10.10.2015

AuszeichnungenAnklagelied

Der Nobelpreis zur Weltlage: Die weißrussische Literatin Swetlana Alexijewitsch wird geehrt für ein politisches Werk, das eine Linie zieht von der Sowjetzeit hin zu Putin.
Der 10. Oktober vor zwei Jahren, Frankfurter Buchmesse, Halle 3. Am Stand des Hanser Berlin Verlags mit der Nummer C 132 saß Elisabeth Ruge, damals die Verlegerin. Kameras waren auf sie gerichtet. Es war kurz vor 13 Uhr. Ruge hatte ein Buch der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch im Programm, "Secondhand-Zeit", es schildert drastisch die Folgen der Sowjetunion. Ruge hatte auch schon das erste Buch von Alexijewitsch in der Bundesrepublik veröffentlicht, 21 Jahre war das bereits her: "Zinkjungen" handelt von den Auswirkungen des sowjetischen Afghanistankriegs.
Alexijewitsch galt an jenem Tag als Favoritin für den Nobelpreis.
Kurz nach 13 Uhr war in Halle 3 Jubel zu hören. Er kam von weit her. Der Journalistentross rannte los, weg von Ruge, hin zu den Jubelrufern am Stand E 21. Alice Munro, Autorin des S. Fischer Verlags, war die neue Nobelpreisträgerin. Elisabeth Ruge blieb noch eine Weile sitzen, neben ihr, auf der einen Seite, ihr Vater Gerd Ruge, ein bekannter Journalist, der aus dem sowjetischen Moskau berichtet hatte. Auf der anderen Seite der Moskauer Literat Wiktor Jerofejew. Sie sprachen über Russland und die Kriege und Putin und darüber, wie sehr Alexijewitsch diesen Preis verdient hätte. Sätze im Konjunktiv.
Aus dem Konjunktiv ist ein Indikativ geworden. Am Donnerstag hat das Komitee in Stockholm verkündet, dass die in der Ukraine geborene Weißrussin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch, 67, den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2015 bekommen wird.
Und ja, sie hat ihn verdient. Ihre Werke fangen die Zeit ein und sind doch überzeitlich. Sie zeigen, wie Menschen zerbrochen werden können, wenn sie einer Politik ausgeliefert sind, die den Einzelnen in seiner Zerbrechlichkeit nicht achtet.
In der Zeit des Kalten Kriegs hat die Schwedische Akademie drei Sowjetbürgern den Literaturnobelpreis zuerkannt. Boris Pasternak 1958, Michail Scholochow 1965, Alexander Solschenizyn 1970. Nun, 24 Jahre nachdem die Sowjetunion untergegangen ist, bekommt ihn eine Autorin, deren Lebensthema ebendiese Sowjetunion ist.
Die gelernte Journalistin schreibt auf, was um sie herum gesprochen wird, führt Interviews und macht daraus Literatur. Die Menschen berichten ihr von ihrem Leid, ihrer Wut, ihrem Gehorsam. Sie haben den Zweiten Weltkrieg erlebt, den Afghanistankrieg, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. "Wie kann man Geschichte erleben und gleichzeitig darüber schreiben", fragt sie in "Zinkjungen". "Man muss die Zeit durchbrechen und ihren Geist einfangen."
Alexijewitsch verdichtet ihre vielen Interviewdokumente, fügt daraus Collagen: Dialogfetzen, Erlebnisse, Gerüche, Aussagen. Sie stellt das Eingefangene scheinbar wahllos nebeneinander, es sprechen Soldaten, Mütter, Prostituierte. Eine Mutter sagt in "Zinkjungen" über ihren Sohn, einen Soldaten: "Er war wie ein Mädchen, klein, zart, weißblondes Haar." Die Mutter erzählt in wenigen Zeilen das Leben des Jungen, wie sie ihm einen Hamster gekauft hat, wie er erwachsen wurde. Und dann, wie vor ihrem Haus ein Krankenwagen und zwei Jeeps halten und sie zu den Leuten sagt: "Kein Wort! Ich will nichts wissen. Ich hasse euch alle! Ich will nur meinen Sohn ... ich will ihn ganz für mich begraben ... Allein ... Ohne militärische Ehren ..."
In Alexijewitschs Stimmen-Romanen entstehen Bilder, die intensiver sind als jeder innere Monolog, als etliche am Schreibtisch ausgedachte Erzählungen, sie lässt viele Menschen sprechen und feiert doch den Einzelnen in seinem Kampf mit dem Elend des Kriegs, dem Dreck, dem Sterben. "Hier bleibt keiner heil und ganz", sagt eine Frau.
Aus den Stimmen, die sie in "Zinkjungen" versammelte, entstand ein Klagelied, ein Anklagelied: Der Afghanistankrieg sei Betrug gewesen, Betrug am Volk der Sowjetunion, getarnt als vorübergehende Hilfe für die afghanischen Brüder, am Ende waren 15 000 Soldaten in einem zehnjährigen Inferno gestorben, dreimal so viele sind verwundet worden, am Körper, auch an der Seele, für immer.
Alexijewitschs Botschaft: Den Botschaften der Mächtigen ist nicht zu trauen. Der Betrug an den Menschen in der Sowjetzeit wirke fort bis heute, so hat sie es in ihrem Buch "Secondhand-Zeit" beschrieben, das den Untertitel trägt: "Leben auf den Trümmern des Sozialismus".
Swetlana Alexijewitsch hat dem SPIEGEL ein Interview gegeben, das war im April 2014. Sie redete über "Secondhand-Zeit" und die Verbindung, die sie sah zu Putins Politik und der Annexion der Krim ein paar Wochen zuvor. Die Menschen der Sowjetunion hätten nichts anderes gelernt als Gewalt und Autorität, dass die Russen heute einen autoritären Herrscher wie Putin verehrten, sei nur logisch. Harte Sätze sagte sie. "Die Russen haben nicht einmal eine vage Vorstellung davon, was eine zivile Gesellschaft sein könnte." Sie seien immer noch "rote Menschen, arm dran und fürchterlich". Der Zündstoff in Osteuropa sei längst ausgegossen gewesen vor der Annexion, "Putin hat nur ein Streichholz drangehalten".
Nach dem Interview plauderte sie noch ein wenig, erinnerte sich an jenen Tag ein halbes Jahr zuvor, an dem sie Favoritin für den Nobelpreis gewesen sei. Sie sei ebenfalls in Frankfurt gewesen damals, sei aber nicht auf die Buchmesse gegangen, nicht zu ihrer Verlegerin Ruge, sie habe dem Trubel ausweichen wollen. In einer Hotelhalle habe sie gesessen, irgendwer habe Sekt besorgt, um im Fall des Falles anzustoßen. Als es anders gekommen sei, hätten sie ihn trotzdem getrunken.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 42/2015
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