10.10.2015

FlüchtlingeDer Einbruch der Wirklichkeit

Eine Reise von Budapest nach Assos in der Türkei. Von Navid Kermani
Kermani, 47, ist Schriftsteller und lebt in Köln. Am Sonntag, dem 18. Oktober, wird ihm in der Frankfurter Paulskirche der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels überreicht. In der Begründung der Jury heißt es, dass Kermanis Romane und Essays, insbesondere aber auch seine Reportagen aus Krisengebieten, zeigten, "wie sehr er sich der Würde des einzelnen Menschen und dem Respekt für die verschiedenen Kulturen und Religionen verpflichtet weiß und wie sehr er sich für eine offene europäische Gesellschaft einsetzt, die Flüchtlingen Schutz bietet und der Menschlichkeit Raum gibt". Auf seiner Reise entlang der Flüchtlingsroute wurde Kermani begleitet von dem Fotoreporter Moises Saman, 41, der Mitglied der Fotoagentur Magnum ist.

Es war ein seltsam weich gewordenes Deutschland, das ich verließ. In den Bahnhöfen der großen Städte lagen Fremde auf grünen Schaumstoffmatten zwischen Reisenden, die zu ihren Zügen eilten. Niemand verscheuchte sie oder regte sich auf über die Ordnungswidrigkeit, nein: Einheimische in signalgelben Westen knieten neben den Fremden, um sie mit Tee und belegten Brötchen zu versorgen. Als andere Länder die Fremden so heftig drangsalierten, dass sie zu Fuß über die Autobahn entkommen wollten, holte Deutschland sie mit Sonderzügen ab, und wo immer sie eintrafen, standen Bürger und sogar die Bürgermeister am Bahngleis, um zu applaudieren. Selbst die fremdenfeindlichste Zeitung erzählte die Lebensgeschichten der Fremden, erzählte so eindrücklich von Krieg, von Unterdrückung, von den Strapazen und Gefahren ihrer Flucht, dass man ihre Rettung nicht einmal an den Stammtischen ganz schlecht finden konnte. In den Städten und den Dörfern bildeten sich Bürgerinitiativen – nicht etwa gegen, sondern für die neuen Nachbarn. Die Bundesliga nähte Sticker auf ihre Trikots mit dem Slogan, dass Flüchtlinge willkommen seien, und die populärsten Schauspieler und Sänger wetterten gegen jeden Deutschen, der sich nicht solidarisch gab.
Ja, es gab auch Hass gegen die Fremden, es gab Anschläge, aber diesmal standen den Bedrohten sofort die Politiker zur Seite und besuchten ihre Heime. Selbst die Bundeskanzlerin, die so nüchterne deutsche Bundeskanzlerin, die wenige Wochen zuvor noch hilflos auf ein heulendes Mädchen aus Palästina reagiert hatte, verblüffte durch einen Gefühlsausbruch, als sie das Recht auf politisches Asyl verteidigte. Überhaupt, die Regierung: War das noch dieselbe, die ein paar Monate zuvor am lautesten das Programm "Mare Nostrum" kritisiert hatte, mit dem Italien Bootsflüchtlinge vorm Ertrinken rettete? Und dann der Staat, der deutsche Staat: Innerhalb weniger Wochen Hunderttausende neue Flüchtlinge zu versorgen, das sprengte jeden vorgesehenen Rahmen und gelang doch erstaunlich gut. Allenfalls leise wurde über die Turnhallen gemurrt, die den Schulen nicht mehr zur Verfügung standen, nur verstohlen wurden die Kosten veranschlagt, die womöglich neue Schulden erforderlich machen würden. Und was, wenn nächstes Jahr erneut eine Million Flüchtlinge kämen und übernächstes noch mehr? Es war ein seltsam weich gewordenes Deutschland, das ich verließ, auch das Graue, sonst so Starre, Abweisende wie mit Puderzucker bedeckt. Gerade als ich es verließ, musste ich daran denken, wie leicht sich Puderzucker auch wegblasen ließe.
Von der Veranda meines Hotels blicke ich auf die türkische Küste, die ein paar Kilometer entfernt auf der anderen Seite des Mittelmeers liegt. Es ist halb neun Uhr morgens, und jetzt, da ich diesen Satz schreibe, kommen unten auf der Gasse die ersten Flüchtlinge um die Ecke, dem Augenschein und den Gesprächsfetzen nach sämtlich Afghanen, alles Männer, deren Schlauchboot offenbar ohne größere Schwierigkeiten auf Lesbos gelandet ist. Sie wirken weder durchnässt noch durchgefroren wie viele andere Flüchtlinge, die aus Furcht vor der Polizei an Felsen oder steil abfallendem Gebüsch anlegen oder deren Boot heillos überfüllt ist. Da der gefährlichste Teil ihrer langen Reise überstanden ist, sind sie fröhlich, geradezu aufgekratzt, plaudern und scherzen, sehen aus wie eine Gruppe junger Ausflügler. Allerdings wissen sie nicht, dass sie die 55 Kilometer zum Hafen von Mytilini laufen müssen, in der noch immer grellen Sonne und den kühl gewordenen Nächten, ohne Essen, ohne Schlafsack, ohne warme Kleidung. Die Vereinten Nationen haben zu wenig Busse gechartert, um die Flüchtlinge zu fahren.
Während ich das schreibe, läuft schon die nächste Gruppe am Hotel vorbei, wieder Afghanen, nur dass diesmal eine junge, unverschleierte Frau in Jeans unter ihnen ist, ganz sicher eine Städterin. Das ist ungewöhnlich. Fast alle Afghanen, die mir auf meiner Reise auf dem Flüchtlingstreck von Budapest über den Balkan bis nach Lesbos entgegengekommen sind, stammen aus ländlichen Gebieten, sprechen keine andere Sprache als Dari und sind erkennbar nicht die Facharbeiter und Ingenieure, auf die Deutschlands Wirtschaft hofft.
"Warum kommt ihr denn alle?", fragte ich, als ich gestern wenigstens die Alten, Frauen und Kinder im kleinen Jeep mitnahm, jedes Mal neun, zehn Menschen aufs Dichteste gedrängt. "Was glaubt ihr denn, was ihr in Deutschland findet?"
"Arbeit", antworteten sie, "Schule, ein bisschen Sicherheit: Es gibt keine Zukunft in Afghanistan."
"Und warum alle jetzt?", fragte ich weiter. "Zukunft gab es für Afghanistan letztes Jahr doch ebenso wenig."
"Im Fernsehen hieß es, dass Deutschland Flüchtlinge aufnimmt", erklärten sie ein ums andere Mal, warum sie sich Anfang September auf den Weg gemacht hatten. Die meisten verkauften ihren Besitz und schlugen sich über Iran und zu Fuß über die Berge bis in die Türkei durch, ohne sich eine Herberge oder warmes Essen zu leisten, heuerten in Izmir einen Schlepper an, der ihnen oft mehr als die vereinbarten 1400 Euro abnahm, stellten auf dem Boot oft fest, dass sie viel zu viele waren, sodass sie ihr Gepäck ins Meer warfen, und fragten sich, auf Lesbos angekommen, wie sie mit leeren Händen und häufig ohne Geld bloß weiter nach Deutschland kommen. Scheiße, dachte ich, so war das mit der Willkommenskultur nicht gemeint.
65 Euro benötigten sie für die Fähre nach Piräus, sagte ich ihnen, 40 Euro für den Bus an die mazedonische Grenze, der Zug durch Mazedonien sei kostenlos, 35 Euro für den Bus durch Serbien, dann wieder kostenlos mit Zügen und Bussen über Kroatien, Ungarn, Österreich nach Deutschland. Nachts würden sie hoffentlich zurechtkommen, an den Grenzen hätten Hilfsorganisationen Zelte aufgebaut, in denen allerdings nicht immer alle Platz fänden; immerhin sei ab Mazedonien auch für ein bisschen Essen und Windeln gesorgt. Und ja, die Grenzen seien gerade offen, niemand wisse, wie lange.
Als ich in Budapest eintraf, der Hauptstadt des europäischen Staates, der für seine Fremdenfeindlichkeit bekannt ist, wunderte ich mich, außer den üblichen Städtetouristen überhaupt keine Fremden zu sehen. Auch als ich aus dem Zentrum herausfuhr, blieben die Gesichter in den U-Bahnen weiß und war keine andere Sprache zu hören als Ungarisch. Nicht einmal im Johannes-Paul-II.-Park, wo im August jene Tausende festsaßen, die mit ihrer Flucht über die Autobahn Richtung Deutschland den Impuls der Bundeskanzlerin auslösten, die Grenze zu öffnen, war kein einziger Flüchtling zu sehen.
Ich war mit Júlia, Eva und Stefan verabredet, die mit vielen anderen Helfern die Flüchtlinge im Park versorgt hatten. Noch im Juli hätten sie nicht geahnt, dass sie einmal Aktivisten würden, führten ein gewöhnliches Leben als Übersetzerin, als Psychologin und als Finanzberater, waren nicht einmal sonderlich politisiert. Aber dann waren sie Anfang August mit dem Elend vor der eigenen Haustür konfrontiert, sprachen mit den Flüchtlingen, die keine Schmarotzer oder Terroristen waren, wie es das Staatsfernsehen weismachen wollte, sondern Menschen wie sie selbst, sogar Übersetzerinnen, Psychologinnen und Finanzberater unter ihnen. Sieht man von den sehr sporadischen Lieferungen des Roten Kreuzes und anderer Organisationen ab, beruhte die Versorgung von Tausenden Flüchtlingen über mehrere Wochen allein auf der Arbeit und den Spenden Budapester Bürger.
Der Staat machte die Helfer auch noch verächtlich, behauptete, sie würden von George Soros bezahlt, und bediente so das alte antisemitische Ressentiment, während er gleichzeitig Stimmung gegen Muslime machte. An den Straßen waren Plakatwände der Regierung zu sehen, auf denen eine hübsche Ungarin verkündet, dass sie etwas gegen Illegale habe – nachdem die Regierung alle Flüchtlinge, die nicht legal einreisen, zu Kriminellen erklärt hatte. Andere Plakate erklärten den Fremden, dass sie die ungarische Kultur respektieren müssten oder in Ungarn Ungarisch gesprochen wird – erklärten es den Fremden aber auf Ungarisch, sodass wohl kaum sie gemeint waren, sondern die eigenen Wähler.
Die Helfer schweißte die Propaganda nur mehr zusammen, sodass sie sich auch jetzt, da es überhaupt keine Flüchtlinge mehr in Budapest gab, noch trafen. Statt des ungarischen Fernsehens schaue sie nun CNN und al-Dschasira, sagte Eva, die Psychologin, eine blonde Vierzigerin im eleganten roten Kleid. Was immer sie getan habe, hätten ihr die Flüchtlinge mit ihrer Dankbarkeit zurückgegeben und durch die Einsichten in fremde Welten. Sie sei inzwischen eine richtige Nahostexpertin, sagte Eva und lachte. Sie wisse, dass sie in Ungarn einer Minderheit angehöre; zumal auf dem Land dächte kaum jemand wie sie. Schließlich habe die Regierung die Flüchtlinge auch deshalb unversorgt in den Parks und Bahnhöfen gelassen, damit sie verwahrlosten, ja, damit sie stänken und die Leute Angst vor ihnen hätten, vor allem nachts vor den jungen Männern. Selbst ihr eigener 16-jähriger Sohn murrte, als sie eine syrische Familie bei sich aufnahm, die drei Tage lang zu Fuß gelaufen war, und sah nach, ob sie nichts geklaut hätten.
Der Schriftsteller György Dragomán, der mit Anfang vierzig zu den renommiertesten des Landes gehört, setzte sich zu uns ins Café. Ja, sagte er, er lebe ebenfalls in einer Blase. Die Umfragen behaupteten, 70 Prozent der Ungarn unterstützten Orbáns Flüchtlingspolitik, allein, er kenne von den 70 Prozent niemanden. Alle seine Bekannten und die Schriftsteller verachteten diese Regierung. Es sei nicht gut, immer nur Gleichgesinnte zu treffen, aber die ungarische Gesellschaft sei nun einmal total gespalten. Nicht einmal auf öffentlichen Podien treffe man sich, um sich wenigstens noch zu streiten. Worüber auch? Das Gerede vom christlichen Abendland sei doch eine Farce, bis vor Kurzem habe die Regierung mit dem Christentum überhaupt nichts zu schaffen gehabt, sich auf pagane Traditionen eines Groß-Ungarns bezogen und die Öffnung nach Osten propagiert, um die Beziehung zur EU zu lockern. Nun seien Viktor Orbán plötzlich Frauenrechte wichtig, dabei habe er selbst keine Ministerin in seiner Regierung. Die Flüchtlingskrise nutze er, um die Furcht vor dem Fremden in ganz Europa zu propagieren und so seine Vorstellung von homogenen Kulturen durchzusetzen. Letztlich sei die Frage: Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht? Vordergründig gehe es in Ungarn um Muslime, tatsächlich jedoch um jede Form von Abweichung, um Fremdheit überhaupt, Homosexualität, Juden, Roma, kritische Medien, Opposition.
Ob er schon darüber nachgedacht habe, anderswo politisches Asyl zu beantragen, fragte ich scherzhaft. "Wenn sie anfangen, meine Bücher zu zensieren, werde ich Ungarn verlassen", antwortete György Dragomán.
Schon kommt die nächste Gruppe, die dritte innerhalb einer halben Stunde, wieder 40, 50 Flüchtlinge, diesmal ganze Familien unter ihnen, Babys sogar. Manche tragen über den Schultern die gold-silbernen Isolierdecken, die im Wind knistern, sind also wohl durchnässt, durchgefroren gewesen und wurden von den freiwilligen Helfern versorgt, die, verteilt auf die Nordküste von Lesbos, auf die Schlauchboote warten. Es ist ein seltsamer, manchmal fast makabrer Anblick, wenn die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft ungefragt geherzt werden von langhaarigen Männern oder knapp bekleideten Frauen, die signalgelbe Westen tragen und welcome, welcome schreien. Wenn ich ein Afghane wäre, würde ich vielleicht lieber umkehren wollen.
Ach, das ist ungerecht. Bei vollständiger Teilnahmslosigkeit des griechischen Staates – hat Griechenland nicht eigentlich eine linke Regierung? – leisten die Helfer Großartiges auf Lesbos, halten warme Kleidung und Decken bereit, verteilen Sandwiches und Wasser. Ärzte, die ihren Urlaub abgebrochen haben, betreuen die Versehrten und beruhigen die Traumatisierten. Es ist auch rührend zu beobachten, wie sich unter den Helfern die Kulturen mischen, selbst israelische und islamische NGO-Leute sitzen abends in der Taverne beisammen. Und doch legen einzelne Aktivisten eine Selbstgerechtigkeit an den Tag, einen Paternalismus gegenüber den Flüchtlingen und eine aggressive Besserwisserei, dass man sich manchmal den guten alten Samariterbund herbeiwünschte oder die Heilsarmee. Wie gut es tut, gut zu sein, auch das lässt sich beobachten an der Nordküste von Lesbos. Die Frage aber kommt den Tätowierten und Leichtbekleideten nicht in den Sinn, ob ihr Freiheitsbegriff ein anderer sein könnte als jener der Afghanen und Syrer, die sie, gleich welchen Geschlechts, welcome, welcome an die Brust drücken.
Gut, andererseits ist der Kulturschock, den viele Flüchtlinge bei ihrer Landung erleben, vielleicht eine gute Vorbereitung für den manchmal auch sehr kurios freien Westen. Und die Berichterstatter, erst recht die Fotografen, die an der Nordküste auf die Flüchtlinge warten, sind auch nicht durchweg das Feingefühl in Person. Manche rennen mit ihren Kameras ins Wasser, um zuerst bei den Booten zu sein, und schreien die Helfer an, damit sie gefälligst aus dem Bild gehen. Nicht selten kommt es zu Rangeleien, und einmal habe ich eine Prügelei zwischen Helfern und Fotografen erlebt. Ich selbst wurde von einem Kamerateam zur Schnecke gemacht, weil ich drei Minuten lang die Piste versperrte, als ich anhielt, um durchnässte Frauen und Kinder in den Jeep steigen zu lassen.
Weil Ungarn die Grenze zu Serbien für Flüchtlinge abgesperrt hatte, fuhren wir von Budapest nach Šid an der serbischen Grenze zu Kroatien. Gerade als wir an dem kleinen Übergang eintrafen, hatte Kroatien Flüchtlinge, die tagelang auf einem Friedhof zwischen beiden Grenzposten festsaßen, doch noch passieren lassen. Zwischen den Grabsteinen sahen wir ihre Hinterlassenschaften, gewöhnliche Campingzelte, Windeln, Wasserflaschen, christliche Missionsbroschüren in mehreren Sprachen, geöffnete Essensdosen, Decken. Einige Kilometer weiter begann das europäische Grenzregime: Die Flüchtlinge wurden in Gefängniswagen eingesammelt und zu einem Camp beim kroatischen Ort Opatovac gefahren. Sie wirkten nicht verärgert, als sie endlich aussteigen durften, schienen eher erleichtert zu sein, dass es überhaupt weiterging. Auch während sie anstanden, stundenlang, um sich registrieren zu lassen, beschwerten sie sich nicht: kein lautes Wort, hin und wieder sogar ein Lächeln.
Zufällig interviewte ich den kroatischen Innenminister Ranko Ostojić, der in Trekkinghose aus dem Dienstwagen gestiegen war, als wollte er ebenfalls nach Deutschland marschieren; drei, vier kroatische Journalisten waren von dem Besuch informiert worden, aber leider nicht die Weltpresse, sodass ich ungefragt zum Minister geführt wurde. Der Minister versicherte, dass Kroatien die Flüchtlinge anständig behandele, gern könne ich mir von allen Abläufen selbst ein Urteil bilden, Feldbetten gebe es, ausreichend Nahrung, Ärzte und sogar Duschen. Besonders stolz war er, dass kein Flüchtling länger als 24 Stunden in Kroatien bleibt.
Wenn die Kapazitäten es erlauben, werden die Flüchtlinge sofort nach der Registrierung zum nächstgelegenen Bahnhof gebracht, von wo aus sie in Sonderzügen nach Ungarn fahren. Nach Ungarn? Ja, nach Ungarn, das ist auch wieder so eine Seltsamkeit in diesen europäischen Zeiten: Ungarn brüstet sich, die Grenze nach Serbien mit Zäunen und Stacheldraht gegen den Ansturm der Flüchtlinge zu verteidigen, und lässt dieselben Flüchtlinge stillschweigend über Kroatien einreisen, sofern sie nur in kostenlosen Bussen direkt weiter nach Österreich fahren. Natürlich führt das Europa als eine Solidargemeinschaft ad absurdum; wer über andere Länder klagt, die sich die Flüchtlinge mittels weit geöffneter Ausgänge vom Hals schaffen, sollte allerdings daran erinnert werden, dass Deutschland selbst sich gegen eine gerechte Verteilung sperrte, solange Griechen oder Italiener die Hauptlast trugen. Die Flüchtlingskrise hat nicht erst begonnen, als Deutschland sie bemerkte.
Was passieren würde, wenn die Deutschen ihre Grenzen schlössen, fragte ich den kroatischen Innenminister. "Das geht nicht", antwortete der Minister. "Wie, das geht nicht?"
"Menschen, die so verzweifelt sind, können Sie nicht aufhalten. Wenn sie an der einen Stelle nicht durchkommen, suchen sie sich eine andere. Und wenn Sie Mauern errichten, bleiben sie vor den Mauern sitzen, bis wir den Anblick nicht mehr aushalten. Letztlich ist die einzige Möglichkeit, Flüchtlinge aufzuhalten, auf sie zu schießen. Niemand will das."
Natürlich fordert es Deutschland, innerhalb eines Jahres mehr als eine Million Flüchtlinge aufzunehmen, überfordert es Deutschland an vielen Stellen auch. In den wohlhabenden Vierteln und Kommunen mag die Hilfe leichter fallen, aber wo man jetzt schon unter Arbeitslosigkeit und sozialen Konflikten ächzt, darf man ruhig auch stöhnen, wenn noch mehr Mittellose zu versorgen, noch mehr Fremde zu integrieren sind. Aber was würde geschehen, wenn man sich zu Härte und Abschottung entschlösse? Das eigene Herz würde verhärten und die Offenheit verkümmern, die Europa als Projekt und Folge der Aufklärung ausmacht. Man würde nicht mehr nur vor den Grenzen Europas, sondern unmittelbar an den Grenzen Deutschlands ein gewaltiges Elend sehen, ohne die Hand auszustrecken. Dafür aber muss man den Fremden dämonisieren, muss ihm sein Schicksal selbst zuschreiben – seiner Kultur, Rasse oder Religion –, ihn in Büchern, Medien und schließlich sogar auf Plakatwänden herabsetzen, immer nur das Schlechte an ihm hervorheben und ihn so zum Barbaren machen, um dessen Leid nicht an sich heranzulassen. Wollen wir Europa, oder wollen wir es nicht?
Es ist kein Zufall, dass es das Bild eines ertrunkenen Kindes war, das eine Welle der Solidarität auslöste. Kinder entziehen sich den Mechanismen öffentlicher Verachtung, weil sie für ihr Schicksal nicht selbst verantwortlich gemacht werden können. Man muss sein Herz gewaltig zugeschnürt haben, um sich eines Kindes nicht zu erbarmen. Es geht, aber es geht nicht, ohne die eigene Persönlichkeit zu verstümmeln. Jeder konnte beobachten, wie unwohl sich die Bundeskanzlerin fühlte – sichtbar körperlich unwohl: Man erinnere nur die ungelenke Geste des Streichelns –, als sie dem weinenden palästinensischen Mädchen keine andere als die korrekte Antwort gab. So viel besser tut es, gut zu sein, nicht nur den Tätowierten und Leichtbekleideten, auch mir, wenn ich Bericht erstatte: auch das eine Erleichterung, wenn ich weiter mein Wohlstandsleben führe.
Bei Opatovac wurden die Flüchtlinge erst aus den Gefängniswagen gelassen, als die Schlange vor der Registrierungsstelle wieder etwas kürzer geworden war. Oft warteten sie eine halbe oder eine ganze Stunde hinter Gittern und hatten es doch besser, als wenn sie in der kühlen Abendluft auf freiem Feld stehen müssten. Nur den Kindern fiel das Warten auf engstem Raum schwer. Der Polizist, der für die Gefängniswagen zugeteilt war, ein gescheitelter Kroate von schätzungsweise 50 Jahren, öffnete stumm die Türen, reichte den Alten zwar die Hand oder hob die Kinder aus dem Wagen, lächelte jedoch nie. Nur einmal strich ein syrisches Mädchen von vielleicht fünf Jahren mit schwarzen, schulterlangen Haaren und hellem, freundlichem Blick, während es aus dem Wagen gehoben wurde, dem Polizisten so zärtlich über die blaue Uniform, mit der flachen Hand von der Schulter bis fast hinunter zum Bauch, als wäre er eine Kostbarkeit, dass dem Polizisten die Tränen kamen.
Das Ganze dauerte nicht einmal eine, allenfalls zwei Sekunden, doch stand ich nur einen Meter entfernt und sah es genau, sah die Geste des Mädchens, die für mich genauso überraschend war, und auch die Feuchtigkeit in den Augen des Polizisten. Einen Moment länger als üblich hielt er das Mädchen im Arm. Dann setzte er es ab, das Mädchen hüpfte der Mutter nach, um sich in die Schlange einzureihen. Während er sich die Träne aus dem Auge wischte, bemerkte der Polizist, dass ich die Szene beobachtet hatte; sofort schaute er weg, als hätte ich ihn bei einer Ungehörigkeit erwischt.
An gewöhnlichen Tagen sind es bis zu 3000 oder sogar 4000 Flüchtlinge, die an der Nordküste anlegen, meist innerhalb weniger Stunden bis zu hundert Schlauchboote auf einem Küstenabschnitt von wenigen Kilometern. An manchen Stellen ist kein einziger Kiesel zu sehen, weil der Strand vollständig von Schwimmwesten, Schwimmreifen und den Überbleibseln der Schlauchboote bedeckt ist. Blickt man von einer Anhöhe, leuchtet Lesbos kilometerlang rot und orange auf. Anders ist es mit den Booten. Wo immer sie anlegen, fährt bald ein Pick-up vor, um den Motor und die Kunststoffböden aufzuladen. Zurück bleibt lediglich der schwarze, meist zerfetzte Schlauch des Bootes. Die Flüchtlinge, die sich zum Aufbruch versammeln, nimmt der Pick-up nicht mit. Das wirkt oft ebenso erbarmungslos wie der Ehrgeiz von uns Berichterstattern, das beste Bild zu bekommen, und wird doch von Tag zu Tag verständlicher, wenn man auf der Insel selbst versucht, seiner Arbeit nachzukommen. Die Einheimischen sind schließlich nicht auf begrenztem Einsatz hier, sondern dauerhaft: Das stumpft ab. Ich kann auch nicht den ganzen Tag Flüchtlinge hin und her fahren oder für sie dolmetschen, wenn ich noch zum Schreiben kommen soll, und fahre inzwischen oft achtlos an ihnen vorbei.
Jetzt gerade laufen Syrer oder Iraker an der Veranda vorbei, viele junge Leute, Männer und durchweg unverschleierte Frauen, die äußerlich nicht von den Helfern zu unterscheiden wären, wenn sie sich eine signalgelbe Weste überzögen. Die Frisuren, Markenjeans und Markenturnschuhe, die Sonnenbrillen und Ohrstöpsel zum Musikhören weisen sie als Angehörige der globalen Mittelschicht aus; selbst die Rucksäcke sind die gleichen, mit denen man im Westen zum Trekken geht. Sie gehören nicht zu den Habenichtsen, die die Mehrheit der Flüchtlinge bilden, werden sich in Mytilini wahrscheinlich ein Hostel leisten, statt am Hafen zu übernachten, und kommen in Europa schneller durch, schon weil sie Englisch sprechen und Smartphones besitzen. Und doch hätten auch sie eine Geschichte zu erzählen, die an Dramatik, an Not, an Gewalt kein westeuropäisches Leben mehr bereithält, Fassbomben, die auf ihre Städte niedergingen, Extremisten, die den Nachbarn köpften, weil er keinen Bart trug, Folter wegen eines kritischen Theaterstücks. Es herrscht Krieg vor den südlichen und östlichen Grenzen unseres Wohlstandsgettos, und jeder einzelne Flüchtling ist dessen Bote: Sie sind der Einbruch der Wirklichkeit in unser Bewusstsein.
Sofern sie den Marsch zum Hafen unbeschadet überstehen, werden sie in fünf, sechs Tagen an einem deutschen Bahnhof aussteigen. Sie ahnen selbst nicht, wie zügig es ab Piräus geht, fahren mit Bussen direkt an die mazedonische Grenze, marschieren zwei, drei Kilometer durchs Niemandsland, werden registriert, steigen in Züge, die direkt an die serbische Grenze fahren, marschieren wieder durchs Niemandsland und steigen nach der Registrierung in Busse. Das Gleiche an der kroatischen, der ungarischen, der österreichischen Grenze, nur dass sie von dort nicht mehr über die Grenzen laufen müssen, sondern gefahren werden, alles zusammen eine Autobahn nach Deutschland, die das europäische Grenzregime den Flüchtlingen gebaut hat. Und wirklich, nach Deutschland wollten alle, mit denen ich sprach, einige von ihnen auch weiter nach Skandinavien oder in andere Länder, in denen sie Familie haben. Die einzelnen Haltepunkte sind für die Flüchtlinge kaum voneinander zu unterscheiden: Die Uniformen und Sprachen der Beamten wechseln, aber die Feldlager und Campingzelte bleiben sich gleich, die blauen Regencapes, die die Vereinten Nationen verteilen, die freiwilligen Helfer in ihren signalgelben Westen, die Ärzte ohne Grenzen und die christlichen Missionare.
An allen Grenzübergängen hat sich auch eine kleine multikulturelle Wirtschaft herausgebildet, plötzlich wird im hintersten serbischen Dorf afghanischer Pilaw angeboten, im mazedonischen Café Tee getrunken oder der Preis für einen Haarschnitt oder eine Herberge auf Arabisch annonciert. Taxifahrer ziehen ihre Preise kräftig an, und wenn die Busfahrt durch Serbien offiziell 30 Euro kostet, verlangt der Fahrer beim Einsteigen 5 Euro mehr. Das ist nichts gegen den Wucher, den die Schlepper betreiben: Deutlich mehr als 50 000 Euro nehmen sie für jedes Schlauchboot ein, das vielleicht 2000 oder 3000 Euro gekostet hat, und oft genug betrügen sie die Flüchtlinge, verkaufen mehr Plätze, als es gibt. Dass das gesamte europäische Asylsystem ein Wahnsinn ist, bestreitet kein Offizieller, den ich getroffen habe, nur muss man sich auch klarmachen, was der Grund für diesen Wahnsinn ist: Um in Europa Asyl zu beantragen, müssen die Flüchtlinge illegal einreisen.
Solange es weder eine geregelte Einwanderung noch sichere Fluchtwege gibt, werden sich Flüchtlinge und Einwanderer in Schlauchboote setzen; und wenn Europa sie wie früher mit Militärschiffen aufzuhalten versucht, werden die Boote wieder die längeren, noch gefährlicheren Routen nehmen, mehrere Hundert Kilometer quer durchs Mittelmeer oder über den Atlantik auf die Kanarischen Inseln. Dann werden uns alsbald wieder die Nachrichten von den Ertrunkenen aufschrecken, mal 200, mal 600, jedes Jahr mehrere Tausend Tote an unseren Grenzen, Kinder natürlich dabei, deren Bilder wir aushalten müssen. Diese Wirklichkeit kriegen wir nicht mehr aus unserem Bewusstsein heraus. Die Deutschen sollten froh sein über eine Bundeskanzlerin, die sich noch rühren lässt. Wenn spätere Zeiten etwas an ihr rühmen werden, dann ihren Impuls zu helfen, als die Not überhandnahm.
Was wäre geschehen mit den Tausenden Verzweifelten auf der ungarischen Autobahn? Wo hätten sie geschlafen, wer hätte sie versorgt, mit welchen Gewaltmitteln hätte man sie an der Grenze aufgehalten – wenn die Bundeskanzlerin die Grenzen nicht für sie geöffnet hätte? Wo immer Politiker Größe bewiesen, mussten sie sich der Einwände ihrer Umgebung erwehren und sank ihre Popularität. Statt ausgerechnet jetzt an Angela Merkel herumzumäkeln, sollten wir für Europa eintreten, das diese Krise nur solidarisch bewältigen kann. Nur ein starkes, einiges und freiheitliches Europa könnte die Welt befrieden helfen, aus der so viele Menschen zu uns fliehen.
Genau gegenüber der Nordküste von Lesbos, in der Türkei, liegt das antike Assos, das heute ein malerisches Fischerdorf mit hübschen Hotels und Restaurants ist. In dem kaum besiedelten Küstenstreifen um Assos herum stiegen fast alle Flüchtlinge, die an meiner Veranda vorbeiliefen, ins Schlauchboot. Ein paar Hundert Meter hinter dem Amphitheater sitzt ein junger Mann am Straßenrand, der sich als syrischer Kurde entpuppt. Er heißt Mohammed.
"Das Boot war so voll", sagt er in gutem Englisch, "da habe ich Panik bekommen und bin in der letzten Sekunde zurückgeschreckt."
Zum Glück sind die 1400 Euro nicht verloren; die Flüchtlinge deponieren das Geld gewöhnlich bei einer Agentur und teilen dem Schmuggler den Code für die Freigabe erst mit, wenn sie übergesetzt haben. Mohammed studierte Betriebswirtschaft in Hasaka, bis die Stadt vom IS erobert wurde. Er selbst sah am 20. März aus nächster Nähe eine Autobombe explodieren, die 60 Menschen in den Tod riss, sah die Körperteile herumfliegen, hörte die Schreie so laut wie bei einer Geburt und roch das verbrannte Fleisch, träumt immer noch davon. Schon vor sechs Monaten hatte er einen Antrag gestellt, in Deutschland zu studieren, seine Noten seien mit die besten im Jahrgang gewesen. Weil er keine Antwort erhielt, brach er vor einer Woche auf, mit dem Flugzeug nach Beirut, von dort weiter nach Istanbul, mit dem Bus nach Izmir, wo er einen Schmuggler fand.
"Niemand will Frieden für Syrien", sagt Mohammed. "Der IS wird bleiben, Assad wird bleiben, niemand in der Welt lehnt sich dagegen auf."
Gestern Abend um elf wurde er im Auto zu einem Waldstück nahe Assos gefahren, wo schon andere Syrer versammelt waren. Vor Aufregung und Kälte schlief kaum jemand; alle saßen angelehnt an Bäume, ohne etwas zu sagen. Vom Morgengrauen an beobachteten sie die Schiffe der türkischen Küstenwache und erschraken, weil viele Boote abgefangen wurden – mindestens jedes zweite, erinnert sich Mohammed. Als sie endlich eine Lücke ausmachten, ging es rasend schnell. Alle sprangen aufs Boot, und er stand ebenfalls schon im Wasser, da spielten ihm die Nerven einen Streich.
"Ist nicht so schlimm", sagt Mohammed, "ich werd's wieder versuchen."
Ein paar Monate wird er schwarz in einer Textilfabrik arbeiten, um die 800 Dollar zu verdienen, die er für den Platz auf einem besseren Boot zusätzlich benötigt, einem Holzkahn. Seine Freunde aus Izmir sind schon unterwegs, um ihn aus Assos abzuholen.
"Nicht so schlimm", versichert Mohammed noch einmal und zeigt auf einen Feldweg, der in den Wald hineinführt. "Geht dort entlang, wenn ihr die treffen wollt, denen's wirklich schlimm geht. Aber passt auf die Schmuggler auf."
Wo der Feldweg auf die Straße trifft, sitzen drei der Männer auf einem Felsen, die Mohammed gemeint haben muss. Anfang, Mitte zwanzig sind sie und keine Dörfler wie die meisten, sie träumten in Kabul oder in Kunduz vom freien Westen. Vier Monate lang haben sie in Istanbul auf dem Bau gearbeitet, 12, 16 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, um das Geld für den Schlepper zu verdienen, fuhren nach Izmir und kauften die Bootsfahrt. Vorgestern wurden sie endlich in den Wald bei Assos gebracht, aber da war überhaupt kein Boot für sie, dafür Türken, die sie mit vorgehaltener Pistole zwangen, den Code zu verraten.
"Das heißt, das Geld ...?"
"... futsch."
Seit gestern haben sie nichts gegessen, haben elenden Durst und wissen nun buchstäblich weder vor noch zurück. Irgendwie müssen sie es nach Istanbul oder in eine andere Großstadt schaffen, irgendwie eine Arbeit finden, aber wie soll das für einen Afghanen gehen, ohne eine Lira in der Tasche zu haben, ohne Gepäck, ohne warme Kleidung? Wenn wenigstens die Polizei sie aufgriffe.
"Es war ein Fehler, Afghanistan zu verlassen", sagt einer der Männer, "dort hatten wir zwar Krieg, aber wenigstens ein Dach über dem Kopf: Wir hätten das nicht tun sollen."
"Ja, wir hatten völlig falsche Vorstellungen", gibt ihm der andere recht.
Mit dem Geld, wenn sie es denn verdienen, wollen sie kein weiteres Boot bezahlen, sondern nach Afghanistan zurückkehren oder es in Iran versuchen, wo man wenigstens ihre Sprache spricht.
"Aber in Iran verachten sie uns doch auch", wendet der dritte Afghane ein.
Ich frage, wohin der Feldweg führt.
"Dort triffst du die, die seit fünf Tagen nichts gegessen haben."
Wir gehen den Feldweg entlang und treffen fünf Afghanen, die sagen, dass sie nichts sagen dürfen, und doch so viel verraten, dass auch ihr Boot nicht gekommen ist. Den Code mussten auch sie preisgeben. Als ich weiterfrage, rennen sie fort. Dann fährt ein alter, weißer Kombi an uns vorbei, aus dem drei Männer uns überrascht anschauen. Immerhin drohen sie uns nicht. Da die Piste befahrbar zu sein scheint, gehen wir zurück und holen unser Auto. Auf der Fahrt kommt uns der weiße Kombi wieder entgegen. Ein paar Minuten später ist die Piste von einem anderen Auto versperrt, dessen Fahrer mit weit geöffnetem Mund schläft. Wir steigen aus und stehen direkt oberhalb des Waldstücks, das inmitten der paradiesischen Natur ein Bild wie eine Höllenlandschaft abgibt: müllübersät, mit Dutzenden, Hunderten Menschen, die unter den Bäumen liegen oder sich von hier nach da schleppen. Auf dem Meer sehen wir, wie alle paar Minuten die Boote vom Waldstück ablegen, obwohl die Militärschiffe vor der Küste kreuzen. Vielleicht ist es Torschlusspanik oder der Versuch, die Küstenwache durch eine rasche Folge von Booten zu überfordern. Ein Boot wird von vier Kriegsschiffen eingekreist, die übrigen scheinen durchzukommen.
In einem Gebüsch entdecken wir die fünf Afghanen wieder, die vor einer Stunde vor uns weggerannt sind. Sie haben drei Wasserflaschen, die fast schon leer getrunken sind, und auf dem Boden liegen zwei geöffnete Dosen mit weißen Bohnen in Tomatensoße. Offenbar haben die Leute im weißen Kombi ihnen etwas Proviant gebracht, die erste Mahlzeit seit Tagen. Die Frage, wer die Männer im Kombi waren, beantworten sie nicht. Sie wollen rasch wieder verschwinden, einen steilen Weg hinabgehen, der in das Waldstück zu führen scheint. Nein, wir sollten nicht mitkommen, die Aufpasser hätten Messer und Pistolen. Einer der Afghanen will noch rasch einen Schluck trinken und macht dann, sicher unbewusst, aus einem immer noch nicht verkümmerten Instinkt, eine Geste, die mindestens so wahnsinnig ist wie das europäische Grenzregime: Er, der mit dem bisschen Wasser wer weiß wie viele Tage auskommen muss, bietet zuerst mir die Flasche an. ■
Von Navid Kermani

DER SPIEGEL 42/2015
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