10.10.2015

HomestoryKrabbelgruppe

Wie meine Frau und ich eine neue Plage nach Berlin einschleppten
Ich habe meine Frau in New York kennengelernt und mit ihr meinen Respekt vor Bettwanzen. Wir kannten uns noch nicht lange und saßen in einer Weinbar in Chelsea, da raunte sie mir ein apokalyptisches Szenario zu. Ob ich gelesen hätte, dass Victoria's Secret, die berühmte Unterwäschemarke, eine Filiale hatte schließen müssen, weil sie von Wanzen befallen war? Mehrere Kinos und Hotels seien verseucht, selbst das Waldorf-Astoria, wo Obama immer absteigt, wenn er nach New York kommt. Elisabeth erzählte und hörte gar nicht mehr auf, und ich lernte, dass Bettwanzen die Kakerlaken und Ratten New Yorks auf der Rangliste der Ekeltiere überholt hatten.
Eigentlich habe ich keine Angst vor kleinen Tieren. Spinnen machen mir wenig aus, Ameisen finde ich lustig. Wenn sich eine Mücke im Schlafzimmer befindet, bin ich viel zu faul, sie zu jagen: Lieber lasse ich mich stechen. Meine Frau ist da anders. Sie kann Nächte damit verbringen, einer Stechmücke hinterherzujagen. Sie ist ziemlich gut darin.
Um des lieben Frieden willens passte ich mich an. Als wir zusammenzogen, stellten wir Bettwanzenfallen im Schlafzimmer auf und guckten regelmäßig unter der Matratze nach, ob man schwarze Pünktchen sah, den Kot der Eindringlinge. Wir riefen im Internet die "Bed-Bug-Registry" ab. Das East Village, in dem wir wohnten, war immer rote Zone. Trotzdem entdeckten wir in vier Jahren keine einzige Wanze, kein Pünktchen unterm Bett, nur einmal eine Kakerlake auf der Dachterrasse. Mit der Zeit wurde sogar meine Frau nachlässig.
Im April sind wir nach Berlin gezogen. Die Möbel kamen mit dem Schiff. Die Hälfte des Geschirrs war zerbrochen, aber sonst war alles da. Im Mai waren wir endlich eingerichtet, im Juni spürten wir nachts erstmals Krabbeln auf der Haut. Tage später juckte sie. Wir schoben es auf unsere Einbildung, auf unser New Yorker Trauma, auf allergische Reaktionen, wir wechselten das Waschmittel. Als Elisabeths Schwester bei uns übernachtete und am nächsten Tagen mit riesigen Quaddeln übersät war, wussten wir: Ein Albtraum wird wahr. Wir hatten die neue Pest nach Berlin eingeschleppt.
Bettwanzen tun meistens nichts, sie stechen nur. Wenn Tauben die Ratten der Lüfte sind, dann sind Bettwanzen das Prekariat der Mücken. Von nun an bestimmten sie unsere Tage und Nächte. Tagsüber suchten wir nach weiteren Anzeichen der Plage, nachts träumten wir vom Ende der Menschheit, von Schwärmen kleiner Sauger, die alles vernichteten, was ihnen in den Weg kam. Menschen, Tiere, Gebäude, ganze Städte, ganz Berlin.
Da wir nicht sicher waren, ob es wirklich Wanzen waren, bestellten wir Nelly. Sie ist eine vierjährige Belgische Schäferhündin und kann Bettwanzen riechen. In New York gibt es viele dieser Hunde, in Berlin zwei. Sie gehören Frau Schlamp. Als Frau Schlamp an unserem Küchentisch saß, sagte sie, viele ihrer Einsätze seien Fehlalarme. Es gebe ja noch eine Menge anderes Ungeziefer. Wir zahlten 250 Euro, dann legte Nelly los. Sie sprang eine halbe Stunde lang durch unsere Wohnung, steckte die Schnauze tief in die Sofaritzen und rannte um das Babybett unserer Tochter. Als sie auf der Schlafcouch für Gäste herumtapste, wurde sie plötzlich ruhig und legte sich hin. Frau Schlamp wurde blass und sagte: "Oh, das tut mir leid."
Als Nächstes kam Herr Zompro zu uns, ein promovierter Biologe. Er hat mehrere Terrarien zu Hause und bietet Vorträge an mit dem Titel "Interessante Quälgeister". Als er im fünften Stock angekommen war, drückte er uns schnaufend ein Reagenzglas in die Hand, in dem es krabbelte. "Aus Ihrem Treppenhaus." Der Speckkäfer sei in fast jedem Berliner Altbau zu finden, erfuhren wir. Die meisten Arten seien harmlos.
Der Schädlingsbekämpfer, der Herrn Zompro beauftragt hat, ist eines von 60 Unternehmen in Berlin und hat jeden Tag ein bis zwei Einsätze wegen Bettwanzen. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren rasant angestiegen. Die vielen Touristen sind schuld. Bettwanzen sind, wenn man so will, die blinden Passagiere der Globalisierung. Aber auch die Berliner sind schuld, weil sie so gern gebrauchte Möbel kaufen. Und die Bettwanzen sind schuld, weil sie nicht mehr auf jedes Gift reagieren.
Berlin brauche eine Meldepflicht für Bettwanzen, sagte Herr Zompro humorvoll, am besten auch für anderes Ungeziefer, beispielsweise die Taubenzecken. Nisten sie sich im Dachstuhl ein, können sie sich von dort aus im Extremfall im ganzen Gebäude verbreiten. Herr Zompro leuchtete mit seiner Taschenlampe in alle Ecken und empfahl: "Entwesen." Er sehe zwar keine Spuren, aber der Hund täusche sich selten.
Eine Woche später sah unsere Wohnung aus wie nach einem Rohrbruch. Überall standen Heizgeräte an schweren Kabeln. Drei Tage lang wurden alle Räume auf 60 Grad erhitzt, wir zogen zu Freunden. Wegen unserer Tochter hatten wir uns für die Methode ohne Gift entschieden, die sicherste und die teuerste, die in etwa so viel kostet wie zwei Hin- und Rückflüge nach New York zur Hochsaison. Dafür, versicherte uns Herr Zompro, überlebe keine Wanze, kein Käfer, kein Silberfisch. Wir waren ungezieferfrei.
Neulich waren wir in Nordspanien im Urlaub. Als wir in einem unserer Hotels morgens aufwachten, entdeckten wir Blutflecken auf dem Laken. Im Schlafsack unserer Tochter krabbelte noch eine Bettwanze. Die Frau an der Rezeption blickte entsetzt, als wir ihr davon erzählten.
Nun sieht es bei uns zu Hause aus wie in einer Kleiderkammer für Flüchtlinge. Überall stehen Tüten voller Pullover und Hosen. Wir frieren sie nach und nach ein, das tötet mögliche Eier ab. Den Rest haben wir bei 60 Grad gewaschen und in den Trockner gesteckt. Unsere Koffer haben wir heiß geföhnt. Es lief schnell und unaufgeregt ab. Wir haben Routine. Die Bettwanzen und wir, wir sind ein eingespieltes Team.
Von Martin Knobbe

DER SPIEGEL 42/2015
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