02.10.2015

HomestoryWarren, Martin und ich

Mein Leben als VW-Aktionär
Am Dienstag vorvergangener Woche beschloss ich, geldanlagemäßig ins Risiko zu gehen. Ich gab meiner Bank Order, VW-Aktien zu kaufen.
Es war eine spontane Entscheidung. Eigentlich bin ich ein eher vorsichtiger Anleger. Andererseits war am Wochenende bekannt geworden, dass VW die Abgaswerte seiner Autos runtergetrickst hatte, der Kurs der VW-Aktie war daraufhin am Montag um mehr als 18 Prozent eingebrochen.
Kaufen, wenn alle kaufen, kann jeder. Kaufen, wenn die Kanonen donnern, das, hatte ich gelesen, sei das Motto erfolgreicher Anleger. Antizyklisch handeln, so wie Warren Buffett, der drittreichste Mann der Welt: antizipieren, was die anderen denken – und dann das Gegenteil tun. Buy on bad news.
Meine Frau machte mir Mut. Eine Firma, die so trickreich betrüge, sagte sie, habe bestimmt auch sonst tolle Ideen. Zum Kurs von 124,10 Euro wechselten zehn Stück in mein Depot, einschließlich der Gebühren kostete mich das 1252,40 Euro.
Wie viele Deutsche habe ich eine lange gemeinsame Geschichte mit VW. Mein erstes Auto war ein gebrauchter Golf II, später fuhr ich einen Golf GT, einen Passat Kombi und irgendwann einen VW-Bus. So etwas verbindet. Als ich den Bus abholte, schenkte mir der Verkäufer eine Fußmatte.
Als ich den Kollegen beim Mittagessen von meinem Kauf erzählte, lachten alle herzlich. Was denn wohl schlimmer sei, fragte einer: Wenn VW-Chef Martin Winterkorn von dem Betrug wusste – oder wenn er es nicht wusste? "Das bedeutet für uns alle nichts Gutes", sagte eine Kollegin sorgenvoll. "Da gerät ein Weltkonzern ins Taumeln."
Als ich an meinen Schreibtisch zurückkehrte, lag der Kurs bei 104,05 Euro. Ein Minus von mehr als 21 Prozent. Während ich essen war, hatte VW eine Gewinnwarnung herausgegeben. Elf Millionen Autos waren inzwischen betroffen, weltweit, der Konzern hatte 6,5 Milliarden Euro zurückgestellt. Vielleicht war es ein Fehler, in Zeiten wie diesen essen zu gehen.
Am Dienstag studierte ich die Videobotschaft, die Winterkorn hatte aufzeichnen lassen. Er sah blass aus. Wenn er "höchste Priorität" sagte, klang das ähnlich vernuschelt wie Honeckers "Deutsche Demkratsche Reblik".
Mir fiel ein, dass Winterkorn mir mal einen Brief geschrieben hatte. Er war damals noch Technikvorstand von VW, ich fuhr einen Passat. Leider hatten seine Konstrukteure eine Idee gehabt, die mich teuer zu stehen kam: Wenn es stark regnete und Blätter den Ablauf verstopften, lief das Wasser aus dem Motorraum nicht auf die Straße, sondern ins Wageninnere.
Es handle sich um einen Einzelfall, schrieb mir Winterkorn damals. Trotzdem werde VW die Hälfte der Reparaturkosten übernehmen, allerdings ohne Anerkennung einer Rechtspflicht. Mir gefiel das: Indem sie zahlten, gestanden sie einen Fehler ein, gleichzeitig behaupteten sie, dass es diesen Fehler nicht gebe. Winterkorn schien fantasievoller zu sein, als ich gedacht hatte.
Am Mittwoch fiel der Kurs auf 95,51 Euro. Die "Welt" hatte an diesem Morgen die Frage gestellt: "Soll man jetzt VW-Aktien kaufen?" Die Antwort: Das Debakel kann eine Einstiegschance sein, muss aber nicht. Ein Investment für sehr Mutige. Handelte ich gerade wie ein Profi? Oder wie ein Idiot?
Während ich meine Strategie gedanklich der neuen Lage anpasste, drehte sich die Stimmung. Am Nachmittag lag VW bei 110, keine Ahnung, warum. Die Aktie war enorm volatil, wie wir Anleger sagen. Es war viel Angst im Markt, Angst und Gier. Am Abend trat Winterkorn zurück.
Am Donnerstag empfahlen viele Analysten, die Aktie zu verkaufen. Für mich ein gutes Zeichen. Wenns läuft, raten Analysten meistens zum Kauf; wenn es nicht läuft, werden sie kalt erwischt. Analystenstimmen sind für mich Kontraindikatoren, ähnlich wie Freunde, die sich plötzlich für Aktien interessieren. Am Nachmittag traf die SMS eines Kollegen ein: "VW jetzt kaufen?"
Ich durchsuchte das Internet nach Management-Transaktionen. Wenn Vorstände kaufen oder verkaufen, muss das veröffentlicht werden. Was machte Winterkorn? Kaufte er den Laden jetzt selbst, von seiner Abfindung? Oder trennte er sich von seinen VW-Aktien, solange er noch was dafür bekam?
Den einzigen Managerkauf, den ich fand, hatte ein Dr. Hans Michel Piëch getätigt, 168 VW-Aktien am 13. April 2010. Sonst nichts. Kurzzeitig kämpfte ich gegen den hässlichen Verdacht, VW habe einen Weg gefunden, auch Pflichtmitteilungen mit einer manipulierten Software zu unterdrücken.
Am Freitag kletterte der Kurs auf 116 Euro. Bei n-tv nannten sie das eine "kleine Erholungsrallye". Wenns weiter so gut läuft, würde ich bald meinen Einstiegskurs wiedersehen.
Am Nachmittag verkündete Verkehrsminister Dobrindt, allein in Deutschland seien 2,8 Millionen VW-Fahrzeuge betroffen. Mittlerweile las ich von VW-Meldungen nur noch die Überschriften. Alles, was man wissen kann, ist ohnehin im Kurs enthalten, erklärte ich meiner Frau.
Am Sonntag kam heraus, dass die Manipulationen bei VW seit Jahren bekannt waren. Es drohten Strafzahlungen, teure Rückrufe, Schadensersatzklagen; nichts, absolut nichts sprach für die Aktie. Das war der Augenblick, in dem ich beschloss nachzukaufen. Das Messer fiel, und ich würde versuchen, es zu fangen.
Am Montag setzte ich ein Kauflimit, für unerhörte 97,60 Euro, eine Art Abstauberkurs. Die Aktie stand zu diesem Zeitpunkt bei 107 Euro. Sollte sie tatsächlich noch einmal um zehn Prozent fallen, würde ich unten stehen und sie einsammeln. Gegen Winterkorn ermittelte inzwischen die Staatsanwaltschaft, wegen Betrugs. Am Nachmittag stürzte der Kurs für kurze Zeit auf 97,35 Euro. Als ich nachschaute, hatte ich weitere 14 Stück in meinem Depot.
"VW, hilflos" kommentierte die "FAZ" am Dienstag. Am Mittwoch schrieb die "Süddeutsche", Anleger rechneten in den kommenden fünf Jahren mit einer Pleitewahrscheinlichkeit von 20 Prozent.
Mit meiner Frau bin ich übereingekommen, dass wir den Papieren etwas Zeit geben werden, 10, vielleicht auch 20 Jahre. Ich werde stehen bleiben, auch wenn alles schwankt.
Von Hauke Goos

DER SPIEGEL 41/2015
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