10.10.2015

StrafjustizDie verlorene Ehre der Familie Khan

Eine junge Frau widersetzt sich ihren streng religiösen Eltern, der Vater bringt sie um. Welche Rolle spielte die Mutter bei der Tat?
Die Mutter heult laut auf, als die Tochter an ihr vorbeihuscht, ihr einen kurzen, verstörenden Blick zuwirft. Es ist die erste Begegnung seit acht Monaten, damals wurde die Mutter verhaftet. Die Tochter nimmt Platz, schaut zum Vater, auch er wurde verhaftet, auch er weint, leise.
Will sie wirklich vor Gericht aussagen, erzählen, welches Leben ihre Familie geführt hat? Ja, sie will, sagt die Tochter. Sie ist 14 Jahre alt. Sie wird nicht nur erzählen, welches Leben ihre Familie geführt hat. Sie wird erzählen, wie es hinter der blitzeblanken Fassade aussah, sie wird gegen ihre Eltern aussagen, sie wird ihre Eltern schwer belasten. Ihre Eltern, die ihre ältere Schwester Lareeb töteten, weil sie Schande über die Familie gebracht haben soll.
Saal 3, Landgericht Darmstadt, Schwurgerichtskammer. Der Vater hat eingeräumt, Lareeb erwürgt zu haben, mehr will er vorerst nicht sagen. Anders die Mutter. Sie lässt ihren Verteidiger eine 23 Seiten lange Erklärung verlesen, in der sie ihr eigenes Leben, die Tage vor der Tat und die Nacht, in der ihre Erstgeborene sterben musste, schildert. Sie war dabei, als es geschah. Aber auch sie sei ein Opfer, sagt sie. Die Tochter wird ihr das nicht durchgehen lassen. Sie wird erzählen, wie sie es sah.
Die Geschichte der Familie Khan ist die Geschichte einer gelungenen Integration, betrachtet man die beiden Töchter, zweisprachig aufgewachsene, tüchtige Mädchen, gut in der Schule. Und es ist die Geschichte einer gescheiterten Integration, betrachtet man die Eltern. Sie kamen vor mehr als 20 Jahren aus Pakistan nach Deutschland, aber sie kamen hier nie an. Sie passten sich nicht dieser neuen Welt an, sie schufen sich ihre eigene. Ihre eigene Heimat als rettende Insel in der Fremde.
Die Eltern führten ein Parallelleben, eines nach außen und eines, in dem sie die Regeln bestimmten. Doch ihre Kinder, geboren in dieser Fremde, zerriss es irgendwann. Sie mussten sich entscheiden, wohin sie gehören, zu dem Mikrokosmos innerhalb der Familie oder zu der Welt draußen. Lareeb, 19, hatte sich entschieden, sich verliebt und den Entschluss gefasst, aus der Welt der Eltern auszubrechen.
Ihre jüngere Schwester starrt zur Richterbank, 11. Große Strafkammer. Das Wimmern der Mutter wird lauter, der Verteidiger zerrt am Ärmel ihres Mantels. Das Wimmern schlägt um in ein lautes Heulen. Die Tochter wirft einen flüchtigen Blick zum Vater, jetzt muss sie doch weinen. Es sei ein schwerer Moment, müht sich der Vorsitzende Richter Volker Wagner, eher Typ Alleinunterhalter, um Sensibilität.
Die Tochter hat den Vater in der Justizvollzugsanstalt besucht, nicht die Mutter. Warum, will Wagner wissen. "Ich wollte ihn einmal sehen." Der Kommissar, der die Tochter bei diesem Besuch begleitete, wird später vor Gericht sagen, sie habe den Vater fragen wollen, warum er Lareeb getötet habe. Mehr nicht. Sie hat ihn danach nie wieder besucht.
"Hast du den Papa lieb?", fragt der Vorsitzende. Die Tochter: "Ja." Der Richter: "Lieber als die Mama?" Die Tochter: "Ja." Dann rechnet sie mit ihren Eltern ab. Sie seien streng gewesen, sehr streng, hätten sie und Lareeb abgeschottet von Schulfreunden und jeglichem sozialen Leben. Immer und überall die Angst der Eltern, die Töchter könnten so werden wie die anderen Kinder: asozial. "Asozial?", fragt der Vorsitzende. "Ja, asozial, respektlos gegenüber den Eltern, keine Hausaufgaben machen und so." Oft seien sie angeschrien und geschlagen worden, mit der Hand, dem Stock. Wer schlug? Die Mutter, nie der Vater.
Die Tochter widerlegt die Version, die die wimmernde Mutter ihrem Verteidiger diktiert hat. Die Opferversion. Shazia, 41, stammt aus einer Bauernfamilie, Anhänger der Ahmadiyya-Gemeinde, einer islamischen Sondergemeinschaft, aus einem kleinen Dorf in Pakistan. Ihr starker Glaube bestimmte ihr Leben, ihre Eltern arrangierten die Hochzeit, wählten den Ehepartner aus: Asadullah Khan, zehn Jahre älter, in Pakistan geboren, wohnhaft in Deutschland. Shazia war 17, als sie ihn kennenlernte, am Tag ihrer Trauung. Sie musste ihm nach Darmstadt folgen, wo er als Reinigungskraft arbeitete.
Shazia sagt, Asadullah habe ihr verboten, Deutsch zu lernen, arbeiten zu gehen. Sie habe ihm gehorchen, sich seinen traditionellen patriarchalischen Vorstellungen unterwerfen müssen. Er und seine Familie hätten Druck ausgeübt, als sie nicht sofort schwanger wurde, dann gebar sie ihm nur zwei Töchter, keinen Sohn. Hilflos habe sie sich gefühlt, isoliert und unterdrückt.
Beistand fand Shazia in der Ahmadiyya-Gemeinde, ihr Ehemann war Vorsitzender der Darmstädter Kommune, später Sekretär im Frankfurter Gemeindezentrum, ein angesehener Mann. Über Konferenzschaltung las Shazia anderen Mitgliedern am Telefon aus dem Koran vor. Die Gemeinde wurde zum Mittelpunkt im Leben der Khans, alles drehte sich um den Glauben, seine festen Rituale und Bräuche. Die Familie unterwarf sich der Gemeinde, die Halt gab in dieser fremden Welt, die fremd blieb, weil sich die Eltern den hiesigen Traditionen verweigerten.
Lareeb und ihre jüngere Schwester parierten, kleideten sich traditionell, trugen Kopftuch. Sie packten zu Hause an, spülten, staubsaugten, putzten, nie ein Wort der Widerrede. "Vorzeigekinder", sagt eine Zeugin vor Gericht. Lareeb sei "bis dahin die perfekte Tochter" gewesen.
Im Mai 2014 brach das künstliche Idyll der Familie Khan zusammen. Shazia erwischte Lareeb, wie sie einem Jungen eine SMS schickte. Sie rastete aus, schlug auf sie ein, der Vater war außer sich. Was, wenn die Gemeinde davon erfährt? Lareeb wurde noch strenger bewacht. Ihre Eltern brachten sie zur Schule, warteten davor bis Unterrichtsschluss, kontrollierten sie rund um die Uhr, bedrohten den Jungen, der längst ein junger Mann war, 25 Jahre alt, Student und Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde. Letzteres verbesserte die Situation keineswegs. Lareeb brach mit den Eltern, sprach nicht mehr, aß kaum. Das Versprechen, den Freund nie wiederzusehen, lehnte sie selbstbewusst ab. Ein Schock für die Eltern. Ihr Kind widersetzte sich dem Gehorsam. Was, wenn die Gemeinde davon erfährt?
Die Stimmung im Hause Khan: unerträglich. Vor Gericht erinnert sich die jüngere Tochter daran, wie Lareeb davon sprach, "einfach sterben" zu wollen. Abdullah Uwe Wagishauser, der Vorsitzende der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland, erfuhr von dem Familienkonflikt. Er beauftragte einen Imam mit der Schlichtung, doch die Vermittlung scheiterte. Der Kalif Mirza Masroor Ahmad in England, das weltweite Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinde, wurde eingeschaltet. Er forderte die Eheschließung der beiden.
Lareebs Vater soll die auferlegte Vermählung akzeptiert haben, doch die Eltern des Geliebten zögerten. Eine Schmach für Lareebs Familie. Sie selbst weihte ihre Freundinnen, Arbeitskolleginnen und ihren Vorgesetzten ein, freute sich auf die Hochzeit. So erzählen sie es vor Gericht.
Ihr Misstrauen gegenüber den eigenen Eltern blieb. Einer Freundin vertraute sie an, ihre Eltern planten eine Reise nach Pakistan. Sie traue ihnen eine Zwangsheirat mit einem Fremden zu. Nie werde sie mitfliegen, nie. "Auch wenn es mich das Leben kostet." Längst führte Lareeb ihr eigenes Leben, wenn auch heimlich. Der Zahnarzt, bei dem sie zuletzt gearbeitet hatte, sagt vor Gericht, er habe Lareeb nie mit Kopftuch gesehen.
Ein Schock für die Eltern, als sie wenige Wochen vor ihrem Tod davon erfuhren: Lareeb trug in der Öffentlichkeit nicht nur kein Kopftuch mehr, sie zog sich unbemerkt um, wenn sie das Haus verlassen hatte. Was, wenn die Gemeinde davon erfährt?
Shazia behauptet über ihren Anwalt, ihr Ehemann habe ihr Vorwürfe gemacht, dass sie "die Exzesse der Tochter" nicht verhindert habe, sie sei "keine gute Mutter". Verzweifelt wandten sich die Khans am 24. Januar 2015 erneut an den Vorsitzenden der Ahmadiyya-Gemeinde. Als Lareeb einem Fest der Gemeinde ferngeblieben war und dadurch ihre Eltern nach deren Ansicht bloßgestellt hatte, war klar: Die Gemeinde hat längst erfahren, dass die Khans ihre Tochter nicht im Griff haben.
Am 26. Januar kam per Post ein Anhörungsbogen der Polizei: Lareeb hatte im Kaufhof gestohlen, eine Modeschmuckkette für 15,99 Euro, Kondome für 10,99 Euro. Ihre Eltern waren entsetzt. Ihre Vermutung, die Tochter habe vorehelichen Sex gehabt, hielten sie für bestätigt. Wenn das die Ahmadiyya-Gemeinde erfährt! Shazia sagt, ihr Ehemann sei explodiert, habe sie beschimpft, bedroht. Hat er bereits zu diesem Zeitpunkt den Plan gefasst, Lareeb zu töten? Musste sie sterben, um die Familienehre aufrechtzuerhalten? Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, nur deshalb habe die Mutter die jüngere Tochter an jenem Abend zum Onkel geschickt. Um in Ruhe, ohne Zeugen, den Mord begehen zu können.
Vor Gericht lässt Shazia ihren Anwalt vorlesen, die Situation sei eskaliert, nachdem der Vater die Tochter mit dem Brief der Polizei konfrontiert habe. Lareeb habe ihren Vater geschlagen, Asadullah sei wütend gewesen, Stunden später habe er die Tochter getötet. Sie habe ihn gesehen: sitzend auf der schlafenden Tochter, er drückte minutenlang den Hals zu. Sie habe schreien, ihn wegreißen wollen, aber sie habe "fürchterliche Angst" gehabt – um ihre Tochter, aber offensichtlich noch mehr um sich. Shazia schwieg, verharrte, schaute wohl zu, zog ihre tote Tochter um und entsorgte die Leiche gemeinsam mit ihrem Ehemann. Sie habe nur gehorcht, so wie sie ihm immer ergeben gehorche.
Ihre Mutter sei nie unterdrückt worden, sagt die jüngere Tochter vor Gericht. "Meine Mutter durfte machen, was sie wollte." Tagsüber habe sie den Haushalt gemacht, sei ins Fitnessstudio gegangen, abends spazieren mit Freunden. "Wer hat zu Hause bestimmt?", fragt die Staatsanwältin. "Mama." Und: "Wer war Wortführer, wenn es Streit gab, wer war der Bestimmende?" "Mama." Shazia Khan heult auf. Jetzt hakt auch noch einmal der Vorsitzende nach, ob zu Hause ein autoritäres Patriarchat geherrscht habe. "Nein, eher andersrum", sagt die Tochter mit ruhiger Stimme.
Eine Nachbarin und enge Freundin Lareebs beschreibt Shazia Khan als "aggressiv, aufbrausend, schnell gereizt". Dass in der Familie Khan das archaisch geprägte Rollenklischee aus Pakistan gelebt worden sei, könne sie sich nicht vorstellen. Die Mutter der Nachbarin sagt: "Frau Khan war der Mann im Haus." Befahl sie ihrem Ehemann, die Tochter zu töten? Entschied das Paar gemeinsam, dass nur ihr Tod die beschädigte Ehre der Familie retten könne?
Die Mutter sei "die treibende Kraft" gewesen, vertraute die Tochter einer Kommissarin an, die als Zeugin befragt wird. Am nächsten Morgen sei Shazia "auffallend fröhlich" gewesen, habe "viel gelacht" und sie, die jüngere Tochter, "öfter als sonst umarmt und geküsst". Der Beamte, der Shazia verhörte, erinnert sich vor Gericht an ihre Aussage: "Wir wollten Lareeb zur Rede stellen, wenn der Streit zu arg wird, kann sie dabei auch sterben."
Lareebs Freund hatte die Katastrophe vorausgeahnt. Er betritt den Gerichtssaal durch die Hintertür, davor wartet Polizeischutz. "Die wollten ja nicht nur Lareeb töten", sagt er, sondern auch ihn. Er trägt Anzug, Krawatte. "Du sollst sterben, du bist Schande für die Familie", soll die Mutter Lareeb gedroht und deren rechte Hand auf die heiße Herdplatte gedrückt haben, damit sie keine Botschaften mehr versenden kann. Die Eltern hätten befürchtet, durch Lareebs Lebenswandel ihre Ehre zu verlieren. Der Vorsitzende stutzt: "Wieso verliert man denn dadurch die Ehre?" Der Freund zuckt mit den Schultern.
Auf seinem Handy fand die Polizei 30 000 WhatsApp-Nachrichten, viele davon stammten von Lareeb. Einmal schrieb sie: "Bitte rette mich, hol mich hier raus, im Sterben ist es nicht so schlimm wie hier. Auf die Hochzeit kann ich ewig warten, aber nicht hier." In der Nacht auf den 28. Januar, in der sie starb, schrieb sie ihm um 1.07 Uhr: "Ich kann nicht mehr schlafen." Um 5.47 Uhr schrieb er: "Guten Morgen, mein Schatz." Da war sie bereits tot.
Überwachungskameras im Hochhaus, in dem die Familie Khan lebte, zeichneten auf, wie die Eltern um 4.11 Uhr Lareebs Leiche mithilfe eines Rollstuhls in die Tiefgarage manövrierten. Mit dem Auto fuhren Shazia und Asadullah Khan zum Steinbrücker Teich. Oft hatte die Familie dort Picknick gemacht. Dieses Mal warfen sie ihre tote Tochter die Böschung hinunter.
Die Überwachungsvideos zeigen auch, wie das Paar am Tag vor der Tat die Kamera im Fahrstuhl abklebten, wie sie einen Schirm aufspannten, so wie sie es zwölf Stunden später erneut taten, damit der Vater halbwegs unbeobachtet die Leiche im Rollstuhl transportieren konnte. Der zuständige Ermittler vor Gericht: "Hier wurde für die Tat geprobt."
Shazia und Asadullah Khan sind wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Mordes angeklagt. Die 11. Große Strafkammer muss nun entscheiden, wer von ihnen bei Planung und Ausführung der Tat welche Rolle spielte. Erfüllt die Tat nur das Mordmerkmal Heimtücke oder auch das der niedrigen Beweggründe, weil die Tötung eines Menschen zur Wiederherstellung der Ehre besonders verachtenswert ist, wie der Bundesgerichtshof einmal festgestellt hat? Haben die Eltern die besondere Schwere der Schuld auf sich geladen?
Die Tochter, die als Nebenklägerin im Verfahren auftritt, huscht am Ende ihrer Befragung nicht mehr an ihren Eltern vorbei. Ihr Gang ist fest. Zum ersten Mal hat auch sie sich aufgelehnt. Als sie den Vater in der Haft besuchte, sagte er beim Abschied: "Die Gemeinde wird uns wieder aufnehmen. Alles wird gut."

Von Julia Jüttner

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