10.10.2015

FifaWeltfremd im Wallis

Von allein wollte Joseph Blatter nicht gehen, nun wurde er aus dem Präsidentenamt gescheucht. Er hinterlässt einen Trümmerhaufen.
Er hat sein Leben als mächtigster Mann des Fußballs immer genossen. Wenn er morgens um sechs Uhr aufstand, war Joseph Blatter oft schon richtig gut gelaunt, er suchte dann im Radio nach Popmusik und tanzte über den weißen Keramikboden seines Apartments. Sepp Blatter erzählte dem SPIEGEL vor zwei Jahren von diesem Morgenritual in seiner Wohnung am Zürichberg. Vielleicht wollte er mit dem Einblick in sein Privatleben zeigen: Seht her, ich bin ein lustiger Vogel. Schon damals dachte das Publikum wohl eher: Hat der Mann einen Knall?
Als Präsident der Fifa lebte er in einer eigenen Welt. Nach dem Frühstück ließ sich Blatter in seinem schwarzen Dienst-Mercedes zum Hauptquartier der Fifa chauffieren, einem Gebäude mit drei Stockwerken über der Erde und fünf darunter, einem Pentagon des Weltfußballs. Meist war Blatter der Erste im Büro, und oft war er der Letzte, der ging. Wie lustvoll er mehr als 17 Jahre lang regierte, wissen viele Fifa-Mitarbeiter zu berichten, die ihren Chef selten übellaunig erlebten. Blatter, der in jungen Jahren auch als Conférencier gearbeitet hat, ist in vertrauten Runden ein Charmeur und Unterhalter. Er liebt es, Witze zu erzählen, und wenn gute Freunde ihn am frühen Nachmittag in seinem Büro besuchten, ging er zu seinem Schrank und holte einen Scotch aus dem Regal. Black Label, viel Eis.
Und natürlich aß er gern gut. Auch am vorigen Dienstag war um die Mittagszeit ein Tisch im "Fifa Club" für Blatter reserviert, einem Spitzenrestaurant mit Blick auf den Zürichsee und die Alpen. Der Tisch blieb leer. Blatter konnte nicht weg aus seinem Büro, es ging für ihn um alles.
In Zürich, das wusste er, hatte sich schon tags zuvor die Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission versammelt. Dort verhandelte sie seine Zukunft. Die Schweizer Bundesanwaltschaft beschuldigt Blatter der Untreue. Es geht um zwei Millionen Franken, die Blatter im Februar 2011 an den Uefa-Präsidenten Michel Platini gezahlt hatte, angeblich für eine Beraterleistung. Am Donnerstag kam dann das Urteil der rechtsprechenden Kammer der Ethikkommission: Blatter und Platini werden für 90 Tage suspendiert.
Die Ära Blatter ist somit de facto vorbei. Sogar in seinem eigenen Haus, im Fifa-Hauptquartier, stand am Ende kaum mehr jemand hinter ihm.
Joseph S. Blatter war in den vergangenen Monaten vermutlich der meistverachtete Funktionär des Sports. Vor allem in Europa waren die Fans seine ständigen Scharaden leid, mit denen er sich im Amt hielt. Blatter selbst ließ die Empörung kalt. Er agierte wie ein Mann ohne Gewissen. Weltfremd. Entrückt. Noch Anfang der Woche hatte er seinen engsten Mitarbeitern verkündet, er werde ihr Präsident bleiben.
Mit epischer Wucht bricht nun sein Günstlingssystem zusammen. In den USA und in der Schweiz wird gegen die Fifa ermittelt, etliche Verbandsbosse sitzen bereits in Untersuchungshaft, weitere Verhaftungen, so hört man, werden folgen. Noch ist nicht abzusehen, wie es nach der Ära Blatter weitergehen wird – und ob die Fifa in ihrer heutigen Struktur und Größe auch in Zukunft noch bestehen wird. Derzeit gibt es nicht einmal einen Kandidaten, der am 26. Februar als Blatters Nachfolger zur Wahl stünde. Die Geschäfte hat erst einmal Issa Hayatou übernommen, der Präsident des afrikanischen Kontinentalverbands. Den Kameruner kann sich allerdings kaum jemand ernsthaft als Blatters Nachfolger wünschen, auch er war in Skandale verstrickt.
Viele Menschen in Blatters Umgebung glauben, dass der Schweizer nun innerlich zerbricht, weil er nicht mehr auf dem Thron sitzt. Die Fifa war Blatters Leben. Er hat keine Hobbys, keine Jacht, er leistet sich keine teuren Spielzeuge. Es war nicht in erster Linie das Geld, das ihn lockte. Blatter hat sich immer dagegen gewehrt, dass sein Gehalt veröffentlicht wird. Es wird bei etwa drei Millionen Schweizer Franken gelegen haben, die Spesen und Zulagen nicht mitgerechnet, die noch obendrauf kamen. Kein schlechtes Gehalt, gewiss, aber auch nicht zu vergleichen mit den Einkommen, die sehr viele Figuren hatten, die mit Blatter am Tisch saßen. Etwa die Konzernbosse jener Fifa-Sponsoren, die sich vorige Woche gerade noch rechtzeitig mit dünnen Verlautbarungen von ihrem einstigen Partner absetzten.
Blatter führt ein vergleichsweise bescheidenes Privatleben. Er wohnt in einem Apartment, das der Fifa gehört. Es wirkt wie ein kitschiges Altherren-Refugium, viel weiße Farbe, viel Keramik. Ein paar harte Getränke im Regal, ein paar Klassiker im Bücherschrank, Heine, Goethe, dazu ein paar Jahrgänge der Zeitschrift "National Geographic", wie im Wartezimmer beim Zahnarzt.
Sein Büro ist zwar geräumig, aber die Einrichtung ist schlicht. Blatter hat es mit Erinnerungsstücken und Devotionalien aus seinem Leben geschmückt. Bei einem Besuch vor zwei Jahren stand am Fenster eine Regimentsfahne der Schweizer Armee, Blatter war einst Truppenkommandeur, auf dem Sofa türmten sich Plüschtiere zu einem bunten Berg, geschickt und geschenkt von Fans. Dinge, die ihm wichtig waren, standen auf einem Sideboard: eine Aufnahme von ihm mit Argentiniens Fußballheld Diego Maradona, eine Zeichnung des Kirchturms von Visp, seinem Heimatort im Kanton Wallis, daneben ein VIP-Ausweis der Palästinensischen Autonomiebehörde, ausgestellt auf seinen Namen, für seine Meriten um den palästinensischen Fußball.
Was Blatter an seinem Job faszinierte, war die Macht. Er wurde behandelt wie ein Staatschef. Er logierte in den besten Hotels der Welt. Er flog meist im Privatjet. Er sammelte Ehrentitel und Orden, Deutschland verlieh ihm das Große Bundesverdienstkreuz. Und er träumte vom Friedensnobelpreis.
Nun wird es schnell einsam um ihn werden. Zum "Camp Beckenbauer", einem jährlichen Treffen von Funktionären, Vermarktern und sonstigen Wichtigtuern aus der Sportwelt, das Anfang der Woche in Kitzbühel abgehalten wurde, hatte man Blatter nicht mehr eingeladen. Franz Beckenbauer, der Gastgeber beim Gipfel in Tirol, schob stattdessen den Südafrikaner Tokyo Sexwale auf die Bühne und redete den früheren Kampfgenossen Nelson Mandelas zum kommenden Fifa-Präsidenten hoch.
Die Schlacht um die Spitzenjobs im Weltfußball hat begonnen. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Wolfgang Niersbach, hat Chancen auf den Posten bei der Uefa. Auf das Präsidentenamt bei der Fifa spekulieren Geschäftsleute aus Afrika und Arabien.
Und Blatter? Was wird aus ihm? Manche langjährigen Begleiter machen sich Sorgen um den gestürzten Granden. Er sei in den letzten Wochen gealtert, heißt es, die "Aura der Macht" habe ihn "verlassen". Blatter darf nicht mehr an Konferenzen teilnehmen, er darf – eine Auflage bei Suspendierungen – noch nicht mal auf die Ehrentribüne eines Stadions, um sich ein Fußballspiel anzuschauen. Er ist ein Ausgestoßener.
Er werde sich ins Wallis zurückziehen, so hört man. In seine Heimat, in die Berge. Ruhe geben wird er nicht. Blatter will über seinen Nachfolger mitbestimmen. Sein letztes Gefecht. Er braucht dazu kein Büro in der Fifa-Zentrale in Zürich, nur sein Mobiltelefon.
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 42/2015
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