10.10.2015

Eine Meldung und ihre GeschichteGeile Alte, Alter

Wie Marius Müller-Westernhagen vor dem Kaufhof am Alex den Traum einer Sängerin wahr machte
Selbst ein Nichtort wie das Betonmeer am Berliner Alexanderplatz wird durch eine späte, kräftige Sonne verzaubert. Es wird dann noch einmal warm, eine leichte Brise weht von Friedrichshain nach Mitte herüber, die Leute setzen sich an den großen Brunnen vor dem Kaufhof und hören dem Wasser beim Fallen zu. Gutes Wetter für Straßenmusik. Gutes Wetter für Elen Wendt. Sie hat ihr Mikrofonstativ aufgestellt, den Verstärker an die Gitarre angeschlossen, den Gitarrenkoffer aufgeklappt und in Spendenposition gebracht.
"Skin" von Boy macht den Anfang, eine fantastisch melancholische Nummer. Die ersten Passanten heben den Kopf; die ersten verlangsamen den Schritt, die ersten bleiben stehen. Elen Wendt singt. "All day long she's waiting for the night to ask her out / To be somebody's dancer." Die Sängerin ist Mitte zwanzig, dunkelblonde Haare, ein hübsches Muttermal an der Unterlippe. Beim Singen schließt sie die Augen, große Stimme, Singer-Songwriter-Haltung, schade, dass man kein Lagerfeuer auf dem Alex machen kann.
Acht Jahre macht Elen Wendt das jetzt: Straßenmusik. Mal auf dem Alexanderplatz, mal auf der Schönhauser in Prenzlauer Berg vor einem Einkaufszentrum. Davon kann man leben, sagt sie. Man sollte nicht allzu viel von diesem Leben erwarten, jedenfalls nichts, was viel Geld kostet, aber die Musik bezahlt ihre kleine Mietwohnung im Wedding und deckt die wenigen Ausgaben, die sie hat. Die Stimme, die Gitarre und der Glaube, dass das alles irgendwann zu etwas führt, mehr braucht es nicht, sagt Elen. Es klingt überzeugt und frei und mutig und naiv, in sich alles so perfekt, dass man geneigt ist, nach dem Aber zu suchen.
Je mehr man erfährt von ihr, der verträumten Straßenmusikerin aus dem Wedding, umso fester wird der Glaube, dass diese junge Frau ihr Leben wegwirft für die Musik, für ihre Träume. Schule geschmissen, Ausbildung zur Hutmacherin abgebrochen. Mehrmals die Woche auf der Straße, immer für mehrere Stunden, auch im Berliner Winter, in dem übellaunige Berufspendler nicht mal den Kopf heben, geschweige denn, dass sie etwas geben.
"Wonderwall" von Oasis ist eine sichere Nummer. Ohrwurm mit Anspruch, die ersten Berliner stellen ihre Einkaufstüten vor die lang gezogenen U-Bahn-Stufen und setzen sich. Geld gab's noch nicht, aber Hinsetzen ist ein guter Anfang. Vielleicht kauft ja auch einer ihre CD, 15 Euro, "Rock-Pop mit folkigen Singer-Songwriter-Einflüssen", so beschreibt Elen Wendt ihren eigenen Stil, nicht ohne anzufügen: "oder so ähnlich". Sie hat noch nicht viele CDs verkauft. "Because maybe / You're gonna be the one that saves me?", singt sie. Sie war schon mal im Fernsehen, in einer Talentshow, kam aber nicht in die nächste Runde. Berliner Lokalblätter haben über sie geschrieben, ohne großen Effekt.
Es folgt Tracy Chapman, dann ein eigenes Stück, mittlerweile hat sich eine stattliche Traube gebildet, und ein paar Mädchen mit Kopftuch machen Handyfotos und rufen leise: "Bravo!" Jugendliche in Baggy-Jeans bleiben stehen und sagen: "Geile Alte, Alter." Kurz darauf, wie bestellt, tauchen zwei Männer vom Ordnungsamt auf. Wandelnde Berliner Beamtenklischees. Unfreundlich bis ins Mark. Sie verlangen Elen Wendts Ausweis, notieren Name und Anschrift, durchstöbern ihre Sachen, jagen sie vom Platz. Elen ist nett zu den Männern. "Sie machen ihre Arbeit. Ich stehe bei denen schon auf der Liste. Das wird teuer diesmal. 600 Euro, hat der eine gesagt." Sie lächelt, während sie das sagt. 600 Euro, dafür braucht sie Wochen.
Es ist der Moment, in dem man Elen Wendt am Arm packen und rütteln will. Acht Jahre auf der Straße, keine Ausbildung, wo soll das denn hinführen? Richtig gut Gitarre spielt sie auch nicht. Wer nimmt denn jemanden, der sagt, dass er früher Musiker war? "Ich kenne niemanden, der Musiker war", sagt Elen Wendt. "Das gibt es nicht. Man ist Musiker."
Elen Wendts Optimismus kann einen fertigmachen. Sie ist davon überzeugt, dass alles gut wird. Manchmal dauere es eben. "Manchmal", sagt sie, "passieren ja auch überraschende Dinge." Und dieses eine, große Manchmal ereignete sich tatsächlich. Ein Wunder.
Elen Wendt stand an genau der Stelle, an der sie die Ordnungsbeamten eben vom Alex gescheucht haben. Sie spielte "Hallelujah" in der Version von Jeff Buckely. Das Lied singt sie grundsätzlich mit geschlossenen Augen. Und da geschah es, das Manchmal: In die Menschentraube am Alexanderplatz mischte sich einer der ganz großen deutschen Musikstars: Marius Müller-Westernhagen. Er kam zufällig vorbei. Er hörte eine Weile zu. Anschließend legte er 15 Euro in den Gitarrenkoffer und nahm die CD mit. Elen Wendt bekam davon gar nichts mit.
Aber ein paar Tage später klingelte ihr Handy. Westernhagen war dran. Sie sprachen fünf Minuten, dann musste sich Elen Wendt erst mal setzen. Sie hatte gerade erfahren, dass sie am 24. Oktober, am übernächsten Samstag, in der Berliner Mercedes-Benz-Arena singen wird. Singen darf. Die Halle kann an diesem Abend 12 500 Leute aufnehmen, und vermutlich werden auch genauso viele da sein, denn es ist der Abend, an dem Westernhagen das Abschlusskonzert seiner aktuellen Tour geben wird. Vor ihm wird Elen Wendt singen. Sie muss sich ein paar Musiker besorgen. Sie ist Westernhagens Vorband in Berlin. Eine junge Frau Mitte zwanzig, dunkelblond, mit einem Muttermal an der Unterlippe, die im Leben alles richtig gemacht hat.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 42/2015
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