10.10.2015

KarrierenWandelnder Widerspruch

Sahra Wagenknecht soll Fraktionschefin der Linken werden. Führt sie den Kampf gegen die SPD fort, den Oskar Lafontaine begann?
Eineinhalb Stunden lang hat Sahra Wagenknecht über Johann Wolfgang von Goethe gesprochen, den großen deutschen Dichter, den sie für so etwas wie einen frühen Parteigänger der Linken hält, einen Antikapitalisten, seiner Zeit weit voraus. Sie hat, um ihre These zu belegen, viel aus dem "Faust" zitiert, den sie als Jugendliche auswendig konnte. Sie hat dafür reichlich Szenenapplaus bekommen und geneigte Fragen aus dem Publikum, das sich prächtig unterhalten fühlte. Ein gelungener Abend im Rathausfestsaal von Saarbrücken, politisches Varieté. Unten sitzt Oskar Lafontaine, ihr Mann. Er hat seine Armbanduhr abgenommen, um die Zeit nicht aus dem Blick zu verlieren, wie er es früher gemacht hat, wenn er selbst auf der Bühne stand und alle Aufmerksamkeit ihm gehörte. Jetzt sitzt er im Halbdunkel, erste Reihe, dritter Platz von links, wo er für die meisten Zuhörer so gut wie unsichtbar ist.
In der kommenden Woche soll Wagenknecht zur Fraktionsvorsitzenden der Linken gewählt werden, neben Dietmar Bartsch, dem Vertreter des Reformflügels. Sie sollen die Partei im Bundestag in eine neue Zukunft führen, nachdem Gregor Gysi im Juni seinen Rückzug vom Fraktionsvorsitz angekündigt hat; eine Zukunft, die auch die Möglichkeit einschließt, dass sich die Linke auf Bundesebene als möglicher Koalitionspartner empfiehlt.
Es geht dabei auch um das Vermächtnis ihres Mannes. Versteht sie die SPD als möglichen Partner einer gesamtlinken Koalition, wie die Reformer in ihrer Partei hoffen? Oder noch immer als Todfeind, der wund geschossen werden muss? Zehn Jahre nachdem Oskar Lafontaine die SPD im Streit verließ, um mit einer neuen, gesamtdeutschen Linkspartei Rache an den alten Genossen zu üben, ist ihre Wahl zur Fraktionsvorsitzenden auch die Chance für die Linke, endlich eine Antwort auf diese Frage zu finden. Diese Chance heißt Sahra Wagenknecht. Sie ist längst eine eigene Marke, die ihre Partei und ihr Amt überstrahlt, eine Frau, die in kein Schema passt. Sie wirkt wie eine jüngere Margaret Thatcher, aber sie redet wie Karl Marx. Wagenknecht ist ein wandelnder Widerspruch.
Die Positionen, die sie vertritt, machen sie unwählbar für den bürgerlichen Mainstream, auch in der SPD. Sie geißelt die Auswüchse des Kapitalismus, sie verdammt das angeblich imperialistische Gebaren der USA und predigt unbedingten Pazifismus. Sie beherrscht den aufgescheuchten Furor der Linken, den sich die SPD längst abgewöhnt hat. Zugleich aber wirkt sie seltsam konservativ, mit ihrer immer gleichen, hochgesteckten Frisur, den streng geschnittenen Kleidern, der zugeknöpften Art und gutbürgerlichen Bildung, beinahe pflichtbesessen.
Sie ist für ihr Arbeitsethos bekannt. Ein Leben ohne Müßiggang. Schon als Kind empfand sie Spielen als Zeitverschwendung, seichte Unterhaltung ist ihr zuwider. Wagenknecht taugt nicht als das übliche Feindbild der Konservativen, die linke Politiker wie sie gern als die Anwälte von Faulpelzen ansehen. Lange galt die ehemalige Stalinistin unter Reformern als nicht vermittelbar, aber nun ist sie ihre heimliche Hoffnung geworden. Gerade sie könnte die linken Parteifreunde zu Pragmatismus erziehen, weil sie bei den Linken die größte Glaubwürdigkeit hat. Weil sie die Letzte in ihrer Partei ist, von der man Pragmatismus und faule Kompromisse erwartet. Sie könnte. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie das will.
Wer ist die echte Sahra Wagenknecht? Ist sie die überzeugte Linke, die sich eine konservative Maske zugelegt hat? Oder eine Konservative, die mit linken Thesen Karriere gemacht hat?
Sie spielt mit diesem Widerspruch. Sie zitiert nicht Marx, um ihre marxistischen Thesen zu rechtfertigen, sondern die ärgsten Kritiker des Marxismus, die Helden ihrer politischen Gegner. Sie hat Ökonomie studiert, die Grundlagen der Volkswirtschaftslehre, die Wissenschaft, die eigentlich erklärt, warum Kapitalismus funktioniert, und sie macht sich Ludwig Erhards Versprechen vom "Wohlstand für alle" zu eigen, wenn sie eigentlich Sozialismus predigt. Es ist eine Masche, die sie perfektioniert hat: die radikale Linke, die sich gutbürgerlich gibt. Das hat sie auch jenseits der treuen Klientel der Linkspartei salonfähig gemacht, wenn auch nicht unbedingt wählbar.
Gemessen an den extrem linken Positionen, die sie vertritt, Außenseiterpositionen, hat sie überraschend viele Fans. Nach Gregor Gysi ist Sahra Wagenknecht derzeit die profilierteste Linke in Deutschland, the real deal, wenn man links wählen möchte. In deutschen Talkshows gehört sie zu den häufigsten Gästen. Die "Bild"-Zeitung kürte sie jüngst zur Talkshowkönigin Deutschlands. Aus ihrem Vortrag über Goethe hat sie inzwischen eine kleine Deutschlandtournee gemacht.
Es verschafft ihr Sympathien. Eine Bühne, auch jenseits des üblichen Publikums der Linken. Und Flexibilität.
Vor zwei Wochen ist Wagenknecht auf Schloss Johannisberg im Rheingau zu Gast. Sie hält wieder eine ihrer Goethe-Lesungen. Goethe als Antikapitalist.
Der Saal ist gefüllt mit Damen und Herren der besseren Gesellschaft, Weinfestpublikum, große Autos, gut geschnittene Anzüge, hochgeschlossene Blusen.
Ihr Gastgeber stellt sie als Bildungsbürgerin vor, als Dr. Wagenknecht. Er nennt ihre akademischen Titel und kommt am Schluss auf die Note ihrer Doktorarbeit zu sprechen. "Magna cum laude", sagt er. Spätestens von diesem Moment an hat sie den gesamten Saal hinter sich.
"Sie genießt eine hohe Glaubwürdigkeit bei Leuten, die politisch woanders stehen", sagt ihr Parteifreund Thomas Lutze. "Eher bürgerlich denkende Menschen finden Wagenknecht toll." Das macht sie einerseits zu einer gefährlichen Gegnerin der SPD, aber zugleich auch zu einer potenziellen Partnerin, mit der man sich zeigen kann.
Wenn man Ralph Niemeyer fragt, was seine Exfrau wirklich will, muss er nicht lange überlegen. Mit Wagenknecht verbindet ihn eine lange, bewegte Geschichte. 16 Jahre lang war er mit ihr verheiratet. Zusammen haben sie Krisen erlebt. Aus seinen Seitensprüngen gingen drei uneheliche Kinder hervor. Das Paar ließ sich 2013 scheiden, aber trotz aller Krisen haben sie bis heute den Kontakt gehalten. Niemeyer lebt jetzt in Schwäbisch Gmünd. Er sagt, dass er wieder geheiratet hat, aber auf Wagenknecht lässt er bis heute nichts kommen, auf seine "müagF", meine über alles geliebte Frau, wie er sie nannte.
Für eine Koalition mit der SPD, glaubt Niemeyer, ist es 2017 zu früh. Er könnte sich vorstellen, dass Wagenknecht einen anderen Plan hat, einen großen Geniestreich. "Für Sahra geht es erst einmal darum, die SPD übernahmereif zu schießen", sagt Niemeyer. "Dann wird sie, vielleicht irgendwann nach der nächsten Bundestagswahl, die SPD übernehmen."
Es ist eine irre Idee, die Feldherrnfantasie eines Mannes, der noch immer stolz darauf ist, einmal mit Sahra Wagenknecht verheiratet gewesen zu sein. Aber vielleicht hat seine Fantasie auch einen realistischen Kern: Was Wagenknecht auszeichnet, ist ihre Konsequenz. Sie wird bei ihren Positionen bleiben und der SPD schaden, so gut sie kann. Wenn es nach ihr geht, bleibt die Linke die Partei Lafontaines.
Kürzlich hielt Wagenknecht im Bundestag eine Rede zur Flüchtlingskrise, keine große Rede, aber Niemeyer mochte sie. Er schickte ihr eine SMS: "Tolle Rede", schrieb er, "Du bist die Bundeskanzlerin der Herzen."
* Bei der diesjährigen Verleihung des Ordens "Wider den tierischen Ernst" im Januar in Aachen.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 42/2015
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