmreichen Sowjetarmee an den Wänden, in den Treppenhäusern und Korridoren hinterließen. Am 30. April 1945 hatten sie den Reichstag erobert und ihn dann mit verkohltem Holz oder blauer Kreide vollgeschrieben.
Vor einer Inschrift blieb Krylow stehen und meinte bedächtig: "Herr Präsident, das hier sollten Sie entfernen lassen." Der Spruch in kyrillischen Buchstaben lautete: "Tod den Deutschen". Dieser Fluch, so fand der diplomatische Vertreter Moskaus, sei doch "viel zu deutschfeindlich".
Wenn die Abgeordneten im September den Reichstag in Beschlag nehmen, werden sie von solchen Siegersprüchen verschont. Politisch Anstößiges und auch Schweinkram ist entfernt worden. Ursprünglich hatten die Offiziere und Soldaten Stalins die Wände in den letzten Kriegstagen über und über vollgeschrieben. Angeblich gibt es auch Fotos und komplette Listen aller Graffiti, aber die sind tief in Moskauer Archiven verschwunden.
Die restlichen restaurierten Inschriften erregen aber immer noch Anstoß. Sie sind für einige deutsche Abgeordnete unerträglich. Ironischerweise hegen Konservative und Grüne in schöner Eintracht sowohl politische als auch ästhetische Bedenken.
Das Parlament sei kein "kyrillisches Schriftenmuseum", meint der Vorsitzende der Baukommission, Dietmar Kansy (CDU). Wolfgang Zeitlmann (CSU) echauffiert sich über den "Skandal, daß nicht mehr genügend Platz für deutsche Bilder" im Reichstag vorhanden sei.
Die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer kritisiert die "skurrile Übertreibung" bei der Restaurierung der russischen Sprüche, für die sich der Architekt Norman Foster einsetzte. Motto: Müssen diese blöden, geschmacklosen Russen-Sprüche denn wirklich noch sein?
Eher kunstbeflissen möchte die Abgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig, Architektin und grüne Umzugsexpertin, ihren Einwand gegen die "gestalterische Beliebigkeit durch ein Übermaß an Inschriften in der Osthalle" verstanden wissen.
Dabei war die Begeisterung groß, als der Architekt Foster seine Funde präsentierte. Die Graffiti wurden 1995 hinter Verkleidungen und Wänden entdeckt, die während des Umbaus in den sechziger Jahren eingezogen worden waren. Möglichst viele Zeugnisse der Geschichte sollten konserviert und dem staunenden Publikum präsentiert werden, darüber bestand schönste Einigkeit.
Etepetete war man allerdings von Anfang an. Die Liste mit den aus dem Russischen übersetzten Sätzen verschwand auf Geheiß der damaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU) sofort im Panzerschrank.
Als Zumutung empfanden Unions-Abgeordnete die restlichen Inschriften schon bei der Besichtigung der Baustelle vor drei Jahren. "Sprüche wie auf jedem russischen Männerklo", hieß es damals, habe der Brite da freigelegt - an Beweisen für die Zoten fehlte es allerdings.
Wer die Graffiti degoutant fand, konnte sich bisher auf den Reichstags-Historiker Michael S. Cullen berufen. Der berichtete von "Sprüchen, die sogar Matrosen die Schamröte ins Gesicht treiben und jedem Männerklo der Welt zur Ehre gereichen würden".
Mit eigenen Augen gesehen hat Cullen jedoch nur einen einzigen vulgären Spruch. Ein Redakteur der "New York Times" mit Russisch-Kenntnissen habe die Zeile in einem Treppenhaus im Reichstag so übersetzt: "Der russische Säbel steckt in der deutschen Scheide."
Auch Berlins oberster Denkmalschützer Helmut Engel weiß nur von "einer einzigen obszönen Inschrift". Er weigert sich aber, sie zu zitieren: "Die Zeile ist längst entfernt."
Die Fachleute hätten bei der Renovierung des Reichstags keine Äußerungen konserviert, "an denen heute jemand Anstoß nehmen kann", meint ein leitender Beamter der Bundestagsverwaltung begütigend.
Weder ekelhaft noch besonders spektakulär fallen denn auch die 159 restaurierten Rotarmisten-Graffiti aus, die in einer 15seitigen Dokumentation übersetzt worden sind. Mehr als die Hälfte der Inschriften bestehen schlicht aus Namen wie "Iwanow", "Pjotr" oder "Pawlow" und den weltweit üblichen Banalitäten wie "Hier war Nadja".
Die zweite Gruppe Graffiti beschreibt Wegstrecken der sowjetischen Soldaten, von der drohenden Niederlage bis nach Berlin: "Moskau-Smolensk-Berlin", "Marschroute Teheran-Nowosibirsk-Baku-Berlin", "Stalingrad-Berlin" oder "Unser Weg führte vom Kaukasus bis zum Reichstag in Berlin, Moschkin. I. P".
Die dritte Sorte demonstriert die Überheblichkeit des Siegers, meint Denkmalschützer Engel. Da steht: "Für Leningrad haben sie voll bezahlt". Oder: "Wir Russen waren hier und haben die Deutschen immer geschlagen". - "Einen Scheiß kriegt Ihr, Faschisten, nicht Rußland". - "So geschieht es ihnen recht, den Hundesöhnen".
Ein Hauptmann Kokljuschkin notierte am 15. Mai 1945: "Wir waren im Reichstag, in der Höhle Hitlers". Der Führer der Deutschen hat in diesem Gebäude zwar nie eine Rede gehalten, dennoch galt den Sowjets der Reichstag und nicht etwa Hitlers Reichskanzlei als Symbol Nazi-Deutschlands.
Denkmalschützer Engel und Bauhistoriker Cullen haben sich mit Foster für das Konzept "Geschichtslesebuch Reichstag" stark gemacht. Deshalb sollen die 159 Graffiti im schönen neuen Reichstag erhalten bleiben. Diese Absicht erachtet der CSU-Abgeordnete Zeitlmann als reichlich unwürdig: "Als wenn wir Parlamentarier noch etwas lernen müßten."
Engel und Foster - ein Berliner und ein Brite! - stehen nun im Verdacht, sie hätten mehr russische Sprüche aus dem Jahr 1945 bewahrt, als 1996 zwischen der damaligen Bundestagspräsidentin Süssmuth und dem russischen Botschafter Krylow vereinbart worden sei.
Engel verwahrt sich gegen diese Unterstellung, und Foster hüllt sich in Schweigen. Die Bundestagsverwaltung konnte trotz intensiver Suche weder einen alten Beschluß auftreiben noch irgendein Protokoll finden, das Aufschluß über eine feste Vereinbarung über die Zahl der zu restaurierenden Sätze geben könnte.
Wie viele Sprüche am Ende den Reichstag zieren werden, soll der Kunstbeirat des Bundestags im Herbst diskutieren. Hausherr Thierse beschwört in bewährter Manier die Kollegen, "auch die bitteren Seiten der deutschen Geschichte in unserem Parlamentsgebäude auszuhalten".
Oder werden am Ende doch noch einige der 159 Inschriften hinter alten Bronzeleuchtern oder hinter Büsten im Reichstag versteckt?
Eine neuerliche Provokation aus Russenhand mußten die Bundestagsabgeordneten im übrigen schon klaglos erleiden. Auf Wunsch des Parlaments hatten Künstler aus den Siegermächten Rußland, USA und Frankreich Bilder für den renovierten Reichstag angefertigt. Die vierte Siegermacht Großbritannien schied aus, da Sir Norman für das Gesamtkunstwerk Reichstag verantwortlich ist.
Das Werk des Russen Grischa Bruskin, der mittlerweile in New York lebt, hängt jetzt im Clubraum der Bundestagsabgeordneten hinter dem Tresen im Nordwest-Turm. Es zeigt Szenen aus russischen Regionen, Männer tragen politische Parolen wie etwa "Lang lebe der Sozialismus" vor sich her.
Einer aber hält eine Bombe im Arm. Der Adressat ist auf dem Rumpf deutlich vermerkt. In kyrillischen Buchstaben steht da: "Für den Reichstag". PETRA BORNHÖFT
Von Petra Bornhöft

DER SPIEGEL 26/1999
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