10.10.2015

FußballIm Land der Blutwursttorten

Island, 330 000 Einwohner, hat sich für die Europameisterschaft 2016 qualifiziert. Ein Wunder? Ganz und gar nicht, sagen die Verantwortlichen. Beim Turnier in Frankreich will der Fußballzwerg mindestens ins Achtelfinale.
Es gibt Dinge, die man über Island weiß. Insel, moosig, grün, Polarkreisnähe, Elfenverdacht. Es gibt Vulkane, die unaussprechliche Namen haben und während eines Ausbruchs den Flugverkehr in Europa lahmlegen können. Isländer sitzen gern in heißen Wasserlöchern, die nach Schwefel stinken. Sie sind die Erfinder der hässlichsten Pullover des Planeten. Sie stammen unter anderem von Iren und Norwegern ab und haben von den einen die Neigung zum Wochenendbesäufnis und von den anderen die irren Steuersätze auf Alkohol übernommen. Ihre Insel hat so gut wie nichts, was man auf den internationalen Rohstoffmärkten verkaufen könnte, dafür atemberaubend schöne Landschaften, die man meist bei Regen und Eiseskälte bewundert, weil das miserable Wetter dort eine Art permanenter meteorologischer Attentatsversuch ist. Auf Island leben wunderbare, freundliche, ein wenig maulfaule Menschen mit fantastischer Arbeitsmoral und Geländewagen-Obsession. Das alles weiß man über Island. Und dass sie fast pleitegingen, als ihnen 2008 der völlig verrückte Bankensektor um die Ohren flog.
Was man vielleicht nicht über Island weiß, ist, dass sie dort Blutwursttorten backen und ihre Babys gern "zur Abhärtung" im Kinderwagen vor der Haustür parken. Auch im Januar.
Gänzlich unbekannt ist aber wohl die Tatsache, dass, genau betrachtet, auf keinem Flecken der Erde so viel Fußballtalent zu finden ist wie auf Island. Nicht in Brasilien, nicht in Argentinien und ganz sicher nicht im Weltmeisterland Deutschland. Die in dieser Hinsicht beste Fußballnation derzeit ist ohne Zweifel Island. Ähnliches gilt übrigens auch für Handball (olympische Silbermedaille 2008) und Basketball (EM-Teilnehmer 2015). Rechnet man den Erfolg auf die Bevölkerungszahl runter, gibt es derzeit keine Nation, die pro Einwohner so viel sportliches Talent und Qualität hervorbringt. Nicht eine.
Island hat ungefähr so viele Einwohner wie Bielefeld, rund 330 000. Dennoch hat sich das Land gerade für die Fußballeuropameisterschaft im nächsten Jahr in Frankreich qualifiziert. Auf dem Weg dorthin hat Island in der brutal schweren Gruppe A die Niederlande geschlagen. Gleich zweimal. Die Türkei wurde mit 3:0 filetiert, und nur ein einziges Mal verlor man, 1:2 gegen die nicht so schlechten Tschechen in Pilsen.
Island war das stärkste Team der Gruppe A. Es hat sich als eines der ersten Länder überhaupt für die EM qualifiziert. Zwei Spieltage vor Schluss. Die logische Folge war nach Bekanntwerden der Nachricht ein aufgrund der erwähnten Steuern nicht ganz billiges Fan-Komasaufen in weiten Teilen der Hauptstadt Reykjavík. Noch nie hat es ein Land mit so wenigen Einwohnern zu einer Europameisterschaft geschafft. Der Deutsche Fußball-Bund hat 21-mal so viele Mitglieder wie Island Einwohner. Den bisherigen Rekord hielt Slowenien, das sich für die EM 2000 in Belgien und den Niederlanden qualifizierte. Es gibt zwei Millionen Slowenen.
Heimir Hallgrímsson, der eigentlich als Zahnarzt auf einer Insel vor der isländischen Südküste praktiziert, ist ein ruhiger, angenehmer Mensch. Blond, sportlich, 48 Jahre alt. Er teilt sich seit zwei Jahren den Cheftrainerposten mit dem Schweden Lars Lagerbäck. Nach der EM soll er alleiniger Cheftrainer werden. Hallgrímsson sitzt im Hilton in Reykjavík, dem Mannschaftshotel der Isländer, in dem sie vor jedem Heimspiel zusammenkommen. Wie alle Isländer möchte auch er nur mit dem Vornamen angesprochen werden. Heimir scheint ein wenig darauf bedacht zu sein, nicht arrogant zu wirken. Verständlich, wenn man seinen ersten Satz hört. "Die Wahrheit ist, ich war nicht überrascht, dass wir uns qualifiziert haben. Ich hätte nicht erwartet, dass wir es so schnell schaffen, dass es so glattgehen würde. Aber überrascht? Ganz ehrlich: nein."
Sagt der isländische Nationaltrainer.
Das "isländische Fußballwunder", von dem die internationale Presse seit Wochen berichtet, für Heimir Hallgrímsson ist es keins. Auch von den Begründungen, wie dieses Wunder angeblich zustande gekommen sein soll, hält er nicht viel.
"Es liegt mit Sicherheit nicht an den sieben Hallen", sagt Hallgrímsson. Fußballexperten begründen den Erfolg mit dem Bau dieser riesigen, überdachten Arenen. Zum ersten Mal hätten nun junge Spieler das ganze Jahr trainieren können, hieß es. Nicht wie früher nur von Mai bis Oktober, da während der anderen Monate die Plätze knietief von Schnee bedeckt waren. Eine wunderbare Geschichte. Erfolg durch Hallenbau. "Nur leider nicht wahr", sagt Hallgrímsson, "die Hallen haben geholfen, entscheidender war aber etwas anderes: die Trainerausbildung." Kein Land in Europa hat pro Einwohner so viele, so gut qualifizierte Fußballtrainer. 2003 gab es nicht einen isländischen Trainer, der eine Uefa-A- oder -B-Lizenz hatte. 2014, elf Jahre später, waren es etwa 770. "Ganz gleich, wo ein Talent in Island zur Welt kommt, es wird vermutlich von einem sehr gut ausgebildeten Trainer betreut. Nicht von einem Papa, der es gut meint, aber nicht wirklich weiß, was er tut", sagt Hallgrímsson.
Im Grunde hat Island das Naheliegende getan: Ein paar gute Fußballplätze wurden bereitgestellt, es wurde in die Jugendarbeit und in die Trainerausbildung investiert. Der Erfolg kam umgehend. Womit auch der zweite oft erwähnte Erklärungsversuch "des isländischen Wunders" vom Tisch ist. Der lautet: Glück.
Island habe einfach eine "goldene Generation" erwischt, heißt es. Das passiert manchmal im Fußball. In der Tat war der Fußball in Island früher anders. Früher gab es immer mal wieder einen oder zwei gute Spieler, beispielsweise Stürmer Eidur Gudjohnsen, der unter anderem für Chelsea und den FC Barcelona spielte. Man hatte aber nie elf gute Spieler. Oder auch nur elf halbwegs akzeptable Spieler. Es waren zwei, drei Stars, begleitet von acht Wikingern, die sich auf Blutgrätschen spezialisiert hatten. Stand dann noch der Atlantikwind günstig und hatte der Dauerregen Reykjavíks Fußballplatz in eine Art Schlammcatcher-Arena verwandelt, dann konnte es durchaus sein, dass die Chancen für ein Null zu Null nicht schlecht waren.
"Heute ist das anders", sagt Hallgrímsson. "Wir haben zwar bis heute keine Profiliga in Island, aber ich habe 80 isländische Profis im Ausland, aus denen ich ein Team bauen kann. 80 ordentliche Kicker!"
Der mit Abstand bekannteste heißt Gylfi Sigurdsson, der vor drei Jahren noch bei der TSG 1899 Hoffenheim war. Heute spielt er in der Premier League bei Swansea City.
"Natürlich sind es nicht die besten Spieler Europas, aber sie alle kennen sich seit Jahren, seit der Jugend, und wissen, was sie können. Und viel entscheidender: Sie wissen, was sie nicht können."
Schaut man sich Spiele der isländischen Nationalmannschaft an, sieht man ein bewundernswert kluges, konzentriertes Team. Technisch nicht begnadet, dafür organisiert, flexibel und jederzeit fähig, genau das zu tun, was das Spiel erfordert. Früher hoffte man in Island, mit Kampfkraft fehlende Qualität ersetzen zu können, heute versucht man es mit Hirn. Hirn, das hat ein Land ohne Profiliga bewiesen, Hirn ist besser.
Der Mann, der das schon vor Jahren erkannt hat, heißt Geir Thorsteinsson, Präsident des Isländischen Fußballverbandes. Er hat ein schönes, geräumiges Büro in der Haupttribüne des isländischen Nationalstadions Laugardalsvöllur. Auch Thorsteinsson, Anfang fünfzig, schlank, mit ordentlichem Seitenscheitel, ist nicht überrascht, dass seine Mannschaft es zur EM geschafft hat: "Wir wären ja fast zur WM 2014 nach Brasilien gefahren." Island verlor damals in der Qualifikation sein zweites Play-off-Spiel gegen Kroatien.
Natürlich kennt Thorsteinsson das Rezept für eine erfolgreiche Zukunft. Gute Jugendarbeit macht sich bezahlt. Der Unterschied zu vielen anderen Ländern besteht wohl vor allem darin, dass er es einfach gemacht hat. Die neuen Stadien, die vielen Lehrgänge für die Trainer, der Wunsch, besser zu werden. Man muss es offenbar nur tun.
Die wichtigste Entscheidung, was die Nationalmannschaft anging, fiel 2011. Thorsteinsson suchte einen neuen, diesmal ausländischen Trainer für Island. Einen Vollprofi. Lars Lagerbäck, der schon die Schweden und Nigeria gecoacht hatte, stand zur Verfügung. "Er machte den Unterschied", sagt der Verbandspräsident. Lagerbäck ist ein guter, analytischer Trainer. Er wusste, wie man mit Profifußballern umgeht, was viele seiner isländischen Vorgänger nicht wussten, schließlich hatten sie nie welche trainiert. Lagerbäck redete der Mannschaft ein, dass sie jeden schlagen könne. Auch Holland in Amsterdam. Da er taktisch wirklich ein Meister ist, glaubte das Team an ihn. "Die Mannschaft strotzt vor Selbstbewusstsein", sagt Thorsteinsson. "Das gab es so früher auch nicht."
Thorsteinsson will sich nicht auf ein Ziel für die Europameisterschaft in Frankreich festlegen, aber dass Island das Achtelfinale erreicht, davon geht er aus.
Früher oder später, wenn man mit dem isländischen Verbandspräsidenten über den Fußball in seinem Land spricht, wird es philosophisch. Thorsteinsson kann nicht wirklich erklären, warum so viele Spieler aus so einem winzigen Land kommen, warum die Mannschaft derzeit so unglaublich gut ist. Isländer seien nun mal genügsame, arbeitswillige Menschen. Er habe noch nie einen Vereinspräsidenten einer ausländischen Liga gehört, der sich über einen isländischen Spieler beschwert hätte. "Passiert einfach nicht", sagt Thorsteinsson. Alle sagen, Isländer seien tadellose Profis. Sie maulen nicht herum, sondern ackern. Trainer lieben sie. Die meisten Talente verlassen Island sehr jung. "Wir hätten keine Chance ohne die Auslandsprofis."
Spricht man mit Trainern oder Journalisten in Island, kommt am Ende immer das Beispiel mit dem Fischkutter. Früher, wenn der Fischkutter mit dem leicht verderblichen Fisch in den Hafen einlief, hätten alle anpacken müssen. Ganz gleich, wann und wie lange es dauerte. "Das hat sich in unsere Mentalität eingebrannt. Wir sind verdammt harte Arbeiter", sagt Thorsteinsson.
Am Ende klingt es ganz leicht, das Wunder, das keines ist. Man nehme Männer, die bereit sind, sich zu schinden, denen man als Kind beigebracht hat, den Ball ordentlich zu passen und im Notfall zu behaupten, und bezahle einen guten Trainer. "Wirklich, viel mehr ist das nicht", sagt Thorsteinsson.
Natürlich gibt es Kritiker, die sagen, dass Island einfach nur von dem neuen Modus profitiert hat. Die Uefa in ihrem grenzenlosen Drang, auch noch den letzten Cent herauszuholen, hat für die kommende Europameisterschaft das Teilnehmerfeld der Endrunde von 16 auf 24 Mannschaften erhöht. Es wird jetzt nicht wie bisher 31 EM-Spiele geben, sondern 51. In der Tat war es noch nie so einfach, die Qualifikation für die EM zu schaffen. Sogar die Hälfte der Drittplatzierten darf zum Turnier.
Aber die Wahrheit ist, dass Island nicht glücklich "hineingerutscht" ist. Das Team steht auf Platz eins der Tabelle, und Thorsteinsson sagt, dass es ihre Absicht sei, auf der Position auch am Ende zu stehen.
Vermutlich muss man sich einfach daran gewöhnen, dass Island zur europäischen Spitze aufgeschlossen hat. Ein Land mit so vielen Einwohnern wie Bielefeld. Vor ein paar Wochen war die U 21 der Franzosen da. Qualifikationsspiel zur U-21-EM. Unter anderem stand da für Frankreich, den kommenden EM-Gastgeber, Kingsley Coman auf dem Platz, der Jungstar des FC Bayern, der von sich sagt, dass er "den Unterschied" mache. Machte er nicht.
Island gewann 3:2.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 42/2015
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