10.10.2015

SyrienkriseDer Weltfeldherr

Zynisch, skrupellos und nicht ohne taktisches Geschick greift der russische Präsident massiv in den Krieg ein und lässt täglich Rebellenstellungen bombardieren. Der Westen hat bisher nur wenige Antworten auf Putins Vorstoß.
Am Mittwoch dieser Woche schlüpfte Wladimir Putin wieder mal in jene Rolle, in der er sich besonders wohlfühlt: Im rot-blauen Dress, einen weißen Helm auf dem Kopf, lief er zu einem Eishockey-Galaspiel mit prominenten Sportlern, Politikern und Geschäftsleuten auf. Und schoss dabei – was für ein Zufall – sieben Tore. Es war sein 63. Geburtstag, und Putin verbrachte ihn in Sotschi am Schwarzen Meer, von wo aus nun Tag für Tag Kriegsschiffe Richtung Syrien auslaufen. Schiffe mit Waffen und Munition für die russischen Militärs, die im syrischen Bürgerkrieg an der Seite von Präsident Baschar al-Assad kämpfen.
Da boten die Bilder des friedlich Eishockey spielenden Staatschefs den gewünschten Kontrast: Seht her, signalisierte Putin seinem Volk, ich bin cool, ich habe alles im Griff. Draußen steht die Welt kopf, weil sich Russland auf dem Kriegsschauplatz in Syrien militärisch einmischt, ich dagegen stehe auf dem Eis und treibe Sport, denn im Nahen Osten läuft alles nach Plan.
Seine Kampfjets fliegen, seine Schiffe schießen, und vielleicht kommen noch Bodentruppen zum Einsatz. Und die Welt staunt über diesen ungeheuer tatkräftigen Mann, der den Westen wie nebenbei vor sich hertreibt, der erst die Krim annektierte, dann die Abspaltung der östlichen Ukraine förderte und nun aktiv Krieg in Syrien führt. In einem Land, in dem während der Arabellion viele nach Demokratie und Freiheit riefen. Einem Land, für das Barack Obama einst eine rote Linie markierte: Der Einsatz von Giftgas werde nicht toleriert. Aber Assad setzte Giftgas ein, und es wurde nicht bestraft. Einem Land, in dem der "Islamische Staat" (IS) ganze Städte erobert hat. Einem Land, aus dem Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa strömen.
Kurz: Es ist das Land, das den Westen derzeit am meisten beschäftigt. Und wer führt dort Krieg? Wer schwingt sich auf zur Ordnungsmacht in diesem Land? Putin. Selten wurde der Westen so vorgeführt. Selten wurden die USA so gedemütigt.
Die Nachrichten dieser Woche klangen nach kaltem Krieg. Ein russisches und ein amerikanisches Flugzeug sind sich sehr nahe gekommen. Der Luftraum des Nato-Partners Türkei wurde von Russen verletzt. Die Nato will ihre Eingreiftruppe verdoppeln.
Am Donnerstagabend schreckte die Meldung, vier russische Cruise-Missiles, abgefeuert im Kaspischen Meer und mit Ziel Syrien, seien einen Tag zuvor in Iran eingeschlagen, die Welt auf – bestätigt wurde sie bis zum späten Abend nicht.
Aber es ist nicht mehr die Sowjetunion, die da mitmischt. Es ist nur ein Teil davon, Russland, das in die Bedeutungslosigkeit verabschiedet schien und nun wieder da ist, weil es von einem entschlossenen, ruchlosen Mann angeführt wird.
Putin hat das Risiko in Kauf genommen, dass beide Großmächte aufeinanderstoßen, dass das Bürgerkriegsland in ein noch größeres Chaos versinkt und jegliche Chance für einen politischen Wandel in Syrien ausgelöscht wird. Es ist ihm egal. Im Moment ist der Eishockeyspieler der starke Mann der Welt. Und Barack Obama, der Präsident der Vereinigten Staaten, sieht etwas schwächlich aus. Das muss nicht so bleiben, aber im Moment ist die Welt auf den Kopf gestellt.
Und es könnte noch schlimmer kommen für die Amerikaner. In Moskau verdichten sich die Gerüchte, Putin könnte auf Bitten Bagdads auch im Irak mit Luftschlägen beginnen. Das wäre die wohl größtmögliche Demütigung der Amerikaner, die acht Jahre lang vergebens im Zweistromland gekämpft und dort über 4000 Soldaten sowie, laut Schätzungen, bis zu zwei Billionen Dollar verloren haben.
Je mehr russische Bomben diese Woche in Syrien fielen, umso mehr wuchsen die Aufregung und die Hilflosigkeit des Westens. Angela Merkel und François Hollande äußerten "tiefe Sorge" über die Luftangriffe. Der französische Präsident sprach von einem drohenden "totalen Krieg" im Nahen Osten. Das Vorgehen der Russen sei ein "Rezept für eine Katastrophe", warnte US-Präsident Barack Obama.
Allerdings ist Syrien längst eine Katastrophe, und Obama hat nichts getan, um das zu verhindern.
Aber was bezweckt Russland genau mit dem militärischen Alleingang in Nahost? Was sind die Risiken für Russland und die Welt? Und wie wird dieses Eingreifen, bei dem sich das erste Mal seit sechs Jahrzehnten Amerikaner und Russen wieder auf einem internationalen Kriegsschauplatz begegnen, die Welt verändern?
Am Anfang standen, wie so häufig in den Kriegen großer Mächte, Erfolgsmeldungen. "19 Kommandopunkte der Terroristen, 12 Munitionslager und 71 Panzer und Panzerwagen der Terroristen" hätten die russischen Piloten bereits zerstört, erklärte das russische Verteidigungsministerium. Bis zu 30 Einsätze würden sie täglich fliegen, die Amerikaner nur fünf bis sechs.
In den Reihen der Terroristen beginne "Panik auszubrechen", hieß es triumphierend, 600 Söldner hätten bereits ihre Stellungen verlassen und seien desertiert. In nur wenigen Tagen hätten "russische Kampfflugzeuge dem IS weit mehr Schaden zugefügt als die Amerikaner und deren Verbündete in den letzten anderthalb Jahren", behauptete Oberst Wiktor Baranez, Militärbeobachter der Zeitung "Komsomolskaja prawda". Nichts davon ist wahr.
Und wie reden die Opfer dieser Bomben? "Wir rannten weg, nur weg", berichtet Samir Salloum, der Ortschronist von Kafr Nabl in der Provinz Idlib. "Gegen elf tauchten zwei russische Suchoi-34 auf, schossen zwei Raketen ab, die in gigantischen Detonationen hochgingen. Solche Waffen haben wir noch nie erlebt", sagt Salloum. Als sie liefen, zogen die Jets über sie hinweg, warfen noch mal eine Bombe ab, die sich auflöste in lauter kleinere. "Im Ort traf es niemanden", sagt Salloum, "aber ein Bauer und seine drei Kinder starben auf dem Trecker, mit dem sie pflügten. Der Bauer hatte die Kinder mitgenommen, weil es auf den Feldern doch normalerweise sicherer ist als im Ort."
In der Stadt Talbisa bei Homs, wo schon eine Woche zuvor die ersten Bomben russischer Jets einschlugen, wurde Firas al-Said von einer Druckwelle umgeworfen, obwohl er 200 Meter weit weg stand: "Die Wucht war enorm, dreistöckige Häuser sind kollabiert. Auch die Flugzeuge waren anders, weiß und erheblich größer als die des Regimes, ich glaube Suchoi-34."
Die ersten 16 Bomben trafen die Brotverwaltung des Ortsrates, eine Straße und Wohnhäuser im Zentrum. Sie töteten allein hier ein Dutzend Menschen und weitere außerhalb des Ortes: "Aber das waren alles Leute, die sich um Mehl und die Bäckereien kümmern, Familien und ein Mann vom Zivilschutz, keine Kämpfer. Wir sind seit Mitte 2013 belagert, die sind alle fast immer an der Front", sagt Said. Anschließend seien die Hubschrauber der syrischen Armee gekommen und hätten Fassbomben abgeworfen, kurz vor Mitternacht dann noch mal zwei russische Jets. Am Sonntag habe es einen weiteren Angriff russischer Jets auf Talbisa und die Dörfer der Umgebung gegeben.
Mit dem IS haben die Menschen in der Provinz Idlib nichts zu tun. Die Stadt Kafr Nabl ist 2011 berühmt geworden als eine der Bastionen des Aufstands gegen Assad. Die Freitagsdemonstrationen in Kafr Nabl sind legendär für ihren beißenden Spott sowohl gegen Assad wie gegen die IS-Dschihadisten.
Der IS ist hier verhasst, die Satiriker zeichnen ihn am liebsten als außerirdischen Eindringling. Kein Wunder, dass auch die IS-Kämpfer die Bewohner von Kafr Nabl mit Inbrunst hassen. Lange nach ihrer kurzen Besatzung und dem Abzug Anfang 2014 schickten mutmaßlich die IS-Dschihadisten ein Killerkommando, um einen der Männer der örtlichen Satiregruppe zu ermorden.
Die Menschen von Idlib sind Gegner des Regimes von Assad, im Westen gelten sie als Rebellen, nicht als Terroristen. Aber diesen Unterschied macht Putin nicht. Er hält es wie Assad. Der Diktator bezeichnet alle bewaffneten Gruppen im Land als "Terroristen". Jedenfalls die, die nicht auf seiner Seite stehen.
Schnell hat sich in diesen ersten Tagen des russischen Militäreinsatzes in Syrien gezeigt, dass Putin nicht in erster Linie den IS zurückschlagen, sondern vor allem Assad im Amt halten will. Und deshalb geht seine Luftwaffe gegen all jene Rebellen vor, die Assad und dessen Regime bedrohen. Damit bekämpft sie eine der wenigen, wenn nicht die einzige Alternative zu dem blutigen Unterdrückungsapparat des Diktators in Damaskus. Und sie bekämpft die Verbündeten des Westens in Syrien.
Noch zwei Tage vor Beginn der Luftschläge hatte Putin in der Uno-Vollversammlung in New York zur Bildung einer Koalition gegen die Islamisten aufgerufen. Mit Obama verabredete er Konsultationen zwischen russischen und amerikanischen Militärs, um Zusammenstöße zu verhindern. Das klang nach Entspannungspolitik. Nur Stunden später war das alles Makulatur. Putin hat Obama in dessen ganzer Hilflosigkeit vorgeführt, einen Präsidenten, der nicht bereit ist, in ein Abenteuer zu ziehen, das der Westen aus seiner Sicht nicht gewinnen kann. "Was wir in den vergangenen 10, 12, 13 Jahren gelernt haben, ist, dass kein noch so großes amerikanisches Militärengagement ein Problem lösen kann, wenn sich die Konfliktparteien vor Ort nicht darauf einigen können, irgendwie friedlich miteinander zu leben", so Obama.
Der US-Präsident hat sich nüchterne Kriterien für einen neuen Krieg verordnet, in Syrien sieht er sie nicht erfüllt, auch nach Russlands Offensive nicht. Anders als Obama ist Putin in Syrien bereit, Grenzen zu überschreiten und das Leben seiner Soldaten und unbeteiligter Zivilisten zu riskieren. Er kann das, weil es ihm nicht darum geht, diesen Krieg zu beenden, sondern weil er ihn führt, um seine außenpolitischen Ziele zu erreichen.
Russlands zynische, skrupellose Machtpolitik trifft in diesen Tagen auf die Grenzen einer westlichen Außenpolitik, die die militärische Auseinandersetzung scheut. Als Barack Obama 2009 sein Amt antrat, ging es darum, das Ansehen Amerikas in der Welt wiederherzustellen, das während der Bush-Jahre und unter den Kriegen im Irak und in Afghanistan gelitten hatte. Obama versprach den Rückzug seiner Soldaten und traf damit die Stimmung eines Landes, das es leid war, sich an unbekannten, weit entfernten Orten wie Kandahar oder Kerbela zu verkämpfen.
Seither ist die amerikanische Außenpolitik auf Ausgleich und Annäherung ausgerichtet. Im Atomstreit mit Iran und bei der Aussöhnung mit Kubas Raúl Castro hat diese Politik ihre Stärken gezeigt. Im Syrienkonflikt aber gibt es keinen Ausgleich. Es gibt auch keine Lösung, zumindest keine einfache, schmerzfreie. Das macht den Preis für ein Eingreifen so hoch.
Zu hoch für einen Politiker wie Obama, der sich in der Wahl seiner Mittel begrenzt hat – und damit auch in seinem Einfluss. Ganz anders Putin, der den Zerfall Russlands stoppen und den verlorenen Großmachtstatus zurückerobern will, der den Zerfall der Sowjetunion weniger als Befreiung vom Kommunismus, sondern als Niederlage und Demütigung empfand. Und dem viele Mittel recht sind, um diese Ziele zu erreichen.
Drei Männer sollen es gewesen sein, die in Putins Auftrag die Militäraktion in Syrien in Gang gebracht haben – und zwar drei Hardliner: Sergej Iwanow, der Chef der Präsidialadministration, Nikolaj Patruschew, der Sekretär des Sicherheitsrates und frühere Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, sowie Sergej Schoigu, der Verteidigungsminister.
Das Dreigestirn Putin, Iwanow und Patruschew steht für Russlands Abkopplung vom Rest der Welt und die Schaffung einer neuen Einflusszone – einer russischen. Die Militärintervention in Syrien ist ein Schritt, die eigenen geostrategischen Interessen durchzusetzen. Bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 hatte Putin Amerika als weltweiten Hegemon angeprangert. "Russland ist ein Land mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte. Fast immer hatte Russland das Privileg, eine eigenständige Außenpolitik zu verfolgen. Wir haben nicht vor, diese Tradition aufzugeben", kündigte er an. Dass Barack Obama Russland auf dem Höhepunkt des Streits über die Ukraine öffentlich zur Regionalmacht herabstufte, dürfte als Brandbeschleuniger gedient haben.
Schon bei der Einnahme der Halbinsel Krim wie auch später beim Krieg in der Ostukraine hat Putin gezeigt, auf welche Taktik er setzt. Die Operationen wurden klandestin und zügig vorbereitet, begleitet von schamlosen Lügen und Desinformation. Der Westen hatte dem nichts entgegenzusetzen, er konnte Putin nicht einmal eine direkte militärische Aggression nachweisen.
"Moskaus beste Waffen sind nicht die Su-24-Jagdbomber, nicht die Elitesoldaten, die die Krim einnahmen, auch nicht die U-Boote, die in der Arktis kreuzen", sagt der amerikanische Russlandexperte Mark Galeotti. "Die beste Waffe ist Putins Fähigkeit zu irritieren, zu provozieren und zu überraschen."
Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion setzt ein russischer Präsident nun in Syrien seine Streitkräfte fern der eigenen Grenzen und der eigenen Einflusszonen ein. Begleitet wird die russische Intervention von einem schon aus der Ukraine bekannten Propagandafeuerwerk. Erfolge, Erfolge.
Aber die Realität sieht anders aus. Russland begibt sich in Syrien in einen Konflikt, der trotz seiner militärischen Überlegenheit schwierig zu gewinnen sein wird.
Als Assads Armee am Mittwoch in der Provinz Hama eine Bodenoffensive gegen die nördliche Front der Rebellen begann, da zeigte sich schnell, dass sie mit Moskau koordiniert war – und von den Russen militärisch unterstützt wird. Denn plötzlich begannen im Kaspischen Meer stationierte russische Schiffe über Iran und den Irak hinweg Marschflugkörper anderthalbtausend Kilometer weit nach Syrien abzufeuern. Sie landeten genau dort, wohin Assads Truppen vorstoßen wollen.
Ein halbes Dutzend Augenzeugen schilderte übereinstimmend aus verschiedenen Orten gegenüber dem SPIEGEL, was dort geschah; am Mittwochabend veröffentlichte Videos belegen die Aussagen. Im offenen Gelände und über Distanzen von bis zu drei Kilometern waren die Rebellen im Vorteil, die Panzer und sonstigen Fahrzeuge des syrischen Regimes im Nachteil. Mit den von den Amerikanern an einige Gruppen gelieferten Tow-Panzerabwehrraketen zerstörten sie zwischen 22 und 26 Panzer der gegnerischen Seite. In Videos sind Panzer zu sehen, die getroffen werden und deren Besatzungen herausspringen, um sich vor Folgeexplosionen der Munition zu retten.

Was ausländische Beobachter oft überfordert: Es existieren nicht nur zwei große Kriegsparteien in Syrien, nicht nur Assads Regime und dessen iranische Helfer auf der einen Seite und der "Islamische Staat" auf der anderen. Sondern es gibt, noch immer, eine dritte wichtige Kriegspartei: die unterschiedlichen Rebellengruppen. Sie kämpfen weiterhin, sowohl gegen Assad wie gegen den IS, und sie konnten bis zum Sommer mehrere Städte im Norden und Süden des Landes einnehmen.
Dass diese Rebellengruppen unübersichtlich, größtenteils unbekannt und islamistisch gefärbt sind, kommt Wladimir Putin entgegen. Es ist eine Gemengelage, wie er sie liebt, das perfekte Umfeld für sein aus der Ukraine bekanntes Verwirrspiel, der Welt in einer komplizierten Situation so lange Lügen zu verkaufen, bis niemand mehr genau weiß, was denn nun stimmt. Am Ende bleibt das Gefühl zurück, dass es keine absolute Wahrheit gibt und Putin irgendwie schon ein wenig recht haben wird. Der russische Präsident, könnte man sagen, hat das Trollen von Kritikern im Internet kopiert – und zum Prinzip seiner Weltpolitik erhoben. Und er betreibt es höchst erfolgreich.
Die Rebellen, die gegen Assad kämpfen, haben keine ausgefeilte Corporate Identity wie der IS, sie haben oft komplizierte Namen, und sie heißen überall anders. Alle Gruppen kämpfen im Wesentlichen an ihren Heimatorten, hervorgegangen sind sie aus dem Anti-Assad-Aufstand von 2011. Insgesamt versammeln sie immer noch 80 000 bis 100 000 Mann. Manche haben sich radikalisiert, andere haben sich von den Radikalen abgewandt.
Die wichtigste Frage der westlichen Welt ist stets, welche der Gruppen "moderat", welche "islamistisch", welche "radikal" seien. Aber in Syrien ist das die falsche Frage. Ihre Orientierung hat meist wenig mit Ideologie, sondern viel mehr mit Erfahrungen zu tun – und mit taktischen Überlegungen: Wie kommt man am besten an Geld und Waffen? Welche Allianzen muss man eingehen, um überleben zu können? Wer kämpft wirklich und ist nicht korrupt?
Im Wesentlichen kann man die Rebellen in drei Lager unterscheiden. Da sind jene Gruppen der alten Freien Syrischen Armee wie Nureddin Zengi, Sukur al-Scham, Fursan al-Hakk, Division 101, Division 13 im Norden – sowie die Südfront. Ihre Bedeutung und Stärke hat vor allem deshalb nachgelassen, weil sie kaum noch Geld und Militärgerät bekommen.
Das zweite Lager ist das des islamistischen Mainstreams, es besteht aus der großen, disziplinierten Gruppe Ahrar al-Scham, die sich in ihren politischen Vorstellungen an den Muslimbrüdern orientiert, ihre neue Führung hat sich zuletzt konzilianter präsentiert. Im Dachverband der Rebellengruppen des Nordens, der "Armee des Sieges", gibt Ahrar al-Scham den Ton an.
Die prominenteste Gruppe des dritten, eindeutig islamistisch-dschihadistischen Lagers ist die Nusra-Front. Ihr Führer Abu Mohammed al-Golani schwor im April 2013 al-Qaida die Gefolgschaft. In ihr haben sich viele Radikale gesammelt, es gibt keine zentrale Führung. Bei den anderen Gruppen ist die Nusra-Front unbeliebt – weniger wegen ihrer Ideologie, sondern weil sie versucht, die anderen Gruppen zu unterwerfen und ihre Vorstellungen durchzusetzen.
Im Kern gilt für alle Lager: Wer tatsächlich gegen Assads Regime kämpft und die anderen Gruppen in Ruhe lässt, wird akzeptiert. Ihr gemeinsamer Feind ist der IS. Denn er kämpft nicht gegen Assad, sondern arrangiert sich mit dem Regime. Und seine Kalifatsträume und sein Allmachtsanspruch widerstreben allen Gruppen. Es dauerte zwar bis Januar 2014, aber dann schlossen sich fast alle Rebellen zusammen, um Assad und den IS zu bekämpfen.
Dass die Koalition unter Führung der USA den IS bombardiert, stößt auf Zustimmung. Doch wenn, wie immer wieder geschehen, auch die Nusra-Front oder Ahrar al-Scham angegriffen werden, führt das eher zur Solidarisierung mit den Islamisten. Würden die Russen tatsächlich den IS attackieren – die Rebellen hätten nichts dagegen. Aber das tut Putin eben nicht: Er nutzt stattdessen den Antiterrorkampf als Vorwand, um Assads Regime zu retten.
Am Montag veröffentlichten daher 41 Gruppen einen gemeinsamen Aufruf an die Nachbarstaaten Syriens, eine Koalition zu bilden gegen die "russisch-iranische Besatzungsallianz". Die Nusra-Front beteiligte sich nicht – und der IS wird ohnehin als Feind angesehen.
Es gibt also bereits eine Bodentruppe gegen den IS – in Form der Rebellen. Und sie kämpft, fast ohne Unterstützung des Westens, gegen den IS. Nördlich von Aleppo haben ein paar Hundert Kämpfer der drei wichtigsten, zur FSA zählenden Rebellengruppen 23 Selbstmordangriffe mit sprengstoffbeladenen Lastwagen und mehrere Senfgasattacken abgewehrt.
Erstaunlich ist, dass die Rebellen trotz magerer Hilfe der USA, Saudi-Arabiens, Katars und der Türkei überhaupt noch existieren. Das hat vor allem zwei Gründe: zum einen ihre demografische Überlegenheit, denn die Sunniten machten in Syrien drei Viertel der Bevölkerung aus – und je mehr der Aufstand zum Konfessionskrieg wurde, desto mehr Sunniten schlossen sich den Rebellen an. Zum anderen kämpfen viele Syrer schlicht aus Notwehr, weil ihre Heimatorte willkürlich bombardiert werden.
Dass diese Rebellen in der westlichen Öffentlichkeit völlig unabhängig von der militärischen Lage immer weniger wahrgenommen werden, ist das Ergebnis einer Kette von Irrtümern und wohl auch schlicht von Unkenntnis. Erschwerend kommt hinzu, dass das von den USA im vergangenen Jahr beschlossene "Trainings- und Bewaffnungsprogramm" für die Rebellen nicht von Erfolg gekrönt war.
Aufgeschreckt vom jähen Vormarsch des IS hatten die Amerikaner ein über 500 Millionen Dollar teures Programm aufgelegt, um jährlich bis zu 5000 Syrer auszubilden. Die sollten aber nur gegen den IS, nicht gegen Assads Truppen kämpfen. Ausgewählt wurden nur wenige, ausgebildet noch weniger und zurück nach Syrien geschickt nur ein paar Dutzend Kämpfer. Von denen seien, so General Lloyd Austin in einer Senatsanhörung, nur noch vier oder fünf aktiv. Die anderen wurden von der Nusra-Front entführt oder ermordet.
In diesen Tagen bereitet das Pentagon nun in aller Eile eine neue Offensive vor: An die 20 000 kurdische Peschmerga sowie Kämpfer der kurdischen YPG-Miliz sollen von Norden her Richtung Rakka vorstoßen, wo sich das Hauptquartier des IS befindet. Zusätzlich hoffen die Amerikaner auf 3000 bis 5000 Kämpfer der Freien Syrischen Armee sowie versprengte Reste gemäßigter Rebellengruppen. Die Offensive gilt offiziell dem IS, aber natürlich ist sie auch eine Reaktion auf Putin, dem die USA nicht das Terrain überlassen wollen.
Mit seinem Vorstoß in Syrien hat Putin zunächst erreicht, was er seit Monaten wollte: seine Rückkehr auf die Bühne der Weltpolitik, von der ihn der Westen seit der Annexion der Krim ausgeschlossen hatte. "Putins Intervention ist ein Akt der Stärke", sagt Julie Smith, ehemalige Sicherheitsberaterin von Vizepräsident Joe Biden. "Indem er in Syrien eingreift, hat er mehr Einfluss auf uns – aus dem einfachen Grund, dass wir uns mit ihm auseinandersetzen müssen."
Auch die Bundeskanzlerin ist inzwischen davon überzeugt, dass es nur mit Assad und Putin Frieden in Syrien geben wird. Doch erst einmal wächst die Dimension dieses Krieges.
Am vergangenen Samstag lief das Landungsschiff der Schwarzmeerflotte "Cäsar Kunikow" durch den Bosporus ins östliche Mittelmeer. In Baltijsk, dem früheren Pillau im Königsberger Gebiet, machte sich das Aufklärungsschiff "Wassilij Tatischtschew" auf den Weg. Und der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses in der Staatsduma, ein Admiral, stellte die Entsendung einer "Freiwilligenbrigade" in Aussicht, der Kämpfer mit Erfahrung aus dem Krieg in der Ostukraine angehören sollen. Die Gesamtzahl der bereits nach Syrien gebrachten russischen Soldaten lässt sich nicht überprüfen. Moskauer Quellen gehen von 2000 Mann aus, westliche von 4000.
Doch niemand, der in einen Krieg hineingeht, weiß, wie er aus ihm wieder herauskommen wird. Niemand kann sagen, wie Putins Militäroffensive in Syrien ausgehen wird. Vorsorglich hat Moskau eine propagandistische Großoffensive entfacht. Denn nur 14 Prozent der Russen billigen die Entsendung ihrer Truppen nach Syrien. Damit besitzt der Kreml erheblich weniger Rückhalt als bei der bewaffneten Intervention in der Ostukraine.
Kaum hatten die russischen Luftangriffe in Syrien begonnen, wurden im Fernsehen die Vorsitzenden aller Parlamentsparteien, die Vorsteher der religiösen Gemeinschaften und natürlich alle Gouverneure der russischen Provinzen mit muslimischem Bevölkerungsanteil nach ihrer Meinung befragt. Alle sprachen sich für die Militäraktion aus, sie sei unausweichlich gewesen.
Dann begann auf allen Kanälen eine breite Berichterstattung von der syrischen Front. Die Sender hatten schon vor Wochen ihre erfahrensten Kriegsreporter aus dem Donbass in den Nahen Osten versetzt. Ausführlich berichten sie nun vom Vormarsch der syrischen Armee, den Vorzügen der russischen Waffen und den russischen Piloten auf dem Fliegerhorst bei Latakia (siehe Kasten Seite 12).
Wie in einer Endlosschleife taucht in den kremlnahen Medien ein propagandistischer Dreisatz auf: die Überlegenheit der russischen Einsatzkräfte vor Ort, die Ohnmacht Amerikas und der von den Flüchtlingen aus Nahost überrannten Europäer sowie die angeblich wachsende weltweite Begeisterung über Putins Coup.
Keine Schlagzeile ist dem Boulevardblatt "Komsomolskaja prawda" zu platt, um nicht gedruckt zu werden. Am Montag lautete sie: "Europa wird von den Islamisten okkupiert – befreien werden es russische Panzer."
Russlands Teilnahme an den Kämpfen in Syrien hat zu einer fast infantilen Kriegsbegeisterung geführt. "Der Krieg wird als Glück empfunden, als Erfüllung eines langen Traums, den man selbst in der Ukraine noch geheim halten musste", schrieb bitter der russische Oppositionspolitiker Leonid Gosman in der Moskauer Zeitung "Wedomosti". Niemand verliere ein Wort über die unausweichlichen Opfer. "Wir kehren zu unserer einstigen Größe zurück, wir brauchen keine Koalition, wir genügen uns selbst. Wir bombardieren, was und wo wir wollen: Endlich gibt es Klarheit."
Dabei herrscht auch unter russischen Politikern und Experten Skepsis über das neue Militärabenteuer. Kritiker halten es für nicht ausgeschlossen, dass der "Islamische Staat" mit einer "asymmetrischen Antwort" auf das russische Eingreifen reagieren wird – etwa mit Terrorakten auf russischem Territorium. Schwerfallen dürfte ihm das nicht, es stehen genügend Hilfstruppen im russischen Kaukasus und in den früheren Sowjetrepubliken Zentralasiens bereit.
Der "Islamische Staat" sei "gegenwärtig unbesiegbar", sagt Alexej Malaschenko vom Moskauer Carnegie Center, der früher für die Sowjetunion in Nahost im Einsatz war. Man werde ihn nicht mit Bomben auslöschen können. "Ich glaube nicht an die Meldungen von den russischen Wunderpiloten, die bereits Panik beim Feind ausgelöst hätten."
Dass Moskau Assad verteidigt, ist laut Malaschenko nur konsequent. Ihn plötzlich fallen zu lassen würde nicht nur vom Westen, sondern mehr noch von den Nahoststaaten als Schwäche Russlands ausgelegt. Moskau aber wolle seine Position in der Region bewahren. Irgendwann jedoch müsse der Diktator gehen, das sei auch Putin klar. Bis dahin müsse ein politischer Kompromiss in Syrien gefunden werden. Zusammen mit den Amerikanern.
Bis es so weit ist, folgt Putins Kurs Assads bisherigem Vorgehen: unter der Etikette des Kampfs gegen den "Islamischen Staat" Assads Feinde zu bombardieren und den IS weitgehend zu schonen. Das hat wohl auch ganz praktische Gründe: Der IS ist ein sehr nützlicher Feind – solange es ihn gibt, wird Putin in Syrien noch gebraucht. Und indem Putin den syrischen Diktator stützt, erhält er auch den IS am Leben.
Indem Moskau das Assad-Regime stärkt, droht ihm ein Bruch mit einigen sunnitischen Staaten in Nahost, vor allem mit Saudi-Arabien. Wohlwissend um dieses Problem hatte Putin in den vergangenen Wochen eine rege Diplomatie in Nahost gepflegt, sich mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi und dem jordanischen König getroffen und im September zweimal mit dem saudi-arabischen König Salman telefoniert. Der hatte für den Herbst einen Besuch in Moskau avisiert, was nun wohl ausfallen dürfte. Die Saudi-Araber sind über Moskaus Offensive empört.
Manche Experten glauben, Putin verschätze sich und führe sein Land in ein außenpolitisches Abenteuer. Sie vergleichen das Eingreifen in Syrien mit der letzten russischen Intervention außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion: Afghanistan – nach zehn Jahren und 15 000 toten Soldaten mussten die Russen gescheitert abziehen.
Hätte Putin allerdings Erfolg, wäre das der ultimative Schlag für die Amerikaner. Ihm würde gelingen, was Barack Obama auch nach Jahren nicht gelungen ist: eine Entscheidung in Syrien herbeizuführen. Den IS zu besiegen und die Flüchtlingsströme zu stoppen. Und dabei die Weltmachtstellung Amerikas weiter erodieren zu lassen, vielleicht auch noch das Geschehen im gesamten Nahen Osten auf Jahre hinaus zu bestimmen.
Aber bis dahin ist es ein sehr weiter Weg. Im Nahen Osten haben sich bislang viele eine blutige Nase geholt.

Mit seinem Vorstoß hat Putin erreicht, was er wollte: seine Rückkehr auf die Bühne der Weltpolitik.
Von Veit Medick, Christian Neef, Christoph Reuter, Matthias Schepp und Holger Stark

DER SPIEGEL 42/2015
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