10.10.2015

KommentarNobelpreis für ein Geschenk

Warum Pharmakonzerne gut daran tun, den Armen zu helfen
Pharmafirmen werden gern kritisiert, wenn sie uns Medikamente, die kaum helfen, teuer verkaufen. Der US-Arzneimittelhersteller MSD hat es vor einiger Zeit umgekehrt gemacht – und hat ein Wundermittel verschenkt. Es handelt sich um die Substanz Ivermectin, für deren Entwicklung der japanische Biochemiker Satoshi Omura und der aus Irland stammende Parasitologe William Campbell nun den Medizinnobelpreis gewonnen haben (den sie sich mit der chinesischen Malariaforscherin Tu Youyou teilen). Die Geschichte beginnt auf einer Wiese neben einem Golfplatz in Japan, wo Omura ein Bodenbakterium ausgrub und mit in sein Labor nahm. Dort fand er heraus, dass das Bakterium einen Stoff herstellt, der Parasiten abwehrt. Omura schickte den Fund an seinen Kooperationspartner Campbell in der MSD-Forschungsabteilung im US-Staat New Jersey, wo dieser den Stoff chemisch abänderte und in ein Medikament verwandelte. Es bekämpft die Larven eines tropischen Fadenwurms, die bis in die Augen des befallenen Menschen wandern und ihn erblinden lassen. Doch wovon sollten bettelarme Kranke in afrikanischen und südamerikanischen Ländern das Mittel bezahlen? Die Antwort gab 1987 der damalige MSD-Chef: Sein Unternehmen werde Ivermectin auf eigene Kosten herstellen und so lange liefern wie nötig. Mehrere Milliarden Tabletten hat die Firma seither verschenkt und dadurch Millionen Menschen vor den Symptomen der Flussblindheit bewahrt. So lobenswert die Spende ist, sie sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Pharmariesen mehr Geld für die Erforschung von Lifestyle-Mitteln etwa gegen sexuelle Unlust oder Haarausfall ausgeben als für den Kampf gegen sämtliche Tropenkrankheiten. MSD ist auch nicht verarmt: Die Firma hat mit Ivermectin Milliardenumsätze gemacht – das Mittel dient auch der Behandlung von Nutz- und Haustieren.

Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 42/2015
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