02.10.2015

GetränkeDas Bier im Manne

Touren durch die Krombacher Brauerei sind äußerst beliebt – zum Leidwesen der Anwohner. Manche kämpfen. Andere fliehen.
Einmal kam Tanja S. gerade noch rechtzeitig, um einen Zecher zu verscheuchen, der in ihrem Garten sein Geschäft verrichten wollte – der Mann hockte bereits zwischen den Fichten. In ähnlichen Fällen sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als die Hinterlassenschaft wegzuräumen, erzählt sie entrüstet.
Die Eheleute M. aus der Nachbarschaft berichten von Jugendlichen, die ihnen im Rausch den blanken Hintern entgegenstreckt hätten. Und Rentnerin T. klagt, das Gegröle der Betrunkenen sei unerträglich, "trotz doppelt verglaster Fenster". Immer wieder habe sie erwogen wegzuziehen, "aber ich wohne doch schon seit mehr als 40 Jahren in diesem Haus".
Die Stimmung ist mies in Krombach im Siegerland, und das hat mit der hiesigen Brauerei zu tun. Die liegt mitten im Ort, an ihrem jetzigen Platz seit 1897. Zur Plage für die Anwohner ist sie erst in den vergangenen Jahren geworden. Sie leiden nicht unter der Verarbeitung von Hopfen und Malz, sondern unter dem 2012 neu gestalteten Besucherzentrum.
In dem einstigen Schulgebäude beginnt die Krombacher Brauerei ihre Besichtigungstouren, die durch Sudhaus, Gär- und Lagerkeller führen und mit einem zünftigen Vesper in der Braustube enden. Serviert wird der "Krombacher Dreiklang": Bauernbrot, westfälischer Knochenschinken – und Pils, solange der Durst reicht.
Entsprechend enthemmt sind die Besucher, die ihr Bier auch gern ins Freie mitnehmen. Mit dem Alkohol- steigt der Geräuschpegel, der Heimweg dauert naturgemäß länger als der Hinweg. Mancher verwechselt dabei die Gartenzäune neben der Brauerei mit einem Urinal. Oder gibt den Dreiklang an der nächsten Hauswand wieder von sich.
Krombach ist ein Paradies. Zumindest in der Bierwerbung. Die grüne Insel, den kristallklaren See, all das gibt es tatsächlich, nur nicht hier, sondern fast 30 Kilometer westwärts im Bergischen Land. Das Krombacher Ortsbild hingegen ist durch die alles überragenden Hallen der Bierproduktion geprägt. Auf gut 200 000 Quadratmeter Betriebsfläche ist Deutschlands zweitgrößte Privatbrauerei angewachsen. Aus einem Dorf mit Brauerei ist eine Brauerei mit angeschlossenem Dorf geworden.
90 000 Bier-Touristen suchen den 2200-Seelen-Ort pro Jahr heim, viele von ihnen werden im Bus angekarrt. Geht es nach der Krombacher Brauerei, sollen es noch mehr werden. Ein Sprecher schwärmt vom "gutnachbarschaftlichen Verhältnis zu den Anwohnern". Die jedoch sagen, sie fühlten sich inzwischen als "Menschen zweiter Klasse". Namentlich äußern will sich keiner, "der Arm der Brauerei ist lang".
Manche haben aufgegeben. Einige verhandeln noch, andere haben ihr Haus schon verkauft. Nicht an irgendwen – sondern an die Brauerei, die sich sukzessive die Nachbargrundstücke sichert. Wenn jemand verkauft, spricht sich das im Ort schnell herum. Tanja S. sagt dann: "Wieder ist ein Haus gefallen." Das klingt wie im Krieg. Aber so muss es sich für sie anfühlen. S. zählt zu den größten Gegnerinnen der Brauerei. Sie empfängt mit selbstgebackenem Apfelkuchen und ist enttäuscht, dass sie an diesem Tag nicht das volle Belästigungsprogramm vorführen kann. "Schade", sagt sie. "Sonst ist es hier am Wochenende viel lauter."
S. hat schon beim Amt für Ordnung und Sicherheit vorgesprochen, um die Brauerei zu beschneiden, ohne Erfolg. Auch ein Schreiben an die Bezirksregierung, in dem sie die Öffnungszeiten infrage stellte, zeigte keine Wirkung.
Ihre Unbill verwaltet S. akribisch. In einer Art Tagebuch hat sie festgehalten, an welchen Daten die Müllabfuhr bereits um 5.30 Uhr morgens kam, kurz nach sechs Leergut aufgeladen wurde oder Gäste noch um 2.30 Uhr zu hören waren.
Sie hat Busse gezählt, Biertrinker beim Lärmen gefilmt und Männer dabei abgelichtet, wie sie die "Perle der Natur" (Krombacher-Werbung) eben jener Natur wieder zuführen. Es gibt auch Fotos von offenen Säcken mit altem Brot, die Krombacher-Mitarbeiter neben der Einfahrt zum Nachbarhaus abgeladen haben. S. will dort schon Ratten gesehen haben.
Das mit dem Müll sei ein Einzelfall gewesen, beteuert die Brauerei. Außerdem habe man das Personal, das die Gäste betreut, deutlich aufgestockt, Besucher würden um Rücksicht auf die Nachbarn gebeten und auf die offiziellen WCs hingewiesen. Die Lautstärke sei dadurch geringer geworden, auch werde "ein mögliches Urinieren dauerhaft verhindert".
Anwohner sagen, bisher habe sich das nicht bemerkbar gemacht. Ganz im Gegensatz zu einer anderen Neuerung: Seit diesem Jahr bietet Krombacher seine Führung nicht nur an sechs Tagen pro Woche an, sondern auch sonn- und feiertags.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 41/2015
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