05.07.1999

KARRIERENUnser Ronaldo

EU-Kommissar Martin Bangemann verkauft sich samt Insider-Wissen an die Telefónica - weil er sich so gelangweilt hat.
Ein Kommissionsmitglied hielt Martin Bangemann bis zuletzt die Stange - Edith Cresson, ausgerechnet.
Die Kommissarin verteidigte am vorigen Donnerstag in einer vertraulichen Sondersitzung der EU-Kommission in Brüssel den deutschen Goldfinger: Grundsätzlich sei doch nichts dagegen einzuwenden, daß der Kommissar zur Industrie wechsele. Das müsse man mit Milde betrachten. Sie legte offenbar die eigenen Maßstäbe an.
Bis zuletzt hatte sich die Französin, trotz offenkundiger Günstlingswirtschaft und groben Mißmanagements, geweigert zurückzutreten. Sie trug so zum Sturz der Kommission des Jacques Santer bei.
Mit dem üblichen Lächeln ließ der dicke Deutsche die Empörung der anderen ExKollegen an sich abperlen. Daß Bangemann, als Industriekommissar auch zuständig für die Telekommunikation, ohne jede Schamfrist mit seinem Insiderwissen als Topberater zum Topgehalt (angeblich zwei Millionen Mark im Jahr) zur spanischen Telekommunikationsfirma Telefónica wechselt, habe ihn, so Neil Kinnock, "glatt umgehauen".
Der Brite prangerte das Verhalten des Kommissars als eklatanten Verstoß "gegen den Geist und wohl auch den Buchstaben" des EU-Vertrags an. Artikel 213 verpflichtet die Kommissare, nach dem Ausscheiden aus dem Amt "bei der Annahme gewisser Tätigkeiten oder Vorteile ehrenhaft und zurückhaltend zu sein".
Wettbewerbskommissar Karel Van Miert gab zu Protokoll, anders als im Falle der Fusion Bertelsmann/Kirch habe Bangemann nicht bei ihm interveniert, wenn es um Telefónica ging. "Das große Problem" aber seien Bangemanns Insider-Informationen. Er habe "sehr sensible" Kenntnisse über Strategien europäischer Unternehmen erhalten. Wenn er die jetzt mitnehme, dann sei das "wie Insider-Trading".
"Er ist unser Ronaldo", pries hingegen der Telefónica-Chef Juan Villalonga den Kommissar, als habe er das brasilianische Fußballwunder eingekauft. Bangemann ist zweifellos für die Gesellschaft, die 70 Prozent des heimischen Mobiltelefonmarkts beherrscht und in Lateinamerika in die Offensive gehen will, eine interessante Akquisition.
Ein früherer Spitzenmanager der Deutschen Post-Telekom berichtet, vor strategischen Entscheidungen über Beteiligung etwa an US-Firmen habe man bei Wettbewerbswächter Karel Van Miert und dessen Kommissionskollegen Bangemann zwangsläufig streng vertrauliche Interna ausbreiten müssen, die keinesfalls den Mitbewerbern zur Kenntnis gebracht werden dürften.
Beileibe nicht nur eine Stilfrage sei es, so ein ranghoher Vertreter der Bonner Regulierungsbehörde, wenn Bangemann Wissen mitnehme, das die europäischen Telekomfirmen ihm als EU-Regulierer anvertraut hätten. Solche Daten würden sie Konkurrenten niemals offenbaren.
Bangemann hat sich zwar am Donnerstag vor der Kommission verpflichtet, nichts Vertrauliches weiterzugeben. Muß er ja auch nicht. Wenn er als Berater der Telefónica Vorschläge macht, braucht er nicht zu sagen, woher er seine Weisheiten hat.
Für die Spanier ist Fachmann Bangemann auch wegen seines Netzwerks interessant, das er im Beamtenapparat der EU-Kommission wie zu Politikern in aller Welt unterhält. Noch kurz vor seinem Ausscheiden hat er vier Mitarbeiter seines Kabinetts mit bestens dotierten Jobs in der Kommissionsverwaltung versorgt. Bei Medienmann Leo Kirch war zuvor ein weiteres Kabinettsmitglied untergekommen.
Für Kommissionspräsident Santer war es ein "richtiger Schock", als er beim EU-Gipfel in Rio von Bangemanns Coup, seit Monaten insgeheim vorbereitet, erfuhr. In einem frostigen Schreiben forderte er Bangemann auf, seine Funktionen niederzulegen, zugleich aber verlangte er von ihm, im Amt zu bleiben, bis der Ministerrat über die Nachfolge entschieden habe.
Diebisch gefreut, erzählte Bangemann, habe es ihn, wie er dem EU-Ratspräsidenten, dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder, seinen Umstieg "verklickert" habe: Er würde sich in Brüssel "zu Tode langweilen" und habe einfach keine Lust mehr, womöglich bis Dezember herumzusitzen. Bei dem Angebot aus Spanien habe er schnell zupacken müssen.
Der Griff nach dem großen Geld krönt eine Karriere, bei der sich Bangemann von Niederlage zu Niederlage nach oben befördert hat. Kaum hatte er 1974 eine Bauträgerfirma in den Konkurs gesteuert, machte ihn die FDP zum Generalsekretär. 1979 übernahm er die Liberale Fraktion im Europäischen Parlament. Nach einer Legislaturperiode sackte die FDP-Riege unter fünf Prozent, Bangemann jedoch landete im Sessel des Bundeswirtschaftsministers und FDP-Parteivorsitzenden.
In beiden Jobs erfolglos, schaffte er 1989 den Absprung nach Brüssel. Besser dotiert als der Bundeskanzler, fiel der Kommissar durch ein besonderes Amtsverständnis auf. Seine Abneigung gegen Aktenstudium und Kommissionssitzungen trug ihm eine Abmahnung des Kommissionspräsidenten ein. Und obgleich es große Fragezeichen hinter dem Verbleib von EU-Fördermitteln beim Bau einer Luxusjacht oder bei Rednerauftritten des Lebemanns gab - der Name Bangemann fand sich auf wundersame Weise nicht im Bericht der Weisen, über den die Santer-Kommission stürzte.
Gut davongekommen ist Bangemann auch zum Schluß. Die Kommission verzichtete darauf, sein Verhalten förmlich zu verurteilen, und beließ es dabei, ihre "Überraschung" zu erklären. "Die meisten von denen wollen es doch Bangemann nachmachen", weiß ein Mitglied des Santer-Kabinetts, "und so schnell wie möglich auf einen Topjob in der Industrie." DIRK KOCH
Von Dirk Koch

DER SPIEGEL 27/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
Unser Ronaldo