10.10.2015

Propaganda„Ideales Wetter für Kampfflüge“

Wie das russische Fernsehen über den Kriegseinsatz in Syrien berichtet
Russlands Offensive in Syrien wird von einer gewaltigen Propagandawelle im Fernsehen begleitet, das für die meisten Russen die wichtigste Informationsquelle ist. Details über die wirkliche Lage im Bürgerkriegsland erfahren die Zuschauer dabei nicht:
Nachrichtenkanal "Rossija 24", 3. Oktober, 14 Uhr. Wetterfee Jekaterina Grigorowa beginnt ihren Wetterbericht:
"In Syrien wird die Operation der russischen Luftstreitkräfte fortgesetzt. Vom Wetter her eine ideale Zeit. Der Wind weht mit zwei bis vier Metern pro Sekunde, Regen gibt es einmal in zehn Tagen, den heftigsten – 18 Millimeter – im Norden, wo unsere Luftwaffe im Einsatz ist. Das hat aber keine Folgen für den Abwurf der Bomben.
Mit der Temperatur ist es noch besser: Kritisch für die Flüge wären 35 Grad Hitze. Aber solche Werte sind im Oktober selten. Die Wolken liegen in dieser Jahreszeit zwischen 4000 und 10 000 Meter hoch, sehr selten gibt es Nebel bis zu 1000 Metern. Nur Sandstürme können zu einem Problem werden, aber auch sie sind um diese Jahreszeit selten. Am Montag kommen mehr Wolken, Dienstag gibt es örtlich Regen. Solch ein Wetter ist ideal für Kampfflüge.
Nun zum Wetter in Russland."
Erster Kanal, Nachrichtensendung "Wremja", 2. Oktober, 21 Uhr. Reporter Oleg Schischkin meldet sich von der russischen Fliegerbasis bei Latakia:
"Tag und Nacht brodeln hier die Feldküchen. Heute gibt es als Vorspeise Gemüsesuppe, als Hauptgang Nudeln mit Huhn. Die Piloten müssen nach den Kampfeinsätzen ihre Kraft wiederherstellen, sie brauchen Fleisch und Milchprodukte. Ein Großteil der Lebensmittel wird per Luft aus Russland gebracht, Fleisch und Gemüse sind meist von hier, das Brot ist eigenes. Die mobile Bäckerei backt täglich bis zu eine Tonne Brot. Alle Köche sind Russen.
Das Feldlager neben dem Flugplatz ist eine richtige Stadt mit eingespielter Infrastruktur. Die Militärs sind in Wohnmodulen untergebracht, in Zimmern mit bis zu vier Mann. In jedem gibt es eine Klimaanlage, in Syrien sind jetzt 30 Grad. Anstelle der üblichen Tarnkleidung tragen alle eine leichte beigefarbene Uniform. Es gibt zwei Kopfbedeckungen – Panamahut und Schirmmütze, T-Shirt, Shorts, leichte Kampfstiefel, dazu lange Socken.
Duschen kann man jeden Tag, Sauna ist streng nach Plan – einmal pro Woche. Von außen ein gewöhnliches Armeefahrzeug, aber in Wirklichkeit eine fahrbare Banja. Im Ofen brennt Holz, Wasserbehälter auf dem Dach. Der Quast ist aus Zweigen des Eukalyptusbaums. Die Syrer interessieren sich bereits für die russische Banja."
Erster Kanal, Talkshow "Wremja pokaschet", 5. Oktober, 14.30 Uhr. Im Studio sitzen Dutzende Zuschauer und ausgewählte Gäste. Eigentlich soll gestritten werden, aber man ist sich weitgehend einig:
"Zehntausende Tonnen Fracht haben die Unsrigen schon Wochen vorher unbemerkt nach Syrien gebracht. Und in drei Tagen hat unsere Luftwaffe mehr Schaden bei den Terroristen angerichtet, als diese westliche Koalition in fast anderthalb Jahren." (Beifall)
"Die haben jetzt große Sorgen, weil sie verstehen, dass sie verlieren. Das sieht doch die ganze Welt."
"Unsere Flieger kämpfen gegen die islamistischen Terroristen, und gegen uns kämpft der Westen. Dabei ist Syrien nur ein Vorwand, eine Episode."
"Zu den Anschuldigungen, dass unsere Luftwaffe die gemäßigte Opposition bombardiert: Das ist doch ganz einfach, das hat auch unser Präsident gesagt. Alle Männer, die ihre Waffe gegen den legitimen Präsidenten Assad richten, alle, die wie Terroristen aussehen, werden vernichtet." (Beifall)
"Rossija 1", Sendung "Westi nedeli", 4. Oktober, 20 Uhr. Reporter Dmitrij Petrow meldet sich vom russischen Fliegerhorst in Syrien:
"Im Moment starten gerade zwei Kampfflugzeuge Su-25, jedes trägt acht Bomben vom Typ Fab-250. Gleich steigen die beiden hoch, drehen aus Sicherheitsgründen über dem Meer um und bewegen sich auf das Ziel hinter den Berggipfeln zu.
Gestartet wird jede halbe Stunde. Die Ziele bestimmen Offiziere der syrischen Armee auf der Grundlage von Aufklärungsdaten. Die Russen korrigieren nur die Koordinaten, mithilfe ihrer Satelliten und Drohnen. Die Piloten bekommen die Daten allerdings erst, wenn sie abheben: Es darf keine undichten Stellen geben. Das ist die Hauptbedingung für ein erfolgreiches Bombardement. Hinter uns liegen fünf Flugtage ohne einen einzigen Fehltreffer.
Und das hier ist die Bombe Fab-250. Die setzen unsere Flugzeuge ein, um befestigte Stützpunkte der Islamisten zu zerstören. Nach dem Ausklinken fliegt die Bombe von einem Satellitensignal gesteuert ins Ziel. Sie selbst korrigiert ihren Kurs dank dieser Vorrichtungen hier an Heck und Bug. Nicht weniger effektiv arbeiten gewöhnliche Splitterbomben. Der Moment ihrer Abkopplung wird automatisch errechnet, abhängig von Geschwindigkeit, Flughöhe, Windstärke und Luftfeuchtigkeit. Alles pure Mathematik."
LifeNews, Nachrichtensendung, 7. Oktober, 23 Uhr. Die Reporterin:
"Diese Kämpfer hier kommen vom Stützpunkt Schakranija in der Nähe von Damaskus. Sie sprechen nicht nur über die Folgen der Luftschläge unserer Flieger, sie wollen auch Glückwünsche übermitteln." O-Ton: "Wir gratulieren Präsident Wladimir Putin zum heutigen Geburtstag! Von ganzem Herzen danken wir ihm, dass er in diesen Tagen mit unserem Land ist. Das syrische Volk wird das nie vergessen!"
Von Pavel Lokshin, Christian Neef und Wladimir Pyljow

DER SPIEGEL 42/2015
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