10.10.2015

GeschichteZuflucht der Gesetzlosen

Im antiken Amida ereignete sich angeblich der bizarrste Massenwahn aller Zeiten. Verfiel damals wirklich eine Stadt dem Irrsinn?
Erst kamen die Heuschrecken und fielen über die Felder her. Dann griffen die Perser an, warfen die Männer ins Gefängnis und vergewaltigten die Frauen. Zudem erschütterten Erdbeben und Überschwemmungen die Stadt Amida. Schließlich wütete dort noch die Pest.
Das 6. Jahrhundert nach Christus war eine Abfolge von Albträumen für die Menschen in der antiken Metropole am Tigris, dem heutigen Diyarbakır in der Türkei.
Richtig apokalyptisch aber wurde es im Jahr 560 nach Christus: Da verlor die Stadtbevölkerung angeblich kollektiv den Verstand.
Vom Irrsinn Befallene rannten auf allen vieren kläffend durch die Straßen, orientierungslos und mit Schaum vor dem Mund. Kratzend und beißend fielen die Menschen übereinander her. Wie von Sinnen brüllten sie Obszönitäten und okkupierten jaulend die Friedhöfe.
So beschreibt es ein Chronist dieser verstörenden Ereignisse, der Bischof Johannes von Ephesos, ein berühmter Sohn der Region. Der Bericht des Klerikers gilt selbst in der an Ungeheuerlichkeiten reichen Welt der Antike als außergewöhnlich. Detailliert schildert er darin, wie seine Heimat zum Schauplatz des bizarrsten Massenwahns aller Zeiten geriet.
Nun versucht die Medizinhistorikerin Nadine Metzger von der Universität Erlangen-Nürnberg zu klären, was damals in Amida geschah. In der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "History of Psychiatry" stellt die Forscherin die Frage: "Was bedeutet es, sich wie ein Hund zu verhalten?" In ihrer Arbeit verweist sie auf die "einzigartigen Eigenheiten dieses historischen Falls" von Tollheit – und wagt dann eine Neudeutung der Ereignisse. In ihrer Analyse greift sie unter anderem auf einen weiteren prominenten Zeitzeugen zurück, den Medikus Aëtios, der in Amida geboren wurde. Der Leibarzt des byzantinischen Kaisers Justinian I. (482 bis 565 nach Christus) beschrieb zur gleichen Zeit ein neues Seelenleiden: die "Kynanthropie" – die Wahnvorstellung des Menschen, er sei ein Hund.
Zwar ging Aëtios von Amida mit keinem Wort auf die realen Geschehnisse in seiner Heimatstadt ein. Dennoch beschrieb er auffallend kenntnisreich das Krankheitsbild, das sich dort zeigte: "Die Betroffenen lungern bis zum Morgengrauen an Grabmalen herum", notierte der Medikus. Die Haut der Gestörten sei blass, die Augen seien trocken. Die Zunge hänge den immerzu Durstigen heraus. Ihnen fehle es an Tränenflüssigkeit und Speichel.
Als markantes Zeichen des Irrsinns benannte er Wundmale an den Schienbeinen – was daher rührte, dass sich die Betroffenen nur noch auf allen vieren fortbewegt hätten. Zur Heilung der Hundemenschen empfahl Aëtios eine strenge Diät, kombiniert mit Heilbädern; eine solche Therapie werde jaulende Zeitgenossen schon wieder zur Besinnung bringen.
In Amida wurden die vom Wahn Befallenen in Kirchen gesperrt und in der Hoffnung auf Besserung mit fetten Speisen und Wein gefüttert – mit wenig Erfolg. Johannes von Ephesos berichtet von sexueller Raserei in den Gotteshäusern. Fortan bekamen die Geisteskranken nur noch trockenes und bitteres Essen vorgesetzt.
Einige Altertumsforscher führten die Epidemie des Irrsinns auf eine langjährige Traumatisierung zurück: Die geschundenen Stadtbewohner, so die gängige Deutung, seien infolge von Kriegen und Naturkatastrophen kollektiv verrückt geworden. Angeblich brach der Wahnsinn genau in dem Moment aus, als das Gerücht aufkam, die Perser würden erneut über die Stadt herfallen.
Metzger hingegen präsentiert eine andere Lesart der Ereignisse. Die Medizinhistorikerin hält wenig davon, Vorgänge im Altertum mithilfe der modernen Psychologie erklären zu wollen. Sie bezweifelt, dass die Stadtbewohner wirklich so verrückt waren, wie es die Berichte der Zeitzeugen nahelegen.
Vielmehr geht die Forscherin davon aus, dass Bischof Johannes von Ephesos mit der Schilderung hündischen Verhaltens auf ein bewährtes Stilmittel zurückgriff: "Der damalige Leser wusste sofort, worum es geht: Fleischeslust, Sünden der niedrigsten Art, Besessenheit und die Abkehr von Gott", analysiert Metzger.
Auch die Beschreibung finsterer Zusammenkünfte auf Friedhöfen passe ins Bild. "Das war die Zufluchtsstätte der Gesetzlosen – kein normaler Bürger Amidas hätte sich nachts dorthin getraut", sagt die Historikerin.
Doch was war schon normal in jener leidgeprüften Metropole, in der zeitweilig Nahrung so knapp war, dass Menschen zu Kannibalen wurden? Plausibel beschreibt Metzger, was sich tatsächlich in Amida zugetragen haben dürfte.
Angesichts der Bedrohung durch die kriegerischen Perser verwandelten sich die Bewohner nicht in Hunde, sondern in Zivilisationsverweigerer und Anarchisten. Vor dem erwarteten Untergang ließen es die Todgeweihten noch mal krachen.
Neben Orgien, Exzessen und Gelagen blieb natürlich keine Zeit mehr für den Gottesdienst – speziell aus Sicht des Bischofs ein ungeheurer Sündenfall.
"Der Mensch hatte sein Leben auf Gott auszurichten", resümiert Metzger, "aus dieser Sicht konnte alles andere nur Wahnsinn sein."
* Von Diyarbakır, dem früheren Amida, aus dem 16. Jh.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 42/2015
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