10.10.2015

LiteraturWir Manns

Sie waren egozentrisch und selbstironisch, medial vernetzt und sexuell unangepasst, Vertreter eines anderen Deutschlands – und über allem stand eine Frau. Warum Thomas Manns Familie heute erstaunlich modern wirkt.
Es war eigentlich eine ganz gute Idee, die Klaus Mann da hatte, im Mai 1949, kurz vor der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Es läge doch sehr nahe, schrieb er aus Südfrankreich, wo er gerade eine Drogenentgiftung hinter sich gebracht hatte, an seine Mutter und die große Schwester Erika, "dass man dem Vater die Präsidentschaft" des neuen Staates anböte. Und die Aufgabenteilung der zukünftig präsidialen Familie lag für ihn auch schon auf der Hand: "Ich würde dafür sorgen, dass nur Schwule gute Stellungen kriegen; der Verkauf des heilsamen Morphium wird freigegeben; Erika amtiert als graue Eminenz in Godesberg, während der Vater in Bonn mit dem russischen Gesandten Rheinwein schlürft."
Selbstbewusst bis zum Größenwahn, selbstironisch, drogenfreundlich, politisch schwankend, tendenziell homosexuell und in der ganzen Welt das eigene Heimatland repräsentierend – so waren sie, diese Manns. Und auch das: die Stellvertreterfamilie des anderen, des guten, des besseren Deutschland. So haben sie sich selbst gesehen, und so wurden sie gesehen, von der ganzen Welt, vor allem nachdem sie ihre Heimat nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlassen hatten. "Where I am, there is Germany", hatte der Flüchtling Thomas Mann am Tag seiner Ankunft in Amerika der "New York Times" im Februar 1938 diktiert. Er war Deutschland, und seine Familie war es mit ihm. Marcel Reich-Ranicki hat die Manns einmal die deutschen Windsors genannt, Herrscher im Reich des deutschen Geistes, Herrscher eines Deutschlands, das weder von den Nazis noch von den Bomben der Alliierten zerstört worden war.
Lange her. Vor 60 Jahren ist Thomas Mann gestorben, vor 13 Jahren das letzte Kind Elisabeth, und sein Lieblingsenkel Frido, den er in seinem Roman "Doktor Faustus" als Engelskind Echo liebevoll beschrieben hatte und dann einen grauenvollen Tod sterben ließ, ist heute 75 Jahre alt. Die Geschichte dieser Familie versinkt immer tiefer im Nebel der Vergangenheit. Und gleichzeitig sind die Manns uns so nah. Sie sind mit ihren Büchern, ihren Briefen, ihren Tagebüchern, mit ihrem ganzen Leben eigentlich Repräsentanten von uns allen, von unserem Deutschland, unserer Zeit.
Es erfasst einen fast augenblicklich, wenn man in ihren Geschichten liest und in den neuen Büchern, die in diesem Jahr wieder mal über sie erscheinen, in dem von Manfred Flügge ("Das Jahrhundert der Manns") aus dem Frühjahr und dem des Historikers und Germanisten Tilmann Lahme, das gerade in die Buchläden gekommen ist(*). Lahme hat für "Die Manns" nicht nur Tausende Briefe und Dokumente ausgewertet, die bislang unbeachtet in einem Winkel des Thomas-Mann-Archivs in Zürich lagerten, er hat beim Schreiben auch ein Verfahren gewählt, das sein Werk von vielen anderen unterscheidet. Es ist ein Buch mit acht Helden statt mit einem. Der Nobelpreisträger Thomas Mann ist einer von allen. Erst als gleichberechtigtes Mitglied im Kreise der Seinen erweitert sich seine Geschichte zu der großen deutschen Familiensaga von damals, von heute.
Es ist so vieles, was diese alten Manns beinahe zu Zeitgenossen macht: Ihre großen Irrtümer, ihre Entblößungssucht, der Wille, immer alles sofort online zu stellen, die Selbstinszenierung, die Überforderung der Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder, die Freiheit, die sie den Kindern gaben und die bei fast allen zu schulischem Desaster, zur Kapitulation der Eltern und Verschickung aufs Internat führte, Psychotherapie von vier der sechs Sprösslinge, das Schicksal einer – wenn auch höchst luxuriös ausgestatteten – Flüchtlingsfamilie, deren Mitglieder zwischenzeitlich ungarische, tschechoslowakische, britische, amerikanische Pässe, nur keinen deutschen Pass mehr hatten, die ewige finanzielle Abhängigkeit der Kinder von den Eltern, die Weigerung, erwachsen zu werden und für sich selbst verantwortlich zu sein, diese ganzen
dysfunktionalen, scheiternden Familien in der zweiten Generation. Dazu Todessehnsucht, Narzissmus und immer wieder das Bedürfnis, alles, alles aufzuschreiben. Und
das Wesentliche zu verschweigen. Das sind unsere Manns.
Sie haben sich selbst schon früh als Familienunternehmen inszeniert, die Weltpresse feierte sie, spätestens nachdem sie den gemeinsamen Kampf gegen Hitler-Deutschland aufgenommen hatten, sie waren die "amazing family", und vor allem die ältesten Kinder, Klaus und Erika, aber auch der Nobelpreisvater trugen durch öffentliche Äußerungen und Vorträge und Bücher zum Bild der harmonischen, genialischen, politisch einigen Literatenfamilie bei. Und in Wirklichkeit? "Was hatten wir doch für eine elende Kindheit", schrieb der Drittälteste, Golo, in sein Tagebuch. So oder so ähnlich haben es fast alle sechs Kinder früher oder später einmal gesagt.
Erika, die Schauspielerin und Kabarettistin und Schriftstellerin, die in späten Jahren die Rolle einer Art zweiter Ehefrau des Vaters einnehmen wird.
Klaus, der als erstes der Kinder dem Vater schreibend nacheiferte und sein Leben lang am meisten unter dem Image des Söhnchens und Windbeutels zu leiden hatte.
Golo, der erst nach dem Tod des Vaters zu Ruhm als erzählender Historiker kam.
Monika, die schon in jungen Jahren einem gemeinschaftlichen Familien-Mobbing
ausgesetzt war, von allen, dem Vater zuerst, als peinlich, faul und dümmlich betrachtet wurde und die man das auch ganz offen spüren ließ. Ungerechtigkeit gehöre
zum Leben, so eine Weisheit des Vaters, da sei es kein Fehler, dies die Kinder schon früh erleben zu lassen.
Dann die Zweitjüngste, Elisabeth, die von Thomas Mann vergöttert wurde und die er sogleich in der grauenvoll kitschigen Hymne "Gesang vom Kindchen" öffentlich besang. Nach Beginn der Pubertät erkaltete die Liebe des Vaters zu ihr, später widmete sie sich der Rettung der Weltmeere und der Erfindung von Schreibmaschinen für Hunde.
Und schließlich Michael, vom Vater ungeliebt, von der Mutter sehr geliebt, schrieb ihr später praktisch keinen Brief, ohne sie um Geld zu bitten, war recht erfolgreicher Bratschist, bis er vor einem Auftritt seine Bühnenpartnerin, die Pianistin Yaltah Menuhin, Schwester Yehudi Menuhins, mit einem Messer angegriffen haben soll, woraufhin er seine Musikerkarriere aufgeben musste. Er wurde Germanist, seine erste Veröffentlichung schrieb er über den "Doktor Faustus", in dem Thomas Mann Frido, seinen Enkel und Michaels Sohn, mit literarischen Mitteln hingerichtet hatte. Thomas Mann bedankte sich beim Sohn für die "vorzügliche Besprechung".
Michael und seine Frau Gret haben ihre Söhne Frido und Toni früh weggegeben, zu den Großeltern, ins Internat. Dafür adoptierten sie später ein indisches Waisenmädchen. Michael Mann hat Frido seine Erziehungsmaxime in späten Jahren einmal so erklärt: "Die Distanz, zu der wir uns entschieden haben, sollte kein störender Punkt in Deinem Leben sein. Väter und Söhne sollten sich viel öfters aus dem Weg gehen, als dies gemeinhin der Fall ist. Und mir scheint, wir haben unsere Sache relativ gut gemacht." Schön, wenn ein Vater das über sich sagen kann. Über Träume von seinem eigenen Vater hat er Bruder Golo einmal brieflich informiert, in diesen Träumen habe er Thomas Mann, den die Kinder Zauberer nennen, "kurz vor seinem Tode noch durchgeprügelt".
Es gibt ein Grundmotiv in den Lebens-geschichten all der Mann-Kinder, und das ist das Leiden unter der Kälte und der Distanz und der abweisenden Art des Vaters. Ausgerechnet Monika, die verachtete, die im Familienkreis meist spöttisch "das Mönle" genannt wurde, hat die Grundeigenschaft des Vaters am treffendsten beschrieben: "Wenn er friert, macht er nicht ,brr!' und schüttelt sich, aber es wird kalt ringsumher." Ein Mann friert und zeigt es nicht, er trägt die Kälte tief in sich, wo sie wächst und wächst, bis sie seine Umgebung, die Menschen um ihn herum erfasst und auch diese langsam runterkühlt. Thomas Mann, der Eiskönig. Er konnte schockfrosten, ohne zu berühren.
Es ist das Drama seines Lebens. Er hat es ja selbst in einige seiner Romane eingeschrieben, in den Goethe-Roman "Lotte in Weimar", in den Künstlerroman "Doktor Faustus". Das große Liebesverbot, das Sich-Versagen von Glück im Leben, um so zum wahren Künstlertum fähig zu sein. Die Lieben seines Lebens, das waren alles Männer. Noch mehr als 40 Jahre nach seiner Liebe zu Paul Ehrenberg, das war etwa zur "Buddenbrooks"-Zeit, zur Wende des vorvergangenen Jahrhunderts, in den Jahren vor seiner Eheschließung, schrieb Thomas Mann in sein Tagebuch: "Man kann die Liebe nicht stärker erleben." Und: "Schließlich werde ich mir doch sagen können, dass ich alles ausgebadet habe. Das Kunststück war, es kunstfähig zu machen." Und auch als er sich noch als 75-Jähriger in den Kellner Franzl verliebte, musste er sich mithilfe der Formel seines Lebens selbst zur Ordnung rufen, als er in sein Tagebuch schrieb: "Rückkehr zur Arbeit als Ersatz für das Glück, so muss es sein. Es ist die Bestimmung (und der Ursprung?) alles Genies."
Thomas Mann hatte sich zur Ehe mit der reichen, schönen, klugen Katia Pringsheim entschlossen, um seinem Leben "eine Verfassung" zu geben, wie er es nannte. Um seine geheimen Leidenschaften zu unterdrücken und ein bürgerliches Leben zu leben, ganz der Kunst gewidmet. Doch die Formel, die ihn als Künstler groß machte, machte ihn als Menschen und als Vater kalt und unnahbar und misstrauisch gegenüber Gefühlen aller Art.
Dabei ist erstaunlich zu sehen, wie offen in dieser Familie, in der ansonsten über alle wesentlichen Dinge beharrlich geschwiegen wird, über die Homosexualität des Vaters und Ehemanns mitunter gesprochen wird. Als er sich 1927 in Klaus Heuser, den Sohn eines Düsseldorfer Kunsthistorikers, verliebt und er diesen sogar zwei Wochen in sein Haus, also ins Haus der Familie in der Poschingerstraße in München, einlädt, schreibt er übermütig an seine ältesten Kinder: "Ich nenne ihn Du und habe ihn beim Abschied mit seiner ausdrücklichen Zustimmung an mein Herz gedrückt." Aissi, so wird Klaus Mann in der Familie genannt, sei aufgefordert, "freiwillig zurückzutreten und meine Kreise nicht zu stören. Ich bin schon alt und berühmt, und warum solltet ihr allein darauf sündigen?" Ob an diesem Brief überraschender ist, wie offen da ein Vater über seine geheime Leidenschaft redet oder dass er den eigenen, offen homosexuellen Sohn darum bittet, ihm den Geliebten nicht wegzunehmen?
Seine Frau Katia fand die neue Offenheit des Ehemanns gegenüber dem Hausbesuch etwas bedenklich. Sie schrieb an Erika: "Er ist ein lieber Knabe, aber der Zauberer gab sich denn doch allzu Jakob-haft seinem Gefühl hin." Und vom zweitältesten Sohn Golo, der während des Geliebtenbesuchs ebenfalls im Haus gewesen war, heißt es, er sei während dieser Zeit "von Eifersucht umdüstert" gewesen. Eifersüchtig auf den Vater? Auf Heuser? Auf den Mut, die Entfesselung, die Offenheit?
Auch Golo Mann ist homosexuell. Aber er erlebt es, ganz im Gegensatz zu seinem Bruder Klaus, als "großes und entscheidendes Unglück". Er hasst sich selbst dafür, auf dem Internat Salem soll es ihm ausgetrieben werden, er wird, auf Anraten des Direktors, zum Psychologen geschickt, der helfen soll, den "krankhaften Trieb auszuhungern". Der Vater hält sich da raus, bittet aber den Sohn einmal, ihm ein Foto eines besonders hübschen Mitschülers aus Salem zu besorgen. Zu literarischen Zwecken.
Es wird so hemmungslos und so gehemmt durcheinandergeliebt in dieser Familie. Klaus hat schon während der Pubertät seinen Frieden mit seiner Sexualität gemacht. Sie gehört zu ihm, er lebt sie aus, stolz, verrucht, selbstbewusst und frei. Die große Schwester Erika ist bisexuell, Konventionen gelten den beiden Ältesten als spielerischer Witz. Sie haben sich früh aus Übermut und Inszenierungsfreude und Reklame für ihre früh gegründete Theatertruppe verlobt, Klaus Mann mit der Dichtertochter Pamela Wedekind und Erika mit dem kommenden Schauspielstar Gustaf Gründgens. Und schon auf ihrer Hochzeitsreise schreibt Erika an Pamela, die ja eigentlich mit dem Bruder verlobt war, sie, Erika, liebe selbstverständlich nur sie. Und gegen den Ehemann Gustaf wird Klaus später sein aufsehenerregendstes Buch schreiben: "Mephisto. Roman einer Karriere". Ja, man kann gegen jemanden einen Roman schreiben, indem man ihn zur Kenntlichkeit entstellt. Lange war das Buch in der Bundesrepublik verboten oder wurde aus Feigheit nicht veröffentlicht. Eifersucht war mit Sicherheit eines der Motive, die Klaus Mann zum Schreiben dieses Enthüllungsromans brachten.
Eifersucht, aber auf wen denn jetzt genau? Kurzer Katalog der Familienlieben: Klaus liebt vor allem Erika, sein Tagebuch ist voller Hinweise darauf, dass er nur deswegen keine stabile Beziehung führen kann, weil er im Grunde seine Schwester liebt. Elisabeth wiederum bewundert Erika so sehr, dass sie den Verleger Fritz Landshoff, der unsterblich und unglücklich in Erika verliebt ist, so ausdauernd und heftig mit Liebeserklärungen verfolgt, bis auch sie von der Familie zum Therapeuten geschickt wird, um sie von dieser ungesunden Leidenschaft zu heilen. Michael, den seine Geschwister Bibi nennen, fühlt sich so heftig zu Klaus hingezogen, dass dieser, dem sonst keine Leidenschaften fremd sind, im Tagebuch irritiert notiert: "Bibi in der Besoffenheit merkwürdig zudringlich zu mir. Was für Komplexe?" Und den Bruder Golo lockte Michael einmal im Boot auf den Zürichsee, um sich dort, in der Mitte des Sees, im Beisein des großen Bruders mittels Schlafmitteln das Leben zu nehmen. Es reichte aber nur zu einer kleinen Übelkeit.
Bei anderer Gelegenheit gesteht Michael Golo, er sei eigentlich immer davon ausgegangen, dass sein Sohn Toni in Wahrheit von ihm, dem großen Bruder, gezeugt wurde. Und schließlich, die unheimlichste Liebesgeschichte, die Erika, im letzten Lebensjahrzehnt Thomas Manns, mit dessen bestem Freund, dem Dirigenten Bruno Walter, einging. Es war in der Zeit, als Erika mehr und mehr die Rolle der Ehefrau Katia im Haus einnahm, für den Vater Briefe schrieb und so weiter. Kein Wunder, dass diese Affäre mit Walter die einzige Liebesgeschichte ihrer Kinder war, die die unendlich tolerante Mutter missbilligte: "Ich kann mir nun einmal von dieser Verbindung, die mir ein ebenso großer Fehler zu sein scheint, wie wenn eine Tochter ihren eigenen Vater heiratet – auf die Dauer kein Heil versprechen."
Nur das Mönle war an all diesen internen Familienirrungen nicht beteiligt. Wie auch, wenn sie von allen verachtet wird? Als sie dann schließlich irgendwann in den Dreißigerjahren einen respektablen Mann findet, der sie liebt und sie heiraten will, schicken die Familienmitglieder einander erstaunte Briefe. Wie jetzt, das Mönle? Man kann sie – lieben? Es ist die besondere Tragik dieses tragischen Lebens, dass ausgerechnet sie, Monika, ihren Ehemann früh und auf besonders tragische Weise verliert. Das Schiff, mit dem sie zusammen mit ihrem Mann, dem ungarischen Kunsthistoriker Jenö Lányi, im September 1940 von Europa nach Amerika fuhr, wurde von einem deutschen U-Boot versenkt. Stundenlang hatte sich Monika im Ozean an ein Stück Holz geklammert, bis sie gerettet wurde. Erika kümmerte sich um die Schwester, die in ein Krankenhaus in Schottland gebracht wurde. In Briefen schildert Erika die Einzelheiten des Unglücks: "Den Jenö hat das Mönle noch 3 Mal aus den Wellen rufen hören, ,aber das dritte Mal klang schon sehr schwach'. Sie ist davon überzeugt (und mag recht haben), dass er sich aufgegeben hat, weil er sie für verloren hielt."
Als Klaus Mann das liest, entsteht in seinem Kopf sogleich eine Art tragische Komödie: Es könne ja sein, dass er irgendwo wieder auftauche, der Lányi, "vielleicht nah dem Nordpol, an ein Stück treibendes Holz geklammert, mit vor Grauen weiß gewordnem Haar." Später macht er tatsächlich ein Theaterstück aus dem Unglück. Es wird nicht veröffentlicht.
Das ist ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich für diese Familie. Denn, wenn auch längst nicht immer alles offen ausgesprochen wird – aufgeschrieben wird alles. Die Manns sind vor allem anderen eine Schriftstellerfamilie, eine Familie aus Buchstaben, die den Stoff für all ihre Bücher direkt im Leben, im Familienleben vor allem, findet. Thomas Mann hat mit den "Buddenbrooks", dem Roman, der seinen Ruhm begründete und in dem er Mitglieder seiner Familie als Vorbilder für seine Romanfiguren nutzte, das Gründungsbuch dieses Verfahrens geschrieben. Klaus Mann ist 25, als er seine erste Autobiografie schreibt. Golo Manns erste Erzählung handelt von einem ihm stark ähnelnden Internatsschüler, der unter seiner Homosexualität leidet. Mit fast niemandem hatte Golo bis dahin über sein geheimes Lebensproblem gesprochen. Sein Freund Pierre Bertraux, der als einer von wenigen davon wusste, fragte sich, nachdem er die Erzählung gelesen hatte, in einem Brief an seine Eltern: "Um Gottes willen, warum hat er es veröffentlicht?" Und gibt sich selbst die Antwort. Es ist eine Familienkrankheit: "Die Manie der Familie Mann ist nicht so sehr die des Schreibens wie die des Veröffentlichens."
Alles muss raus. Gleich die erste Erzählung Klaus Manns spielte in der Odenwaldschule, wo er als Internatsschüler untergebracht war; der literarisch nur wenig maskierte Internatsleiter nähert sich den ihm anvertrauten Schülern auf unangemessene Weise. Daraufhin beschwerte sich der Leiter der Odenwaldschule beim Vater des ehemaligen Schülers und wies ihn auf die Verantwortung des Sohnes und Jungschriftstellers hin. Und auf den Unterschied zwischen der Wirklichkeit, in der er sich keiner sexuellen Übergriffe schuldig gemacht habe, und der Literatur.
In dieser Familie gilt die Literatur als Wahrheitsaggregator. Wollen die Kinder wissen, was der Vater wirklich von ihnen hält, hilft ein Blick in seine Bücher. In der Erzählung "Unordnung und frühes Leid" lässt Thomas Mann die Familienmitglieder in ihren Lebensrollen auftreten. Erika, die hier Ingrid heißt, werde ihren Schulabschluss mittels Augenaufschlag und Lehrerbetörung erhalten. Klaus, als Bert, will gar keinen Abschluss machen, er ist ein Träumer, der sein Auftreten nach dem des Hausdieners ausrichtet, als Berufsziele gibt er Tänzer oder Kellner in Kairo an. Auf diese Erzählung reagierte Klaus Mann mit seiner "Kindernovelle", in der er wiederum seinen Bruder Golo, den er Fridolin nennt, als einen intelligenten, aber kleinen, hässlichen, dämonischen, unterwürfigen und von sonderbarem Ehrgeiz getriebenen Jungen schildert.
Sie sind uns auch deswegen heute noch so nah, weil sie alle diese moderne Mitteilungssucht hatten. Und weil sie so oft in der ganzen Welt verstreut waren, dass sie ständig Briefe hin- und herschickten wie E-Mails über die Ozeane. In den Briefen der Kinder an die Mutter geht es fast immer auch um Geld. Tilmann Lahme nennt es die "Goldene Regel" der Familienkorrespondenz der Manns: Schreibe nie einen Brief an die Mutter, ohne darin um Geld zu bitten.
Vor allem Michael war ein Virtuose des Bettelbriefes. Weist ihm die Mutter zum 18. Geburtstag eine große Summe Geld an, damit er sich einen schönen Fiat kaufen kann, kauft er sich einen Bugatti und stellt die Mehrkosten umgehend in Rechnung. Kommt die Mutter einmal auf die Idee, leise Vorwürfe an den ewig Fordernden zu formulieren, bekommt sie sie postwendend zurück: Vorwürfe seien allein ihr zu machen und ihrer Weichheit gegen ihn. "Glaubst Du denn, dass mir Deine Schwächen gegen mich im Grunde genommen eigentlich angenehm sind?"
Auch dies aber, die Schnorrerei, ist eine Eigenschaft, die die Kinder vom Vater gelernt haben könnten. Wie er in Amerika die ihn abgöttisch verehrende und womöglich liebende Millionärsehefrau Agnes E. Meyer ausnimmt wie eine Weihnachtsgans, wie er immer dreister Gelder und Geschenke anfordert, Geld für den Neubau des Hauses, einen Smaragdring und auch Weihnachtswünsche der Kinder brieflich überbringt, während im Familienkreis beachtlich abschätzig über sie geredet wird, zunehmende "Reichenfrechheit" beklagt Katia, das zeugt von fantastischem Geistesstolz und selbstbewusster Millionärsverachtung.
Dabei waren sie selbst reich. Thomas Mann war ja einer der wenigen Emigranten, die auch im Ausland von ihren Einkünften fantastisch leben konnten. Und auch dieser Reichtum der Familie macht die Bilder von damals heute noch so reizvoll. Das moderne, riesige Haus unter Palmen in Kalifornien, die herrlichen Autos, meist von den Frauen gefahren natürlich, Thomas fuhr nie, Klaus versuchte es spät mit desaströsen Folgen, also ist meist Katia am Steuer, diese wahnsinnig stolze, starke Frau. Sie lebt an der Seite eines Mannes, der – wo wir gerade von Geld reden –, wenn ein Lieferant klingelte und Thomas Mann allein zu Hause war, diesen wieder wegschicken musste, weil er nicht wusste, wo im Haus das Geld aufbewahrt wird.
Katia hat dieses Familienunternehmen durch die Welt gelotst, den alltagsfernen Ehemann und diese ganzen freisinnigen und lange Zeit so unerwachsenen Kinder. Die Familie Mann wurde von einer Frau regiert. Das weibliche Selbstbewusstsein übertrug sie auf ihre größte Tochter, die früh programmatisch bekannte: "Seit kurzem gibt es einen neuen Typ Schriftstellerin, der mir für den Augenblick der aussichtsreichste scheint: Die Frau, die Reportagen macht, in Aufsätzen, Theaterstücken, Romanen. Sie kennt die Welt, sie weiß Bescheid, sie hat Humor und Klugheit, und sie hat die Kraft, sich auszuschalten."
Nun, diese letzte Kraft hatte Erika wie die meisten ihrer Geschwister nicht. Auch diese Kraft ist eher eine, die die Mutter Katia auszeichnete. Ihre ganze selbstlose Weisheit zeigte sich nicht zuletzt in ihrem Entschluss, als Einzige in dieser Selfie-Familie nicht zu schreiben, keine Literatur und vor allem keine Memoiren. Was natürlich andere Familienmitglieder nicht daran hinderte, aus Gesprächen und Anekdoten ihre "ungeschriebenen Memoiren" zusammenzustellen. Dass auch sie am Familienprojekt Großmystifikation zur "amazing family" mitarbeitete, kann man hier ganz schön nachlesen. Sie erzählt, dass die NS-Regierung in Deutschland Verkehrsflugzeuge dazu angehalten habe, so niedrig über das Land zu fliegen, dass man die Passagiere erkennen könne, und dass bei einem dieser Flüge ein Mann, den man für ihren Ehemann hielt, vom Boden aus erschossen wurde. Das zählt ebenfalls zu dem reichen Legendenschatz, der diese Familie auch so groß gemacht hat.
Sie waren große Geschichtenerzähler, sie waren Mythenschöpfer, sie waren die deutsche Familie gegen Hitler, die Kinder und die Ehefrau hatten den zaudernden Thomas Mann gemeinsam zum offenen Kampf gegen Nazideutschland überredet, sie waren eitel, selbstverliebt, plaudersüchtig, ungerecht und haben fantastische Bücher geschrieben. Wie schade, dass es zu dem von Klaus Mann angeregten Familienrat an der Spitze eines neuen Deutschlands nicht gekommen und Thomas Mann nicht Präsident geworden ist. Klaus Mann nahm sich, wenige Tage nachdem er die Manns als erste Familie im Staat herbeifantasiert hatte, das Leben.
Doch in Wahrheit sind sie unsere Präsidentenfamilie geblieben. Und immer noch stehen wir da und erkennen uns in dieser disparaten, dysfunktionalen, verschrobenen, selbstverliebten, scheiternden großen Familie selbst wieder. Die Manns sind wir.
* Tilmann Lahme: "Die Manns. Geschichte einer Familie". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 480 Seiten; 24,99 Euro.
* Katias Cousine Ilse Dernburg, Kinder Elisabeth, Michael, Golo, Ehefrau Katia, Tochter Monika (v. l.).
Von Volker Weidermann

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