05.07.1999

BALKANMarka und Feninga

Ohne ein stabiles Zahlungs- mittel ist der Wiederaufbau des Kosovo kaum zu schaffen. Die Mark soll helfen.
Deutsche Einzelhändler werden schnell mißtrauisch, wenn ein Kunde mit einem 1000-Mark-Schein bezahlen will. Der große Schein ist selten hierzulande, viele Deutsche haben ihn noch nie gesehen.
Dabei haben die Gelddruckereien knapp 87 Millionen 1000-Mark-Noten hergestellt, der Tausender macht mehr als ein Drittel des gesamten Bargeldumlaufs aus. Rein statistisch, so ermittelte die Deutsche Bundesbank, müßten in einem durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt zwei 1000-Mark-Noten in der Schublade liegen. Tatsächlich aber schlummern die Riesen unter ausländischen Matratzen.
In osteuropäischen Ländern wie Polen oder Tschechien, vor allem aber auf dem Balkan wird die Deutsche Mark als stabiles Zahlungsmittel gehortet, am liebsten in platzsparenden 200-, 500- und 1000-Mark-Ausgaben. Seit den sechziger Jahren, als jugoslawische Gastarbeiter nach Deutschland strömten, hat sich auf dem Balkan die Mark als Parallelwährung etabliert, und seit den blutigen Auseinandersetzungen hat sich ihr Einfluß verstärkt.
Wegen des schwächlichen jugoslawischen Dinars wird der Handel zwischen Serben und Kroaten praktisch nur über D-Mark abgewickelt, und "in Bosnien-Herzegowina ist die Mark de facto Zahlungsmittel", sagt Bundesbank-Direktor Michael Blome.
Die Bosnier haben ihre "Konvertibilna Marka" im Verhältnis eins zu eins an die Deutsche Mark gebunden. Die Zentralbank hält D-Mark als Reserven vor, die ihre "Marka" und "Feninga" decken. So wird die Parität gestützt. Daher hat, so Blome, "die Bevölkerung schnell Vertrauen in ihre Währung gefunden".
Den Bürgern im muslimischen Teil von Mostar zum Beispiel ist der Umgang mit beiden Währungen gleichermaßen vertraut. Wer in einem Café mit D-Mark bezahlt, kann durchaus "Feninga" als Wechselgeld herausbekommen oder umgekehrt.
Der Bevölkerung Serbiens und des Kosovo hingegen ist ihre Währung suspekt. Der jugoslawische Dinar verliert ständig an Wert; im vergangenen Jahr betrug die Inflationsrate 30 Prozent. Nach der Währungsreform Anfang 1994 war ein Dinar eine Mark wert, dann lag das Verhältnis bei 3,3 zu eins. Derzeit beträgt der offizielle Kurs sechs zu eins; realistischer ist der Schwarzmarktkurs von zehn zu eins. Wechselstuben im Kosovo geben für eine Mark bis zu 16 Dinar.
Ohne eine stabile Währung, darin sind sich alle Experten einig, ist der Wiederaufbau des Landes kaum möglich. Montenegro hat die Einführung einer eigenen Währung angekündigt, falls der Dinar weiter an Wert verliert. Auch das Kosovo soll den weichen Dinar bald durch eine eigene Währung ersetzen, schlägt die Uno-Interimsverwaltung vor.
Aller Voraussicht nach würden die Kosovaren dann ihre Währung an die Mark koppeln. Doch das ist politisch heikel: Anders als Bosnien-Herzegowina ist das Kosovo Bestandteil Jugoslawiens - die Geldpolitik wird von der Belgrader Zentralbank gesteuert.
In den vergangenen Jahren haben inflationsgeplagte Länder in zunehmendem Maße ihre desolaten Finanzen zu stabilisieren versucht, indem sie ihre Währungen an eine starke Fremdwährung angebunden haben. Lateinamerikaner suchen Zuflucht im Dollar, Ost- und Südosteuropäer im Euro - oder in der Euro-Spielart D-Mark, weil ihnen diese Währung geläufig ist.
Bulgarien und Estland haben ihre Währungen über ein sogenanntes Currency Board an den Euro gebunden. Das Kosovo würde, wie Bosnien-Herzegowina, seine Währung wohl eher fest an die Deutsche Mark koppeln, weil den Bewohnern die blauen, grünen und braunen Scheine aus Deutschland vertraut sind.
Die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Anbindung liegen auf der Hand: Die hohe Inflation würde gestoppt, weil der Staat seine finanziellen Probleme nicht mehr mit der Notenpresse lösen kann. Die Währungspolitik der Balkan-Staaten würde praktisch in Frankfurt gemacht.
Ein derart stabilisierter Dinar - oder wie auch immer die nationale Währung heißen könnte - würde auch die Kapitalflucht beenden. Keiner müßte mehr aus Furcht vor der ständigen Geldentwertung seine Scheine so schnell wie möglich in eine harte Währung umtauschen.
Auch wenn ein Staat mit der Koppelung seiner Währung an eine ausländische ein Stückchen Souveränität abgibt - viele Finanzexperten sehen in einer solchen Anbindung an Dollar oder Euro die einzige Chance der hochverschuldeten und wirtschaftlich angeschlagenen Länder, ihre Probleme in den Griff zu bekommen.
Das gelte nicht nur für das Kosovo oder für Serbien, sondern auch für Staaten wie Albanien, Rumänien, die Ukraine und Rußland, meinte Daniel Gros, Währungsexperte des Centre for European Policy Studies in Brüssel: "Sie alle sind Kandidaten für eine schnelle Euroisierung." HERMANN BOTT
Von Hermann Bott

DER SPIEGEL 27/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BALKAN:
Marka und Feninga