10.10.2015

Global VillageNackt Staub wischen

In Polen ist eine Soap über ukrainische Putzfrauen überraschend erfolgreich.
Swetlana ist brünett, langbeinig, um die dreißig und gerade sehr verliebt – in einen Mann, "der nicht trinkt, gut riecht und modisch geschnittene Anzüge trägt", wie sie sagt. "Ein echter Euromann." Einer, der schon erreicht hat, wovon sie noch träumt. Er ist ein erfolgreicher Rechtsanwalt in Warschau und Pole. Sie ist seine Putzfrau und kommt aus der Ukraine. Weshalb wohl auch nichts wird aus der Geschichte. Der Anwalt kann sich noch nicht einmal ihren Vornamen merken, er nennt sie einfach Mascha.
3,6 Millionen Polen verfolgen seit Wochen jeden Sonntagabend, wie es mit den beiden weitergeht. Die Fernsehserie "Die Mädchen aus Lemberg" bricht Quotenrekorde, schon in der ersten Staffel. Was daran liegen könnte, dass sie nah dran ist am wahren Leben. Und dass dieses Leben im Fernsehen trotzdem besser aussieht als im grauen Warschau.
Bis zu 500 000 Ukrainer arbeiten in Polen, sie pflegen Kranke, gehen putzen oder schuften auf dem Bau, viele von ihnen in Schwarzarbeit. Die Ukrainer erledigen zu Dumpinglöhnen all die Jobs, die die Polen nicht mehr wollen. Und nehmen damit die Rolle ein, die die Polen seit Jahrzehnten in Deutschland und Großbritannien innehaben. Auch das macht sie sympathisch.
Eine Mehrheit im Land begegnet den Gastarbeitern laut Umfragen mit Wohlwollen. Die Ukrainer gelten als fleißig, sie lassen ihre Kinder bei den Großeltern zurück und riskieren ihre Ehe für eine bessere Zukunft.
"Das Publikum will sich in den Helden einer Serie wiedererkennen können", sagt Regisseur Wojciech Adamczyk, ein Zweimetermann mit Hipsterbart. Im Jahr zwölf der polnischen EU-Mitgliedschaft arbeiten noch immer rund zwei Millionen Polen im westlichen Ausland. "Die Ukrainer – das sind wir", so Adamczyk. "Und gleichzeitig sind wir plötzlich der Westen, die Leute kommen auf der Suche nach einem besseren Leben zu uns. Das ist eine neue Erfahrung."
Monatelang haben sich seine polnischen Schauspielerinnen den rollenden ukrainischen Akzent ihrer Heldinnen antrainieren müssen, nachdem ukrainische Schauspielerinnen beim Casting durchgefallen waren. Am Filmset stand sogar eine Linguistin für die vier Protagonistinnen bereit – darunter natürlich Swetlana, laut Drehbuch eine ehemalige Chemiestudentin, die keine Arbeit fand, ihre zwei Kinder beim Vater in Kiew ließ und nach Warschau ging.
Dann ist da noch Uljana, Absolventin des berühmten Konservatoriums von Lemberg, die ihre Geige für ein Ticket nach Warschau verkauft hat, weil der Orchesterdirektor seine nur mäßig talentierte Nichte bevorzugt hatte.
Und die blonde Polina, die in Lemberg eine Model-Agentur gemanagt hat, die dann aber pleiteging. Außerdem die naive Olyia, die für ihren Freund, einen Gitarre spielenden Künstler, der nicht arbeiten will, nach Polen gegangen ist.
Swetlana, Uljana, Polina und Olyia teilen sich in einem heruntergekommenen Warschauer Backsteinhaus ein Zimmer. Ihr Wirt, Herr Henryk, läuft den ganzen Tag in einem abgeschabten Hausmantel herum. Die Zimmervermietung ist nur ein Zubrot, sein Geld verdient er mit Dokumentenfälscherei. Er behandelt die Ukrainerinnen höflich, küsst ihnen die Hand und gibt väterliche Ratschläge.
Doch nicht alle Polen sind so nett: Die vier Mädchen aus Lemberg müssen putzen gehen, schwarz, versteht sich. Und sie sind der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgesetzt. Ein Kunde bedrängt Swetlana sexuell, Polina soll nackt Staub wischen, Olyia wird von einer pedantischen alten Witwe malträtiert – das sind die Film-Erfahrungen aus dem Alltag jenes Neuproletariats, das sich von der Arbeit im Westen eine bessere Zukunft erhofft.
Nach jeder Folge posten Ukrainer auf der Facebook-Seite der TV-Serie, genau so sei es in Wirklichkeit, sie würden tatsächlich so schlecht behandelt.
Dabei sind die Sympathien der Polen für die östlichen Nachbarn seit der Revolution auf dem Maidan noch gewachsen. Aus Solidarität ließ die Warschauer Stadtverwaltung im vergangenen Jahr sogar den Kulturpalast, ein stalinistisches Protzgebäude im Zentrum, in den ukrainischen Nationalfarben anstrahlen. Polen gefällt sich in der Rolle eines westlichen Mentors der Ukraine.
In der Serie kommt der Umbruch in Kiew nur am Rande vor. "Politik ist mir nicht so wichtig", sagt Regisseur Adamczyk: "Mir geht es darum, einen bescheidenen Beitrag zum Verständnis zwischen Polen und Ukrainern zu leisten. Wir sind schließlich Nachbarn."
Fünf Folgen der "Mädchen aus Lemberg" hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen bisher ausgestrahlt, acht weitere werden folgen. Der Regisseur denkt bereits über eine zweite Staffel nach. Und weigert sich zu verraten, ob Swetlana ihren Rechtsanwalt am Ende nicht doch noch rumkriegt.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 42/2015
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