10.10.2015

AfghanistanEin tödlicher Irrtum

Der Luftschlag auf das Krankenhaus in Kunduz zeigt: Amerika führt einen kaum noch beherrschbaren Krieg – und kann sich dabei nicht auf die afghanische Armee verlassen.
Am frühen Morgen des 3. Oktober, kurz bevor um 2.08 Uhr das erste Geschoss das Krankenhaus von Kunduz in eine Feuerhölle verwandeln wird, wälzt sich der Student Wahidullah Adeeb auf Station II in seinem Bett. Der 21-Jährige hat eine frisch operierte Verletzung am Unterschenkel, eine Schrapnellkugel hat ihn getroffen, als er vor den Kämpfen in Kunduz fliehen wollte. Aber an Schlaf ist nicht zu denken. Draußen hämmern die Salven von Maschinengewehren, Mörsergranaten explodieren.
Das Krankenhaus wird von Ärzte ohne Grenzen betrieben, Médecins Sans Frontières, kurz MSF. Es liegt im Zentrum der Stadt, in dieser Nacht wird das Gebiet vorübergehend von den Taliban kontrolliert. Am 28. September haben die Radikalislamisten die Provinzhauptstadt im Norden Afghanistans eingenommen, die bis vor zwei Jahren ein Mittelpunkt des deutschen Bundeswehreinsatzes war. Es ist das erste Mal seit 2001, dass sie eine ganze Stadt erobern; ein Schock für die Regierung in Kabul und eine Blamage für die afghanische Armee, für die Bundeswehr, vor allem für die Amerikaner, die sich verpflichtet haben, die Afghanen weiterhin zu schützen.
Seit Ende September versucht die afghanische Armee, Kunduz zurückzuerobern. Doch das ist nicht einfach, obwohl die Taliban mit ihren rund tausend Kämpfern zahlenmäßig weit unterlegen sind. Nach anfänglichen Erfolgen geraten die Sicherheitskräfte unter Druck, die Taliban können ihre Stellung halten. Sie zwingen Hunderte junge Männer aus den Dörfern, sich ihnen anzuschließen, damit gleichen sie ihre Verluste aus. Sie erobern Checkpoints, verschanzen sich in Wohnhäusern der Innenstadt. Frauen werden vergewaltigt und Dutzende Kritiker, Beamte sowie lokale Mitarbeiter ausländischer Organisationen getötet.
Das also ist die Lage in Kunduz in diesen ersten Oktobertagen: eine Stadt im Bürgerkrieg, unübersichtlich und außer Kontrolle. Die afghanischen Sicherheitskräfte: zum größten Teil geflohen und geschwächt. Die Regierung in Kabul: peinlich berührt angesichts der Niederlage. Was sie alle brauchen: einen schnellen Sieg.
Die Kämpfe sind brutal, beide Seiten feuern aufeinander, ohne Rücksicht auf Zivilisten, und so werden immer mehr Verletzte in das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen gebracht, das beste seiner Art in ganz Nordafghanistan: 92 Betten, Operationssaal, Intensivstation, Traumabehandlung, 22 000 Patienten im vergangenen Jahr. Ein weißer, lang gestreckter Flachbau, umgeben von einer Mauer. Allein seit Beginn der Offensive: 394 Patienten .
Am 3. Oktober sind 80 Ärzte und Pfleger sowie 105 Patienten und deren Angehörige hier, darunter viele Kinder, vielleicht auch Taliban. Denn Ärzte ohne Grenzen behandelt jeden, auch Kämpfer, wenn sie ohne Waffen ins Krankenhaus kommen. Für die Mediziner zählt das Leben, nicht die Überzeugung.
Nach Mitternacht halten sich über Kunduz zwei Flugzeuge bereit, um die Soldaten am Boden zu unterstützen. Sie kommen von der US-Militärbasis in Bagram bei Kabul. Eines der Flugzeuge ist eine AC-130, eine dickbauchige Propellermaschine, die tief fliegt und Ziele präzise treffen kann, weshalb sie oft bei Bodenoperationen als Luftunterstützung eingesetzt wird.
Unten am Boden kommandiert in dieser Nacht General Zmaray Paikan, ein bulliger Mittfünfziger, der die afghanische Public Order Police leitet, die von US-Spezialkräften ausgebildet wurde. Seine Truppe gilt als schlagkräftiger Arm der lokalen Sicherheitskräfte. Nachdem die Taliban Kunduz eingenommen hatten, kam Paikan mit 300 seiner Männer her.
Es sind seine Soldaten, die in dieser Nacht zusammen mit einigen US-Spezialkräften in das Stadtzentrum vordringen, laut Pentagon "bis in die nähere Umgebung" des Krankenhauses. Sichtkontakt zum Gebäude haben sie nicht. Aber sie werden beschossen. Aus dem Krankenhaus? Das ist es, was Paikan glaubt. Oder glauben will.
Nach dem offiziellen Ende der Kampfmission im Dezember 2014 sind die Regeln für Luftschläge verschärft worden. US-Piloten dürfen nur dann feuern, wenn US-Truppen in Lebensgefahr sind oder die Afghanen derart in die Enge getrieben werden, dass eine ganze Einheit bedroht ist. Ziele wie Kliniken, Schulen und Regierungsgebäude stehen zudem auf einer sogenannten No-Strike-Liste. Sie soll fatale Angriffe verhindern. Auch das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen steht auf dieser Liste. Immer wieder hat die Organisation ihre Koordinaten an die Amerikaner übermittelt, zuletzt am 29. September.
Doch nun hören die Menschen im Krankenhaus eine Propellermaschine über ihren Köpfen. Um 2.08 Uhr feuert die AC-130 aus einem 105-Millimeter-Geschütz mehrere Geschosse auf die Klinik ab. Sie schlagen genau im Mittelteil ein, wo sich Intensivstation, Notaufnahme und Physiotherapieräume befinden. Auf Luftaufnahmen wird später ein großes Loch im Dach zu sehen sein.
Der Student Wahidullah Adeeb wird von der Erschütterung aus dem Bett gerissen. Er sieht, wie Patienten vom ausbrechenden Feuer erfasst werden. Wer sich nicht bewegen kann, verbrennt in seinem Bett. Ein Krankenpfleger windet sich unter den Flammen, dann bewegt er sich nicht mehr. Der Strom fällt aus, entsetzliche Schreie hallen durch die dunklen Gänge. Adeeb schafft es, sich in einen Schutzraum im Keller zu retten. "Wir kauerten dort, Ärzte und Verletzte, immer wieder schlugen Bomben ein, wir waren sicher, dass wir sterben würden", erzählt er Tage später im Krankenhaus von Masar-i-Scharif, wohin er evakuiert wurde.
Nach dem ersten Angriff alarmiert MSF die US-Militärführung. Doch nichts geschieht. Immer wieder kehrt die AC-130 zurück und feuert weitere Geschosse ab, jede Viertelstunde, immer auf den Mittelteil der Klinik. Der letzte Angriff ist um 3.15 Uhr. Noch Stunden danach wütet das Feuer. Sechs Patienten verbrennen auf der Intensivstation. Die Ärzte versuchen, ihre Kollegen und andere Verletzte zu retten, die meisten haben Gliedmaßen verloren, sind verbrannt oder erstickt. Sie führen eine Notoperation an einem schwer verletzten Arzt durch, doch er stirbt. Am Ende sind 22 Menschen tot, darunter 12 MSF-Mitarbeiter und 3 Kinder. 37 Helfer und Patienten werden verwundet.
Es ist die größte Katastrophe in der Geschichte von Ärzte ohne Grenzen. Nie zuvor wurden so viele ihrer Mitarbeiter auf einmal getötet und verletzt. Aber es ist nicht nur eine menschliche Tragödie, sondern auch ein politisches Desaster für Barack Obama, der versprochen hatte, Amerikas Einsatz in Afghanistan zu beenden. Doch diskutiert wird nun, ob der Abzug zu früh kam, ob der Präsident seinen Plan beerdigen muss, seine Soldaten bis Ende 2016 auf rund tausend zu reduzieren. Der US-Oberkommandeur für Afghanistan, General John Campbell, macht keinen Hehl daraus, dass er deutlich mehr Soldaten im Land behalten will.
Es ist ja nicht nur Kunduz, in 28 von 34 Provinzen wird seit dem Frühjahr wieder gekämpft. Im Nordosten, entlang der wichtigen Straßenverbindung nach Kabul, attackieren die Taliban nun Provinzzentren. Die afghanische Armee ist überfordert, selbst den ehemaligen deutschen Stützpunkt OP North in Baghlan hätte sie fast verloren. Die Prognose der Bundeswehr klingt düster: Für die kommenden Monate müsse man sich, so ein internes Papier, auf "fortdauernde Kämpfe mit wechselseitigen Gewinnen und Verlusten einrichten".
Die tödliche Nacht von Kunduz macht deutlich, dass Amerika noch immer Krieg am Hindukusch führt. Einen Krieg, den es eigentlich beendet zu haben hoffte – und der sich, das zeigt sich jetzt, nicht einfach so beenden lässt. Und in diesem Krieg reicht es nicht aus, dass die US-Armee die Rolle des Aufpassers spielt, der notfalls ein paar Bomben aus der Luft abwirft. Denn Obama ist verantwortlich für das, was hier geschieht – und wenn seine Flugzeuge eine Klinik treffen, dann leidet Amerikas Image.
Die große Frage nach dieser Nacht lautet vor allem: Kann und darf sich Amerika auf diese afghanische Armee verlassen, die es ausgebildet hat und noch immer berät? Mehrfach hat die US-Luftwaffe bereits zivile Ziele bombardiert, mal eine Hochzeitsgesellschaft, mal eine Stammesversammlung. Doch wie kann es sein, dass ausgerechnet ein Krankenhaus getroffen wird, dessen Lage überall bekannt ist?
Für die Afghanen ist schon jetzt, vor jeder Untersuchung, klar: Die Taliban haben sich auf dem Gelände verschanzt. Die Klinik sei ein "Nest der Taliban" gewesen, sie hätten ihre weiße Flagge auf dem Dach gehisst, behauptet General Paikan. Ein solches Ziel, sagt er, habe man nur aus der Luft bekämpfen können. Deswegen hätten seine Männer bei den US-Beratern um Luftunterstützung gebeten. Den Beleg, dass er dabei richtigliegt, will Paikan am Morgen nach den Angriffen selbst gesehen haben. "Natürlich sind leider auch Patienten und Ärzte ums Leben gekommen", sagt Paikan ohne sichtbare Erschütterung, "doch wir haben unter den Leichen auch Talibankämpfer und ihre Waffen gefunden." Eine Bestätigung gibt es dafür nicht.
Ärzte ohne Grenzen wehrt sich entschieden gegen diese Behauptung. Keiner der befragten Mitarbeiter könne Kämpfe auf dem Gelände der Klinik bezeugen. Man habe zwar in Kontakt mit den Taliban gestanden, habe mit ihnen verhandelt, doch diese hätten die Neutralität der Klinik akzeptiert, sagt Bart Janssens, Projektleiter in Brüssel. Es hätten sich auch keine Bewaffneten auf dem Gelände befunden; die Tore seien nachts verschlossen gewesen.
Womöglich haben die Taliban sich in der Nähe verschanzt, gezielt den Schutz des Krankenhauses gesucht. Aber auch in diesem Fall wäre ein Angriff auf ein Krankenhaus nach den Genfer Konventionen verboten. Ein Zufallstreffer jedenfalls sei ausgeschlossen, sagt ein erfahrener Nato-Mann. Die Geschütze trafen die Klinik zielgenau in der Mitte, und das mehrmals. Womöglich, sagt er, habe die afghanische Armee den Joint Terminal Attack Controller sogar bewusst falsch eingewiesen.
Unter Militärs kursiert auch eine zweite mögliche Version: Die US-Berater der Afghanen könnten die Lage dramatisiert und der AC-130-Besatzung eine "in extremis"-Situation geschildert haben. Meldet ein Team solch eine Notlage, können alle Kontrollen ausgesetzt werden. "Selbst ein Schutzobjekt wie das Krankenhaus verliert dann an Wertigkeit", sagt ein Nato-Offizier. Doch nach internationalem Recht ist ein so großflächiger Angriff auf eine Klinik immer verboten – egal unter welchen Umständen. Das gilt auch für die US-Armee.
Haben die Afghanen den Amerikanern also falsche Koordinaten genannt? Haben die US-Berater vor Ort die Gefahr übertrieben oder die Position der Taliban falsch eingeschätzt? Weil ihnen nicht bewusst war, dass es sich um ein Krankenhaus handelte – oder weil sie die Notlage höher bewerteten als den Schutz von Zivilisten?
Drei Tage vergehen nach dem Angriff, und an jedem dieser drei Tage verkündet das US-Militär unterschiedliche Versionen des Geschehens: Zunächst heißt es, man könne einen Treffer der Klinik nicht bestätigen. Dann: Man habe ein Ziel in der Nähe treffen wollen und die Klinik versehentlich angegriffen. Schließlich: Die Afghanen hätten Luftunterstützung angefordert.
Am Dienstag tritt dann General John Campbell in Washington mit einer vierten Version vor den Streitkräfteausschuss des Senats. Er trägt das silbergraue Haar akkurat gescheitelt, seine Brust ist gepflastert mit Orden, doch er wirkt mitgenommen. Tatsächlich hätten US-Spezialkräfte die Luftunterstützung direkt angefordert, es habe Fehler "in unserer Kommandokette" gegeben, das Krankenhaus sei "fälschlicherweise" getroffen worden. Er sagt zudem einen Satz, der für die Angehörigen der Toten wie Hohn klingen muss: "Keine Armee der Welt hat mehr dafür getan als unsere, um zivile Opfer zu vermeiden."
Im Nato-Hauptquartier in Kabul herrscht nach dem fatalen Fehlschlag Verdruss, auch über den Kommandeur, der schon vor der Untersuchung des Vorfalls die volle Verantwortung übernahm. Wie in den Jahren bis 2014, als es fast jeden Monat Meldungen über Kollateralschäden bei US-Luftangriffen gab, sehen sich die westlichen Truppen nun erneut dem Vorwurf ausgesetzt, fahrlässig Zivilisten getötet zu haben.
Am Tag darauf entschuldigt sich Barack Obama bei Ärzte ohne Grenzen. Ein Untersuchungsbericht des Militärs soll in wenigen Tagen vorliegen, ein Team von Offizieren ist nach Kunduz aufgebrochen. Auch strafrechtliche Konsequenzen gegen die Piloten oder Spezialkräfte am Boden schließt die Regierung nicht aus. Bei den Ermittlungen geht es vor allem um die Frage, wie der Luftschlag genehmigt werden konnte. Nach mehrfachen Fehlschlägen mit vielen Toten hat die US-Armee strikte Regeln für den "Close Air Support" erlassen, um, auch das ein zynisches Wort, "Kollateralschäden" zu vermeiden.
Doch MSF genügt das nicht. Ihre Vertreter sprechen von einem Kriegsverbrechen und fordern eine internationale Untersuchung. "Es handelt sich nicht nur um einen Angriff auf unsere Klinik, sondern um einen Angriff auf die Genfer Konventionen", sagt MSF-Präsidentin Joanne Liu. "Und das dürfen wir nicht hinnehmen." Ihre Sorge ist, dass die Toten von Kunduz sonst schnell vergessen sind – und Angriffe auf Kliniken hingenommen werden.
Noch immer ist Kunduz nicht befreit, obwohl die Afghanen jeden Tag neue Erfolge verkünden. Das Zentrum haben sie zwar eingenommen, aber es halten sich weiterhin Gruppen von Kämpfern versteckt, die Blitzattacken verüben. Afghanische Militärs berichten, die Taliban hätten sich höchstens an den Stadtrand zurückgezogen, vielleicht um sich neu zu gruppieren und die erbeuteten Waffen zu verteilen – für die nächste Offensive. Die Bewohner jedenfalls glauben nicht an ein Ende: Noch immer fliehen sie aus der Stadt, bepackt mit Möbeln und Matratzen.
Wer jetzt in den Kämpfen verletzt wird, der weiß nicht mehr, wohin. Das MSF-Krankenhaus ist geschlossen, die Zerstörung ist so groß, dass es wohl nie wieder eröffnen wird. Zu den 22 Toten werden also noch viel mehr dazukommen: all jene, die nicht mehr behandelt werden können.
Von Matthias Gebauer, Susanne Koelbl, Juliane von Mittelstaedt und Holger Stark

DER SPIEGEL 42/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 42/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Afghanistan:
Ein tödlicher Irrtum

  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Flaschenpost aus Russland: Nach 50 Jahren in Alaska gefunden
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik